Svenja Leiber: Das letzte Land

IMG_9066„Wenn man etwas sehr liebt, wird man gefährlich“
„Nie mehr will ich schlafen, wenn ich dafür das Geigen lern“, denkt der junge Ruven, und entgegen aller Widrigkeiten setzt er sich durch, da in seinem Dorf im deutschen Norden, wo das Leben hart ist und er als Sonderling gilt. Der Vater, der Stellmacher, prügelt ihn fast tot, bevor er ihm erlaubt, das Geigen zu lernen, und später entwickelt er sogar Stolz, weil der merkwürdige Sohn, den er nicht verstehen kann, so ein Talent hat: „Und er denkt sich die Töne, als liefen sie weiter, ohne zu verklingen, als hätten sie irgendwo im Weltall einen Platz, an dem sie nie aufhörten.“ Ruven findet Zuflucht in der Musik, findet ein Zuhause, das jedoch äußerst instabil ist: Die Zeiten sind dunkel, sie nehmen ihm den jüdischen Lehrer, und ehe er sich’s versieht, muss Ruven – frisch verheiratet mit seiner Jugendliebe und gerade erst Vater geworden – in den Krieg. Und „was soll das Violinspiel, wenn der Mensch vor Furcht schon nicht mehr singen kann“? Als das Kämpfen zu Ende ist, kann Ruven nicht mehr dort ansetzen, wo er aufgehört hat: Seine Familie ist zerstört, sein Leben liegt in Schutt und Asche, die Musik hat ihren Zauber verloren. Denn: „Der Krieg verdient keine Sprache, keine Geschichten. Er ist kein Stoff. Er ist das Ende aller Stoffe, denke ich. Man geht in ihn hinein. Und keiner kommt wirklich wieder heraus.“

In ihrem dritten Buch schreibt Svenja Leiber von einem Mann, der fein und zart ist, ein Musiker, ein Wunderkind – und den der Krieg erbarmungslos zermalmt. In einem anderen Land zu einer anderen Zeit hätte Protagonist Ruven ein Großer werden können, nicht aber im Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre. Das ist tragisch und traurig – und wundervoll erzählt. In ihrer Sprache vollbringt die deutsche Autorin einen beeindruckenden Spagat: Sie ist sowohl abgeklärt und hart als auch poetisch und gefühlvoll. Um den Vergleich zur Musik zu ziehen, der sich freilich anbietet: Svenja Leiber komponiert ein vielstimmiges Werk, mit leisen Melodien und lauten Paukenschlägen. Sie entspinnt ihre Geschichte langsam und geduldig, sie lässt sich Zeit, fängt alle Stimmungen und Gefühle perfekt ein. Zwischendrin, das muss ich gestehen, habe ich die eine oder andere inhaltliche Durststrecke durchgemacht, weil der Strom zu einem Rinnsal wurde und die Geschichte sich nicht so entwickelte, wie ich gedacht hätte: Ruven gerät mit der Zeit aus dem Fokus, seine Musik verstummt. Das Buch ist aber längst nicht zu Ende, sondern rückt Ruvens Tochter in den Mittelpunkt, womit ich mich letztlich versöhne und abfinde. Das letzte Land ist ein berührendes, intensives und überaus gut geschriebenes Buch, das von Liebe und Verrat erzählt, von dem Wunder der Musik, von verpassten Chancen und dem alles verschlingenden Krieg. Ein Buch, von dem ich sagen muss: Es sollte Pflichtlektüre sein.

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Das letzte Land von Svenja Leiber ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42414-8, 320 Seiten, 19,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Die 1975 in Hamburg geborene und in Berlin lebende Autorin Leiber erzählt mit dem an Johann Peter Hebels Kalendergeschichten geschulten Prinzip der epischen Zeitraffung von Krieg, Unheil, Tod und Holocaust, vom Feuersturm in Hamburg und der Terrorherrschaft der Nazis“, heißt es auf spiegel.de.
– „Vor allem aber ein Buch darüber, was es heißt, zu sehen, wie die eigenen Wünsche nicht erfüllt werden können“, erklärt welt.de.
– „Das letzte Land ist einer der Romane dieses Jahr, die in dem Wust an Neuerscheinungen etwas untergegangen zu sein scheinen, doch diese Geschichte hat es verdient, entdeckt und gelesen zu werden und zwar von möglichst vielen“, schwärmte Mara von buzzaldrins.de.
– Und hier könnt ihr euch den Trailer zum Buch anschauen.

Margaret Mazzantini: Herrlichkeit

Mazzantini„Der beste Teil des Lebens ist der, den wir nicht leben können“
„Zwei Schritte vom Paradies entfernt – und einen von der Hölle“: So fühlen sich Guido und Costantino ihr ganzes Leben lang. Weil sie so verliebt sind. Aber nicht in die Frauen, die sie geheiratet haben. Sondern ineinander. Dabei hätte das anfangs niemand ahnen können, als sie im gleichen Palazzo aufwuchsen, aber Welten voneinander entfernt lebten: Guido oben bei den Herrschaften, immer allein, krank vor Liebe für die stets abwesende Mutter, und Costantino ganz unten, als Sohn des Hausmeisters. Die beiden haben, obwohl sie in dieselbe Klasse gehen, nichts miteinander zu tun. Erst gegen Ende der Schulzeit, als sie damit anfangen, erwachsen zu werden, geschieht etwas, bricht etwas auf, sie küssen sich, klammern sich aneinander – und müssen sich doch viel zu schnell wieder gehen lassen. Ihre Wege trennen sich, Guido heiratet in London die schöne Japanerin Izumi und wird Professor, Guido gründet in Rom eine Familie und führt ein Restaurant. Doch etwas fehlt, etwas schmerzt, da ist ein Brennen, ein Sehnen: „Ich tanzte auf einem Seil, das irgendwo gerissen war, ohne dass ich hätte erkennen können, wo.“ Es dauert lange, viel zu lange, bis die beiden Männer sich wiedersehen, und sie haben diesen Traum, der einfach zu schön scheint, um wahr zu werden: „Ich stelle mir ein sanftes Leben vor, unseres, als Paar. Sich bei der Hand nehmen, anhalten, um ein paar Lebensmittel einzukaufen, auf die Nacht warten. Ich will mich nie wieder trennen müssen. Es ist absurd, das zu tun.“

Es tut weh, Herrlichkeit von Margaret Mazzantini zu lesen. Weil eine Liebe, die nicht sein kann, zu dem Traurigsten gehört, was es gibt auf dieser Welt. Die italienische Autorin, die zahlreiche Bücher geschrieben und viele Preise dafür bekommen hat, dirigiert mit erstaunlicher Leichtigkeit die großen Emotionen. Mit ihrem Roman Das Meer am Morgen, der heute aktueller ist denn je, hat sie mich zum Weinen gebracht. Und in Herrlichkeit entwirft sie mit so viel Feingefühl und Sinn für Dramatik eine Geschichte, die sich schwer auf meine Brust setzt und mir kleine Eiszapfen ins Herz treibt. Beim Erzählen lässt sie sich Zeit und beginnt in der Kindheit der beiden Figuren, wobei der Fokus auf Guido liegt und er unser Ich-Erzähler ist. Er ist ein ebenso einsames wie arrogantes Kind, und die Möglichkeit, sich mit Costantino anzufreunden, nimmt er nicht wahr. Das bereut er später, als die beiden nur gestohlene Stunden miteinander verbringen können, weil er all diese Zeit verschenkt hat. Als sie sich dann lieben und es wissen und sich eingestehen können, ist es einfach zu spät.

Margaret Mazzantini spielt Schicksal, und sie ist grausam. Sie gibt Guido und Costantino keine Chance, und deshalb leuchtet deren Liebe so hell, weil ihr Feuer nicht erlischt, nicht vom Alltag erstickt wird. Dabei geht es in Herrlichkeit gar nicht so sehr um Homosexualität an sich, sondern vielmehr darum, dass ein Mann einen Menschen liebt – der zufällig auch ein Mann ist. Es erstaunt mich immer wieder, wie leicht und virtuos die italienische Autorin mit derart schwermütigen und wuchtigen Themen umgeht. Sie hat keine Angst vor dem Schmerz, sie ergründet ihn, zeigt ihn in all seinen Farben und Tiefen. Wenn ich ihre Bücher lese, spüre ich, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

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Herrlichkeit von Margaret Mazzantini ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-8853-5, 400 Seiten, 17,99 Euro).

#BloggerfuerFluechtlinge

IMG_4302#RefugeesWelcome
Kennt ihr das, dass ihr etwas sagen möchtet, aber ihr schweigt, weil es euch so nahegeht, und ihr schweigt immer länger und länger, bis sich all die Emotionen schon so angestaut haben, dass ihr sie kaum noch in Worte fassen könnt? Ich kenne das eigentlich nicht. Es kommt selten vor, dass ich nicht sage, was ich denke. Doch seit einigen Monaten sitzen mir diese drei Wörter auf der Brust, und sie drücken schwer: Ich schäme mich. Ich schäme mich entsetzlich. Für  alle, die ihre Herzen vernagelt haben, für Traiskirchen, für die beschissenen Zelte, in die es hineinregnet, für die mitleidslosen, handlungsunfähigen, schweigsamen Politiker, für jeden einzelnen Flüchtling, der in diesem reichen Land so menschenunwürdig behandelt wird. Erst haben wir sie alle im Mittelmeer ersaufen lassen, und jetzt geben wir denen, die es trotzdem geschafft haben, die den ganzen weiten Weg unter großen Gefahren hinter sich gebracht haben, nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Und dann dachte ich: Wenn du darüber bloggst, wen interessiert das? Es wird untergehen. Nur Leute, die eh schon sensibilisiert sind, werden es lesen. Es wird nichts nützen. Aber: Zu schweigen, nützt noch viel weniger. Denn wenn wir alle schweigen, sind die Stimmen der Rechten so viel lauter, und das ist inakzeptabel. Wir müssen dagegenhalten!

Im Jahr 1957 ist mein Opa, der in Slowenien aufgewachsen ist, vor Titos Regime geflohen. Als er durch die Mur geschwommen ist, haben sie ihm nachgeschossen. Er war in einem Auffanglager in Graz und wollte eigentlich nach Kanada – dass er in Österreich geblieben ist, war nur ein Zufall. Mein Opa ist ein Flüchtling. Meine Oma stammt aus Düsseldorf, sie wurde 1940 geboren während eines Fliegeralarms. Und meine Vorfahren väterlicherseits waren fahrende Handwerker aus Böhmen und Mären. Sie alle haben sich einst hier niedergelassen, und ich bin hier geboren. Aber macht mich das zum Österreicher? Gibt es mir das Recht, zu sagen, dies ist MEIN Land, mit einer völlig willkürlich im Lauf der Geschichte gezogenen Grenze, und sonst darf hier keiner rein? Warum denn, bitteschön? Wir sind alle Menschen und alle gleich. DEN Österreicher an sich, den gibt es doch gar nicht, weil all die Pavicics und Havels und Dvoraks Vorfahren aus anderen Ländern haben, aus der alten Monarchie, und gut ist das! Jeder hat einen Flüchtling in seiner Familiengeschichte, einen Einwanderer, einen, der mal ein Ausländer war. Wie STS einst sang: I bin die feine Mischung, special blend, soiche wie mi, waßt wie ma de nennt, i bin die wilde Sorte, do werd’n Braune bleich, i bin aus Österreich. Ich sehe deshalb nicht ein, warum auch nur einer von uns mehr Rechte haben sollte, hier zu leben, an diesem zufällig gewählten Ort, als einer aus Syrien, dem Irak, dem Kosovo. Wer hier geboren ist, hat einfach Glück gehabt, so viel Glück, dass er es leicht mit anderen teilen könnte.

Nur leider sind die Menschen scheiße. Sie sind verachtenswert. Sie sind gierig, egoistisch, neidisch und herzlos. Sie sind schlimmer als Tiere. In Griechenland wurde Tränengas gegen die Flüchtlinge eingesetzt. TRÄNENGAS! Gegen Menschen, die Tausende Kilometer vor Bomben und Terror geflohen sind! Als ich das gelesen habe, habe ich geheult. Das System Menschheit kollabiert. Wir bringen uns gegenseitig um, und vielleicht, so denke ich oft, ist das auch besser so, dann sind wir irgendwann endlich weg, und die Erde hat wieder ihre Ruhe. Seit ich 14 bin und ein bisschen was von der Welt verstehe, leide ich an Menschheitshass. Vor lauter Grausamkeit, Gewalt, Umweltverschmutzung und Tiermord möchte ich an manchen Tagen einfach gar nicht mehr hier sein. Weil mir vorkommt, dass niemand Mitgefühl, Anstand und Verstand hat. Weil wir alle, mich eingeschlossen, über unser Wohlstandsbäuchlein jammern und die drei Kilo zu viel, aber so tun, als hätten wir den Flüchtlingen nichts zu geben. Ich ertrage es nicht. Und ich fühle mich ohnmächtig.

Aber gut. Ich BIN nun mal hier. Und was tue ich? Wie kann ich helfen? Es vergeht kein Tag, an dem ich mich das nicht frage. Ich habe bereits alles Mögliche ins Flüchtlingsheim Thalgau getragen, Handtücher, Kleidung, Gläser, Schuhe, habe für die Männer dort Hygieneartikel gekauft und meinen Sohn seinen Ersatz-CD-Player zu den „Früchtlingen“ bringen lassen, damit sie Deutsch lernen können. Aber das reicht natürlich nicht. Wie könnte es! Ich bräuchte Zeit, um vielleicht jemandem beim Lernen der Sprache zu helfen, eine Patenschaft zu übernehmen, aber ich kann von Montag bis Samstag wegen meiner kleinen Kinder und unserer beider Arbeit kaum allein weg. Ich fühle mich sehr schuldig deswegen. Aber immerhin kann ich protestieren. Den Mund aufmachen. Nicht mehr schweigen. Euch auf die Spendenaktion von #BloggerfuerFluechtlinge aufmerksam machen, für die bereits in kürzester Zeit fast 10.000 Euro zusammengekommen sind, oder auf näherliegende Salzburger Initiativen, die z. B die gute Güte gesammelt hat. Ich kann euch bitten, das hier zu teilen oder selbst unter dem Hashtag zu bloggen, ich kann euch bitten, nicht wegzuschauen, sondern zu helfen. Keiner dieser Flüchtlinge hat freiwillig seine Heimat verlassen, um bei uns zu schmarotzen, sie würden viel lieber in Frieden leben, in ihrem Zuhause. Sie haben nichts, gar nichts. Aber sie bringen Mut und Andersartigkeit, viele Talente, neue Sichtweisen, sie bringen Kinder, von denen wir ohnehin zu wenig haben in unserer Wohlstandsfaulheit, sie bringen Vielfalt. Rücken wir zusammen, machen wir ein bisschen Platz. Es ist doch wohl wirklich genug für alle da. Wir müssen nur endlich lernen, zu teilen.

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Die Initiative #BloggerfuerFluechtlinge wurde ins Leben gerufen von Karla Paul, Paul Huizing, Nico Lumma und Stevan Paul. Hier gibt es die Website dazu. Beiträge findet ihr beispielsweise bei Literaturen, Lust auf Lesen, buchkolumne, PinkfischLummaland und vielen weiteren. Macht auch mit. Wir sind viele. Wir sind MEHR!

Ruth Cerha: Bora. Eine Geschichte vom Wind

Cerha„Ein bisschen Liebe hat noch keinem geschadet“
Mara ist Schriftstellerin, und jedes Jahr verbringt sie den gesamten Sommer auf einer kleinen kroatischen Insel. Sie ist fremd hier, aber trotzdem auch ein bisschen zuhause, sie kennt die Menschen dort, die Sitten, das Wechselspiel der Winde. Doch genau die spielen in jenem einen Sommer irgendwie verrückt: Die Bora weht ungewöhnlich heftig und treibt die Inselbewohner in den Wahnsinn. Es könnte also einfach am Wetter liegen, dass Mara so aus der Bahn geworfen wird, als sie auf den Fotografen Andrej trifft. Oder es ist vielleicht doch ein wenig Verliebtheit im Spiel. Er hat kroatische Wurzeln und ist ein ebenso attraktiver wie interessanter Mann. Mara rauschen die Hormone durchs Blut, sie fühlt und benimmt sich wie ein Teenager, Andrej zieht sie an wie ein Magnet. Und als sie zueinanderfinden, ist es einfach gut und richtig: „Andrej wuchs in mein Inselleben hinein wie eine Schraube, die sich in ein Gewinde dreht. Normalerweise brachten Männer alles durcheinander, sobald sie in meinem Leben auftauchten. Immer zogen sie Bausteine von ganz unten aus meinem Gebäude und setzten sie ganz obendrauf, wo sie mir die Sicht auf die Welt verstellten, während ich damit beschäftigt war, das Ding stabil zu halten, trotz der plötzlichen Lücken im Fundament. Andrej ließ alles, wo es war, und setzte seine Steine dahin, wo Platz war.“ Nur leider ist das Problem dieses Sommers dasselbe wie mit jedem Sommer: Er kann nicht ewig dauern …

Ich mag Ruth Cerha. Ich mochte sie schon bei Kopf in den Wolken, ihrem hervorragenden zweiten Buch. Und dank Bora. Eine Geschichte vom Wind mag ich sie nun noch mehr. Weil sich die beiden Romane stark voneinander unterscheiden: Wo der eine melancholisch und poetisch war, ist der andere heiter und gefühlvoll. Und weil sie beide gut sind. Die Hauptstimme dieses herrlichen Sommerbuchs gehört Mara, aber auch Andrej kommt zwischendurch zu Wort – und der Perspektiven- bzw. Stilwechsel ist der Autorin gut gelungen. So entsteht ein vollständiges Bild dieser frisch aufflammenden Liebe. Obwohl ich traurig-düstere sowie fies-sarkastische Bücher liebe, schlägt mein Herz auch für Lovestorys. Wenn sie niveauvoll sind. Ich finde es schön, wenn zwei sich treffen, sich sehen bis innendrin, sich erkennen, sich lieben, wenn alles zusammenpasst und ineinander fällt.

Genauso ist es in Bora. Eine Geschichte vom Wind. Mara und Andrej haben sich – um die ausgelutschte Floskel zu bemühen – gesucht und gefunden. Es hat mir ein fettes Grinsen ins Gesicht gesetzt, wie Mara anfangs versucht, Andrejs Anziehungskraft zu widerstehen, und wie lächerlich süß sie sich dabei benimmt. Denn es ist egal, ob man ein Teenie ist oder Ende vierzig: Wenn die Schmetterlinge durch den Bauch tanzen, kann man nicht mehr klar denken. Während der Lektüre war ich gespannt auf das Ende. Würde Ruth Cerha es schaffen, weiterhin so grandios den Kitsch zu umschiffen und trotzdem einen stimmigen Schluss finden? Die Antwort lautet: Ja. Das passt gut zusammen, wie Mara und Andrej, wie dieser Roman und der Sommer, wie Ruth Cerha und ich.

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Bora. Eine Geschichte vom Wind von Ruth Cerha ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 978-3-627-00215-2, 256 Seiten, 19,90 Euro). Interessante Rezensionen zum Buch findet ihr auf We read Indie, Revolution, Baby, Revolution, Buchrevier und bei Frau Hauptsachebunt.

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Marie Darrieussecq: Prinzessinnen

Darrieussecq„Bisexuell bedeutet zwei Mädchen auf einmal“
Solange ist elf Jahre alt und wächst in der baskischen Provinz auf. Ihre Eltern kümmern sich kaum um sie: „Sie hat aufblasbare Eltern, wie diese Puppen, die es angeblich gibt. Sobald man den Stöpsel zieht, entschweben sie Loopings drehend in den Himmel.“ Ihre einzige Bezugsperson ist ihr Nachbar Monsieur Bihotz, der sie betreut und versorgt, seit sie ein Kleinkind ist. Nun aber ist Solange dem Kindsein entwachsen, und sie will nur eins: Sex. Ihre Freundinnen, eine dümmer als die andere, erzählen die wildesten Geschichten und sind angeblich alle keine Jungfrauen mehr. Ruhelos streift Solange umher, schmiert sich mit Lippenstift an, kürzt ihren Rock und zeigt sich willig, als ein Junge auf einer Party einen Blowjob von ihr verlangt. Sie ist völlig überfordert, will sich aber nicht die Blöße geben – und tut alles, was er möchte. Solanges neu entdeckte Sexualität entgeht ihren Eltern völlig, nicht aber Monsieur Bihotz, der kaum noch an sich halten kann … weshalb er nicht mehr auf sie aufpassen will. Die Eltern ignorieren das jedoch – und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Prinzessinnen von Marie Darrieussecq ist ein haarsträubendes, intensives, würgereizauslösendes Buch, wahnsinnig provokant, ein Schlag in die Fresse. Ist es wahr, dass die Franzosen überaus sexed up sind? Dass ihre skandalösen Sexbücher für uns kaum erträglich sind? Dass sie freier mit Tabuthemen umgehen? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber Marie Darrieussecqs Darstellung eines Mädchens auf der Suche nach dem ersten Sex legt es nahe. Sie schreibt schonungslose Sätze, die wie aus einem Gewehr geschossen daherkommen, mit Leerzeilen dazwischen, als wäre das alles gar keine in sich abgeschlossene Geschichte, sondern als handelte es sich um verschiedene Beobachtungen, alle pointiert und spitz, seltsam gefühllos, frei von Mitleid.

Ich dagegen habe Mitleid. Es beutelt mich geradezu vor lauter Mitleid. Und Ekel. Denn Solange ist ELF. Das unschuldige Alter, das nach zehn kommt und noch vor zwölf. Als ich elf war, hab ich noch Baumhäuser gebaut. Solange dagegen lässt sich in den Mund ficken. Was nur einer der Gründe ist, weshalb mich die Lektüre von Prinzessinnen derart gequält und entsetzt hat. Besonders bei der Szene, als Solange ihre Tage hat, aber trotzdem mit einem Jungen ins Bett geht, weil er sie endlich, endlich angerufen hat, wie sie sich in den Arsch bumsen lässt und sich wegen des Bluts schämt – und sie ist elf, ELF! – konnte ich kaum noch umblättern. Und niemand ist für sie da, niemand, ihre Eltern nehmen sie gar nicht wahr – und Monsieur Bihotz nimmt sie viel zu deutlich wahr. Als die beiden, die wohl 30 oder 40 Jahre auseinander sind, täglich und überall zu vögeln beginnen, kann ich kaum noch weiterlesen. Solange geht ihrem eigenen Körper in die Falle und beginnt ganz klassisch, Sex gegen Aufmerksamkeit einzutauschen. In meinen Augen ist sie aber noch ein Kind, und deshalb tu ich mir schwer mit diesem Roman, auch wenn ich oft – wie bei We need to talk about Kevin oder Room – gerade die verstörenden Bücher sehr gut finde. Generell ist mir der Stil des Romans zu abgehackt, brutal und zusammenhangslos. Ich hoffe sehr, dass all dies nur Fiktion ist, auch wenn ich weiß, wie utopisch dieser Wunsch ist. Dies ist ein Buch, das wehtut – auf höchst unangenehme Art. Es mag durchaus seine Wichtigkeit haben, aber ich muss gestehen: Nach all dem Grausen und der Traurigkeit wünschte ich, ich hätte es nicht gelesen.

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Prinzessinnen von Marie Darrieussecq ist als Taschenbuch erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-62607-1, 304 Seiten, 9,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „So konfus, brutal und prickelnd wie sich das Erwachsenwerden für Solange anfühlt, ist Darrieusseqs Erzählstil. Zwischen ihren knappen, mechanischen Sätzen muss man als Leser immer wieder zu gedanklichen Weitsprüngen ansetzen – und landet immer wieder in der eigenen Pubertät“, heißt es auf spiegel.de.
– „Marie Darrieussecq hat mit „Prinzessinnen“ einen weiblichen Coming-of-Age-Roman verfasst, der aufgrund seiner sich an Erfahrungen einer Jederfrau heranschmeißenden Stofflichkeit einige Sogwirkung entfaltet. Und dennoch will man aus Rücksicht auf die Privatsphäre aller Beteiligten nicht wirklich dabei gewesen sein, will ein Geheimnis ein Geheimnis sein lassen und auf gärenden Körpererkundungskitsch verzichten“, schreibt faz.net.

Giorgio Fontana: Tod eines glücklichen Menschen

IMG_9067Vom Streben nach Gerechtigkeit
Am Anfang steht ein Mord: Ein bekannter Politiker wird im Mailand des Jahres 1981 von linksextremen Terroristen umgebracht. Der junge Staatsanwalt Giacomo Colnaghi sieht es gemeinsam mit zwei Kollegen als seine wichtigste Aufgabe an, die Täter zu fassen. Es ist ihm quasi ein persönliches Anliegen: Zum einen ist er überzeugter Katholik, zum anderen hat er als kleines Kind den Vater verloren, weil der im Widerstand gegen die Nazis leistete. Colnaghi reibt sich auf, arbeitet die ganze Woche in Mailand getrennt von seiner Familie – seiner Frau und seinen zwei Kindern, die ihn sehr vermissen und deren enge Beziehung zu ihm wegen der Distanz langsam brüchig wird. Colnaghi ist besessen von den Taten der Terroristen und von ihren Beweggründen. Und er ist sich im Klaren darüber, dass er selbst auf der Abschussliste steht …

Giorgio Fontana ist ein junger italienischer Autor, dessen erstes Buch für großes Aufsehen sorgte und mit Preisen bedacht wurde. Für seinen zweiten Roman hat er sich das Mailand der 1980er-Jahre als Kulisse ausgesucht, eine Zeit, zu der er selbst erst geboren ist. Und diese Zeit macht natürlich was her, denn es ging damals rund in der Politik Italiens: Mailand wurde – wie das gesamte Land – von Terroristen in Atem gehalten, die scheinbar wahllos töteten und Bomben hochgehen ließen. Wer wenig über diese Anschläge weiß, soll und kann sich im Zuge der Lektüre von Tod eines glücklichen Menschen darüber informieren. Giorgio Fontana hat mit seiner Hauptfigur Giacomo Colnaghi einen zutiefst gläubigen Staatsanwalt geschaffen, der zwischen seiner Aufgabe und den Schatten seiner Vergangenheit regelrecht zerrieben wird. In Rückblenden wird das Schicksal von Colnaghis Vater erzählt, der für die einen ein Held und für die anderen ein Dummkopf ist. So gesehen ist dieser Roman ein zutiefst politischer, dessen Brisanz heruntergebrochen wird auf ein Einzelschicksal. Er ist zugleich sehr typisch italienisch und sehr melancholisch: Es wird viel nachgedacht, viel aufgewühlt und viel Trauer sowie Verzweiflung verspürt. Gute Wendungen oder gar ein Happy End sind nicht vorgesehen.

Der Staatsanwalt und der Terrorist sind nicht – wie der Klappentext suggeriert – Gegenspieler, denn ihr „Dialog“ findet nur in der Theorie bzw. in Colnaghis Fantasie statt. Es ist ein stetes Kreisen um Motive und Gerechtigkeit. Zwischendrin hat das Buch einige Längen, bei denen ich mich dann doch sehr gelangweilt habe, zudem sind Fontanas eher dröger Stil und ich keine besten Freunde geworden. Das macht das fulminante Ende jedoch wieder einigermaßen wett, das mich trotz vielerlei Hinweise überrascht hat. Tod eines glücklichen Menschen ist definitiv nicht perfekt, es schwächelt, aber es kann auf hohem Niveau gut unterhalten – und den Leser auch noch weiterbilden.

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Tod eines glücklichen Menschen von Giorgio Fontana ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-312-00664-9, 256 Seiten, 20,50 Euro). Ein Interview mit dem Autor könnt ihr hier lesen.

Jonathan Lee: Wer ist Mr. Satoshi? +++Gewinnspiel+++

„EsIMG_9068 ist nicht möglich, die eigene Haut ganz abzustreifen, in die von jemand anderem zu schlüpfen“
Foss ist dabei, als seine Mutter stirbt, er sieht, wie sie stürzt, als er sie im Altenheim besucht. Er ist geschockt und traurig und vergräbt sich noch weiter in dem Loch, in dem er seit dem Unfalltod seiner Frau vor sich hin vegetiert. Einst war er ein bekannter Fotograf, heute lebt er von den Tantiemen und verlässt seine Wohnung nicht mehr. Bis er sich nach Japan aufmacht, um Mr. Satoshi zu suchen. An ihn ist ein Päckchen adressiert, das sich in der Hinterlassenschaft der Mutter befindet und das ihr offenbar sehr wichtig war. Foss findet alte Briefe, geschrieben in den 1940er-Jahren, die zeigen, dass seine Mutter und Mr. Satoshi sich einst sehr geliebt haben. Doch er hat nie von ihm gehört, seine Mutter hat diesen Namen nie erwähnt. Was ist geschehen? Die Neugier und das Pflichtgefühl bringen Foss dazu, seine Angststörungen mit Tabletten zu unterdrücken, in ein Flugzeug zu steigen und in Japan nachzuforschen. Hilfe bekommt er dabei von der jungen, hübschen Chiyoko, die in einem Hotel lebt und arbeitet und sich gemeinsam mit Foss auf die Suche nach der Wahrheit über seine Mutter macht.

Jonathan Lee, 1981 geboren, hat mit Wer ist Mr. Satoshi ein sehr gefühlsbetontes Buch geschrieben über einen gebrochenen Mann, der nichts mehr vom Leben erwartet – und dann plötzlich doch noch so viel Lebenswertes entdeckt. Der englische Autor hat selbst einige Zeit in Tokio gelebt und sich dort zu diesem Roman inspirieren lassen. Seine Begeisterung für alles Japanische merkt man dem Buch deutlich an: Die ungewöhnlichen Sitten und Bräuche des Landes werden genau durchleuchtet, und es wird viel Sushi verspeist. Protagonist Foss ist ein völlig lethargischer Typ, der um seine verlorene Frau trauert und mit Panikattacken kämpft. Er ist ebenso orientierungs- wie antriebslos, das Ausmaß seiner Apathie zeigt sich zum Beispiel an diesem Dialog:„Ach komm, Fossy, du musst da rausgehen und für das kämpfen, was du willst!“
„Ich kämpfe ja.“
„Sieht aber nicht so aus.“
„Es spielt sich innerlich ab.“

Dass sich das japanische Mädchen an Fossy hängt und ihm hilft, ist mir ein Rätsel und ein recht unglaubwürdiger Aspekt an dem Buch. Aber es ist natürlich klar, dass es ohne Chiyoko nicht geht. Die Beziehung der beiden ist mysteriös und nicht unbedingt sexuell, was aber eher an den Tabletten liegt, die Foss nimmt. Die Aufklärungen, die am Ende des Romans warten, sind – das dürft ihr euch nicht erhoffen – nicht sonderlich überraschend. Sie sind vielmehr, da sie um Jahrzehnte zu spät kommen, sehr deprimierend. Wer ist Mr. Satoshi ist eine Geschichte über eine junge Liebe, die nie sein konnte, weil sie von einem schrecklichen Ereignis zerquetscht wurde, über eine Frau, die ihr ganzes Leben lang unter einem Verlust gelitten hat, und über ihren Sohn, der erst alles verlassen muss, um wieder zu sich selbst zu finden.

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Wer ist Mr. Satoshi? von Jonathan Lee ist erschienen bei btb (ISBN 978-3-442-75386-4, 320 Seiten, 14,99 Euro).

Und wer JETZT ein Exemplar von Wer ist Mr. Satoshi gewinnen möchte, schreibt mir hier einfach als Kommentar eine Antwort auf die Frage: Was ist für dich typisch japanisch? Über den Gewinner entscheidet das Los, und Zeit zum Mitmachen habt ihr bis Freitag, 14. August. Ich bin gespannt und wünsche viel Glück!