Bücherwurmloch

KnechtDie hohe Kunst des Scheiterns
„Man ist am Land anders befreundet als in der Stadt. Vor allem aber ist man anders verfeindet, konkreter, ernsthafter, konsequenter, körperlicher.“ Das bekommt Marian am eigenen Leib zu spüren, als sie in der kleine Häuschen am Waldrand zieht, das einst ihrer Tante gehörte. Marian, die eigentlich Marianne heißt, tut dies nicht aus nostalgischen Gründen, sie will nicht auf dem Land leben und kann es auch nicht, im ersten Winter geht sie fast ein, weil sie kein Essen und kein Holz hat, nur Schnaps. Sie muss aber, weil ihr nichts geblieben ist vom Luxusleben in Wien: Marian war Modedesignerin, erfolgreich, wohlhabend, mit einem Architektenfreund, einer Designerwohnung, unfassbar teuren Schuhen, tonnenweise Anti-Falten-Cremes und einer trendigen Laktoseintoleranz. Dann kamen falsche Anlagestrategien, falsche Investitionen und ein falscher Mann, Marian ist aus dem Federbett auf den nackten Asphalt gefallen, und deshalb bedeutet es ihr jetzt Luxus, dass sie gelernt hat, Brot zu backen. Und dass Großgrundbesitzer Franz ihr regelmäßig Mehl, Shampoo und Holz bringt. Das tut er freilich nicht umsonst, denn seit er Marian beim Wildern erwischt hat, bedient er sich an ihrem Körper. Daher auch die Feindschaft zu den Nachbarn und das „Hur“ auf Marians Tür. Aber die Frau, die früher in Seide schlief, hat einen eisernen Überlebenswillen bewiesen – und hat nicht vor, aufzugeben.

Die österreichische Autorin Doris Knecht hat mich mit ihrem bösen Roman Besser über die Maßen begeistert – so sehr, dass ich meine Nur-ein-Buch-pro-Autor-Regel gebrochen und ihr neuestes Werk gelesen habe. Zum Glück! Denn sie beweist auch darin eine messerscharfe Beobachtungsgabe und das Talent, menschliche Abgründe offenzulegen – mit einem herrlich ironischen Unterton. Ihre Protagonistin Marian ist sozusagen beim Leben selbst in Ungnade gefallen, sie hat zu hoch gepokert, war zu blind und zu leichtgläubig, hat jeglichen materiellen Besitz verloren. Doris Knecht hat dieser Frau alles genommen, hat ihr den Satin ausgezogen, die Manolos auch, hat ihr das Sushi vom Tisch gefegt und ihre Putzfrau entlassen, ihr Atelier zugesperrt und die Konten geleert, hat ihre Freundschaften enden lassen und ihr die Liebe genommen. Da ist nur noch dieses Haus irgendwo am Land, da sind die alten Strickjacken der Tante, ein paar Gartenbücher, ein Ofen, viel frische Luft. Kein Internet, keine Bars, keine Prominenten, kein Sojalatte. Wenn man so eine Prinzessin-auf-der-Erbse-Story liest, kann man schon ein bisschen schadenfroh sein. Marians eigene Schilderungen lassen das auch zu, weil sie auf sehr sarkastische Weise im Selbstmitleid badet, sich erinnert, alles bis ins kleinste Detail zerlegt, immer und immer wieder, um jenen Moment auszumachen, in dem ihr Schicksal zwischen Unkraut und Wollsocken besiegelt war.

Ich hätte gern, dass Doris Knecht im echten Leben meine Freundin wäre. Weil ich mir vorstelle, dass ich mit ihr so herrlich gemeine Lästergespräche führen könnte, nach denen wir uns den Mund mit Seife auswaschen müssten. Da Doris Knecht bestimmt schon genug Freundinnen hat – und ich zum Glück ja auch –, lese ich einfach ihre Bücher. Die erfreuen nämlich auch diesen kleinen Fiesling, der in mir wohnt. Denn Sarkasmus kann nur dann zünden, wenn er klug ist – genau wie in Wald. Doris Knecht ist so nah dran an der Wahrheit, dass sogar ich – die nicht das feine Leben einer Designerin führt – mich bei manchen Gedankengängen erkannt und ertappt fühle. Da darf jeder sich in der gescheiterten Anfangsvierzigerin erkennen und sich an die eigene Nase greifen. Außerdem liebe ich es, dass das Buch so österreichisch ist und sein darf, dass die Austriazismen nicht im Lektorat ausradiert wurden. Für mich macht dies den Roman noch authentischer, er trifft meinen Humor, meine Sprachwelt, meine Vorstellung vom puren Lesevergnügen zu 100 Prozent. Deshalb kann ich nur sagen: Schärft euren Intellekt mit Doris Knecht, durchleuchtet mit ihr eine Dorfgemeinschaft, in der jeder nur sich selbst der Nächste ist, überlegt euch, was ihr wirklich zum Leben braucht, und amüsiert euch nebenbei ganz prächtig.

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Wald von Doris Knecht ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-87134-769-6, 272 Seiten, 19,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Welchen Einfluss hat der Rückfall in nahezu primitive Lebensumstände auf das soziale Verhalten, auf Wertvorstellungen und Gefühle? Diese Überlegung hat sich Doris Knecht zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans gemacht“, erläutert die wienerzeitung.
– „Knecht wiederholt Namen und Schlüsselworte, bis zu zwölf Mal auf einer Seite, so dass ein beschwörender Ton entsteht, ein unheimlicher Sound, der noch verstärkt wird durch die Verwendung herber Austriazismen. Wald liest sich wie eine 270 Seiten lange Gedankenschleife, ganz eigen, ganz eindringlich“, heißt es auf spiegel.de.
– „Da ist nix mit Idyll. Bei Doris Knecht gibt es kein nur gut oder nur schlecht, da haben alle Personen Risse, Unschärfen und Inkonsequenzen“, schreibt Sonja von lustzulesen.de.
– Auf standard.at könnt ihr ein Interview mit der Autorin lesen.

PofallaAuf der Suche nach einem Freund
Der Ich-Erzähler und sein Freund Moritz kennen sich schon lange, und gemeinsam sind sie nach Berlin gezogen, um zu studieren. An der Uni sieht man sie selten, umso öfter dafür in den Clubs und Bars der Stadt. Moritz ist eher ein Eigenbrötler und gilt im Freundeskreis als merkwürdig, der Freund gibt ihm stets Rückendeckung. Sie sind jung, alles liegt vor ihnen – doch dann verschwindet Moritz plötzlich spurlos. Ist ihm etwas passiert? Oder wollte er einfach nur fort, etwas erleben, die Welt sehen? Ratlos und halbherzig sucht der Ich-Erzähler nach ihm, trifft sich mit seiner Ex-Freundin Anna, übertüncht den Schmerz – und weiß nicht so recht, wohin mit sich und seinen Gefühlen.

Der junge deutsche Autor Boris Pofalla hat sich eine Geschichte ausgedacht, deren Anfang und Ende für den Leser nicht sichtbar sind. Als das Buch beginnt, ist Moritz schon fort, er hat eine Lücke hinterlassen, ein schwarzes Loch, in das sozusagen alles hineinfällt, an dessen Rand der namenlose Ich-Erzähler entlangwandert. Die Freundschaft selbst, ihr Entstehen und ihre Besonderheiten, liegen in der Vergangenheit und bleiben im Dunkel, anhand von zwei, drei exemplarischen Fragmenten versucht der Autor, zu zeigen, dass es eine schöne Freundschaft war. Umso rätselhafter, warum Moritz ohne ein Wort gegangen ist. In diesem Dunkel liegt auch das Ende der Story, weil sie nirgends hinführt, weil das Rätsel nicht gelöst wird, nicht einmal ansatzweise. Nun könnte man sagen, dass der Ich-Erzähler, der so jung und unreif und orientierungslos ist, auf der Suche nach seinem Freund sich selbst findet, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Da gibt es noch gar nicht viel zu finden, kaum Persönlichkeit, keine Ziele, keine brennende Leidenschaft für nichts. Eine halbgare Liebe zu Anna und die betäubende Wirkung von Drogen beschäftigen ihn eigentlich am meisten, Berlin als trendige Kulisse des Romans strotzt vor Möglichkeiten und vor Hipstern. Boris Pofalla schreibt gut, seine Prosa ist überlegt, elegant, sehnsuchtsvoll. Inhaltlich gibt Low aber viel zu wenig her, wabert ein wenig haltlos dahin, ist so merkwürdig unfertig wie sein Erzähler. Großes Potenzial, aber noch nicht auf den Punkt umgesetzt.

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Low von Boris Pofalla ist erschienen im Metrolit Verlag (ISBN 978-3-8493-0365-5, 222 Seiten, 20 Euro).
Ein paar versammelte Stimmen zu Low findet ihr beim Perlentaucher.

Louis„Zuerst kommt man nicht darauf zu fliehen, weil man gar nicht weiß, dass es ein Anderswo gibt“
Eddy wächst mit seinen Eltern und Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf in Nordfrankreich auf. Die Familie aus der Unterschicht kommt einigermaßen über die Runden, aber trotzdem hat Eddy es schwer. Weil er anders ist. Weil er beim Reden gestikuliert, eine höhere Stimme hat, fein ist, schwach, mädchenhaft. Sie nennen ihn eine Schwuchtel, eine Tussi, von frühester Kindheit an – auch die eigenen Eltern, die an seiner fehlenden Rohheit verzweifeln. Sie können ihn nicht verstehen, können seine Andersartigkeit nicht akzeptieren und nicht lieben. Die Mischung aus fehlender Bildung, Klischees, Langeweile und reinem Hass ist explosiv für Eddy und er leidet unendlich an der Ausgrenzung – seine ganze Kindheit hindurch. Er wird in der Schule gedemütigt und verprügelt, obwohl er stets versucht, so zu sein wie alle. Aber es gelingt ihn nicht, er fühlt sich hingezogen zum eigenen Geschlecht, und auch wenn er es nie zugibt, spüren es alle. Eddy bleibt letztlich nur eins, um sich zu retten: die Flucht.

Édouard Louis, 22 Jahre alt und mittlerweile Student in Paris, erzählt in Das Ende von Eddy unter einem Pseudonym seine eigene Geschichte und hat damit in Frankreich eine große Debatte ausgelöst. Dieses mutige und aufrüttelnde Buch, das in 18 Sprachen erscheint und mit einem Preis für Engagement gegen Homophobie ausgezeichnet wurde, ist ein Plädoyer für Toleranz und Andersartigkeit, ein Statement gegen Schwulenhass und Unterdrückung. In einer sehr klaren, völlig schnörkellosen Sprache berichtet Édouard Louis von all den Peinigern, die ihm seine Kindheit zur Hölle gemacht haben, die ihn bespuckt, getreten und verhöhnt haben, weil er abweicht von der Norm. Er ist ein sensibler, kluger Junge, der verzweifelt alles dafür tut, seine innersten Neigungen zu verstecken, es aber nie schafft. Sein Buch ist keine flammende Hetzrede, kein wütender Racheakt. Es ist eine stumme Anklage, ein Fingerzeig, ein Rütteln an Vorurteilen und Gehässigkeiten.

In der Großstadt ist Édouard Louis kein Einzelgänger, hier gibt es viele wie ihn, doch auf dem Land hatte er als kleiner, schwuler Junge keine Chance. Hier herrschen Fußball, Alkohol und Gewalt. Ich habe mich schon oft gefragt, wie es sich anfühlen muss, wenn man als Teenager bemerkt, dass man homosexuell ist – mit welchen Gefühlen und Ängsten man zu kämpfen hat. Das Ende von Eddy, das für den Autor hoffentlich eine befreiende und vielleicht auch heilende Wirkung hatte, zeigt dies auf sehr eindrucksvolle, schockierende und aufwühlende Weise. Es ist ein ehrliches, kraftvolles Buch, dessen Geltung hoffentlich darin liegen wird, mehr Verständnis für homosexuelle Menschen zu generieren. Sie anzunehmen, wie sie sind – schon als Kinder. Deshalb sollte es gelesen und in die Welt getragen werden – so oft und so weit wie möglich!

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Das Ende von Eddy von Édouard Louis ist erschienen bei den S. Fischer Verlagen (ISBN 978-3-10-002277-6, 208 Seiten, 18,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Das Buch schockiert, weil hier jemand völlig unverblümt und mit sprachlicher Wucht von einer Kindheit erzählt, die scheinbar ausweglos ist. In der es unmöglich ist, anders zu sein als die anderen, und die Entdeckung der eigenen Homosexualität einer Katastrophe gleich kommt. Besser krank sein als schwul, besser Alkoholiker, Arbeitsloser oder was auch immer“, heißt es auf spiegel.de.
– „Konsequent macht Louis den Bruch deutlich, der sich durch sein Leben und die Gesellschaft zieht. Hier die Sprache der Dorfbewohner, im Buch stets kursiv gedruckt, durchzogen von Abwertung und Hass, die der Erzähler so präzise wiedergibt, als handele es sich um Gesprächsprotokolle einer empirischen Studie. Dort die elaborierte Sprache des Erzählers, die auf Reflexionsvermögen und Differenziertheit fußt. So entsteht eine beeindruckende Montage zweier Welten, die ein analytisches Sittenporträt der französischen Unterschicht zeichnet“, erklärt fr-online.de.
– Hier könnt ihr ein Interview mit dem Autor lesen.

IMG_8460„Wenn sich hundert Schriftsteller in einem Raum zu einem Fest versammeln, kann alles Mögliche dabei herauskommen, nur kein Fest“
Ein Roman über eine wahre Geschichte hat ihn einst berühmt gemacht, über einen verschwundenen Lehrer, der eventuell ermordet wurde – von zwei Schülern. Von diesem Ruhm ist nur noch der Abglanz übrig, der Autor ist inzwischen alt, hat eine viel jüngere Frau und eine kleine Tochter – sowie einen Nachbarn, der ihn beobachtet. Er tut das, weil er ihm etwas zu sagen hat, weil er etwas weiß über jenen Lehrer, dessen Leiche nie gefunden wurde, weil er hautnah dabei war, damals. Neid und Missgunst und eine unterschwellig drohende Gefahr schwingen in den Briefen mit, die er dem Autor schreibt, und er schreckt auch nicht davor zurück, in dessen Ferienhaus Frau und Tochter auszuspionieren. Aber was will er? Und was hat der Schriftsteller zu verbergen?

Der Niederländer Herman Koch ist ein begnadeter Schreiberling. Seinetwegen bin ich zum Wiederholungstäter geworden. Wer mich kennt, weiß um meinen Nur-ein-Buch-pro-Autor-Spleen, und bei Herman Koch sind es nun schon drei. Weil er mich mit dem unfassbar fiesen Roman Angerichtet so angefixt hat, weil darauf Sommerhaus mit Swimmingpool folgte, das ebenfalls grandios war. Auf diesem Niveau bewegt sich für mich Sehr geehrter Herr M. nicht. Es ist ein sehr unterhaltsames, glänzend geschriebenes Buch, das in meinen Augen allein bestehen, aber im Vergleich mit seinen Vorgängern nicht ganz standhalten kann. Herman Koch erzählt darin eine durchaus perfide, spannende Geschichte voll von Geheimnissen, unerwiderter Liebe und Verrat. Und eigentlich sind diese müßigen Vergleiche ja der Grund dafür, dass ich nicht mehr als ein Buch vom selben Autor lesen will. Trotzdem komme ich jetzt von diesem Vergleichen nicht los. Das stört mich, weil es Sehr geehrter Herr M. schwächer macht, als es eigentlich ist.

Besonders gelungen sind die Beobachtungen des Nachbars, triefend vor Hohn und vor allem voller subtiler Drohungen. Lange Zeit ist völlig unklar, was der Nachbar bezweckt. Das macht diesen Roman so fesselnd und so gut. Allerdings verzettelt er sich gegen Ende ein wenig in den verschiedenen Perspektiven und verliert dadurch an Kraft, auch weil die Drohungen ins Leere gehen. Der Schlusspunkt ist in Koch’scher Manier gewohnt heftig, moralisch verwerflich und krass. Ein ausgezeichnetes Lies-mich-in-einem-Rutsch-weg-Buch, aber wer noch nie einen Koch gelesen hat, dem würde ich trotzdem erst einmal Angerichtet empfehlen.

Sehr geehrter Herr M. von Herman Koch ist erschienen bei Kiepenheuer und Witsch (ISBN 978-3-462-04738-7, 400 Seiten, 19,99 Euro).

Das-Fest-des-Windrads1„Schöner wär’s, wenn’s schöner wär“
Greta ist Managerin und auf dem Weg nach Mailand, wo sie sich ihre wohlverdiente Beförderung abholen will. Bloß kommt Greta nie im schicken Mailänder Restaurant an, weil ihr Zug liegen bleibt – und zwar ausgerechnet in Oed. Was es dort gibt? Nix. Das ist ja das Problem. Und Taxifahrer Jurek fragt sich, was ihn hier hält im halbfertigen Haus seiner verstorbenen Eltern, ohne seine Ex-Frau und die mittlerweile erwachsene Tochter. Er macht als einziger Oeder Taxler kleine Fahrten und wünscht sich, endlich mal wieder bei einer Frau zum Schuss zu kommen – was ihm Gretas plötzliches Auftauchen vermasselt. Die erleidet erst einmal einen Schock. Und fängt dann an, sich völlig neu zu orientieren. Bis zum Fest des Windrads ist sie ein neuer Mensch.

Für ihren zweiten Roman hat die österreichische Autorin Isabella Straub das Provinznest Oed am Tiefen Graben als Kulisse gewählt. Dort wird Protagonistin Greta ausgebremst – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Sie ist ein Highspeed-Leben gewohnt und kommt erst einmal nicht mehr vom Fleck. Diese Zwangspause sorgt dafür, dass sie einen neuen Sinn finden muss. Ihr Gegenspieler ist der Taxifahrer Jurek, in dessen Leben die unerwartete Begegnung ebenfalls eine Veränderung auslöst. Nun ist es so, dass der Klappentext bereits sagt, dass Das Fest des Windrads keine Liebesgeschichte ist. Ich hab mir aber ehrlich gesagt trotzdem eine erwartet. Irgendeine! Wenigstens eine kleine! Aber nö. Stattdessen ist dies eine richtig abstruse Story über Burn-out und Wunschvorstellungen, über Enttäuschungen und eine Versicherung vor dem Unglücklichsein. Alle im Roman auftretenden Figuren haben einen Knall. Deshalb ist das Buch eher auf der witzigen Seite unterwegs, schafft aber den Sprung zu fiesem Sarkasmus nicht. Es bleibt in der Mitte zwischen Klamauk und Gesellschaftskritik, bietet angenehme Unterhaltung – aber nicht mehr.

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Das Fest des Windrads von Isabella Straub ist erschienen im Blumenbar Verlag (ISBN 978-3-351-05017-7, 352 Seiten, 19 Euro).

IMG_8463„Vielleicht kann man sich an jeden gewöhnen und ihn dafür lieben, dass er einen erträgt“
„Dieses Konzept der Ehe darf man doch mal überdenken, oder? Was spricht dagegen, dass die Person, mit der ich nicht verwandt bin, ein wenig Spaß hat? Gehört sie mir, weil wir ein Papier unterschrieben haben? (…) Bedeutet die Ehe nicht zwangsläufig das Ende aller Gefühle?“ Das fragt sich der gescheiterte Theaterregisseur Rasmus, und zwar aus einem konkreten Grund: weil seine Frau Chloe einen anderen fickt. Die beiden sind schon lange ein Paar, zusammengewachsen, aneinandergeklebt, symbiotisch. Der Sex zwischen ihnen war nie gut, weil Chloe zu den Frauen gehört, die nicht sagen können, was sie im Bett wollen – zumal sie es auch gar nicht so genau wissen. Rasmus fühlt sich seiner schönen Frau unterlegen, und aus Angst, ihr nicht zu genügen, kann er genau das eben nicht. Unter Drogeneinfluss erlebt Chloe eine Massage mit Happy End und verwechselt in ihrem ausgehungerten Zustand den chemischen Hormonrausch mit Verliebtheit. Dass es keine ist, kann sie natürlich erst herausfinden, wenn sie oft genug mit dem langhaarigen Masseur gevögelt hat. Das tut sie auch. Zuhause in ihrer Wohnung. Mit dem desperaten Rasmus daneben, der immer mehr verkümmert: „Ich habe angefangen zu onanieren. Das war mir immer ein Trost, es lenkt mich ab, stellt ein Gefühl her, wo Leere ist. Ich onaniere und denke an Chloe, und das leise Wimmern wird immer mehr zu einem Schluchzen. Etwas Erbärmlicheres als ein Mann, der sich bei der Vorstellung der Frau, die ihn nicht will, einen runterholt, fällt mir nicht ein.“

„Der Mensch ist für die Monogamie nicht geschaffen“, sagt meine Freundin immer. Ist ja quasi wider die Natur! Aber was tun, wenn man dann eben mal verheiratet ist und gefangen in den Zwängen von Gesellschaft und Moral? Sybille Berg hat eine Ehe auf den OP-Tisch gewuchtet und seziert sie mit chirurgischer Genauigkeit, ohne Narkose. Ihre beiden Protagonisten legen abwechselnd ihre Sicht der Dinge dar: das berufliche Scheitern von Rasmus, die mangelnde Leidenschaft, die Eifersucht. Schicht um Schicht entblättert und entblößt die deutsche Autorin einen Mann und eine Frau, zeigt ihre Triebe, ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, ihre Körperlichkeit. Ich habe nie zuvor etwas von Sybille Berg gelesen, aber mir war freilich bekannt, dass sie sehr spitz, pointiert und klug schreibt – und dass sie polarisiert. Das hat sich für mich mit ihrem jüngsten Roman bestätigt, der obendrein herrlich sarkastisch ist. Jeder, der schon eine längere Beziehung geführt hat, wird sich darin wiederfinden. Garantiert! Selbst wenn er es sich vielleicht nicht eingestehen will. Ein großartiges, schonungsloses, unbedingt zu lesendes Buch!

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Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand von Sibylle Berg ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN  978-3-446-24760-4, 256 Seiten, 20,50 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Begeistert hat mich dieses Buch durch seine unglaubliche Wucht der Sprache. Klar, präzise, hemmungs-, scham- und schonungslos. Sibylle Berg muss sich nicht erst warmlaufen, sie langt sofort mit der Faust dorthin, wo es weh tut“, schreibt Sonja von lustzulesen.de.
– „Denn die Romane von Sibylle Berg muss man aushalten können! Ihre Figuren fragen sich beständig, warum das Leben so ist, wie es ist, und welchen Sinn das Ganze hat. Man könnte es sich auf dieser Welt schließlich so schön machen – aber man macht es nicht“, erklärt Wolfgang Tischer auf literaturcafe.de.
– Und hier könnt ihr euch den sehr amüsanten Trailer zum Buch anschauen.

IMG_8384„Man lernt die Welt immer besser kennen, trotzdem wird das Staunen größer, nicht kleiner“
Julian ist 22 Jahre alt und hat soeben seine erste Trennung hinter sich gebracht. Obwohl er Judith nicht mehr liebt, wirft es ihn aus der Bahn, dass er jetzt ohne sie weitermachen muss. Er ist orientierungslos und verwirrt, findet keinen rechten Antrieb und setzt sich kein Ziel. Also verbringt er den Sommer erst einmal damit, sich um ein Zwergflusspferd zu kümmern. Es ist in Professor Behams Garten untergebracht, und Julian übernimmt den Job vorübergehend von Tibor, einem Freund, den er sehr mag und gleichzeitig beneidet: „In Tibors Leichtigkeit steckte eine Schönheit, die mir wirklich gefiel, aber sie bedrückte mich auch wegen der Hoffnungslosigkeit dahinter, die machte mich fertig.“ Das Flusspferd ist alles andere als leicht, schwer ist es und schwerfällig, behäbig, gleichgültig. Es frisst und schläft und stinkt. Und ihm dabei zuzusehen, hilft Julian, ein bisschen runterzukommen. Allerdings nur zum Teil, denn der Professor hat eine verdammt ansehnliche und interessante Tochter namens Aiko …

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich bei einem Interview mit Arno Geiger zugehört und war sehr beeindruckt von dem schmalen Mann mit den pointierten Antworten. Er hat kurz über den Entstehungsprozess seines neuesten Buchs gesprochen, an dem er vier Jahre gearbeitet hat und das sich grundsätzlich von seinen vorigen Romanen unterscheidet – für die der Autor sich jeweils einen völlig neuen Blickwinkel angeeignet hat. Ich kenne davon nur Es geht uns gut, sein Debüt, mit dem er den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, und das fand ich damals sehr gut. In Selbstporträt mit Flusspferd schreibt er über einen 22-Jährigen und tut dies so überzeugend, dass ich ihm jedes Wort und jede Regung glaube. Das ist das eigentlich Faszinierende an diesem Buch – dass es Arno Geiger derart gut gelungen ist, sich in einen Menschen am Beginn seines Erwachsenenlebens hineinzuversetzen.

Nun ist es allerdings so, dass die meisten Zwanzigjährigen – zumindest die, die ich kenne – so unfertige Persönlichkeiten sind, unkonzentriert, wabernd, haltlos, und damit nur bedingt interessant. Weil es da einfach noch nicht viel zu sehen gibt. Coming of Age, ja, natürlich, aber com doch bitte mal in die Gänge! Es ist einerseits grandios beschrieben, wie Julian vor sich hin sumpert, leidet, das Flusspferd beobachtet und um Aiko herumschwenzelt. Aber ein wenig eintönig ist es auf Dauer auch, und das finde ich schade, weil ich mir für das Buch mehr Drive, mehr Handlung, mehr Ergebnisorientiertheit gewünscht hätte. Was absurd ist, weil ein Zwanzigjähriger genau das alles eben nicht hat. Genausowenig wie ein Flusspferd. Auf jeden Fall gilt in Bezug auf Arno Geiger: lesen. Zur Not halt eines seiner anderen Bücher.

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Selbstporträt mit Flusspferd von Arno Geiger ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-24761-1, 288 Seiten, 20,50 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Der Witz ist: Auf gewisse Weise hat Julian ein Flusspferd-Gemüt. Er ist ein Langweiler im Niedrigenergie-Modus, vor sich hin grübelnd über banale Lebensweisheiten, sinn- und ziellos wie eine Tschechow-Figur. Ein vom Aussterben bedrohtes Wesen in einer jungdynamischen, durchdesignten Gesellschaft“, heißt es auf spiegel.de.
– „Scheinbar passiert hier nicht viel: Ein 22-Jähriger hängt beim Erwachsenwerden fest, zwischen Frauen und Unsicherheiten. Arno Geigers Roman Selbstporträt mit Flusspferd erzählt von dieser Wartesaalstimmung – und trifft unser Gegenwartsempfinden“, schreibt zeit.de.

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Bücherwurm Mariki

Subjektiv und selektiv. Mariki rezensiert Bücher: Im Bücherwurmloch wird die literarische Kost goutiert, wiedergekäut oder ausgespuckt.

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