Frank O. Rudkoffsky: Dezemberfieber

Rudkoffsky.JPG„Manchmal habe ich das Gefühl, dass schon hinter kleinsten Rissen ein Abgrund klafft“
Endlich ist es soweit: Bastian und Nina fliegen in den Urlaub nach Thailand. Darauf freuen sich die beiden, die eine Fernbeziehung führen, seit Monaten. Beinahe hätte es nicht geklappt, denn Bastians Vater ist kurz zuvor gestorben, und einen Streik gab es auch noch. Er hat es aber rechtzeitig geschafft, die Beerdigung abzuwickeln und den Nachlass zu regeln. An Entspannung ist in Thailand trotzdem nicht zu denken: Während Nina vor Tatendrang sprudelt, will Bastian sich eigentlich nur betäuben. Deshalb taumelt er von Bar zu Bar, verschwitzt, verärgert, mit der Bürde der Vergangenheit auf den Schultern – und einer genervten Freundin an der Seite. Was tut ein Mann in einer solchen Situation? Richtig. Er haut ab. Bastian schließt sich einer Gruppe rund um eine geheimnisvolle Frau an, die eine Art Geocaching-Abenteuer inszeniert. Doch egal, mit wem oder wohin Bastian geht: Was einst mit seiner Mutter geschehen ist, verfolgt ihn überallhin.

Frank O. Rudkoffsky hat ein Buch über einen jungen Mann geschrieben, der glaubt, der Tod seines Vaters würde ihm nicht den Boden unter den Füßen wegziehen – und der nicht merkt, dass er längst dabei ist, in den Abgrund zu fallen. Weil er es nicht wahrhaben will. Weil er sich mit Händen und Füßen wehrt – und dabei jeden schlägt, der in seine Nähe kommt. Allen voran natürlich Freundin Nina, die als geradezu nervtötend perfekt beschrieben wird. Da gibt es Spannungen, die schon lange in der Beziehung sitzen, und Spannungen, die von Bastian induziert sind, weil er in einer selbstzerstörerischen Phase steckt. Was genau in Bastians Kindheit geschehen ist, erklärt der Autor anhand von Briefen bzw. Nachrichten in einem Buch, in dem Bastians Eltern miteinander geschrieben haben, als sie wegen der Depression von Bastians Mutter nicht mehr offen miteinander reden konnten. Nach dem Tod des Vaters besitzt nun Bastian dieses Buch. Nur erträgt er es nicht, darin zu lesen.

Ich mag an Dezemberfieber die Sprache. Ich mag einzelne Szenen, wie beispielsweise dass die Zikaden aufschrillen, als Bastian und die fremde Frau sich anschauen. Ich mag den Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit im Spiel der Perspektiven. Was ich an Dezemberfieber nicht mag, ist Bastian. Ganz unerträglich finde ich den egozentrischen Kerl. Wie ihm in der Hitze Thailands alles entgleitet, ist absolut glaubwürdig und einfühlsam beschrieben. Bloß würde ich ihn, während er säuft und sich bemitleidet und sich aufführt wie ein Vollidiot, am liebsten packen und schütteln, auf dass er endlich aufwachen und sich seinem Schmerz stellen möge. Vielleicht muss ich mich als Frau automatisch ein bisschen mit der blassen Nina identifizieren, vielleicht tut sie mir einfach nur leid. Womöglich hab ich auch keine Geduld für Jungspunde, die nicht den Mumm haben, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Das ist natürlich höchst subjektiv. Daran, dass Dezemberfieber ein gutes Buch ist, ändert das nichts. Tobias vom Buchrevier, der mich auf dieses Buch gebracht hat, hat Recht, wenn er schreibt: „Aber können diese Newcomer auch schreiben? Nach den ersten Seiten von Dezemberfieber atmete ich befreit durch. Ja, zumindest Frank Rudkoffsky kann es. Sehr gut sogar.“

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Dezemberfieber von Frank O. Rudkoffsky ist erschienen im Verlag duotincta (ISBN 978-3-946086-02-4, 316 Seiten, 16,95 Euro). Hier findet ihr noch eine Besprechung bei Literaturen.

Little Booknotes

thumb_IMG_6900_1024Kurze Meldungen zu 8 Büchern
In den letzten Wochen habe ich einige Bücher gelesen, über die ich nicht unbedingt schweigen will, zu denen ich aber auch nicht allzu viel zu sagen habe. Das bedeutet nicht zwangsweise, dass sie mir nicht gefallen haben – meine Gedanken dazu reichen nur ganz einfach nicht aus für eine umfassende Besprechung. Daher serviere ich euch hier ein paar Kurznotizen dazu und freu mich natürlich über Meldungen von eurer Seite: Kennt ihr einen der Romane? Und wie ist eure Meinung dazu?

 

  1. Jonathan Löffelbein: Besucher. Kladdebuchverlag, 180 Seiten, ISBN 978-3-945431-10-8, 19 Euro.

Jonathan Löffelbein ist erst 24 Jahre alt und hat bereits ein Buch veröffentlicht. Seit er ein Kind ist, steht er auf diversen Bühnen. Er ist jung und wild und kreativ – und hat sich für sein Debüt nicht zurückgehalten. Gleich der Teufel ist es, den er auftreten lässt: Protagonist Thomas, der sich eben noch umbringen wollte, bekommt Besuch von einer merkwürdigen Gestalt, die ihn zwingen will, sich nicht selbst zu töten, sondern jemand anderen. Was folgt, ist ein wirrer Reigen aus Wahnvorstellungen und unerklärlichen Ereignissen, aus verrückten Dialogen, Neid, Missgunst und Vorträgen über die Moral und/oder Scheinheiligkeit. Einerseits hat dieser Roman mich mit seiner Kraft und Kompromisslosigkeit beeindruckt, andererseits hat mich all der Irrsinn zum Teil derart überfordert, dass ich kaum weiterlesen konnte. Ein hochgradig merkwürdiges, bemerkenswertes, absurd krasses Buch.

  1. Richard Flanagan: The narrow road to the deep North. Man Booker Prize 2014, auf Deutsch: Der schmale Pfad ins Hinterland, Piper Verlag, 448 Seiten, ISBN 978-3492057080, 24 Euro.

Dies ist ein Buch über den Krieg. Dorrigo Evans ist gefangen in einem japanischen Lager, wo die Soldaten beim Bau der „Line“ – der Strecke für die Eisenbahn – am Burma Death Railway verheizt werden. Sie sterben im Namen des Kaisers wie die Fliegen, ohne dass Dorrigo, der als Arzt arbeiten soll, etwas dagegen tun kann. „A happy man has no past, while an unhappy man has nothing else“: Noch Jahrzehnte später denkt Dorrigo an die Erlebnisse im Gulag. Und er denkt immer noch an Amy, die Frau seines Onkels, in die er rasend verliebt war, bevor er in den Krieg musste. Nie hat er erfahren, was aus ihr geworden ist. Dieses Buch ist wahnsinnig traurig und deprimierend und brutal, es zeigt die Grausamkeit des Krieges in all seinen trostlosen Details. Stellenweise war es mir viel zu langatmig. Lieblingszitat: „A good book leaves you wanting to reread the book. A great book compels you to reread your own soul.“

  1. Martin Kordić: Wie ich mir das Glück vorstelle. Hanser Verlag, 176 Seiten, ISBN 978-3-446-24529-7, 17,40 Euro.

Ebenfalls dem Krieg widmet sich dieses Buch, das den Leser mitnimmt ins ehemalige Jugoslawien. Erzählt wird die Geschichte von einem Jungen, Viktor, der sich ganz allein durchschlägt – er sucht in zerbombten Städten nach Essen, er weicht den herumsirrenden Kugeln aus, er tut sich mit Weggefährten zusammen, die er später wieder verliert. Alles an diesem Buch ist furchtbar, jede Seite tropft vor Blut, jeder Satz weint vor Einsamkeit. Viktor hat die schrecklichste Kindheit, die man sich vorstellen kann – und die viele Kinder in der Realität tatsächlich erleben. Ich hatte während der ganzen Lektüre einen Kloß im Hals. Ein Roman, der mitten ins Herz schneidet.

  1. Simon van Booy: Die Illusion des Getrenntseins. Insel Verlag, 207 Seiten, ISBN 978-3-458-17592-6, 18,95 Euro.

„Liebe ist auch eine Verletzung und kann nicht ungeschehen gemacht werden“, schreibt Simon van Booy in diesem Buch, das ebenfalls den Krieg zum Thema hat. Es geht darin um einen Mann, der als Baby mitten in einem Getümmel voller Nazis von einer mutigen Frau gerettet wurde. Um ein blindes Mädchen, das sein Leben sehr selbstständig führt und die Liebe findet. Um einen Mann, dem im Krieg der halbe Kopf weggeschossen wurde und der nie mehr als der lebte, der er eigentlich war. Gut geschrieben ist dieser Roman, wenn auch ein wenig verwirrend in seinem steten Zeiten- und Personenwechsel. „Wir werden alle durch etwas bestimmt, das wir nicht ändern können.“ Im Fall des Krieges ist das auf jeden Fall wahr.

  1. Gudrún Eva Mínervudóttir: Alles beginnt mit einem Kuss. Btb Verlag, 384 Seiten, ISBN 978-3442746095, 9,99 Euro.

Bücher aus Island haben stets etwas merkwürdig Geheimnisvolles. Zumindest gilt das für jene, die ich bisher gelesen habe – wie etwa dieses hier. Es geht darin um eine Frau, die Adoptivmutter des Erzählers David, die ihrer Meinung nach einen Musenkuss erhalten hat. Er hat sie zur Künstlerin gemacht, und sie kann ihn weitergeben. Doch als sie das tut, geschehen verrückte Dinge, die schließlich den Tod bringen. Jahre später versucht David endlich herauszufinden, was damals geschehen ist. Das ist alles mehr als seltsam, aber interessant und unterhaltsam zu lesen. Am coolsten und zugleich am schrägsten in diesem Buch sind die Comics und Zeichnungen.

  1. Germán Kratochwil: Scherbengericht. Picus Verlag, 312 Seiten, ISBN 978-3-85452-682-7, 22,90 Euro.

2012 war dieses Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Autor, der in Österreich geboren ist, wanderte als Kind nach Patagonien aus. Dort spielt auch sein Roman, in dem er zwölf Leute zu einer Geburtstagsfeier versammelt. Doppelbödig soll das sein, schwarzhumorig und konfliktträchtig. Viel kam davon jedoch nicht bei mir an, weil mich die Geschichte absolut nicht gepackt hat. Ich hab versucht, mich durchzuwühlen, konnte aber keinen Gefallen daran finden. Es war mir zu langweilig, leiernd, nichtssagend.

  1. Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Nagel & Kimche, 176 Seiten, ISBN 978-3312004980, 8,99 Euro.

Dafür, dass dieses Buch ein völlig unspektakuläres Thema behandelt, hat es für recht viel Aufsehen gesorgt. Die Autorin erzählt darin auf sehr persönliche Weise von einer ebenso schweren wie mysteriösen Krankheit, die sie für sehr lange Zeit ans Bett gefesselt hat. Die einzige Ablenkung in dieser Zeit war für sie eine Schnecke auf einer Topfpflanze, die sie geschenkt bekam und fortan beobachtete. Davon berichtet sie – gemischt mit viel Wissen über die Schnecke an sich. Dieses Buch ist kurzweilig und interessant, für mich aber kein Highlight. Was man durch die Lektüre lernen kann: Entschleunigung.

  1. Sandra Weihs: Das grenzenlose Und. Frankfurter Verlagsanstalt, 192 Seiten, ISBN 978-3627002206, 19,90 Euro.

Vor einer Weile hab ich die ersten 50 Seiten dieses Buchs als Manuskript bekommen, ein wenig redigiert und mit Feedback zurückgeschickt. Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse von dieser Story erzählt bekam, dachte ich: Moment – das kommt mir doch bekannt vor! Die Österreicherin Sandra Weihs hat den Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung bekommen und ihr Debüt veröffentlicht. Ich war natürlich sehr darauf gespannt, zu lesen, was aus dem Manuskript geworden ist. Auf den ersten Seiten war sofort klar, dass es viel, viel besser ist – kraftvoller, lebendiger, witziger. Sandra Weihs hat auf jeden Fall Talent. Ein wenig schade finde ich, dass das Buch in der zweiten Hälfte schwächer wird und in vorhersehbaren Kitsch abdriftet. Für einen Erstling ist das ganz in Ordnung, der große Clou ist es noch nicht.

High Five mit Bov Bjerg

Bov-Bjerg_2_Foto-Milena-Schlösser.jpgWenn ich eine Figur aus einem Roman wäre, dann Bartleby. “I would prefer not to” ist auf ziemlich viele Zumutungen des Erwachsenen-, also: Erwerbslebens die einzig richtige Antwort.

Ich ordne meine Bücher nach Rückenbreite. Oben links die schmalen 1-Punkt-Reclams, unten rechts Moby Dick. Macht auch das Regal schön standfest.

Das Cover meines aktuellen Buchs wird an Schlichtheit und Schönheit von keinem anderen Buchcover so schnell übertroffen werden können.

Viel zu selten verwendet wird das Wort anderthalb! (http://xrays.antville.org/stories/1071579/)

Das Buch meines Lebens gibt es nicht. Einzelne Texte vielleicht: Hebel, Unverhofftes
Wiedersehen; Kleist, Über das Marionettentheater; Lukasevangelium, Der
verlorene Sohn.

BjorkBov Bjerg wurde 1965 in Württemberg geboren und lebt seit 1984 in Berlin. Er ist Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und hat lange Jahre als Autor, Kabarettist und Redakteur gearbeitet. 2015 erschien sein Roman Auerhaus im Blumenbar Verlag, das von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde. Foto von Milena Schlösser.

Gail Jones: Five Bells 

Jones„It takes patience to see what is true in this world“
Es ist ein sonniger Tag, an dem vier Menschen aus verschiedenen Gründen zum Circular Quay in Sydney fahren, wo das Opernhaus und die Harbour Bridge begehrte Fotomotive für Tausende Touristen sind. Ellie will sich nach vielen Jahren mit James treffen, der mit 14 ihre erste große Liebe war, sie denkt ständig an ihn und alles, was sie miteinander erlebt haben. James dagegen, der inzwischen als Lehrer arbeitet, ist nach einer Trägodie am Boden – und findet keinen Weg, neu anzufangen. Einen schweren Verlust verkraften muss auch Catherine aus Dublin, deren Bruder bei einem Unfall gestorben ist. Und Pei Xing lebt schon sehr lange mit dem Schmerz, den der Tod ihrer Eltern während der Kulturrevolution für sie bedeutet. Sie besucht regelmäßig jene Frau im Altersheim, die ihr einst viel Leid zugefügt hat. Vereint sind alle vier im Zufall, der sie an diesem Tag an diesen Ort bringt, so auch ein entführtes kleines Mädchen unterwegs ist …

Gail Jones scheibt überraschend träumerisch, mit einer seltsam schleppenden, melodischen Sprache, die nicht wirr, aber dennoch schwer zu durchdringen ist. Die australische Autorin verwebt in Five Bells das Schicksal von vier Figuren, von denen nur zwei sich kennen: Ellie und James, deren Liebesbeziehung schon ein halbes Leben zurückliegt. Der Roman umfasst nur einen einzigen Tag – und viele Erinnerungen. Jeder Charakter kommt gleichermaßen zu Wort und erhält die Möglichkeit, von sich und seinem Leben zu erzählen. Wieso ist jeder Einzelne von ihnen hier? Welche Abzweigungen haben sie auf ihrem Weg genommen, welche Entscheidungen haben sie getroffen, was ist ihnen zugestoßen? Davon berichten sie auf ebenso emotionale wie resignierte Weise: Das Leben ist, wie es ist. Und dann geht es zu Ende.

Es gibt Bücher, denen man anmerkt, dass der Autor seine Figuren sehr gern hat, dass er liebevoll mit ihnen umgeht, mit ihnen leidet, sie einspinnt in einen Kokon aus Worten. Dazu gehört Five Bells. Ein solcher Umgang mit den Charakteren färbt immer auf mich ab: Ich mag sie dann auch. Ich will nicht, dass ihnen etwas Böses geschieht. Schließlich müssen sie ja wohl liebenswert sein. Ich nehme Anteil an ihrem Schicksal, gewöhne mich an sie und vermisse sie, wenn ich das Buch ausgelesen habe. Das ist vor allem dann der Fall, wenn ein Autor so ausgezeichnet schreiben kann wie Gail Jones. Ich werde Ellie, James, Catherine und Pei Xing deshalb in guter Erinnerung behalten, auch wenn ich mit dem Romanende nicht ganz einverstanden bin. Ein sehr schönes, melancholisches, intelligentes Buch – von meiner Seite eine große Leseempfehlung.

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Five Bells von Gail Jones ist auf Deutsch erschienen unter dem Titel Ein Samstag in Sydney bei Edition Nautilus (ISBN 978-3-89401-778-1, 256 Seiten, 22 Euro). Eine Rezension dazu findet ihr bei Sophie von Literaturen.

Judith Kuckart: Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück

KuckartEin Reigen aus elf Episoden
Eine Nachbarschaft mit ganz gewöhnlichen Menschen: Zwei Frauen leben dort, Emilie und Maria, die gemeinsam alt werden, in einem Bett. Zusammen urlauben sie in einem tschechischen Kurhotel, wo die Dinge ein wenig außer Kontrolle geraten. So ergeht es auch dem achtzehnjährigen Leonhard, der Silvester allein zuhaus verbringt. Als er am Neujahrsmorgen aufwacht, liegt eine fremde Frau in seinem Haus. Sie ist wesentlich älter als er – und völlig verrückt. Sie jobbt in einer Bäckerei und hat eine erfundene Tochter namens Ronja. In der nächsten Nacht verliert Leonhard seine Jungfräulichkeit an sie – bevor sie wieder verschwindet. Währenddessen sind Leonhards Eltern und Schwestern im Urlaub, wo auf sehr unspektakuläre Weise eine Scheidung beschlossen wird. Was all diese Menschen verbindet? Eine Person: ein Klavierlehrer mit langen Haaren, Retter in der Not, Anlass für Eifersucht, Todbringer.

Was ist das Glück? Wo finden wir es und wie? Das sind Fragen, die sich wohl alle Menschen stellen – genau wie die Figuren in den elf Episoden dieses Buchs. Die bekannte Autorin Judith Kuckart schreibt in diesen kurzen Interlinking Storys über Leute, die einander kaum kennen, in der Nähe voneinander leben, aber nichts miteinander zu tun haben. Wie bei einem halben Adventskalender öffnet sie elf Türchen und lässt mich in die Häuser sehen, für einen Moment nur: Wer lebt dort mit wem? Lieben sie sich? Haben sie Geld? Und: Sind sie glücklich?

Judith Kuckart kann wahnsinnig gut schreiben, schlicht und schlau und schön. Nicht jede dieser Kurzgeschichten begeistert mich, die eine gefällt mir, die andere nicht. Insgesamt sind sie alle wunderbare Mini-Kaleidoskope, die fiktive Leben in ihre bunten Aspekte zerlegen. Der Interlinking-Aspekt macht dabei großen Spaß: Taucht in einer Story jemand auf, den ich bereits aus einer anderen Geschichte kenne, freue ich mich, ihm wieder zu begegnen – und noch mehr über ihn zu erfahren. Ein Buch mit einem poetischen Titel und kleinen, feinen Episoden über Menschlichkeit und Verlust, überraschende Ereignisse und das Glück.

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Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück von Judith Kuckart ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9807-7, 220 Seiten, 19,99 Euro).

Silvia Overath: Robbe schwimmt rückwärts

Overath.jpg„Das Mögen und die Lust und die Freude werden zurückkommen“
„Hoffnung ist so ein großes Wort. Es ist eins von den Wörtern, die ich gerne hassen würde. Ich finde es aber leider sehr schön. Auch weil es keine wirkliche Alternative gibt.“ Mit Alternativen ist es überhaupt so eine Sache für Mona: Die gehen ihr langsam aus. In allen großen deutschsprachigen Städten hat sie sich schon beworben und vorgestellt. Mona will Schauspielerin werden und wünscht sich nichts sehnlicher als einen Platz an einer Schauspielschule. Doch sie wird nirgends angenommen, und wenn es auch in der letzten Stadt nicht klappt, wird Mona ihre Träume begraben und ein Studium beginnen. Ihre Mutter unterstützt sie zwar, wünscht sich aber einen anderen Beruf für Mona, etwas Sicheres, das bald Geld bringt. Der Vater ist Seemann und war Monas ganzes Leben lang jener Mann, auf den vorwiegend gewartet wurde, weil er stets abwesend war. Bei ihrem letzten Vorsprechen steht Mona enorm unter Druck. Sie beobachtet alle Konkurrenten genau, vergleicht sich, analysiert, zerdenkt, schwankt zwischen Hoffnung und Resignation. Sie spielt das Gretchen und kommt eine Runde weiter. Doch nur die wenigen, die in allen drei Runden überzeugen, darf auf die Schauspielschule …

Die junge deutsche Autorin Silvia Overath, geboren 1986, macht in ihrem ersten Roman Robbe schwimmt rückwärts einen Traum und seine Konfrontation mit der Realität zum Thema. Das schmale Buch mit knapp 150 Seiten widmet sich einfühlsam und klug einem 19-jährigen Mädchen, das eine klare Vorstellung von seiner Zukunft hat – aber wieder und wieder an den Hürden scheitert, die es auf dem Weg in diese Zukunft meistern müsste. Der zeitliche Rahmen des Romans erstreckt sich auf wenige Tage und umfasst Monas letzte Versuche, Schauspielerin zu werden. Sie spielt und singt, sie macht Stimmübungen und wandert durch Räume, sie küsst unsichtbare Frösche und müht sich mit jeder Aufgabe ab, gibt sich formbar, aber mit Persönlichkeit. Was wollen sie sehen? Wie kann Mona überzeugen? Ist sie der richtige Typ oder ist sie zu klein, zu blass, zu hässlich? Und immer ist da der Neid: auf die Konkurrenten, die einen Tick besser zu sein scheinen, denen alles leichter fällt, die spontaner sind und textsicherer. Ebenso groß wie der Neid ist die Angst vor dem Scheitern, vor dem Abgelehntwerden und dem Aufgebenmüssen.

Die Zeit, die Mona in Robbe schwimmt rückwärts erlebt, ist extrem emotional, belastend und aufwühlend. Minutiös und detailreich legt Silvia Overath den Aufnahmeprozess dar, diesen Seelenstriptease, den Kampf gegen die eigenen Schwächen und Unsicherheiten. Und das macht sie richtig gut. Sie hat sich derart vollständig in ihre Protagonistin eingefühlt, dass ich ihr jedes Wort glaube – und mit Mona mitleide. Wie kann ein junger Mensch so etwas ertragen? Es ist unmöglich, eine Ablehnung – nachdem man drei Tage lang vor lauter Fremden sein Innerstes nach außen gekehrt hat – nicht persönlich zu nehmen. Jede Kritik, jedes Ignoriertwerden schmerzt, und da es für Mona die allerletzte Chance ist, schmerzt es noch mehr. Dieser Debütroman birgt Momentaufnahmen im Wechselspiel zwischen Hoffen und Scheitern, und zwar auf sehr kluge, gefühlvolle Weise. Ich habe ihn sehr gern gelesen.

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Robbe schwimmt rückwärts von Silvia Overath ist erschienen im Rotpunktverlag (ISBN 9783858696601, 160 Seiten, 18 Euro).

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Carla Guelfenbein: Nackt schwimmen

Guelfenbein„Um nicht zu erlöschen, muss die Liebe unentwegt mit Hindernissen konfrontiert sein, die sie unmöglich machen“
Chile im Jahr 1972: Der Putsch des Militärs steht kurz bevor. In dieser aufgeheizten Zeit werden aus den beiden ungleichen Nachbarinnen Sophie und Morgana Freundinnen. Sophie geht noch zur Schule und ist sehr eigen, schon jetzt zeigt sich das Talent, das sie später zu einer bekannten Künstlerin machen wird. Morgana ist Anfang zwanzig und beginnt eine Affäre mit Sophies Vater, der für den Präsidenten arbeitet. Er ist attraktiv, redegewandt und kommt bei Frauen gut an. Sophie soll von der Affäre, die sich direkt vor ihrer Nase abspielt, nichts wissen – doch als Morgana schwanger wird, fliegt alles auf. Und genau zur selben Zeit bricht in Chile das Chaos aus: Das Militär reißt die Macht an sich, Sophies Vater muss untertauchen – und Morgana ist in großer Gefahr …

Carla Guelfenbein, 1959 in Santiago de Chile geboren, ist eine ausgezeichnete Schriftstellerin. Sie thematisiert in ihren Romanen die Geschichte ihrer Heimat – auch in ihrem hier vorliegenden vierten Buch – auf eine sehr direkte und aufwühlende Weise. Carla Guelfenbein nennt die Dinge beim Namen. Sie erzählt von der Angst, die damals herrschte, von Willkür, Mord und Folter. Menschen verschwinden, werden getötet und verscharrt. Zwei der drei Protagonisten geraten mitten hinein in diesen Wahnsinn, müssen sich verstecken, können sich wochenlang nicht sehen, dürfen niemandem ihren Aufenthaltsort verraten. Und doch ist all diese Mühe letztlich umsonst. Das ist fesselnd, spannend und tragisch, sehr gut geschrieben und dramaturgisch perfekt umgesetzt. Diese chilenische Schriftstellerin versteht ihr Handwerk.

Ich habe von Carla Guelfenbein bereits Der Rest ist Schweigen gelesen, ein wahnsinnig trauriges Buch, das mich unheimlich berührt hat. Derart intensiv ist Nackt schwimmen nicht, aber auf jeden Fall auch außerordentlich emotional. Der Verrat, der unverzeihlich schien, wird im Licht der späteren Ereignisse zu einem fiesen Trick des Schicksals, das sich wieder einmal als Einziges ins Fäustchen lacht. Dass in einer Dreiecksbeziehung niemand gewinnen kann, ist klar. Doch die politische Situation jener Zeit führt dazu, dass nur einer der drei überlebt. Die Entscheidungen, die Sophie, ihr Vater und Morgana treffen, haben Jahrzehnte später noch Auswirkungen – auf die nächsten Generationen. Ein ebenso wichtiges wie lesenswertes Buch!

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Nackt schwimmen von Carla Guelfenbein ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3100278265, 304 Seiten, als Taschenbuch erhältlich).