Matthias Jügler: Raubfischen

Jügler„Kleine Wellen pflanzen sich zu immer größeren fort“
„Ich bin auf den Tag genau sechzehn Jahre alt. Eine Umarmung meiner Mutter ist ungefähr das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.“ Noch um einiges schlimmer ist für Daniel allerdings, dass sein Großvater an ALS erkrankt. Ihre Beziehung ist vor allem von einem geprägt: dem Fischen. Als Daniel vier Jahre alt war, durfte er zum ersten Mal mitfahren nach Schweden, wo seine Großeltern eine Hütte besaßen, und bekam eine Kinderangel in die Hand gedrückt. Stundenlang saß er mit seinem Opa auf dem Boot und lernte alles über die Unterwasserwelt: „Daniel, stell dir vor, du bist schwach. Alles in dir ist auf Ruhe ausgerichtet. Du kannst nicht stundenlang mit dem Jagen deiner Nahrung verbringen. Du kannst es nicht: Es ist Winter. Dein Herz schlägt nur noch so oft wie nötig.“ Der Großvater war streng, es gab öfter mal eine Ohrfeige oder Hausarrest, und er verbot ihm den Umgang mit dem Schweden Henrik. Der Grund dafür hatte jedoch mehr mit der Großmutter zu tun. Nun muss Daniel zusehen, wie dem Großvater die Kontrolle über seinen Körper abhandenkommt, wie er sich am Familientisch beim Kuchenessen verschluckt, nicht mehr aus dem Bett aufstehen kann, ins Heim ziehen muss. Da gibt es für den Teenager nur eine Möglichkeit: Er nimmt seinen Großvater mit. „Das Beatmungsgerät liegt neben dem Kescher auf dem Boden des Bootes. Ich habe es in eine Tüte gepackt, damit es nicht nass wird. Ein Schlauch und ein paar Kabel liegen herum. Sie führen nach oben und verschwinden unter seinem langärmeligen Hemd. Die Batterie seines Beatmungsgerätes ist frisch aufgeladen. Dreieinhalb Stunden noch.“

Raubfischen ist ein stilles Buch, schön wie ein glasklarer, ruhiger See – und auf den zweiten Blick voller Untiefen. Der junge Autor Matthias Jügler skizziert darin die Freundschaft zwischen einem Jungen und seinem Großvater, die gar nicht so harmonisch und liebevoll ist, wie man das erwarten würde, für den 16-jährigen Protagonisten aber dennoch sehr wichtig. Während er erwachsen wird, geht das Leben des Großvaters zu Ende – und zwar au sehr unwürdige und tragische Weise. Der Roman besteht aus verschiedenen Ebenen: den Erinnerungen an Schweden, der Gegenwart mit der Krankheit sowie Einschüben über das Verhalten von Fischen. Die Mixtur ist gut gelungen. Überhaupt beweist Matthias Jügler in diesem feinsinnigen Roman ein gutes Gespür für Stimmungen, Gefühle und Kummer. Sein Sprachnetz ist durchwirkt von Melancholie und Wehmut. Daniel muss lernen, loszulassen, er muss etwas aufgeben, das er nicht missen will, und er muss sich verabschieden. Er tut dies mit einer waghalsigen Aktion, die verrückt ist und menschlich und gut. Genau wie dieses Buch.

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Raubfischen von Matthias Jügler ist erschienen im Blumenbar Verlag (ISBN 978-3-351-05014-6, 224 Seiten, 16 Euro). Hier findet ihr den Trailer zum Buch.

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

IMG_8511„Bei uns ist man stolz darauf, das wildeste, böseste Volk der Welt zu sein“
„In Guerrero regierten Hitze, Leguane, Spinnen und Skorpione. Das Leben war so gut wie nichts wert.“ Das gilt besonders für das Leben eines Mädchens. Denn neben dem tödlichen Getier herrschen in diesem öden Dschungelgebiet Mexikos auch die Drogenbosse. Sobald sie hören, dass es irgendwo ein hübsches Mädchen gibt, kommen sie und holen es, verkaufen und benutzen es. Deshalb muss die junge Ladydi – benannt nach der britischen Prinzessin – möglichst hässlich aussehen. Und wenn ein SUV am Horizont auftaucht, rennen die Mädchen zu den Erdlöchern, die ihre Mütter für sie gegraben haben, und verstecken sich. Als Ladydis Freundin Paula eines Tages nicht schnell genug ist, wird sie verschleppt. Retten kann sie niemand, schon gar nicht ihr Vater, denn der ist ebenso verschwunden wie die meisten Männer von Guerrero. Auch Ladydis Vater ist über die Grenze in die USA gelangt und hat den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Ihre Mutter, immer schon so rau und unzugänglich wie die unwirtliche Landschaft, ist seitdem noch härter geworden. Ladydi ist ein stilles, von all den Unmöglichkeiten und dem Schmerz erfülltes Mädchen: „Meine Haut war die Innenseite und all meine Adern und Knochen die Außenseite. Besser, ich stieß mit niemandem zusammen, dachte ich.“ Kaum hat sie die Schule beendet, will sie fort, und ihr Cousin Mike bietet ihr dazu die Chance in Form einer Stelle als Kindermädchen in der Stadt. Doch dann hält Ladydi plötzlich ein großes Paket Heroin in der Hand und zwei Menschen sind tot.

Die amerikanische Autorin Jennifer Clement wuchs in Mexiko-Stadt auf und hat für diesen Roman zehn Jahre lang vor Ort recherchiert. Durch die vielen Gespräche mit mexikanischen Frauen, die unter den kriminellen Machenschaften der Drogenbosse leiden, ist es ihr gelungen, in Gebete für die Vermissten ein sehr konkretes und authentisches Bild der Betroffenen zu zeichnen. Ihre Protagonistin Ladydi ist zwar introvertiert und nachdenklich, aber auch knallhart und gewieft. Die Art, wie sie zwischen Skorpionen und Vergewaltigern aufwächst, hat nicht das Geringste mit meiner eigenen behüteten Kindheit zu tun. Die Mädchen von Guerrero sind rund um die Uhr in Gefahr, und außer dieser Gefahr bietet ihnen ihr Heimatort nur Alkoholiker, Pflanzengift und Drogen. Jennifer Clement bedient sich für diese harte Geschichte einer harten Sprache, ihre Worte sind geschliffen wie die Machete von Ladydis Mutter. Sie kennt keine Gnade, sie erzählt vom Leben dort so ungeschönt und schroff, wie es eben ist. Diese Direktheit hat eine ganz eigene Eleganz und Eindringlichkeit, die ich sehr mag. Dies ist ein Buch, das einen unmittelbar an den Haarwurzeln packt und daran rüttelt. Dabei ruhig zu bleiben, ist schlicht unmöglich. Tagelang geht mir das Gelesene nicht aus dem Kopf. Und auch jetzt sind die Bilder noch überaus lebendig. Gebete für die Vermissten ist daher nichts für Leser mit schwachen Nerven – aber perfekt für alle, die eine gute Story und ausgezeichnete Bücher lieben.

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Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42452-0, 228 Seiten, 19,95 Euro). Hier könnt ihr auch einen Trailer zum Buch anschauen.

Askim Utkuseven: Rache auf Türkisch

IMG_8476Ein heiterer türkischer Reigen
„Veganer haben es schwer in der Türkei, ganz besonders die, die wirklich kein Fleisch essen.“ In diesem sarkatisch-selbstironischen Ton sind die Momentaufnahmen in Rache auf Türkisch gehalten: Askim Utkuseven präsentiert Szenen und Skizzen, witzige Augenblicke und feurige Dialoge – die alle einem Motto unterstellt sind, wie beispielsweise Erben, Beten, Betrug, Ehekrach. Jede Geschichte ist kurz, im Durchschnitt etwa zehn Seiten lang – und überaus erheiternd. Da gibt es den jungen türkischen Mann, de ehrenhaft versucht, seine vegan lebende Freundin in der Türkei satt zu bekommen, eine rasante Führerscheinprüfung auf Türkisch oder eine Frau, die weiß, dass ihr Bräutigam sie betrügt und die ihn deshalb finanziell bis auf die Unterhosen auszieht. Da wird geschrien und getobt, auf die Seite gesprungen und köstlich gekocht, alles auf Türkisch eben.

Es braucht wohl jemanden mit einem feinen Blick auf die eigene Kultur, um so spitzfindige Beobachtungen zu Papier zu bringen. Die Autorin zieht zudem die messerscharfe Grenze zu den deutschen Sitten, denn die meisten Erzählungen finden in Deutschland mit Deutschtürken statt. Askim Utkuseven ist in Istanbul geboren und schreibt ganz ausgezeichnet über türkische Klischees: „Hüte deine Zunge, Frau, ich bin ein Türke, ich habe meinen Stolz, und heute siege ich, ich unterwerfe mich weder der Gesellschaft noch meiner Mutter!“ Ich habe mich glänzend amüsiert und kann euch dieses besondere kleine Buch zur Erheiterung für zwischendurch auf jeden Fall empfehlen.

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Rache auf Türkisch von Askim Utkuseven ist erschienen im Divan Verlag (ISBN 978-3-86327-025-4, 160 Seiten, 15,90 Euro). Hier könnt ihr der Autorin ein bisschen beim Lesen zusehen.

Joshua Max Feldman: Das Buch Jonah

IMG_8510Ein Buch mit biblischer Wucht
„Es sind doch bloß Geschichten, Jonah. Bloß Geschichten, die wir uns aus dem zusammenreimen, was uns zugestoßen ist. Wir dichten den Ereignissen Sinn oder Moral an, beschließen, dass sie nur so passieren können, wie es die Vorsehung will und nicht etwa der Zufall.“ Das sagt Judith zu Jonah, als Jonah Judith endlich findet und ihr alles erzählt. Aber beginnen wir am Anfang. Da hat Jonah, 32 Jahre alt, noch seinen Job als Anwalt in New York, Aussichten auf eine Partnerschaft, den Arsch voll Arbeit, eine Freundin namens Sylvia, die ebenfalls zur Elite der Besserverdiener gehört, und eine Geliebte namens Zoey. Nach einem wirren Gespräch mit einem orthodoxen Juden hat er plötzlich Visionen und sieht beispielsweise alle Menschen nackt. Diese Ausnahmezustände erschüttern ihn bis ins Mark: „Da wusste er, was so schlimm an seinen Visionen war, weshalb sie ihn so erschrecken und quälen konnten und sein Leben mit einem Mal so öde und leer erscheinen ließen: Sie stimmten.“ Zunehmend verliert er seine Ziele aus den Augen, und innerhalb kürzester Zeit bricht das Leben, das er so sorgsam und mit viel Mühe aufgebaut hat, um ihn herum in Stücke: Er verliert seinen Job, seine Wohnung sowie beide Frauen – und fast seinen Verstand. Gescheitert geht er nach Amsterdam, wo er Judith trifft. Sie trägt eine tragische Geschichte mit sich herum, denn ihre Eltern sind bei 9/11 gestorben. Ihre gesamte Kindheit und Jugend lang war sie die Beste in der Schule und an der Uni, doch dann warf sie alles hin und arbeitet mittlerweile für einen korrupten Casinobesitzer in L. A. Dort sucht Jonah nach ihr – und nach der Erlösung.

Das Buch Jonah von Joshua Max Feldman ist ein schwergewichtiges Opus. Im Klappentext heißt es: „Mit leichter Hand versetzt Joshua Feldman die biblische Geschichte von Jonah und dem Wal in unsere moderne Welt.“ Dem „leicht“ möchte ich allerdings entschieden widersprechen, denn leicht ist in diesem Roman gar nichts. Sehr schwergewichtig und pathetisch kommt das Debütwerk von Joshua Max Feldman daher – was wohl Sinn macht, wenn man bedenkt, dass er sich zur Inspiration nichts Geringeres als das Alte Testament ausgesucht hat. Um diesen Roman zu verstehen, muss man nicht unbedingt in Bibelkunde bewandert sein, das Original rund um Jona und den Wal zumindest in den Grundzügen zu kennen, hilft aber durchaus. Wobei ich jedoch gestehen muss, dass ich die Parallelen nicht unmittelbar erkennen kann, denn der „echte“ Jona soll ja in Gottes Auftrag einer Stadt von ihrem Untergang künden, wird von einem Wal verschluckt und wieder ausgespuckt. Davon lässt sich eigentlich nichts auf den modernen Jonah umlegen. Er ist ein Abziehbild von einem amerikanischen Emporkömmling, der in der New Yorker Anwaltsszene Karriere gemacht hat und plötzlich nicht mehr so unbeteiligt ist, wie er es immer war: „Er merkte, dass er eine grundlegende Fähigkeit verlor – dass sie ihm abhandenkam: die Fähigkeit, wegzusehen.“ Das ist die Basis für all die Veränderungen in Jonahs Leben.

Das Buch Jonah hat gute und weniger gute Stellen. Oftmals ist es sehr verwirrend und abgedreht, weil es stilistisch und inhaltlich die Orientierungslosigkeit des Protagonisten spiegelt. Das ist beim Lesen sehr anstrengend und herausfordernd. Dann wieder zeichnet der Autor seinen Helden sehr weich, zeigt ihn verletzlich und verloren. Auch Judith bekommt eine eigene Perspektive, die vielleicht nicht ganz konsequent durchgezogen ist, aber durchaus ihr Gewicht hat. Insgesamt ist dieser Debütroman ein ganz eigenes Kaliber: originell und einzigartig, gehaltvoll und intensiv, abstrus und unerklärlich. Auf jeden Fall ein ganz besonderes Erlebnis.

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Das Buch Jonah von Joshua Max Feldman ist erschienen im C. Bertelsmann Verlag (ISBN 978-3-570-10203-9, 400 Seiten, 19,99 Euro).

Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Meyer„Gefährliche Sache, diese frojen! Lächeln dich an und schon sagst du zu allem Ja“
Motti heißt eigentlich Mordechai Wolkenbruch und ist ein orthodoxer Jude. Seit seine mame sich in den Kopf gesetzt hat, dass er heiraten soll, präsentiert sie ihm eine Kandidatin nach der anderen – und alle sehen aus wie sie. Also nicht gut. Aber für seine Ausflüchte hat sie kein Verständnis: „Offenbar herrschte im Gehirn meiner Mutter ein permanenter Kurzschluss, egal wie man die Kabel auch immer legte.“ An einer anderen Frau hat Motti dagegen sehr wohl Interesse: an seiner Kommilitonin Laura – doch die ist leider eine Schickse. Und das ist in Familie Wolkenbruch ein absolutes Tabu, denn sie lebt streng religiös und hält sich an die Regel, dass Juden am besten unter sich bleiben: „Die briln ist vom jüdischen Optiker, die matraz vom jüdischen Bettwarenhändler und das ojto vom jüdischen Garagisten.“ Was also tun, wenn das Herz in die eine Richtung zieht – und die Familie in die andere?

Was für ein saulustiges Buch! Ich habe mich mit Thomas Meyer und seinem Motti glänzend amüsiert – auf der Rückreise von der Leipziger Buchmesse, wo dieses Buch zu meinem großen Glück den Weg in meine Tasche gefunden hat (nein, ich habe es nicht geklaut). Erst mal war ich erstaunt darüber, dass Thomas Meyer beinhart so viel Jiddisch einbaut. Nach zwei, drei Seiten fand ich das aber gleich richtig toll und originell. Bei allen bisher verspeisten Büchern mit jüdischen Protagonisten ist mir sowas bisher noch nie untergekommen. Quasi sofort hat sich das pure Vergnügen eingestellt – und ist bis zum Schluss geblieben, obwohl der Roman ganz anders endet, als ich es erwartet habe. Motti ist ein supersympathischer Buchheld, der aus dem Judentum auftaucht wie aus der Versenkung. Er hat sein Leben hinter einer großen Schutzmauer verbracht – und als er erkennt, dass es „da draußen“ schickere Brillen, Alkohol, Partys und Sex gibt, will er verständlicherweise nicht mehr zurück. Allein – seiner Familie fehlt dieses Verständnis komplett. Deshalb ist es einigermaßen herzzerreißend, Motti dabei zuzusehen, wie er nach einem Weg für sich selbst sucht – und wie er letztlich, um ihn zu finden, alles verlieren muss. Trotz dieser traurigen Seite an der Geschichte ist Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse ein sehr heiteres, intelligentes und unbedingt zu lesendes Buch!

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Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-24280-5, 288 Seiten, 10,90 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Thomas Meyers Entwicklungsroman im Stile Woody Allens ist eine religiöse Emanzipationsgeschichte – mit zuverlässig witzigen Pointen“, heißt es auf faz.net.
– „Thomas Meyer, in seinem zweiten Leben offenbar als sprach- und kommunikationsgetriebener Werbetexter tätig, erzählt dies alles frisch und leicht, durchsetzt mit unzähligen jiddischen Einsprengseln“, wird auf nzz.ch geschwärmt.
– Und das ist die Meyer’sche Website.

Marina Mander: Meine erste Lüge

IMG_8240Das traurigste Buch
Luca ist zehn Jahre alt und kennt seinen Vater nicht. Er lebt in einer Wohnung mit seiner Mutter, die manchmal verliebt ist und manchmal niedergeschlagen, er geht in die Schule und hat einen Freund. Und eines Morgens hat er auf einmal auch ein großes Problem: Seine Mama liegt tot im Bett. Was soll er tun? Wenn er die Polizei ruft, muss er ins Waisenhaus, und da will Luca auf keinen Fall hin. Also lässt er seine Mama vorerst einfach mal, wo sie ist, und versucht, seinen Alltag weiterzuführen. Er wäscht und kämmt sich, geht allein zur Schule und sogar mit Freunden ins Kino, kümmert sich um Kater Blue und bereitet sich einfache Mahlzeiten zu. „Mama sagt, dass dicke Kinder als Erwachsene eine Menge Probleme bekommen, ich bin nicht dick und habe schon jetzt eine Menge Probleme.“ Nachts ist die Angst am schlimmsten, und am Wochenende flippt er fast aus, aber er hält tapfer durch. Allerdings wird sein Problem immer größer statt kleiner: Der Kühlschrank ist bald leer, die sauberen Unterhosen gehen ihm aus, und zu allem Übel fängt die Mama auch noch an zu stinken …

Meine erste Lüge der italienischen Autorin Marina Mander ist ein unfassbar trauriges Buch. Es ist, als hätte die Schriftstellerin die Traurigkeit selbst zwischen Buchdeckel gepresst und in Worte gegossen. Das liegt weniger an ihrem eher gewöhnlichen Stil als vielmehr an der Situation, in die sie ihren zehnjährigen Protagonisten schubst: Nicht nur, dass ihm die Mutter wegstirbt, nein, sie verwest auch noch im Schlafzimmer, während er verzweifelt versucht, so normal weiterzumachen wie möglich. Er kämpft mit schier unmenschlicher Tapferkeit und bleibt dabei seltsam stoisch und cool: „Man kann keine Hausaufgaben machen, wenn einem die Mama gestorben ist.“ Ich gehe fast ein vor Mitleid. In dieser Hinsicht ist Meine erste Lüge sehr emotional und aufwühlend. Recht viel mehr hat der Roman jedoch nicht zu bieten, denn das Beschriebene ist ganz einfach alles, was geschieht. Ich habe das ganze Buch über auf eine Lösung des Problems gewartet und war am Ende recht enttäuscht. Was will Marina Mander uns wohl sagen? Dass das Leben ein Kübel Scheiße ist, der manchmal über einem Zehnjährigen ausgeschüttet wird.

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Meine erste Lüge von Marina Mander ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05543-7, 192 Seiten, 16,99 Euro).

Heinrich Steinfest: Das grüne Rollo

Steinfest„Selbst die eingebildeten Dinge müssen gelebt werden“
Es ist exakt 23.02 Uhr, als vor Theos Fenster plötzlich ein grünes Rollo runterrattert. Ein Rollo, das der Zehnjährige noch nie gesehen hat und das seines Wissens niemand an seinem Fenster befestigt hat, weil seine Eltern etwas dagegen haben, die Zimmer abzudunkeln. Er hat Angst, ist aber auch fasziniert – besonders, als er entdeckt, dass er durch das Rollo eine fremde Welt namens Nidastat betreten kann. Dort trifft er auf Anna, die in einer lebensbedrohlichen Lage steckt und seine Hilfe braucht, um den Männern mit den Feldstechern zu entkommen. Jahrzehnte später ist Theo längst ein erfolgreicher Astronaut und hält die Episode mit dem Rollo für eine fantasievolle Phase aus seiner Kindheit. Doch dann verschwindet Anna erneut …

Heinrich Steinfest ist offenbar ein bisschen verrückt. Zumindest schreibt er Bücher, die es sind. Das war mir gar nicht so bewusst. Ich habe vor Jahren sein Buch Nervöse Fische gelesen, das ich als sehr gut in Erinnerung behalten habe und das auch schon recht durchgeknallt war, schwamm doch da einer im Pool, den ein Hai totgebissen hatte. Da um Steinfests letzte Romane ein recht großer Hype entstanden ist und er 2014 mit Der Allesforscher auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, bin ich neugierig geworden auf sein aktuelles Buch. Der österreichische Autor erzählt darin die Geschichte eines Jungen, der etwas ganz Unglaubliches erlebt: Er steigt in ein grünes Rollo, das jede Nacht um 23.02 Uhr vor seinem Fenster auftaucht, und erlebt Abenteuer in einer völlig anderen Welt. Diese Teile sind im Buch in grüner Schrift gehalten. Theos Ausflüge erinnern freilich ein wenig an Phantásien und die unendliche Geschichte – ein Vergleich, der naheliegt, dem Das grüne Rollo aber nicht standhalten kann. Das ist bei Michael Ende allerdings wohl ohnehin unmöglich. Trotzdem aber beeindruckt Heinricht Steinfest mit der Macht seiner Fantasie und seinen obskuren Einfällen: ein Messer namens Lucien, eine Weltraumkatze, eine Schwester, die es vorher gar nicht gab.

Das Beste an diesem Buch ist das Ende – weil Heinrich Steinfest hier mit einer großen Überraschung aufwartet. Plötzlich fügt sich alles zusammen, plötzlich ergibt alles Sinn – und mit diesem sehr schönen Aha-Moment schließt sich der Kreis. Das fand ich ausgesprochen gut. Davor hat mich die Lektüre aber ehrlich gesagt oft ein wenig ratlos gemacht und verstört, ich bin wohl nicht so der Typ fürs Absurde. Das grüne Rollo ist gut zu lesen, flüssig geschrieben, in einem ganz eigenen Duktus: Wer dieses Buch aufschlägt, lässt die altbekannten Regeln hinter sich und erlebt etwas Neues, Fantastisches, Bizarres. Darauf muss man sich einlassen, ohne es zu hinterfragen. Dann lässt sich mit dem grünen Rollo ganz ausgezeichnet Spaß haben.

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Das grüne Rollo von Heinrich Steinfest ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05661-8, 288 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Die neurologische Entzifferung zum Schluss holt die Geschichte zurück auf den Erdboden der Aufklärungsgesellschaft, dem man sich gerade so wohlig enthoben fühlte“, befindet buecherrezension.com.
– Ein witziges kurzes Interview mit dem Autor findet ihr hier.