Jan Brandt: Gegen die Welt

Die Ödnis eines Kleinstadtlebens
Daniel Kuper wächst auf in der ostfriesischen Kleinstadt Jericho, mit seinen Schwestern, den Zwillingen, seiner Mutter Birgit und seinem Vater Hard, dem die Drogerie im Ort gehört. Daniels Eltern werden beide vom typischen Soll-das-alles-gewesen-sein-Frust gebeutelt, den Hard mit gepflegten Seitensprüngen und vergnüglichen Skatabenden kompensiert, während Birgit keine Rückzugsmöglichkeiten hat. Daniel ist seit dem Tag, an dem ihn ein Ufo – das einen Kornkreis hinterlassen hat – entführt haben soll, bekannt wie ein bunter Hund. Das ist ihm allerdings gleichgültig, dreht sich sein Universum doch um seine Lehrer, die Schulfreunde Stefan, Onno und Volker, um Musik, das erste Prakitkum, Alkohol und die alles überschattende Langeweile. Wer in Jericho groß wird, kennt natürlich nur ein Ziel: die Stadt irgendwann zu verlassen. Schließlich gibt es hier ganz einfach – nichts.

Jan Brandt erzählt und erzählt – aber er hat nichts zu sagen. Gegen die Welt ist ein gehyptes „Deutschlandbuch“, das auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Und es ist ein Buch, das geradezu verblüffend viele Seiten für minimalen Inhalt braucht. Der Ansatz, einen normalen Jungen in einer faden Kleinstadt zu porträtieren, ist ja nun alles andere als neu, aber er ist gut. Allein aus meiner jüngeren Lesezeit fallen mir dazu Die Glasfresser von Giorgio Vasta und Ist schon in Ordnung von Per Petterson ein. Während dort aber entweder ein wie auch immer gearteter Ausbruch aus dem Gefängnis der Bedeutungslosigkeit oder sprachliche Finesse den guten Ansatz zu einem abgerundeten Buch vervollständigen, ist bei Gegen die Welt weder das eine noch das andere der Fall. Jan Brandt berichtet von Schulalltag, Mobbing, Partys und immer gleichen, stereotypen Gesprächen. Wo aber bleibt die Prämisse? Oder ein ironisches Augenzwinkern? Warum gibt es keinen Höhepunkt, keinen Wortwitz, keine Schlagfertigkeit dem Schicksal gegenüber? Ich kann und will es wegen der fantastischen Kritiken lange Zeit nicht glauben, aber dieser Roman ist tatsächlich so langweilig wie die Stadt und der Junge, von denen er handelt.

Inhaltlich erschreckend banal und voller Klischees, ist dieses Buch sprachlich okay, aber nicht exzellent. Jan Brandt schreibt geradlinig, Satzperlen sucht man vergebens. Gegen die Welt ist wie der Zeitungslokalteil einer Stadt die ich nicht kenne – Todesfälle, eine Bürgermeisterwahl, Hakenkreuz-Geschmiere an den Wänden (ausgerechnet!), kleinere Sachbeschädigungsfälle, Klatsch und Tratsch und lauter Namen, die mir nichts sagen. Das mag ja unter einem gewissen voyeuristischen Aspekt eine Weile interessant sein – aber nicht über 927 Seiten. Ab und zu macht der Autor einen Ausflug ins Paranormale und rutscht ab in ein bisschen Pseudo-Sci-Fi, was vielleicht die allzu dröge Handlung aufpeppen soll, auf mich aber völlig deplaziert wirkt. Jan Brandt bildet minuziös ein dörfliches Teenagerleben in all seinen uninteressanten Details ab und weicht keinen Zentimeter von seinen spiegelglatten Beschreibungen ab. Vermutlich ging also an den „außerirdischen“ Stellen seine Fantasie mit ihm durch, weil sie gar so verzweifelt war. Ich stelle nicht den Anspruch, dass Literatur eine Kopfreise sein muss, ein Wegträumen aus der Realität, nein. Aber will ich wirklich lesen, wie ungeheuerlich klischeehaft eine deutsche Kindheit und Jugend sein kann? Jan Brand schreibt viel – und gibt nichts preis. Ein deutscher Alltag mit leblosen Dialogen und extrem blassen Abziehbildern von Figuren bietet nichts zum Festhalten, trotz aller Versuche, ihn ins Absurde absacken zu lassen. Es passiert viel zu wenig für 927 Seitwen, 300 hätten auch gereicht. Viel Paranoia, viel typisches Dorfmisstrauen und zum Drüberstreuen ein bisschen religiöse Hysterie – das ist mir einfach zu platt. Und während viele die typografische Experimentierfreude loben, können die vernebelten und doppelspaltigen Passagen in meinen Augen nur ein Scherz sein, hat zum Beispiel Salvador Plascencia in Menschen aus Papier doch eindrucksvoll bewiesen, auf welch ungewöhnliche Art man ein Buch setzen und wie meisterhaft man Inhalt und Typografie verknüpfen kann. Das Fazit meiner Schimpftirade: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
das Cover ist so langweilig und farblos wie das Buch – dabei hat Dumont sonst so schöne Titel!
… fürs Hirn: der ewige Krampf mit deutscher Literatur und der Erwähnung von Mein Kampf und Hakenkreuz-Graffiti: soll schockieren, lockt doch aber echt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Öfter mal was Neues!
… fürs Herz: dieses Buch zu lesen, war gar nicht gut für mein Herz. Wäre es nicht verschwendete Energie, ich hätte mich glatt über seine Sinnlosigkeit ärgern können.
… fürs Gedächtnis: nichts, nein, danke, ich möchte nichts.

Dieser Roman ist nominiert für den „M Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

3 Gedanken zu “Jan Brandt: Gegen die Welt

  1. Ada Mitsou schreibt:

    Hui, da ist aber jemand… sauer?
    Mir hat „Gegen die Welt“ gut gefallen, wenn es auch nicht an der (Bewertungs-)Spitze steht. Vielleicht liegt das daran, dass ich die Parallelen zu meiner Heimatkleinstadt so auffällig fand und mich deswegen ein Stück weit in meine Jugend versetzt fühlte. Für mich war das Buch trotz des eigentlich mageren Inhalts sehr „spannend“.
    Aber was die Typografie betrifft, stimme ich dir vollkommen zu. Mich störten gerade die eingenebelten Passagen sehr. Die Begeisterung blieb also aus.

  2. Mariki schreibt:

    Ich bin mit großen Erwartungen und viel Vorfreude an „Gegen die Welt“ herangegangen. Ich bin selbst in einem Dorf aufgewachsen und kenne das Miniaturleben Tür an Tür mit den Nachbarn aus erster Hand. Als ich 13 war, haben die Weiber im Vorbeigehen gezischelt: „Schau sie dir an, die kleine Hure!“ – während ich gerade in die Kirche (!) zum Ministrieren (!) ging. Ich hätte gedacht, in Daniel Kuper vielleicht einen Seelenverwandten zu finden. Stattdessen habe ich ihn gar nicht kennengelernt, bis zum Ende des Buchs nicht. Ich weiß nicht, wer Daniel ist. Was will er vom Leben? Was richten die Verdächtigungen in seiner Seele an? Es ist schade, dass ich das nach über 900 Seiten nicht sagen kann – und das hat mich maßlos gestört.
    Dass du den Verlag angeschrieben hast wegen der unklaren Passagen, finde ich sehr lustig 😉 Allerdings bleibt mir die Bedeutung der vernebelten Absätze schleierhaft. Sollen sie anzeigen, dass Daniel nicht ganz bei Bewusstsein ist? Oder sollen sie einfach nur den Leser am Einschlafen hindern? 😉

    • Ada Mitsou schreibt:

      Also an einer Stelle kann ich die Einnebelung passend interpretieren, denn da wacht Daniel im Krankenhaus auf und ist nur so halb bei Bewusstsein, wodurch er immer wieder wegdämmert. Das ist schlüssig, weil er in dem Moment alles wie durch einen Nebelschleier wahrnimmt. Bei den anderen Stellen erschließt sich mir der Sinn allerdings nicht.
      (Das Anschreiben erfolgte übrigens in erster Linie, weil bei einem Exemplar von „1Q84“ der Druck an manchen Stellen auch nicht lesbar war, weswegen ich davon ausging, dass es vielleicht ein vorübergehendes allgemeines Problem sei.)

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