Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Von den wertlosen Hinterlassenschaften der Generationen
Aus dem Exil in Mexiko kehren Charlotte und Wilhelm in den Fünfzigerjahren heim in die DDR. Sie sind überzeugte Kommunisten und möchten im politischen Geschehen mitwirken. Ihr Sohn Kurt tut es ihnen in den Siebzigerjahren gleich, allerdings kommt er aus Russland, wo er von 15 Jahren Arbeitslager und Verbannung aufgehalten wurde. Verurteilt wurde er dazu aufgrund einer kritischen Bemerkung über Stalin und Hitler in einem Brief an seinen Bruder Werner – der in Russland gestorben ist. Mitgebracht hat Kurt seine russische Frau Irina. Ihrer beider Sohn Alexander verbringt seine Jugendjahre in einem ganz gewöhnlichen, nicht unbedingt lieblosen Elternhaus, bei der ersten Gelegenheit 1989 ist er weg. Er zeugt einen Sohn, Markus, mit dem er kaum Kontakt hat, er lehnt sich gegen den Vater auf, der als Historiker die Wahrheit im Sinne der Partei verdreht. Und viele Jahre später, als er an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat, schließt sich mit ihm der Kreis: Er reist nach Mexiko und wandelt auf den Spuren seiner Großeltern.

Man stelle sich eine Bühne vor, darauf eine Reihe Figuren: Sie heißen Charlotte und Wilhelm, Kurt und Irina, Nadjeshda Iwanowna, Alexander und Markus. Ein Spot richtet sich abwechselnd auf jeden von ihnen – der dann ein Kapitel lang Zeit hat, die Geschichte aus seiner Perspektive zu erzählen. So setzt sich in Eugen Ruges mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts ein Flickerlteppich aus einzelnen Sichtweisen zusammen, ein Patchwork der Zeitgeschichte, das Kaleidoskop eines Familiengeflechts. Die Ereignisse sind nicht chronologisch gereiht; ein zentrales Datum ist der 1. Oktober 1989, Wilhelms 90. Geburtstag. Diesen denkwürdigen Tag erleben alle Familienmitglieder aus ihrer Sicht. Zu sagen hätten sie einander viel, aber geredet wird nur über Belangloses, alles Wichtige wird totgeschwiegen. Die DDR ist nicht nur der Rahmen, sondern Lebenssinn und -inhalt. Von einer Generation zur anderen verliert sie an Bedeutung, für Urenkel Markus ist sie nur noch eine ferne Erinnerung. Eugen Ruge porträtiert eine Familie, die – im wahrsten Sinn des Wortes – hinter einer Mauer lebt, zusammengesperrt aufs Geratewohl, und die damit natürlich nicht glücklich ist. Ich mag, dass in diesem Buch nichts erklärt wird, man muss sich vieles zusammenreimen. Die DDR wird nicht breitgetreten und beschrieben, sie ist einfach und daher sowohl Hintergrund wie auch Wesenskern des Romans zugleich. Ihr Scheitern und ihr Zerfall zeigen sich am Leben von vier Generationen.

Als Österreicherin mit Baujahr 1983 habe ich nicht den geringsten persönlichen Bezug zur DDR, aber ein großes Interesse. Ob Ruges nun das beste DDR-Buch ist, wie man mancherorts liest, wage ich nicht zu beurteilen, habe ich derer doch zu wenig gelesen; jegliche Diskussion über seine Preiswürdigkeit ist ohnehin müßig – es sei ihm vergönnt. Fakt ist, dass ich In Zeiten des abnehmenden Lichts gern gelesen habe, weil es unaufgeregt ist, nostalgisch, voller Alltagspoesie und doch so unendlich belangslos wie unser aller Leben. Die Kraft dieses Buchs liegt im Normalen, im Vergänglichen, in der Gleichgültigkeit, die eine Generation der vorangegangenen entgegenbringt: „Dann steht er vor der Sonnenpyramide, ziemlich genau an dem Punkt, wo seine Großmutter vor sechzig Jahren gestanden haben muss, und fragt sich, was er eigentlich erwartet hat.“ Dies ist kein furios-fulminantes Buch, es reißt niemanden mit oder um, es provoziert (mich) nicht. Vielmehr strahlt es eine geradezu stoische Ruhe aus, ein gelassenes Hinnehmen des Wandels, mit dem man den eigenen Fehlern und Irrtümern ins Auge sehen muss. Oder, in Nadjeshda Iwanownas Worten: „In Slawa wurden jetzt die Kartoffeln gemacht, die ersten Feuer rauchten schon, das Kartoffelkraut brannte, und wenn erst mal das Kartoffelkraut brannte, dann war sie gekommen, unwiderruflich: die Zeit des abnehmenden Lichts.“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
originelles Cover, gut.
… fürs Hirn: die zeitgleiche und ineinander verflochtene Betrachtung einer Familie sowie der DDR.
… fürs Herz: die innere Zerbrochenheit aller Protagonisten, über die sie nie sprechen und die doch so stark spürbar ist.
… fürs Gedächtnis: ein angenehmes, aber nicht unbedingt bleibendes Leseerlebnis.

Dieser Roman ist nominiert für den „M Pionier“-Buchpreis der Mayerschen Buchhandlung!

4 Gedanken zu “Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

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