Francesco Pacifico: Geschichte meiner Unschuld

Von der Lächerlichkeit eines Gläubigen
„Ich brachte mein Leben damit zu, mich lächerlich zu machen und wie ein Idiot in Erwartung der Apokalypse an einer Straßenecke herumzuschreien.“ Piero Rosini, 29 Jahre alt und aussehenstechnisch mit Bauch und Buckel eher benachteiligt, hat den Glauben für sich entdeckt. Er ist Ultrapaptist geworden, hat damit seine Familie gegen sich aufgebracht und sich vom Geldhahn des vermögenden Vaters abgeschnitten. Er bewegt sich nun in gleichgesinnten Kreisen. Verheiratet ist er mit der schönen Alice, fasziniert aber von den Titten ihrer Schwester Ada. Er arbeitet beim katholischen Verlag Non Possumus, der ein antisemitisches Buch über das angebliche Jüdischsein von Johannes Paul II. veröffentlicht. Nach einem Zerwürfnis, dem der Verlust seiner Stelle folgt, zieht Piero spontan nach Paris, arbeitet dort als Praktikant und freundet sich – ausgerechnet – mit einer Gruppe hübscher Prostituierter an, von denen eine namens Clelia vorübergehend bei ihm einzieht. Benebelt von sexuellen Fantasien, die er nicht ausleben kann, verliert Piero zunehmend den Verstand – und am Ende noch weitaus mehr.

Geschichte meiner Unschuld des Italieners Francesco Pacifico ist ein überaus zynisches Buch, das einen fanatischen Katholiken der Lächerlichkeit preisgibt. Der Autor geht alles andere als zimperlich mit seinem Protagonisten um, lässt ihn unattraktiv und schlampig daherkommen, keinen hochkriegen und auch noch beruflich auf ganzer Linie versagen. Piero Rosini ist ein Loser. Oder, wie er es ausdrückt:“ Ich war ein riesiges haariges Aschenputtel, ein mattes verschwitztes Insekt.“ Ein fieses Spiel treibt der Autor mit seiner ungeliebten Figur und legt ihm, der unbedingt treu sein muss, eine Prostituierte ins Bett. Zudem lernt Antisemit Piero in Paris einen älteren Juden kennen, der – Überraschung – gar nicht so übel ist. Doch in Geschichte meiner Unschuld geschieht etwas Merkwürdiges: Obwohl der Autor so gemein mit Piero umspringt, mag man ihn auch als Leser nicht. Oft gewinnt ja auch ein unsympathischer Kauz das Herz des Lesers, wenn das Leben ihm nur oft genug ein Bein stellt. Das ist hier jedoch nicht der Fall. Piero Rosini ist und bleibt verbohrt, verschwitzt, hässlich, unflexibel und unmodern. Es ist moralisch vielleicht nicht unbedingt vertretbar, jemanden aufgrund seines Glaubens derart zu verhöhnen und dabei auch noch nur oberflächlich an den Klischees des Katholizismus zu kratzen, aber es ist amüsant und soll natürlich bewusst provozieren. Für die katholischen Italiener dürfte dieser Roman gar eine Art Befreiungsschlag sein, was vielleicht seinen großen Erfolg in der Heimat erklärt. Lustig ist das allerdings nur bis zur Hälfte des Buchs, denn dann nehmen – besonders im letzten Drittel – Stringenz und Verständlichkeit zusehends ab. Piero scheint schizophren zu werden, alles gerät aus den Fugen, das Ficken bzw. Nicht-Ficken aller Frauen, die er kennt – inklusive seiner eigenen – beherrscht seine Gedanken und macht ihn wahnsinnig. Das Ende dann ist die Krönung dessen, was ein Autor seiner Figur antun kann. Fazit: sehr böse, stellenweise unterhaltsam, insgesamt extrem wirr und zu handlungsfrei.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein schönes Cover.
… fürs Hirn: das Hirn muss sich sehr anstrengen, um mitzudenken, darf sich aber über viele hämische Witze freuen.
… fürs Herz: nein, nichts.
… fürs Gedächtnis: die Szene, die das Ende von Piero und dem Buch bedeutet – ein Klassiker und ein großer Lacher.

Geschichte meiner Unschuld von Francesco Pacifico ist erschienen bei Piper (ISBN 9783492054409, 352 Seiten, 19,99 Euro).

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