Miguel Syjuco: Die Erleuchteten

Verwirrung um ein verschwundenes Manuskript und seinen toten Autor
„Dann, vier Wochen nach Crispins Tod, rief mich seine Schwester an (ihre Stimme so dünn und blass wie ein Stück Bindfaden) und bat mich, seine Hinterlassenschaft zu veräußern; ich betrat seine muffige Wohnung, als wäre sie eine Gruft.“ War es Mord, Selbstmord oder ein Unfall? Crispin Salvador, ein philippinischer Schriftsteller, der 1988 gar für den Literaturnobelpreis nominiert war, ist tot. „Nur Crispin wäre boshaft genug, um jemanden umzubringen. Sich selbst eingeschlossen“, sagen die Kritiker über den „Panther der philippinischen Literatur“, mit denen Miguel Syjuco spricht auf der Suche nach dem verschollenen Manuskript The Bridges Ablaze seines verstorbenen Mentors. In der Hinterlassenschaft hat er es nicht gefunden, und so macht er sich auf nach Manila, das auch für ihn ein Zuhause ist. Seine Geschichte deckt sich mit Crispins – über die wir anhand von Manuskriptauszügen, Zitaten aus der Biografie, Internetblogs und Interviews etwas erfahren – , beide stammen aus reichem Hause, haben viele Geschwister und leben – die Brücken zu den Philippinen weitgehend abgebrochen – in Amerika. Frisch getrennt von seiner Freundin Madison, versucht Miguel vor den politischen Wirren der Philippinen herauszufinden, was Wahrheit ist, was Lüge, was Realität und was Fiktion.

Die Erleuchteten ist ein extrem vielschichtiger Roman mit zahlreichen Schnipseln aus verschiedensten fiktiven Werken – Essays und Bücher von Crispin Salvador, Einschübe des Autos selbst, Blogs etc. Zusammen ergibt dies eine farbenfroh schillernde, aber in ihrer Buntheit fast blendende Patchworkdecke. Das Bild, das am Ende in seiner Gesamtheit entsteht, ist nicht unbedingt klar, im Gegenteil: Immer mehr verstrickt sich Miguel Syjuco als Autor und als Protagonist – und mit ihm der Leser – in diese Suche nach dem verschwundenen Manuskript. Man kann den Facettenreichtum dieses verrückten Romans gleichsetzen mit einem durchbrochenen Lesefluss, dem mühevollen Aufklauben vieler Futzelchen und einer Menge Anstrengung. Das stürzt mich in einen Zwiespalt, denn ich finde die Charakterisierung des arroganten und unter mysteriösen Umständen verstorbenen Crispin interessant, ebenso die Einblicke in das Leben der philippinischen Reichen. Miguel Syjuco übertreibt es aber arg mit den Perspektivenwechseln, er mischt sich auch noch selbst als Autor ins Buch: „Der nächste Augenblick ist die einfachste Szene, die ich je getippt habe“, heißt es dann, oder: „Unser nostalgischer Protagonist sitzt auf dem Bett und blättert wieder einmal im Fotoalbum seines toten Mentors.“ Zum Glück sind die vielen verschiedenen Sichtweisen und Zitate durch unterschiedliche Schrifttypen gekennzeichnet. Wer den Mut für eine derart originelle Darstellung und einiges an Durchhaltevermögen mitbringt, finden in Die Erleuchteten einen Crashkurs über philippinische Geschichte, einen ratlosen Helden und jede Menge Rätsel. Ich muss allerdings zugeben, dass mich Mut und Durchhaltevermögen gegen Ende hin zusehends verlassen, während sich Miguels und Crispins Leben immer mehr vermischen und ich mich frage: Ist Miguel etwa eine von Crispins Romanfiguren? Oder ist es umgekehrt? Ein etwas zäher, unglaublich schräger, sehr wirrer, stellenweise ausgezeichneter Roman.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein gut gemachtes Cover.
… fürs Hirn: die Philippinen – was weiß unsereins schon darüber?
… fürs Herz: das Zerbrechen von Miguels und Madisons eher ungewöhnlicher Beziehung.
… fürs Gedächtnis: meine leider stetig zunehmende Verwirrung während der Lektüre, die sich die Waage hält mit der Begeisterung für die Machart und dem Interesse für den Inhalt.

Die Erleuchteten von Miguel Syjuco ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-93891-3, 446 Seiten, 22,95 Euro).

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