Pèter Farkas: Acht Minuten

Sich dem Alter ergeben
„Die alte Frau mochte es, wenn ihr der alte Mann vorlas. Was er las, war ihr einerlei, die Bedeutung der Wörter erreichte ihren Verstand meistens nicht, sie huschte nur über ihr Bewusstsein hinweg, indem sie dessen Oberfläche fast unmerklich kräuselte, wie ein feiner Lufthauch, der über Gräser streicht.“ Liebevoll kümmert der alte Mann sich um die alte Frau, er bereitet ihr Mahlzeiten zu, kleidet sie an und wäscht sie. Jeden Tag packt er die alte Frau und sich selbst warm ein, und dann setzen die beiden sich stumm auf den Balkon, um frische Luft zu atmen. Reden können sie nicht mehr miteinander, die Worte sind verschollen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn obwohl oder weil der alte Mann zusehends in die Nebelschleier des Alters abgleitet und die alte Frau sich längst darin verloren hat, brauchen sie keine Sprache: „Der alte Mann wusste mit Bestimmtheit, dass sich unter der Oberfläche die Umrisse der versunkenen Landschaft genauso abzeichneten wie die Morphologie des Meeresgrundes. Wollte er mit der alten Frau kommunizieren, musste er diese Gegenden kartographieren. Er machte das systematisch, so gut es eben ging, und steckte die Orientierungspunkte oft nach ehemals gemeinsamen Erinnerungen ab.“ Das Umfeld interveniert und will den beiden dementen Menschen helfen, richtet dabei aber eher Schaden an. Denn die zwei Alten haben sich eingerichtet in einer Symbiose, sie sind sich gegenseitig Körper, Stütze, Gedächtnis, sie ergeben sich dem Alter kampflos, willig, zufrieden.

Péter Farkas zeigt in Acht Minuten feinsinnig und detailreich, wie das Alter den Menschen zerbröselt, wie es seinen Geist mit grauen Schlieren durchzieht, wie es dem Körper das Augenlicht nimmt und die Bewegungsfähigkeit. Ich fürchte mich selten vor dem Alter, weil ich jung bin und stark, aber bei der Lektüre von Acht Minuten bekomme ich Angst, eine Angst, die mich ganz hilflos macht. Weil so eindringlich von Pilzbefall die Rede ist, von Windeln und Mundgeruch, von der Unmöglichkeit, zu lesen oder die eigenen Kinder zu erkennen. Dabei konzentriert sich der in Deutschland lebende Autor, der mit dem Sándor-Marai-Preis ausgezeichnet wurde, gar nicht so auf die negativen Aspekte des Alterns, er schildert sie als gegeben, notwendig, dazugehörig. Er gibt vielmehr den Blick frei auf das Leben, wie es ist, kurz bevor es zu Ende ist, und er stellt den alten Mann und die alte Frau als überraschend eigenständig dar, als wären sie einfach nur in einen anderen Bewusstseinszustand übergegangen, der weder besser noch schlechter ist als jener der Jugend. Das Buch ist konsequent aus der Sicht des alten Mannes erzählt, und das finde ich ebenso stark und authentisch wie störend. Einerseits ist es absolut bewundernswert, wie gut der Autor sich in die Lebensumstände eines Demenzkranken einfühlt, andererseits versteht man als Leser ebenso wenig wie der alte Mann selbst von dem, was um ihn herum vorgeht. Das blockiert für mich den Lesefluss enorm. Mäandernd und haltlos ist die Sprache von Péter Farkas, befremdlich und nicht greifbar. Sie stammt aus einer anderen Welt, jener des Alters, die ich noch nicht betreten habe. Redlich bemüht er sich, mir in allen Einzelheiten zu zeigen, wie es ist, alt zu sein, und ich kann es sehen, riechen, mich vor Mitleid und Angst krümmen, aber fühlen kann ich es nicht. Ich springe lieber auf wie ein trotziges Kind und laufe in den Garten, halte mir die Ohren zu und singe laut, will nichts hören von den Gefahren, die mir auflauern. Wunderschön ist sie dennoch, diese Auseinandersetzung mit Demenz und körperlichem Verfall, zärtlich gar und tröstend: „Der alte Mann saß mit offenen Augen da. Nichts zog ihn hinunter, er musste gegen keinerlei Schwerkraft ankämpfen, nicht aufbrechen, nicht irgendwo ankommen, seinem Bewusstsein stand es frei, sich an der gespannten Oberfläche des sich erweiternden Augenblicks ohne jeglichen Widerstand auszubreiten, und diese Gewichtslosigkeit, die Leichtigkeit durchwärmte seinen ganzen Körper.“ So gesehen klingt es beinahe erstrebenswert, alt zu werden. Ob das auch so ist, werden wir wohl früher oder später selbst erfahren.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
mir gefällt die auffällige Coverfarbe, ich kann jedoch mit den Tassen nichts anfangen, weil die zwei alten Menschen nicht zum Beispiel die Gewohnheit haben, häufig Tee zu trinken. Vielleicht sollen sie auch nur die Zweisamkeit symbolisieren.
… fürs Hirn: den Mut aufzubringen, der eigenen Angst vor dem Altern ins Auge zu sehen, dem Verfall, dem Verlust.
… fürs Herz: das Tröstliche, das im liebevollen Umgang der demenzkranken Menschen miteinander liegt.
… fürs Gedächtnis: die Überraschung meinerseits, wie sehr die vermeintliche Hilfe von außen das Leben der alten Menschen erschwert.

Acht Minuten von Péter Farkas ist erschienen im Luchterhand Literaturverlag (ISBN 978-3-630-87304-6, 16,99 Euro, 136 Seiten). Ein sehr interessantes Interview mit dem Autor, in dem er auch den Buchtitel erklärt, findet ihr hier.

2 Gedanken zu “Pèter Farkas: Acht Minuten

  1. Mariki schreibt:

    Und ich hatte schon überlegt, ob ich dir schreiben und dir das Buch empfehlen soll … ich dachte nämlich beim Lesen mal an dich und glaube, dass es dir gefallen wird – zumindest hoffe ich es.

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