Catherina Rust: Das Mädchen vom Amazonas. Meine Kindheit bei den Aparai-Wajana-Indianern

„Am Amazonas aufzuwachsen hieß für mich, sich in aller Ruhe dem Licht entgegenstrecken zu dürfen“
„Unser Leben in Mashipurimo verlief in einem ruhigen und immer gleichen Rhythmus: Wir standen mit dem ersten Sonnenstrahl auf und beendeten unseren Tag nicht lange nach Sonnenuntergang. Dazwischen das gemeinsame Mahl im Kreis der Sippe, die Jagd im Urwald, Beeren und Insekten sammeln, Kochen, Baden, Baumwolle pflücken, Boote flicken, Hängematten knüpfen, Perlschmuck fädeln, Kanu fahren, wieder Baden, wieder Essen. Nach Sonnenuntergang fand man sich in einer gemeinsamen Runde am Lagerfeuer ein und palaverte so lange, bis einem vor Müdigkeit die Augen zufielen.“ Von einem ganzen Dorf behütet wächst Catherina in den Siebziegerjahren am Amazonas auf, gemeinsam mit ihren Eltern, die die Sitten und Bräuche der Aparai-Wajana-Indianern erkunden, indem sie mit ihnen leben. Der Urwald und der Fluss sind ihr Spielplatz, in ihrer „Patin“ Sylvia, einem Mädchen, das ein wenig älter ist und ihr alles beibringen soll, findet sie eine liebe Freundin. Am besten schmeckt ihr das Affenfleisch, und sie liebt es, im Kreis ihrer Ziehfamilie mit der Hand aus dem Topf zu essen, sie spricht fließend Aparai und fiebert bei den Legenden mit, die abends am Feuer erzählt werden. Es ist ein Leben in enger Verbundenheit mit der Natur, die die maßvollen Indianer ernährt. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr bleibt Catherina in diesem Paradies, dann kehrt sie mit ihren Eltern zurück nach Deutschland, wo sie große Schwierigkeiten hat, sich einzufügen, die Gepflogenheiten zu erlernen, die Kälte auszuhalten. Über 20 Jahre dauert es, bis sie zurückkommt in den Urwald – und noch länger, bis sie den Reichtum in ihrem Inneren teilt und die Geschichten aus ihrer Erinnerung erzählt.

Wie eine Schatzkiste öffnet Catherina Rust ihr Gedächtnis und breitet in Das Mädchen vom Amazonas ihre Erlebnisse aus wie die Ketten aus Jaguarzähnen, Federkränzchen und Beinrasseln, die ihre eigene Tochter aus den versteckten Kartons zieht. Als Exotin gilt sie, wenn sie von ihrer Kindheit berichtet, weshalb sie meistens schweigt, viel Schmerz und Wehmut ist mit den Geschichten aus Mashipurimo verbunden. Weil sie von ihren Vertrauten weggebracht wurde und sich von ihren Freunden trennen musste, weil die Welt der Indianer in Gefahr ist, weil ihr Lebensraum systematisch zerstört und vergiftet wird. Denn Das Mädchen vom Amazonas ist nicht nur ein persönliches Memoir-Buch, sondern auch ein Denkmal für einen Stamm, wie er war, für ein Naturparadies, das stirbt, für eine Kultur, die unterwandert wurde; es ist eine Mahnung, eine Anklage. Im Mittelpunkt von Catherina Rusts liebevollen, gar zärtlichen Storys stehen die einzelnen Menschen, mit denen sie Zeit verbringen durfte, der weise Ariba und die kluge Antonia, die freche kleine Koi und das Glückskind Tanshi. Die Lebensweise der Aparai-Wajana-Indianer ist ebenso interessant wie befremdlich, ich lerne ihre Art zu jagen kennen, genügsam und rücksichtsvoll der Natur gegenüber, ich wundere mich über ihre Zwei-Frauen-Ehen und die Riten mit schmerzhaften Martermatten, sehe ihnen beim Feiern und Tanzen zu. Das Buch ist reich bebildert, die Schwarz-Weiß- und Farbfotos zeigen die Autorin als Kind, die Indianer bei ihren Tätigkeiten, jene Welt am Amazonas, die nicht nur geografisch weit weg ist von unserer Smartphone- und Facebook-Hektik. Viele solcher Bücher gibt es, über weiße Frauen in Afrika und Dschungelkinder, ich kenne kein einziges davon und habe keinen Vergleich. So bleibt mir zu sagen, dass Catherina Rusts Memoiren sehr lebensecht sind, dass sie die Erinnerungslücken eines Kindes mit recherchierten Informationen gefüllt hat, dass sie den Leser riechen, schmecken, spüren lässt, wie es war, damals im Urwald. Ich bin mit diesem Buch eingetaucht in einen fremdartigen Kosmos, habe die Ungezwungenheit und Freiheit seiner Bewohner kennengelernt und kann mich – im besten Fall – davon inspirieren lassen: „Das Leben in Mashipurimo kannte keine Eile, kaum Hektik, kein Burnout-Syndrom und nur selten schlechte Laune. Und vor allem keine Einsamkeit. Die Gemeinschaft stand über allem – Harmonie als (Über-)Lebensziel. Das Zeitempfinden war ein gänzlich anderes als bei uns. Gäbe es eine indianische Uhr, sie würde doppelt so viele Stunden zählen und zwischendurch, wenn es am schönsten ist, einfach anhalten.“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr logisches Cover.
… fürs Hirn: das Wissen aus erster Hand über das Leben eines Naturvolks, ein sehr emotionaler Tatsachenbericht, eine in Worte gefasste Dokumentation über eine wunderschöne Kindheit und eine versinkende Welt – es gibt nur noch maximal 200 Aparai.
… fürs Herz: die Liebe der Autorin zu diesem Dorf und seinen Menschen, die auch nach Jahrzehnten noch so unbezwingbar stark ist.
… fürs Gedächtnis: vor allem die Bilder, sie prägen sich – dem Hirn sei Dank – noch mehr ein als die Worte.

Das Mädchen vom Amazonas. Meine Kindheit bei den Aparai-Wajana-Indianern von Catherina Rust ist erschienen im Knaus Verlag (ISBN 978-3-641-06195-1, 15,99 Euro, 352 Seiten).

Hier könnt ihr euch den Trailer zum Buch anschauen.

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