Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen

Was, wenn du nichts mehr wert bist?
„Und nun saß ich da im Sessel und zitterte und pochte wie ein Herz, das frisch aus einem Körper herausgeschnitten worden war, um in einen anderen eingefügt und festgenäht zu werden“ – und nichts anderes ist Dorrit als dieses Herz, als die Ansammlung ihrer Organe, die anderen Menschen das Weiterleben ermöglichen sollen. Dorrit ist eine Entbehrliche, an ihrem 50. Geburtstag wurde sie, wie allgemein üblich, abgeholt und in die Zweite Reservebankeinheit für biologisches Material gebracht. Sie hat keine Kinder, niemand liebt sie, und als Schriftstellerin mit unregelmäßigem Einkommen ist sie keine kaufkräftige Person. In der Klinik erwartet sie Luxus: geräumige Zimmer, moderne Sportanlagen, Kino, Theater, Kunstgalerie, ein wunderschöner Garten. Anfangs wird sie vom Entsetzen über ihre Situation gebeutelt, doch sie gewöhnt sich schnell an ihr neues Leben, das zeitlich begrenzt ist von der drohenden Endspende. Dorrit und die anderen Entbehrlichen, mit denen sie sich anfreundet, müssen an Versuchen teilnehmen und sukzessive von ihren Körpern hergeben, was kranken Benötigten helfen kann – und am Ende alles: „Ein einziger hirntoter Körper kann bis zu acht Personen das Leben retten.“ Dorrit fühlt sich auf absurde Art wohl und sicher, sie treibt viel Sport, findet Anerkennung und die Liebe. Sie ist glücklich, und obwohl sie weiß, dass dieses Glück ein Ablaufdatum hat, steht sie plötzlich vor einem Scherbenhaufen, der größer und scharfkantiger nicht sein könnte.

Was ist ein Mensch wert, der keine Kinder hat und nicht zum Wirtschaftswachstum beiträgt? Soll die Gesellschaft ihn mittragen, welchen Nutzen hat die Allgemeinheit davon? Und wenn es einen solchen Nutzen nicht gibt: Wozu könnte man diese Menschen dann verwenden, wie sie nutzbar machen? Ungerührt und frei von Ironie beantwortet die schwedische Autorin Ninni Holmqvist diese Fragen, die uns in abgeschwächter Form allenthalben begegnen, mit einem dystopischen Gesellschaftsentwurf: Wer entbehrlich ist, wird reduziert auf seinen Körper, wird zu einem Haufen Organen, die gebraucht werden. Quasi über Nacht, so wird es im Roman dargestellt, wurde dieses System in Schweden eingeführt, nach einer Abstimmung zwar, aber dennoch seltsam diktatorisch, wobei nicht klar wird, von wem die Macht ausgeübt wird. Lebensberechtigt ist nur, wer mit Kindern, einer Vorbildfunktion oder viel Geld für den Fortbestand der Gesellschaft sorgt, alle anderen werden abtransportiert, ausgeweidet und entsorgt. Dies ist eine Idee, mit der die Einstellung, jeder Mensch müsse einen messbaren Nutzen haben, auf die Spitze getrieben wird; die feine Grenze hin zur Reduzierung des Menschen auf Produktivität und Effizienz wird im Roman überschritten. Da gibt es nichts zu jammern, ein Ausbrechen ist unmöglich, die Entbehrlichen fügen sich, lassen sich einlullen von den schönen Freizeitaktivitäten in der Klinik. Alt zu sein, hat keinen Wert, künstlerisch tätig zu sein, ebenso wenig, der Mensch wird rein rational und wirtschaftlich betrachtet. Es ist Mord, der hier gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hat, eine Rechtfertigung gar, und in stillen Momenten löst der nahe Tod Verzweiflung bei den Entbehrlichen aus und Mitgefühl beim Personal; ein Rest Menschlichkeit lugt zwischen den Zeilen heraus.

Kühl, abgeklärt und in allen Details konsequent schildert Ninni Holmqvist durch ihre Protagonistin Dorrit eine Situation, die im ersten Moment abschreckt und Entsetzen verursacht, auf den zweiten Blick aber gar nicht so befremdlich und unwahrscheinlich wirkt. Die Grenzbereiche der Ethik sind lange schon verschwommen, wir züchten uns Designerbabys, töten behinderte Föten, basteln mit menschlichem Material. Was davon rettet Leben und zerstört zugleich ein anderes? Inwiefern ist das moralisch vertretbar? Das sind Fragen, über die sich Regierungen und Ärzte aller Herren Länder den Kopf zerdenken. Was den Roman selbst betrifft, so überrascht er stets mit genial konstruierten Wendungen, alle paar Seiten spaziert ein unerwartetes Ereignis daher, sogar bis zum Schluss. Traurig ist er, absurd, lustig, nachdenklich, schmerzhaft, gruselig. Ich mag es, wie die Autorin mit dem Thema umgeht, wie sie den Leser hineinwirft in ein Meer aus Überlegungen zu Ethik und Moral, ohne ihm einen Rettungsring hinterherzuwerfen. Was mich allerdings stört, sind die zahlreichen sprachlichen Holpersteine, sperrig ist das Buch, wackelig sind die Sätze. Ich kann nicht ergründen, ob die stilistischen Unstimmigkeiten aus dem Original stammen oder einer schlechten Übersetzung geschuldet sind; leider ist der Roman nicht gut lesbar und geschmeidig, sondern stellenweise voller Geschwafel oder allzu banalen Formulierungen. Trotz der sprachlichen Schnitzer ist Die Entbehrlichen lesenswert, denn es geht in erster Linie um die Hintergründe, den Inhalt, um Menschlichkeit, um Würde, um das Altern, um Freiheit. Und es geht um die Liebe, die umso intensiver und tragischer ist, als sie zu spät kommt, viel zu spät.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
das Cover ist ein extrem aufmerksamkeitsheischender Hingucker, der eindringliche Blick der Frau lässt mich erschauern.
… fürs Hirn: das Hirn kann man sich zerbröseln beim Nachdenken über diesen Roman und die Fragen, die er aufwirft.
… fürs Herz: Mitgefühl, tiefe Trauer um diese Schar an alten Menschen, mit denen so herzlos umgegangen wird, die nur als Hautsack gefüllt mit wertvollen Organen gesehen werden.
…fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Leute, die Bücher lesen, tendieren dazu, entbehrlich zu werden. In hohem Maß.“

4 Gedanken zu “Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen

  1. fräulein liebherz schreibt:

    gruselige vorstellung, aber sicher nicht ganz so abwegig in anbetracht der gesellschaftlichen entwicklungen.
    bin neugierig geworden und werde mir das buch bald besorgen.

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