Herman Koch: Angerichtet

Vier Erwachsene, zwei Kinder, ein Verbrechen
Paul und seine Frau Claire treffen sich zum Abendessen mit Pauls Bruder Serge und dessen Frau Babette. Man diniert in einem feinen Restaurant, plaudert ein wenig über Scarlett Johansson, die Kellner, das Haus in Frankreich. Die vier geben sich kultiviert, das Restaurant ist ein teures, in dem man monatelang auf der Warteliste steht, doch Serge, „Spitzenkandidat der mächtigsten Oppositionspartei, haushoher Favorit für das Amt des Ministerpräsidenten“, hat sofort einen Tisch bekommen. Während er darauf drängt, zum eigentlichen Thema des Abends zu kommen, weichen die drei anderen ihm aus, veranstalten Ablenkungsmanöver, verlassen gar den Tisch. Paul berichtet aus dem Leben seiner Familie und von seinem Sohn Michel, von Unstimmigkeiten mit Lehrern und Nachbarn, von Gewalt und seiner Einstellung dazu. Schließlich kommt die Sache, um die die vier seit Beginn des Abends herumtanzen, auf den Tisch: Es geht um ihre Söhne und um eine Tat, die diese begangen haben, eine grausame, menschenverachtende Tat. Paul sieht das eher pragmatisch: „Man muss nicht alles voneinander wissen. Geheimnisse stehen dem Glück nicht im Weg.“ Außer natürlich, wenn diese Geheimnisse aufgedeckt und der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Um die Zukunft ihrer Kinder zu schützen, wollen Paul, Claire und Babette dies verhindern – um jeden Preis.

Wie ein vergnügliches Theaterstück mit allerlei Wirbel um Prominentenstatus und Speisenzubereitung beginnt Angerichtet von Herman Koch. Aber jeder weiß: „Wird im ersten Akt eine Pistole gezeigt, kann man Gift darauf nehmen, dass im letzten Akt auch damit geschossen wird. Das ist das Gesetz des Dramas.“ Deutlich sichtbar wird die Pistole anfangs nicht, doch die Atmosphäre ist derart spannungsgeladen, dass man sie als Leser ruhelos sucht, sie in der Handtasche von Claire vermutet oder in der Jackettasche von Paul. Oder ist Serge der eigentliche Ganove, steckt hinter dem Politikerlächeln ein Rüpel, wie Paul denkt: „In seinem tiefsten Inneren war Serge immer ein Bauer geblieben, ein ungehobelter Arsch. Derselbe ungehobelte Arsch, der früher wegen seiner Rülpser vom Tisch weggeschickt wurde.“ Ganz klar: Paul ist rasend eifersüchtig. Aber hat er recht? Oder ist Serge trotz Politikkarriere der einzig ehrliche und anständige Mensch am Tisch? Und wie viel weiß Babette, die die zurückhaltende Gattin mimt? Sie verstellen sich alle in dieser Inszenierung, sie verschweigen, was sie wissen, und reden stattdessen um den heißen Brei herum. Der heiße Brei sind ihre Söhne im Teenageralter oder vielmehr die schockierende Tat, die sie verübt haben. Das ganze Land ist darüber in Aufruhr geraten, eine Diskussion wurde ausgelöst über den Wert eines Menschenlebens. Ich-Erzähler Paul kann diese Diskussion nicht nachvollziehen, gibt es doch in seinen Augen Menschen zweiter Klasse, denen man durchaus mit Gewalt begegnen sollte, um sich durchzusetzen. Seine Lebensgeschichte, die er nach und nach ausbreitet, zeigt: Er ist brutal und gewissenlos; und sie zeigt auch: Nie fällt der Apfel weit vom Stamm.

Angerichtet ist ein mit einfachen Mitteln genial konstruierter Roman, der empört und provoziert. Der niederländische Autor Herman Koch stellt darin die Frage, wie weit Eltern gehen dürfen, um ihre Eltern zu schützen – wenn diese etwas angestellt haben. Müssen sie ihre Sprösslinge zur Rechenschaft ziehen? Was aber, wenn sie das Verbrechen ihrer Kinder gar nicht verwerflich finden? Die Diskrepanz zwischen dem Rahmen, in dem die Unterhaltung stattfindet – ein Nobelrestaurant – , und ihrem Inhalt könnte größer nicht sein. Vier Erwachsene an einem Tisch, an dem zusammen mit ihnen schwelende Konflikte, Neid, unterdrückter Hass und ein großes Geheimnis sitzen. Mit jedem Menügang entfaltet sich eine unangenehme Geschichte, in der es um Gewalt, Rache, Erziehung und Familienzusammenhalt geht. Der Ton des Autors ist perfekt angepasst an den groben, uneinsichtigen Ich-Erzähler Paul, jedes Wort glaubt man ihm, auch wenn es noch so unglaublich ist. Ganz harmlos kommt dieses Buch daher und entwickelt dann, wenn man gerade nicht aufpasst, heimtückisch eine ungeheure Wucht. Als Leser findet man sich plötzlich in einem Gewitter wieder, es blitzt und der Donner grollt in den Ohren, es ist äußerst ungemütlich – und gefährlich. Ein großartiges Werk, eine Satire, eine Gesellschaftskritik, hübsch verpackt und doch knallhart.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
coole Farbe, schöne Idee mit der Hummerschere.
… fürs Hirn: die grauen Zellen haben allerhand zu tun mit Herman Kochs Auseinandersetzung mit Moral, Schuld, Gewalt und Wertvorstellungen. Ein wildes Rätselraten darum, wer zu den Guten gehört und wer nicht …
… fürs Herz: das Herz schlägt einem bis zum Hals und stolpert mehrmals, wenn es mit den Ereignissen im Buch zu tun bekommt – Menschlichkeit und Anstand sucht es hier vergebens.
… fürs Gedächtnis: die herrlich ironiefreie Art, auf die Herman Koch die Geschichte serviert – in edlem Ambiente, mit silberner Haube über dem Teller, doch darunter liegt kein Schnitzel, sondern ein Messer.

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