Thomas Stangl: Was kommt

Ein Meer aus Worten, ein Strudel, ein Wasserfall
Andi ist einer jener Teenager, die das Leben im Visier hat: Dick ist er, kurzatmig, freundelos. In den Siebzigerjahren wird er in der Schule gemobbt und zuhause von der Großmutter vollgestopft, wenn schon nicht geliebt. „Er hat keine Wörter, er ist biegsam, etwas, das man zusammenquetschen, das man zerquetschen kann; er ist anderswo.“ Anderswo wäre auch Emilia gern, sie flieht in die Welt der Literatur, taucht ab zwischen Buchdeckeln. 17 ist sie und nichts steht ihr offen, denn im Jahr 1937 ist es für eine junge Frau wie sie schwierig, zu studieren, fortzugehen. Als sie Georg kennenlernt, verliebt sie sich, sie findet in ihm eine Seele, die zuhört und versteht. Doch die Zeiten sind dunkel, und eines Tages ist Georg, dessen Vater eine Buchhandlung besaß, fort, keiner hat so genau hingesehen, aber auf einem Lastwagen wurde er wohl weggebracht. Das Leben ist danach leer für Emilia, ein Leben, das lang noch dauert, ihr einen Mann und eine Tochter bringt, aber keinen Zugang öffnet zum Glück. Und auch für Andi, der in seiner Langeweile nationalsozialistische Äußerungen im Kopf herumträgt, macht es kaum einen Unterschied, ob er tot ist oder lebt.

Thomas Stangl schreibt wie ein Wahnsinniger, seine Sätze sind, auch wenn sie leise sind, ganz rasend, sie legen sich wie Schlangen um meinen Hals, viele, viele Schlangen. Die Sprache – eine gar meisterliche, hochstilisierte, edle Sprache – beherrscht diesen mit 182 Seiten recht kurzen Roman, so sehr, dass sein Inhalt fast verloren geht. Es ist Stangls dritter Roman, der es 2009 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte und mit anderen Preisen bedacht wurde. Einen Klappentext gibt es nicht, nichts wird mir über die Geschichte verraten, und so strample ich unvorbereitet in dem Sumpf aus Worten, in den die Sätze mich ziehen. Sie halten mich fest, und ich, die ich wohlgeformte Sätze lieber sehe als wohlgeformte Menschen, bewundere sie. „Emilia Degens taucht an einem Tag im Frühling 1937 auf, der Geruch in ihrem Zimmer unterscheidet sich von den Gerüchen der Stadt, die Dinge teilen ihren Duft mit, man kann es genießen, fremd im eigenen Körper zu sein.“ Das ist einer jener Sätze, den ich seiner Schönheit wegen mehrmals lesen muss, genau wie: „Sie stülpt sich in den Ort hinein, an dem sie sich befindet, stülpt den Ort in sich hinein, die Stimme Georgs, die sich mit ihrer Stimme verschränkt, kleine Schleifen formt, die sie umhüllen, bis es egal ist, wer gerade redet, sie kann in seine Wörter und Gedanken hineinfinden, so wie er, denkt sie, in ihre Wörter und Gedanken hineinfinden kann.“ Was kommt zu lesen, ist, als würde jemand unter Wasser mit mir sprechen – ich konzentriere mich sehr auf die Lippenbewegungen, ich höre ein Dröhnen, aber ich verstehe kaum etwas. Eine Weile dachte ich während der Lektüre, Emilia und Andi würden zur gleichen Zeit leben, könnten einander begegnen, denn Thomas Stangl schreibt konsequent in Präsens und Futur, die beiden Figuren scheinen zu verschmelzen und können einander doch nie begegnen. Eine Verbindung gibt es nur im Emotionalen, im Verlorensein der beiden, in ihrem Ausgeschlossensein, in ihrer Traurigkeit. Natürlich gibt es Inhalt, einen sehr ergreifenden sogar, um Liebe geht es und um ihr Fehlen, um Verlust, um Deportation. Doch Thomas Stangls Sprache ist derart gewaltig und übermächtig, dass der Inhalt meiner Ansicht nach von ihr aufgefressen wird. Was, wenn man es einmal akzeptiert hat, nicht weiter tragisch ist. Geschichte, historisch Belegbares, ist Rahmenhandlung und Bedingung zugleich. Die Figuren sind seltsam formlos und verschwommen, als seien sie nicht weiter ausschlaggebend, sondern nur beispielhaft. Insgesamt bleibt zu sagen: Für mich ist Was kommt eine brilliante, originelle, wunderschöne Schreibübung, ein Schreiben um der Worte willen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein schönes Cover.
… fürs Hirn: das Hirn verheddert sich in den wie Fangnetze ausgelegten Sätzen.
… fürs Herz: Einsamkeit, Trostlosigkeit, Lieblosigkeit – der Menschen treueste Begleiter.
… fürs Gedächtnis: dass Thomas Stangl wahnsinnig gut schreiben, aber nicht unbedingt ebenso gut erzählen kann.

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