Rivka Galchen: Atmosphärische Störungen

Zwei Männer, eine Doppelgängerin und das Wetter
Eines Abends sitzt der New Yorker Psychiater Leo Liebenstein in seiner Wohnung und wartet auf seine Frau Rema. Als sie hereinkommt, hat sie einen Hund dabei – aber das ist das kleinere Problem, denn Rema ist nicht Rema. Sie sieht aus wie sie, spricht und riecht wie sie, aber es handelt sich um eine Doppelgängerin, das weiß Leo ganz sicher. Er verhält sich ruhig, um das Simulacrum nicht zu alarmieren, aber in seinem Inneren kochen die Gedanken über. Wo ist seine Frau? Ist sie bei Harvey, seinem Patienten, der verschwunden ist? Was haben Tzvi Gal-Chen und die Royal Academy of Meteorology damit zu tun? Zuerst wartet Leo auf Remas Rückkehr. Doch als Tag für Tag die Doppelgängerin auftaucht, beschließt er, seine Frau zu suchen …

Capgras-Syndrom oder illusionäre Personenverkennung nennt man das, worunter Leo Liebenstein in Rivka Galchens Roman Atmosphärische Störungen leidet. Er ist zu betriebsblind für eine Selbstdiagnose, hat aber sehr wohl einen Verdacht: „Es gab eine Zeit, da glaubte man, alle, die sich um Geisteskranke kümmern, würden selbst geisteskrank, und als Harveys Nachricht eintraf, reckte diese Vorstellung – die Ansteckung – ihre leichenblasse Hand aus der Vergangenheit nach meinem Geist aus.“ So weit, so gut. Diese interessante Inhaltsangabe sowie die Lobeshymnen der Kritiker haben mich zur Lektüre dieses Buchs bewogen. Doch die Geschichte ist kompliziert – und mir einfach viel zu verrückt. Leo behandelt einen Patienten namens Harvey, der glaubt, ein Agent der Royal Academy of Meteorology zu sein, wegen seiner Wahnvorstellungen. Dabei lügt er ihm vor, selbst für die Academy zu arbeiten – unter dem Namen Tzvi Gal-Chen. Diesen Mann gibt es wirklich, und als Rema vermeintlich verschwundne ist, tritt Leo mit ihm in Kontakt. Die Academy heuert ihn an, er reist zu Remas Mutter nach Buenos Aires, er trifft Harvey. Nichts an der Handlung ergibt Sinn, was mit Sicherheit daran liegt, dass sie aus der Sicht eines Menschen erzählt wird, der den Verstand verloren hat. Damit nicht genug – es geht auch noch um das Wetter. Und zwar im abstraktesten Sinne. Rivka Galchens Vater ist Professor für Meteorologie, er hat mit Sicherheit keine Probleme mit Sätzen wie diesem: „Eine exakte Bestimmung verlangt die Inversion riesiger Matritzen in der Größenordnung von 10 hoch 5 x zehn hoch 5, aber da es sich um dünnbesetzte Matritzen handelt, können im Prinzip viele Berechnungen parallel vorgenommen werden.“ Nun ja – ich hab damit sehr wohl Probleme. Ich verstehe weniger als Bahnhof, das Fragezeichen über meinem Kopf wird während der Lektüre immer größer. Die Abbildungen tragen auch nicht dazu bei, dass ich mich weniger dumm fühle.

Ratlos stolpere ich mit dem verwirrten Leo Liebenstein durch diesen Roman, verfolge mit Schaudern, wie er Beweise dafür sucht, dass seine Frau nicht seine Frau ist, begleite ihn auf seiner sinnlosen Suche und merke irgendwann, dass er auch noch schlecht hört – was alles nur noch schlimmer macht. Trotz all dieser großen Defizite übt Atmosphärische Störungen eine ganz eigenartige Faszination auf mich aus. Das muss am blanken Wahnsinn liegen, der mich zwischen den Seiten angrinst wie ein Totenschädel. Die Dialoge sind abstrus und enthalten doch geniale Sätze: „Ich habe diese Verrücktheit nicht erfunden, sage ich, Sie ist zu mir gekommen, nicht aus mir heraus“ oder: „Ich habe mir das Leben in meinem Kopf immer wie ein ungebärdiges Parlament mit ausgerasteten Extremisten vorgestellt, darum blicke ich nicht auf sie herab, wenn andere genauso sind.“ Alles in allem finde ich keinen Zugang zu dieser verqueren Geschichte und habe das Gefühl, dies ist ein Buch, das sich gar nicht verstehen lässt. „Erscheint eine Geschichte zu willkürlich oder zu brillant, als dass ein „Irrer“ sie selbst erfunden haben könnte, sollte man erwägen, ob nicht die Wirklichkeit der „Autor“ und der „Irre“ lediglich ein Leser ist.“ Oder so.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
warum nicht. Die Damen haben schöne Föhnwellen.
… fürs Hirn: mein Hirn hat sich überanstrengt. Mir fehlt offenbar eine Gehirnregion zum Verständnis dieses Romans. Ich brauche sie aber anscheinend auch nicht unbedingt.
… fürs Herz: die Traurigkeit von Leo, der seine Frau – die er verschwunden wähnt – so sehr vermisst, obwohl sie vor seiner Nase ist.
… fürs Gedächtnis: nur meine Verwirrtheit und das unangenehme Gefühl, nicht intelligent genug für dieses Buch zu sein. Oder nicht verrückt genug?

6 Gedanken zu “Rivka Galchen: Atmosphärische Störungen

  1. susa schreibt:

    mir ging es ähnlich bei der lektüre (kann man das überhaupt so nenne ?) dieses buches. ich habe resigniert und abgebrochen, schließlich habe ich keine zeit zu verschwenden !

    lieben gruß,
    susa

    • susanne charlotte schreibt:

      ich lese zur zeit dieses buch und ich muss sagen: es ärgert mich. ich finde diese geschichte völlig daneben, viel zu anstrengend – um nicht zu sagen: nahezu unmöglich zu verstehen. und mich wundert ehrlich gesagt, dass es in vielen foren so gelobt wird.

  2. nantik schreibt:

    Schade, ich habe „Atmosphärische Störungen“ geliebt, als ich es gelesen habe. Das mache ich noch immer. Vielleicht liegt der Schlüssel darin verborgen, die Geschichte gar nicht erst rational verstehen zu wollen, sondern sie in ihrer sprachlichen Vielfältigkeit einfach nur zu genießen? Ich wollte mich in Leos Wahn gar nicht heimisch niederlassen und kapieren, warum er denkt, was er denkt. Ich habe ihn einfach nur begleitet und mich von ihm durch eine abstruse aber faszinierende Geschichte voller Emotionen und Rätselhaftigkeiten führen lassen. Verstanden habe ich ihn bis zum Schluss nicht. Dafür aber sehr genossen.

    • Mariki schreibt:

      Sprachliche Vielfältigkeit gibt es durchaus – aber das hat mir nicht gereicht, um mich zu verlieben … Was Leo warum denkt, war mir auch schnurz (denn es war ja von vornherein klar, dass er das nicht introspektiv würde analysieren können), aber ich hätte mir mehr Sinn in der allgemeinen Handlung, in seiner Suche, in den Gesprächen gewünscht. Die vielen meteorologischen Erklärungen haben mir dann den Rest gegeben …

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