Gerbrand Bakker: Tage im Juni

„Und was nützt verstecken, wenn man genau weiß, wo etwas versteckt ist?“
Großmutter Anna hat sich versteckt, und wo sie ist, wissen alle: auf dem Heuboden. Bei sich hat sie Wasser, Kekse, eine Flasche Eierlikör und viele Erinnerungen. Sie will nicht mit ihrem Mann Zeeger Kaan reden, auch nicht mit ihren Söhnen Jan, Jonas und Klaas oder Enkelin Dieke. Sie ist beleidigt, weil die Familienrüpel ihr den 50. Hochzeitstag versaut haben, und sie ist traurig. Es ist heiß, die Luft schwirrt vor Hitze, und keiner in der Familie kümmert sich um Anna, deren Trauer alt ist und schwerfällig, eine Trauer, die schon seit 40 Jahren in ihr wühlt und sie müde macht. Denn 40 Jahre ist es her, dass die niederländische Königin kam, 1969 zog sie bei einer Arbeitsreise durch die bäuerlichen Dörfer und machte auch in der Gemeinde von Familie Kaan halt. Anna hatte die Ehre, mit der Königin zu sprechen, und die kleine Hanna wurde sogar von ihr an der Wange berührt. Das war allerdings das einzig Gute an diesem Tag. Und danach war überhaupt nie wieder irgendetwas gut.

In Tage im Juni stellt Gerbrand Bakker eine Familie ins Rampenlicht, die vor 40 Jahren einen Schubs bekommen hat und seither haltlos taumelt, ohne sich je wieder zu fangen. Was damals geschehen ist, ist schon nach wenigen Seiten klar, denn 1969 gab es noch eine Tochter namens Hanna, und dann gab es plötzlich nur mehr Traurigkeit. Es erfordert keinerlei Gedankenarbeit, eins und eins zusammenzuzählen. Deshalb ist dem Leser also längst klar, was auf ihn zukommt, und der Klappentext schwindelt gehörig, wenn er behauptet: „Was vor vierzig Jahren dem Leben der Familie eine völlig andere Richtung gegeben hat, offenbart sich erst nach und nach.“ Damit gaukelt er eine Art von Spannung vor, die es nicht gibt. Was vollkommen in Ordnung ist, denn man kann ein handlungsarmes Buch durch Sprachwunder und brillante Figurenzeichnung ebenso zu einem ausgezeichneten Leseerlebnis machen. Während das dem niederländischen Autor Gerbrand Bakker mit Oben ist es still außerordentlich gut gelungen ist, überzeugt er mich mit Tage im Juni nur teilweise, ich hätte bei dem einen Roman von ihm bleiben sollen und werde auch keinen weiteren mehr lesen. Ich langweile mich schnell mit diesem Buch, weil ich alles schon weiß, weil ich keine Satzperlen entdecke, weil es heiß ist und der Tag träge ist, weil er nicht vergeht, weil der Familienalltag banal ist und öde. Im Vorgängerroman hatte das Stille, Gewöhnliche eine bezaubernde Raffinesse, hier ist das für mich nicht der Fall. Den leisen Ton, die Gewichtung auf das Unwichtige mag ich immer noch, aber der Inhalt berührt mich nicht. Die Charaktere sind reichlich unbesonders – Jan ist jener Sohn, der geflohen ist und anderswo lebt, Klaas hat den Hof übernommen, Jonas ist seit einem Motorradunfall ein wenig beschädigt und stottert, die Eheleute Anna und Zeeger haben sich einmal ein bisschen geliebt, aber das ist halt schon lange her. Ihre Zwistigkeiten kommen in jeder Familie vor; mit der Tragödie leben sie nun schon so lange, dass sie kaum noch Gefühle in ihnen weckt. So geht es mir auch mit diesem Roman: Er ist gut lesbar, freundlich, still, hat keine Ecken und Kanten – und bleibt mir recht gleichgültig.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
das Cover glänzt nicht unbedingt durch Schönheit. Die „Muh“ haben aber immerhin den Sohnemann begeistert.
… fürs Hirn: die allgemein bekannte Erkenntnis, dass es ein Leben lang schmerzt, wenn einer fehlt, dass man aber trotzdem einfach weitermachen kann und muss.
… fürs Herz: die Traurigkeit, die in jener Sekunde liegt, in der alles sich ändert und die niemals rückgängig zu machen ist.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Es ist nicht immer leicht, seine Kinder anzusehen. Sie sind einem so ähnlich, sie können einem so nahkommen, fast bedrohlich nah.“

9 Gedanken zu “Gerbrand Bakker: Tage im Juni

  1. Syn-ästhetisch schreibt:

    Ich habe „Oben ist es still“ Anfang 2010 gelesen und war begeistert. Und natürlich wollte ich den Nachfolger auch lesen. Aber ein Buch, das nicht zum Nachdenken anregt? Hm… Du machst mich skeptisch 😉

    • Mariki schreibt:

      Ich war von Oben ist es still auch sehr angetan, sonst hätte ich mir das zweite Buch nicht gekauft! Ich habe es nicht unbedingt bereut, aber so genial wie der erste ist der zweite Roman nicht. Es gibt nichts hintergründig Fieses wie bei Oben ist es still, das „Geheimnis“ ist von Anfang an logisch und die wenigen Details, die noch ans Licht kommen, nicht unbedingt interessant. Aber das ist natürlich alles sehr subjektiv …

  2. buechermaniac schreibt:

    Es geht mir wir synaesthetisch. Von „Oben ist es still“ war ich wirklich begeistert. „Tage im Juni“ liegt bei mir immer noch auf dem SuB. Trotzdem, ich werde den Roman irgendwann lesen und mir meine Meinung bilden. Es ist eben schwierig, nach dem ersten Erfolg wieder Ebenbürtiges nachzulegen.

    • Mariki schreibt:

      Das ist auch der Grund, warum ich oft das zweite Buch eines Autors nicht lese, wenn mir das erste sehr gut gefallen hat … Aber gebt ihm beide eine faire Chance, denn womöglich findet ihr etwas ganz Zauberhaftes in „Tage im Juni“, das nur bei mir nicht gewirkt hat 😉

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