Antal Szerb: Reise im Mondlicht

„Das ist die Art Roman, in dem jeder seinen Lieblingssatz hat“
Sie beginnen ihre Reise gemeinsam: Mihály und Erzsi. Sie stammen aus Budapest, haben dort geheiratet, und so ist ihre Reise eine besondere: die Hochzeitsreise. Die beiden harmonisieren gut, aber vor allem Mihály ist nicht sicher, ob er ein Ehemann sein kann und will, und so ist es letztlich vermutlich kein Zufall, dass er Erzsi auf einem kleinen Bahnhof unterwegs nach Rom „verliert“. Allein und seltsam erleichtert lässt er sich treiben und landet in dem kleinen Ort Foligno. Erzsi dagegen bleibt nicht allzu lange in Rom: „Einer bestimmten geographischen Gravitation folgend, fuhr sie nach Paris, so wie man es zu tun pflegt, wenn man hoffnungslos ist und ein neues Leben beginnen will.“ Wie neu aber kann ein solches Leben sein, wenn Erzsis Exmann Zoltan sie immer noch liebt und Mihály kaum an etwas anderes denken kann als an jene zwei Menschen, die seine Jugend prägten: Éva und Tamás. Er selbst weiß: „Die wichtigsten Dinge sind meistens die vergangenen.“ Er kann sich nicht lösen von den mysteriösen, düsteren Ereignissen rund um die Ulpius-Geschwister, und deshalb ist klar: Er muss Éva finden.

Der ungarische Schriftsteller Antal Szerb, der 1945 im KZ umkam, schrieb Reise im Mondlicht 1937. Und es ist einer jener Romane, von denen man sagt, sie hätten nichts von ihrer Aktualität verloren. Mehr noch: Est ist ein Buch, das den Leser an die Hand nimmt, das ihn zu einer Reise einlädt, egal, zu welcher Zeit und von welchem Ort aus sie beginnt. Eine sehr persönliche Reise ist das für jeden, wie die seit Jahrzehnten überschwänglichen Kritiken belegen – auch für mich. Das liegt mit Sicherheit daran, dass ich fast jede Stadt, die im Roman vorkommt, selbst besucht habe, Venedig, Florenz, Siena, Rom, Paris, Budapest. Und ich erinnere mich, ich gehe wieder durch die Straßen dieser Städte, versetze mich hinein in die Stimmungen, die mich damals ausfüllten, denke an meine vier Wochen allein in Florenz und die Entscheidung, die ich dort getroffen habe, denke an den Abend im Freibad auf der Budapester Margareteninsel, als die Sonne unterging und es so herrlich warm war, innen drin. Deshalb entdecke ich in Reise im Mondlicht nicht nur die widersprüchlichen, allzu menschlichen Gefühle von Mihály und Erzsi – sondern auch meine eigenen.

Eines dieser Gefühle ist eine ganz positive Verwunderung über das ironische Augenzwinkern in Antal Szerbs Stil, das Lässige, das Weltgewandte: „Ach, Mihály, die Welt duldet nicht, daß man sich der Nostalgie überläßt.“ Bisher verband ich dieses Nonchalante, ungestüm Kluge mit Sándor Márai, nur um festzustellen, dass es womöglich vielmehr etwas zutiefst Ungarisches ist. Und gleichzeitig klingt mit diesem Ungarischen etwas in meiner österreichischen Seele an, jedes „Servus“ entlockt mir ein Lächeln, und ich spüre eine kaum zu benennende Art von Verbundenheit, die zurückgehen könnte auf eine Jahrhunderte zurückliegende, erzwungene kaiserlich-königliche Gemeinschaft, ich bildete es mir gern ein, denke an ein kollektives Gedächtnis; dabei ist es wohl, viel banaler, eine geografische wie gefühlsmäßige Nachbarschaft, die da mitschwingt. Ich bin zuhause in diesem Roman, wie ich in Budapest zuhause war, in dieser erhabenen, monarchischen, wunderbar entspannten Stadt, und wie ich es war in Rom oder Florenz. Und was könnte mir Schöneres passieren mit einem Buch? Es ist tatsächlich eine Reise, eine einmalige, amüsante, bereichernde Reise – zu der ganz einfach jeder aufbrechen sollte.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein Cover, das zum Thema passt.
… fürs Hirn: die vielen interessanten historischen und religionsgeschichtlichen Exkurse.
… fürs Herz: es rührt an, wie abgeklärt die Protagonisten mit dem, was ihnen widerfährt, umgehen, mit der Liebe und ihrem Ende.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingssatz (siehe Headline): „Die Sache hätte eigentlich ganz einfach geregelt werden können, wenn lauter intelligente Leute beteiligt gewesen wären – doch das kommt ja im Leben selten vor.“

18 Gedanken zu “Antal Szerb: Reise im Mondlicht

  1. caterina schreibt:

    Ich. Will. Dieses. Buch. Lesen.
    Letztes Jahre habe ich zum ersten Mal davon gehört (und bin umso erstaunter, nun zu lesen, dass es bereits 1937 verfasst wurde), seither begegnet es mir immer wieder in der Blogwelt, und zwar in ausschließlich enthusiastischen Besprechungen.
    Dass auch du – eine der Bloggerinnen, deren Empfehlungen ich am meisten vertraue – nun die Bestnote gibst, bestätigt mir die Lust auf den Roman. Es ist ganz, ganz weit oben auf der Wunschliste.

    • Mariki schreibt:

      Ich denke, dir mit deiner noch stärkeren Verbindung zu Italien könnte es auch ein außerordentlich persönliches Lese- und Reiseerlebnis bescheren! Es ist so heiter und unbeschwert und dabei gleichzeitig sehr tiefgründig.

      • caterina schreibt:

        Stimmt. Wegen des starken Italien-Bezuges wurde es mir schon mal ans Herz gelegt. Es ist schön, von Orten zu lesen, an denen man selbst gewesen ist, die man wiedererkennt und mit bestimmten Erinnerungen und Gefühlen verbindet. Das gilt in meinem Fall vor allem für Siena, wo ich ja immerhin ein Jahr lang gelebt habe…

      • caterina schreibt:

        … was ja auch völlig ausreichend ist. Da ist man jede einzelne Gasse schon zweimal abgelaufen. Bei guter Kondition sogar dreimal. Und hat die Kirchen und Taufbrunnen sämtlicher Contrade fotografiert.

      • Mariki schreibt:

        Haha, so wollte ich das jetzt nicht unbedingt sagen … 😉 Aber es stimmt vermutlich. Ich hab mich dort aber richtig wohlgefühlt. Und ordentlich verausgabt bei den ganzen Steigungen. Uff. Mit viel gelati hab ich das natürlich sofort ausgeglichen.

      • caterina schreibt:

        Ja, das italienische gelato hat es auch mir angetan. In Siena gibt es einige hervorragende Eisdielen, aber die beste, die ich bisher entdeckt habe, ist in Bologna… Da läuft mir direkt das Wasser im Mund zusammen 😉

        PS: Buch ist gekauft!

      • caterina schreibt:

        Weiß nicht, wann ich es lese, ich habe noch diverse andere Bücher aufgeschlagen, und Der Schwimmer will ja auch noch begutachtet werden. Aber wenn es so weit ist, wirst du es auf meinem Blog natürlich mitbekommen.

        Ich fahr jetzt übers Wochenende nach Milano, ein Eis in Bologna sollte also drin sein (sind ja nur etwa 6 Stunden Zugfahrt hin und zurück – das ist es mir wert!). Sag Bescheid, wenn du da bist.

      • Mariki schreibt:

        Nur für ein Wochenende fährst du nach Milano? Welch Liebesbeweis! Komm mal nach Salzburg, dann lade ich dich auf ein Eis in der hiesigen Dealerei ein! Und du vergleichst mit Bologna 😉

  2. maragiese schreibt:

    Ui, das klingt wirklich sehr überzeugend. Von Szerb habe ich hier bisher nur „In der Bibliothek“ stehen, was jedoch noch ungelesen ist … „Reise im Mondlicht“ merke ich mir nun aber auf jeden Fall vor!

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