Christos Tsiolkas: Nur eine Ohrfeige

„Er hat ein Kind geschlagen. Soll das etwa keine Konsequenzen haben?“
Hector, griechischer Abstammung, aber heimisch in Australien, und seine indische Frau Aisha laden zum Barbecue, Freunde und Verwandte trudeln ein, es gibt viel zu essen, zu trinken, Kinderlachen, Partylaune – und eine schallende Ohrfeige. Die fängt sich der dreijährige Hugo ein, weil er keine Grenzen akzeptiert, ständig ausrastet und wie am Spieß brüllt. Verpasst bekommt er die „Watschn“ von Hectors Cousin Harry, der in den Augen der meisten Erwachsenen richtig gehandelt hat, besonders nach Meinung der älteren Generation. Hugos Eltern Rosie und Gary sehen das anders: Sie sind völlig außer sich, gehen zur Polizei und zeigen Harry wegen Körperverletzung an. Sind sie mit dieser Anklage im Recht, muss Harry bestraft werden? Oder verfolgen die beiden über Hugos Kopf hinweg egoistischere Ziele, die mit ihrem eigenen Frust zu tun haben? Aus der Sicht von 8 Partygästen erzählt Christos Tsiolkas im Episodenroman Nur eine Ohrfeige von Moral und Gewalt, von Untreue, Scheinheiligkeit und Integration.

Fast alle Hauptpersonen in Nur eine Ohrfeige haben einen Migrationshintergrund, fühlen sich den Australiern überlegen und geben sich nicht mit ihnen ab. Die Griechen bleiben unter sich. Hector und Harry haben es geschafft, sie haben schöne Frauen, reichlich Geld und gut geratene Kinder: „Denk nicht so viel an den ganzen Mist, Erderwärmung, Terrorismus, Krieg, die Scheißaraber und die Scheißamis. Scheiß auf den ganzen Haufen. (…) Wir haben es echt gut. Man muss sich mal überlegen, wie gut wir es haben.“ Umgeben von einer undurchdringlichen Arroganz leben die beiden auf großem Fuß. Hector betrügt Aisha mit der 17-jährigen Connie, die sich mit Schulproblemen und dem Verlust ihrer Eltern herumschlägt. Rosie ist gefangen in einer lieblosen Ehe, ihre Freundin Anouk will endlich ein Buch schreiben, und Connies Schulkollege Richie stellt sich seinen homoerotischen Gefühlen. Der griechisch-stämmige Autor Christos Tsiolkas öffnet dem Leser die Türchen zu australischen Vorgärten und die Türen zu den dazugehörigen Schlafzimmern. Durch die Perspektiven von 8 Menschen unterschiedlichen Alters setzt sich ein Bild der oberen ausländischen Gesellschaftsschicht Australiens zusammen, deren Problemchen, Intrigen und Drogenkonsum stark an den Serienerfolg Desperate Housewives erinnern, weshalb es nicht verwundert, dass der Roman in Australien als Serie verfilmt wurde. Sehr filmisch ist auch der Schreibstil des Autors; es ist ein bisschen wie Reality-TV, dieses Buch zu lesen.

Vor der Lektüre von Nur eine Ohrfeige sollte man wissen, dass der Klappentext ein wenig übertreibt, wenn er der Ohrfeige ein „folgenreiches Nachspiel“ andichtet und so tut, als würden sich mehrere Leben durch den einen Vorfall verändern. Derart dramatisch ist die Backpfeife nicht, sie gibt dem Autor vielmehr einen Anlass, sich einmal im Kreis zu drehen, 8 Personen auszuwählen und ihre Geschichten zu erzählen – diese schweifen sehr weit von der Ohrfeige an sich ab. Dadurch hat der Leser Gelegenheit, die unterschiedlichsten Auffassungen von Treue, Familie, Erziehung und Freundschaft kennenzulernen, denn Christos Tsiolkas hat seine 8 fiktiven Menschen mit Bedacht gewählt und präsentiert eine große Bandbreite an Meinungen zu diesen wichtigen Themen. Allein die „Watschn“ an sich wird kontrovers diskutiert, die einen behaupten, Harry habe ein Kind verprügelt, die anderen denken, das Kind habe die Ohrfeige verdient. Und der gewaltverherrlichende Harry selbst sieht das Ganze überhaupt ein wenig verzerrt: „Er hätte den Jungen nicht ohrfeigen sollen, er hätte ihm den Schläger abnehmen und dem kleinen Scheißer den Schädel damit einschlagen sollen, bis nur noch ein blutiger Klumpen Brei übrig war.“ Ebenso Anlass zu Meinungsverschiedenheiten gibt die Tatsache, dass Rosie den dreijährigen Hugo immer noch stillt: „Es hatte etwas Obszönes und zugleich auch Erotisches, ein schon so großes Kind an der Brust seiner Mutter trinken zu sehen. Was würde sie wohl machen, wenn der Kleine in die Schule kam? Ihm ihre Zitzen durch den Zaun entgegenstrecken?“ Auf amüsante, ironische Art porträtiert Christos Tsiolkas eine Handvoll Menschen mit ihren persönlichsten Wünschen, Vorstellungen und Einstellungen. Seine Sprache ist sehr bildhaft, auch vor außerordentlich detailgenauen Sexszenen schreckt er nicht zurück – jedes Kapitel enthält eine mehr oder weniger defitge Sexszene. Das ist gut und originell und mutig, wird doch sonst immer gleich alles ausgeblendet, wenn es zur Sache geht. Bleibt also zu sagen: ein paar Machos, kaputte Ehen, viele Drogen und eine Ohrfeige für ein Kind, das jeder hätte schlagen mögen – und das vermutlich das einzige unschuldige Wesen im ganzen Buch ist. Ein harter, schonungsloser, gleichzeitig sarkastisch-pfiffiger Gesellschaftsroman.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt:
… fürs Auge:
passendes Cover, das die Ausgangssituation mit der Gartenparty aufgreift und die Partymeute aus der Sicht eines kleine Kindes zeigt. Sehr durchdacht.
… fürs Hirn: die völlig überzogene Reaktion auf die Ohrfeige für ein Kind, das von seinem Vater seelisch misshandelt und von seiner Mutter seelisch missbraucht wird – ganz klar zeigt der Autor menschliche Mechanismen zur Ablenkung und Projektion auf.
… fürs Herz: nicht viel, denn das Gerede über Liebe für die Familie ist nur Gerede – die Familie ist ein Statussymbol, sonst nichts.
… fürs Gedächtnis: das Gefühl, beim Lesen durch die Buchstaben hindurch eine Vorabendserie anzuschauen – das ist spannend und irritierend zugleich.

Nur eine Ohrfeige von Christos Tsiolkas ist soeben erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-93902-6, 510 Seiten, 24,95 Euro).

4 Gedanken zu “Christos Tsiolkas: Nur eine Ohrfeige

  1. buechermaniac schreibt:

    Wo soll das bloss hinführen? Du stellst ein Buch nach dem anderen vor, das mich neugierig macht. Ich bin zwar überhaupt kein Fan von Reality TV oder gar „Desperate Housewives“, aber deine Rezension klingt wieder so vielversprechend, dass mich dieser Roman sehr reizt aufzuschlagen. Wann soll ich nur all die tollen Bücher lesen?

    Vielen Dank für eine weitere tolle Rezension.
    LG buechermaniac

      • buechermaniac schreibt:

        Den Sabbatical hatte ich leider bereits 🙂 Damals hatte ich aber auch nicht wirklich Zeit zum lesen, denn genau aus Kostengründen, ist der Sabbatical etwas spärlich ausgefallen 😉

      • Mariki schreibt:

        Oha, da lag ich mitten ins Blaue hinein gar nicht so schlecht! 😀 Aber die Ohrfeige läuft dir ja nicht weg … du kannst sie ja noch lesen, wenn du unvermutet zu neuem Reichtum gelangst! Es lohnt sich auf jeden Fall.

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