Helen Walsh: Ich will schlafen!

Mutterglück auf Stand-by
Seit fast 9 Monaten freut Rachel sich auf ihre „Bohne“, auf das Baby, das in ihrem Bauch gewachsen ist. Dem Vater – Jugendliebe Ruben – hat sie nichts von der Schwangerschaft erzählt, weil die beiden seit 15 Jahren nicht mehr zusammen sind, weil sie stark ist und stolz. Als Sozialarbeiterin hat Rachel täglich mit vernachlässigten Jugendlichen zu tun – und will als Mutter alles besser machen. Doch als der kleine Joe nach einer anstrengenden Geburt endlich da ist, ist Rachel überfordert: Ihr Körper schreit nach Schlaf, und Joe schreit auch. Ganz auf sich gestellt merkt sie schnell, dass es nicht so harmonisch, babyleicht und schön ist, ein Neugeborenes zu versorgen, wie sie es sich vorgestellt hat und wie alle Welt es suggeriert. Konfrontiert mit dem nervenaufreibenden Alltag bestehend aus Schlafmangel, Stillen, Stinkewindeln und Haushalt flippt Rachel komplett aus – und gefährdet dadurch ihr sehnsüchtig erwartetes Kind.

Ich will schlafen! von der britischen Bestsellerautorin Helen Walsh ist ein knallhartes Buch über Geburt und die erste Zeit als Mutter. Die Schriftstellerin verarbeitet darin ihre eigenen Erfahrungen, über die sie auch hier berichtet. Sie hat ihrer Protagonistin Rachel eine dicke Haut, viel Selbstbewusstsein und eine Don’t-fuck-with-mi-Attitüde mitgegeben – umso erschreckender ist ihr Verfall in den ersten Wochen als Mutter. Helen Walsh zeichnet das Proträt einer klugen, toughen jungen Frau, die an den Herausforderungen der Mutterschaft scheitert. Der große Zuspruch, den sie dafür von lesenden Müttern bekommen hat, zeigt, dass sie mit dem Thema des Buchs einen Nerv getroffen hat: Mutter zu sein, ist anstrengend, tut weh, es gibt keinen Masterplan dafür, und man glaubt oft, dass alles nicht zu schaffen. Atemlos sieht man als Leserin dabei zu, wie Rachel – die zu stolz ist, um Hilfe zu bitten – halluziniert, sich selbst verliert und untergeht. Ihr fehlen Freunde, ihr fehlt ein Netzwerk, ein Partner und die Mutter, die vor 14 Jahren gestorben ist. Das ist das Worst-Case-Szenario, und ich bange mit jeder Seite, dass Rachel einen Ausweg findet.

Bei aller Begeisterung für den offenen Umgang mit dem Tabuthema habe ich meine Probleme mit der Ausarbeitung im Detail. Das beginnt schon mit der Geburt, die Helen Walsh als „Gemetzel“ bezeichnet. Einerseits hat sie sich drangetraut, eine Geburt in all ihren blutigen Einzelheiten zu beschreiben, andererseits hat sie es ein wenig übertrieben: Die ersten Wehen werfen einen nicht zu Boden. Und in Österreich gibt es Richtlinien für die maximale Zeit zwischen Blasensprung und Geburt – was offenbar in England nicht der Fall ist. Rachel und der kleine Joe haben einen schlechten Start und werden im Krankenzimmer nicht gerade herzlich empfangen, denn bis auf Joe sind alle frischen Babys selig schlummernde, schweigsame Englein. Das zeichnet ein recht verzerrtes, unrealistisches Bild. „Ein Kind wie Joe“ heißt es – aber Joe ist völlig normal. Auch und vor allem in seinem Schlafverhalten, das Hauptthema des Romans ist. Selbst an Ich-kann-alles-allein-Rachel kann nicht vorbeigegangen sein, dass ein Neugeborenes nicht 12 Stunden am Stück schläft. Deshalb würde ich sie gern an den Schultern fassen und fragen: Was hast du erwartet? Freilich gibt es diese verflucht braven Kinder, die schnell durchschlafen, aber selbst sie sind mindestens 6-8 Wochen alt. Desöfteren behauptet Rachel im Buch: „Joe. Schläft. Nie.“, während er zufrieden neben ihr pennt. Zudem macht sie lauter Anfängerfehler: Schläft Joe, putzt sie die Wohnung, statt sich ebenfalls hinzulegen. Und keine Mutter der Welt würde ein Baby, das endlich friedlich schläft, aufwecken, um es zu wickeln oder zu baden. Never fucking ever! Dies sind nur ein paar der Details, die mich rätseln lassen, ob Rachel unglaubwürdig oder einfach nur nicht gerade intelligent ist. Eine Zeitlang war ich wegen dieser unstimmigen Beschreibungen sogar sicher, Helen Walsh habe gar keine eigenen Kinder. Denn ihre Darstellung einer alleinerziehenden Frau, die wegen ihres Babys nicht duschen, nicht kochen und keine Kontakte pflegen kann, zieht die Anforderungen an Mütter schon fast ins Lächerliche – als hätten die Millionen alleinerziehender Mütter, die den Alltag bewältigen, Superkräfte. Zu guter Letzt ist Rachel nicht fähig, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen – was auf postnatale Depression hindeutet, aber die Symptome sind schwammig und ich rätsle, ob sie darunter leidet oder nicht – und sieht in seinem Blick ständig nur Hass: „Seine Augen scheinen zu glühen und er blickt mich wütend und hasserfüllt an. Seine Stirn ist voller Falten, er sieht hässlich und alt aus. Runzlig und böse. Besessen.“ Das ist mir ein bisschen too much, aber da ich selbst nicht an dieser Krankheit gelitten habe, weiß ich natürlich nicht, ob man sich tatsächlich so fühlt.

Man kann als Mutter nicht perfekt sein. Und es ist wunderbar und wichtig, wenn Bücher wie Helen Walshs Ich will schlafen! mit dem Vorurteil aufräumen, man müsste es sein. Allerdings ist die Autorin dabei in meinen Augen in einigen Punkten übers Ziel hinausgeschossen, denn Joe wirkt wie ein Minimonster, das seiner Mutter das Leben absichtlich schwermacht, und Rachel läuft jedes Mal weg, wenn er anfängt zu weinen, sie ist hysterisch, hilflos und egoistisch. Es entsteht eine große Diskrepanz zwischen dem Urteil, das Rachel als Sozialarbeiterin über die unfähigen Mütter ihrer Schützlinge fällt, und ihrem eigenen fahrlässigen Verhalten gegenüber Joe. Mit Schlafmangel lässt sich vieles davon erklären, und ich kenne das Gefühl, nachts von einem LKW überfahren worden zu sein, aber trotzdem funktionieren zu müssen, allzu gut, denn mein Interesse an diesem Buch rührt aus meiner persönlichen Situation: Seit 15 Monaten habe ich keine einzige Nacht geschlafen. 7 Monate lang habe ich rund um die Uhr alle 2 Stunden gestillt, und auch jetzt steht ich jede Nacht mindestens drei Mal auf. Das ist extrem herausfordernd, brutal, deprimierend, verstörend – aber durchaus zu bewältigen. Denn der Körper entwickelt Kräfte, um damit fertigzuwerden, Kräfte, die ich bei Rachel und bei Helen Walshs eigener Schilderung verwundert vermisse; keine Superkräfte, aber einfach Mamakräfte, ein Segen von Evolution und Natur. Allerdings hält Helen Walshs Geschichte auch für mich ein Happy End bereit: dass ihr Sohn mit zwei Jahren endlich geschlafen hat.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein forderndes, sehr gruseliges Cover.
… fürs Hirn: der Realität ins Auge zu schauen: niemand sagt einer werdenden Mutter, wie massiv der Schlafmangel sein wird, niemand sagt ihr, wie schwierig es ist, zu stillen, alle tun so, als sei Mutterschaft das Natürlichstes und Einfachste auf der Welt. Helen Walsh sagt endlich klar: Bullshit!
… fürs Herz: der kleine Joe, dessen Bedürfnisse nach Nähe und Nahrung wegen der ganzen Geschichte rund um Rachel und ihre Ängste ignoriert werden.
… fürs Gedächtnis: Helen Walshs eindringliche, unverblümte Sprache, die aus diesem Buch eine regelrechte Ohrfeige macht.

Ich will schlafen! von Helen Walsh ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04380-8, 320 Seiten, 19,99 Euro).

10 Gedanken zu “Helen Walsh: Ich will schlafen!

    • Mariki schreibt:

      Danke! Ich habe eine ganze Woche gebraucht, um all die durcheinander wirbelnden Gefühle, die die Lektüre bei mir ausgelöst hat, zu ordnen. Einerseits finde ich den Roman sehr stark und klug und wichtig, andererseits war er mir zu überdreht und zu übertrieben. Aber es ist natürlich schwer, da subjektiv zu bleiben, weil auch meine eigenen Erfahrungen als Mutter ihre Stimme erheben und mir dreinquatschen – Helen Walsh hat das alles offenbar anders erlebt. Und ich muss sagen: Da hab ich ja noch Glück gehabt … obwohl ich nie schlafe 😉

      „Muttergefühle“ interessiert mich sehr, seit ich deine Rezension gelesen habe!

      • Bibliophilin schreibt:

        Dass Du offenbar wirklich Glück mit Deiner Schwangerschaft hattest, das wissen wir schon. Das das Glück wohl auch nach der Geburt mit Dir zusammen wohnt, ist doch so schön!
        Wenn ich mich dann doch mit dem Buch beschäftigen werde, werde ich über meine Meinung berichten. 🙂

      • Mariki schreibt:

        Ich würd mich sehr freuen, mich mit dieser über diesen Kraftakt von einem Buch zu unterhalten!

        Ja, ich hab wirklich Glück mit meinem Sohnemann – auch wenn er mich jede Nacht wachhält. Ich liebe ihn trotzdem, ich kann nicht anders 😉

  1. Ada Mitsou schreibt:

    Also ich habe großen Respekt vor Mamas mit Kleinkindern/Babys. Ich selbst weiß ja nicht, wie das ist, aber seit ich bei der Arbeit immer öfter Mütter mit ihren Kleinsten sehe, mache ich mir so meine Gedanken, wie ich in bestimmten Situationen reagieren oder mich fühlen würde.
    Manche Babys sind total friedlich und ruhig, quietschfröhlich und sehr leicht glücklich zu machen, aber da gibt’s auch Kinder, die gerade das Laufen für sich entdeckt haben und schnell wie der Blitz durch die Gänge rennen und überall ein kleines Chaos veranstalten 😉 Die Mütter sausen dann wie der Wind hinterher, können kaum einen Satz zu Ende sprechen und wenn sie das Herzstück endlich eingefangen haben, fängt das ganz furchtbar bzw. furchtbar laut an zu schreien, sodass sich alle umdrehen und man die genervten Blicke mancher Mitmenschen förmlich spüren kann.
    Puuh, wie anstrengend und ja, oft auch für mich ein bisschen an den Nerven zerrend, wenn sich das Kind einfach nicht beruhigen kann/will, egal was man bzw. die Mama tut.
    Zum jetzigen Zeitpunkt aus meiner jetzigen Sicht wäre ich wahrscheinlich heillos überfordert mit einem Baby/Kind, das gefühlte Stunden weint und kreischt und schreit. Die Vorstellung macht mir als Nicht-Mama ein bisschen Angst, weswegen ich die Mamas bewundere, die trotz der Hektik und dem genervten Umfeld noch verhältnismäßig gelassen wirken.
    Und wenn ich erst daran denke, wie sehr meine Woche im Eimer ist, wenn ich ein paar Tage lang nicht genug Schlaf bekommen habe, bin ich lieber ganz still. Aber ja, vielleicht wächst man auch mit den Aufgaben und entwickelt als Mutter Kräfte, die ich mir jetzt einfach noch nicht vorstellen kann 🙂

    • Mariki schreibt:

      Ich kann deine Bedenken absolut verstehen, denn bevor man selber Kinder hat, betrachtet man das ganze Thema so rational. Aber Mutter Natur ist schlau und stattet jede (normale, sage ich mal) Mama mit einer fetten Portion Hormone aus – und mit der einzigen Superkraft, die es auf diesem Planeten gibt: Liebe. Deswegen überstehe ich auch jede einzelne Horrornacht, ohne meinen Sohn mit Schlafmitteln vollpumpen oder gar umbringen zu wollen wie Rachel im Roman. Der Fokus im Buch liegt ausschließlich auf dem Negativen, was vermutlich damit zu tun hat, dass Rachel ihr Kind nicht lieben kann – wobei mir nicht klar ist, was zuerst da war, der Schlafmangel oder die fehlende Liebe und ob das Erste das Zweite bedingt. Ich hatte allerdings das extreme Glück, dass mein Baby von Anfang an superentspannt und ruhig und fröhlich war, stundenlanges Kreischen kenne ich demnach nicht. Man bekommt allerdings wirklich eine besondere Art von Gelassenheit, und man bekommt vielleicht wirklich besondere Kräfte, die mit denen die Natur dafür sorgt, dass man das Baby nicht aussetzt, auch wenn es einen an den Rand des Wahnsinns treibt 😀 Und das schreibe ich, nachdem ich letzte Nacht 8 Mal geweckt wurde und um 6.30 aufgestanden bin. Ich setze einfach auf Zeit: Irgendwann wird er 15 sein, die halbe Nacht fortgehen und bis mittags schlafen. Das sage ich mir jede Nacht immer wieder. Ich werde dann vermutlich trotzdem schlaflos wachliegen – vor Sorge! 😀

  2. Svenja Poelzer schreibt:

    …ich habe auch an die „elternlüge“ geglaubt, dass Kinder das Leben reicher und erfüllter machen. In Wahrheit rauben sie Dir Dein Leben komplett. Man kann nicht anders, als dieses kleine Wesen zu lieben, aber glücklicher wäre ich ohne es.

    • Mariki schreibt:

      Ich würde meinen Sohn nicht mehr hergeben – nicht für allen Schlaf der Welt! Und das Leben verändert sich meiner Ansicht nach einfach – was ich gut finde, weil ich nicht möchte, dass mein Leben immer gleich bleibt, dass ich z. B. für immer Schüler oder Student bin oder jeden Tag auf Partys gehe. Irgendwann ist Zeit für neue Herausforderungen und neue Abenteuer … und da gibt es keine schöneren als Kinder! 😀

  3. Mimi schreibt:

    Alle Mütter die ein Schreibaby hatten wissen wovon Helen Walsh schreibt und es ist keinesfalls übertrieben. Es ist nicht nur der Schlafmangel, es ist das ständige Schreien und die eigene Hilflosigkeit darüber die eine Mutter in die Verzweiflung treiben.

    Mein erstes Baby war ein Schreibaby. Trotzdem habe ich noch zwei weitere bekommen und die waren zum Glück ausgeglichener. Heute weiss ich dass alles ein Vorübergang ist aber wenn man gerade diese schweren Monate durchlebt, ist es einfach der blanke Horror. Danke für die Ehrlichkeit Helen Walsh!!

    • Mariki schreibt:

      Da hast du bestimmt recht – allerdings ist das Baby im Roman kein Schreibaby, das hab ich dezidiert in einem Interview mit Helen Walsh gelesen. Ich bin froh für dich, dass du alles gut durchgestanden hast, ich stell’s mir wahnsinnig anstrengend vor mit einem Schreikind. Mir reicht es ja schon, dass ich seit 20 Monaten jede Nacht so oft aufstehen muss. Und drei Kinder – Respekt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s