Harriet Köhler: Und dann diese Stille

Reden ist Silber, Schweigen ist Literatur
Als Grethe im hohen Alter stirbt, sitzt ihr Mann Walther an ihrem Krankenbett. Um ihr endlich zu erzählen, was damals geschehen ist im Krieg, ist es zu spät, denn Grethe hört ihn nicht mehr. Damit er nicht auf sich allein gestellt ist, zieht Walthers Sohn Jürgen – selbst jenseits der 60 und in Rente – bei ihm ein. Die Beziehung der beiden ist schwierig, denn Walther hat die ersten zehn Lebensjahre durch Krieg und die anschließende Gefangenschaft verpasst. Eng verbunden war Jürgen daher mit seiner Mutter, Grete, wie alle „Kriegsmütter und ihre Söhne“. Es fällt ihm schwer, den alten Mann zu unterstützen, sie ertragen einander kaum. Nicht viel besser ist es um die Beziehung zwischen Jürgen und seinem eigenen Sohn Nicki bestellt, der über den Tod seiner Großmutter – bei der er zum Teil aufwuchs – sehr traurig ist. Die Beerdigung führt die drei Männer in jenen Ort im Osten Deutschlands, den die Familie einst fluchtartig verlassen hat, doch sie finden dort nichts von Bedeutung. Um dem schlechten Beispiel seiner schweigsamen Familie nicht zu folgen, bemüht Nicki sich, seine Gefühle gegenüber seiner Freundin Ruth auszudrücken, denn er liebt sie außerordentlich. Und vielleicht gelingt es ihm, das Rollenmuster aus Verdrängen und Ignorieren zu durchbrechen.

Die deutsche Schriftstellerin Harriet Köhler setzt sich in Und dann diese Stille mit den großen Themen der jüngeren Geschichte Deutschlands auseinander: Krieg und Entbehrung, Flucht aus der DDR und anschließend jahrzehntelanges Schweigen über alle Ereignisse, das die eine Generation an die nächste weitergibt. Drei Männer aus drei Generationen stehen nach dem Tod von Ehefrau/Mutter/Großmutter Grethe vor dem sprichwörtlichen Nichts, für Walther und Jürgen beginnt das Warten auf das Ende. Nur Nicki, der Jüngste, hat – sehr symbolisch – die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. All die Geheimnisse und unterdrückten Empfindungen, über die nicht gesprochen wird, bremsen das Buch aus und nehmen ihm jeglichen Schwung. Es schleppt sich dahin, ab und zu gepusht von einer geglückten Formulierung, und präsentiert sich – weil es in der Natur der Thematik liegt – sehr handlungsarm. Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem Erinnern und der Gegenwart, in der über diese Erinnerungen nicht geredet wird. Und während dieser Roman sehr leise ist, werden viele Stimmen in mir laut, es sind die Stimmen anderer Bücher. Für gewöhnlich ziehe ich nicht immer sofort einen Vergleich bzw. versuche, ein Werk für sich zu lesen, doch in diesem Fall kann ich mich gegen all die Vergleiche nicht wehren, die sich mir aufdrängen, weil die Parallelen allzu deutlich sind. Über die vergewaltigenden Kriegsrussen und die vergewaltigenden Kriegsdeutschen habe ich kürzlich bei Eva Baronsky in Magnolienschlaf gelesen, über die DDR und ihr Verblassen hat Eugen Ruge den Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts (zugegebenermaßen später als Harriet Köhler) geschrieben, und was fehlende Kommunikation anrichten kann, hat Julia Franck eindringlich mit Rücken an Rücken gezeigt. Das sind nur drei Beispiele für den Literaturreigen über ebendiese Themen, der in mir wach wird. So wild purzeln diese Stimmen in meinem Kopf durcheinander, dass Und dann diese Stille dabei völlig untergeht. Ich finde nichts in diesem Buch, das mein Interesse weckt, keine Ecken, keine Haken, nichts zu beanstanden, aber auch nichts, um mich zu verlieben. Vielleicht empfehlenswert für alle, die nicht so viele Stimmen im Kopf hören.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein Cover wie das Buch: schlicht, sehr einfach, schwach.
… fürs Hirn: mal wieder der Krieg und seine Folgen, die DDR, die ewige Schweigsamkeit der Deutschen.
… fürs Herz: die Verliebtheit von Nicki und Ruth.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Sie saßen nebeneinander wie Liebende, die auf einen Zug warten, der Verspätung hat, und die es nicht wagen, noch etwas anzufangen in der zusätzlichen Zeit, die bis zum Abschied bleibt.

4 Gedanken zu “Harriet Köhler: Und dann diese Stille

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Von Harriet Köhler habe ich bisher nur ihren Roman „Ostersonntag“ gelesen, den ich als wirklich sehr schwach in Erinnerung. Auch wenn mich „Und dann diese Still“ von der Aufmachung und der Kurzbeschreibung her reizen, bringe ich es glaube ich nicht fertig, sobald ein weiteres Buch von ihr zu lesen … 😉

    • Mariki schreibt:

      Nun ja, wenn du das eine schon schwach fandest, würde ich dir zum anderen auch nicht raten … denn ich fand es ja auch schwach. Leider! Komisch aber, dass sie so tolle Kritiken hat?!

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Das stimmt, dann sollte ich wahrscheinlich wirklich lieber die Finger davon lassen … 😉 Dass sie so tolle Kritiken hat, ist wirklich komisch und kann ich mir auch nicht wirklich erklären. Ich hatte mich davon in die Irre führen lassen und bin dann mit sehr großen Erwartungen an den Roman herangegangen!

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