Jon McGregor: Even the dogs

Wenn einer stirbt, den niemand mehr braucht
Zwischen Weihnachten und Neujahr stirbt Robert in seiner verschlossenen Wohnung. Was ist geschehen? Tochter Laura und ihre Freunde klopfen vergeblich an die Tür, die erst ein paar Tage nach Roberts Tod ausgebrochen wird. Er wird obduziert – die Todesursache war eine natürliche – und beerdigt. Vor Kurzem erst nahm Laura den Kontakt mit ihrem Vater auf, den die Mutter verließ, als Laura noch ein Kind war. Robert war Alkoholiker und Laura folgte ihm in die Welt der Süchte: Sie ist schwer drogenabhängig. Sie verbringt ihre Zeit mit zwielichtigen Figuren – auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Der Tod ihres Vaters hilft ihr nicht unbedingt dabei, gesund zu werden, aber andererseits hat er auch keine großen Auswirkungen auf ihr ohnehin schon schwieriges Leben – bis auf jene, dass ihr nun eine Unterkunft fehlt.

Bei der Lektüre von Even the dogs, das kürzlich im Berlin Verlag unter dem Titel Als Letztes die Hunde erschienen ist, erlebe ich ein höchst merkwürdiges dejà vu: Vor vielen Jahren habe ich eine Kurzgeschichte über Obdachlosigkeit aus der Perspektive der ersten Person Plural geschrieben. Auch Jon McGregor lässt ein ominöses, unbekanntes „We“ erzählen und beobachten. Eine Gruppe von Geistern? Seelen? Obdachlosen?, die überall hin kann und alles weiß, ein Chor, der nur zuschaut und unbeteiligt bleibt. Prinzipiell finde ich das – siehe oben – gut, aber für einen ganzen Roman ist es doch zu wirr und geheimnisvoll, zu intensiv und fordernd. Dadurch verstehe ich auch, weshalb meine Geschichte damals nie so richtig stimmig war. Zur Atmosphäre von Verschwommenheit und Außerhalb-der-Gesellschaft-Traurigkeit tragen auch die vielen mittendrin abgebrochenen Sätze bei. Sie hören unvermittelt und ohne Punkt auf, als hielte jemand einen Monolog und unterbreche sich ständig selbst. Es ist logisch, dass das Gift für einen angenehmen Lesefluss ist und trotz vermeintlicher Kreativität wird es mit der Zeit sehr anstrengend. Bleibt der Inhalt, der für mich keine Offenbarung bereithält. Even the dogs ist eine traurige Geschichte über Abhängigkeit und Lieblosigkeit, über Wunden und Einsamkeit. In all der sprachlichen Experimentierfreudigkeit, die ich generell begrüße, geht der Inhalt ein wenig verloren, die Sprache erzeugt einen Nebel, der schwer zu durchdringen ist. Was also will Jon McGregor sagen? Dass es das Dreckige, Verwahrloste gibt, dass man hinschauen soll und nicht immer nur schweigen? Dass man schnell verfällt und stirbt, wenn niemand auf einen achtgibt? Dass es furchtbar ist, viel zu viel zu trinken, ganz unten zu sein, erst gefunden zu werden, wenn man schon tagelang tot ist? Ja, das ist es.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
Blumen + Strom = Bild unserer Zeit?
… fürs Hirn: wie scheiße es ist, nicht in die Gesellschaft integriert zu sein, verloren zu sein – no surprise!
… fürs Herz: wenige, die Leute sind logischerweise abgestumpft.
… fürs Gedächtnis: nur die Enttäuschung.

8 Gedanken zu “Jon McGregor: Even the dogs

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für diese schöne Rezension! Von Jon McGregor habe ich bereits „Nach dem Regen“ und „So oder so“ gelesen, beide Bücher haben mir sehr gut gefallen. Auch „Als letztes die Hunde“ klingt sehr interessant und so als würde es in mein Beuteschema fallen – danke für diese verlockende Vorstellung!

    • Mariki schreibt:

      Musste gerade sehr schmunzeln, dass du meine Vorstellung verlockend findest, wo ich doch gar nicht zurechtkam mit dem Buch … Sind die anderen beiden Bücher sprachlich auch derart extrem?

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ja, die beiden anderen Bücher sind sprachlich zumindest auch „außergewöhnlich“ – auch wenn das manchmal ungewohnt ist (Sätze brechen mittendrin ab) finde ich dies immer extrem reizvoll … aus diesem Grund war deine Vorstellung trotz deiner eigenen Schwierigkeiten für mich doch verlockend. 🙂

  3. Bücherphilosophin schreibt:

    Ich glaube das Buch sollte ich mal lesen – ich bin selbst einer von diesen nebligen Schreibern. Beim ersten Mal lesen habe ich mit eben diesem Stil als Leser oft Probleme, aber die rereads sind ein Fest. Ist mir gerade bei Girl meets Boy von Ali Smith passiert – kann ich übrigens sehr empfehlen 😉
    LG, Katarina 🙂

    • Mariki schreibt:

      Schräg, dass ausgerechnet bei einer so negativen Rezension zwei „Das will ich auch lesen“-Reaktionen kommen, damit hab ich nicht gerechnet! Aber: Des einen Leid, des anderen Freud, also hoffentlich deine Freud 😀

      • Bücherphilosophin schreibt:

        Ich lese es zu Lernzwecken, da steht der Spaßfaktor erstmal hinten an 😉

        Hast Du schon mal das Gefühl gehabt, dass ein Buch zu dem Du beim ersten Mal Lesen keinen Zugang hattest, beim zweiten Mal besser verständlich war?
        Oder liest Du diese Bücher dann generell nur einmal und nie wieder?

        LG, Katarina 🙂

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