Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Von Künstlern und Kühen
Paul Wendland-Kück hat gerade das, was man eine Pechsträhne nennt: In seiner neuen Galerie in Berlin, in der er Bilder eines blinden Malers ausstellt, sitzt er Jahr und Tag ganz allein, Freundin Christina zieht nach Barcelona – und dann versinkt auch noch sein Elternhaus im Moor. Paul muss nach Worpswede fahren und versuchen, zu retten, was zu retten ist. In der weit über die Lande hinaus berühmten Künstlerkolonie teilten sich Bauern, Künstler und Kühe friedlich den verfügbaren Platz. Die Kücks gehörten zu den Kunstschaffenden, besonders Pauls Großvater machte sich als Bildhauer einen Namen, er goss große Persönlichkeiten in Bronze. Die, die nicht verkauft wurden, gehen langsam im Garten unter. Pauls Mutter lebt als New-Age-Workshopleiterin auf Lanzarote, zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, im Haus verblieben ist nur Nullkück, der geistig ein wenig langsamer und dessen Herkunft ein Rätsel ist. Denn seine angebliche Mutter galt als unfruchtbar und sein angeblicher Vater war zur Zeit von Nullkücks Geburt seit zwei Jahren tot. Ist der Mann, der so verzaubernde Liebesbriefe schreibt, vielleicht doch das Kind von Tante Marie? Wurde sie wirklich von der Gestapo abgeholt? Oder was geschah mit der bildhübschen Künstlermuse? Paul macht sich daran, das Geheimnis zu lüften – genau wie Ohlrogge, Ex-Freund von Pauls Mutter, der seit Jahrzehnten auf die Gelegenheit zur Rache an Pauls Vater wartet, weil dieser ihm seinerseit das Mädchen ausspannte. Und je mehr das Haus im Teufelsmoor versinkt, umso mehr Geheimnisse tauchen daraus auf.

Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel ist die amüsant-verdrehte Geschichte einer deutschen Künstlerfamilie und wohl eine Abrechnung mit allen Worpswede-Klischees. Für mich ist allerdings in Sachen „skurriles Familienepos“ – natürlich nicht mit deutschem Hintergrund – mein früherer Lieblingsautor John Irving das Maß aller Dinge, und jeder Autor, der mir begegnet und etwas zum Thema beitragen will, muss sich neben diese literarische Größe stellen. Moritz Rinke sieht trotz aller Versuche, zu hüpfen und die Arme in die Luft zu strecken, klein daneben aus. Seine Figuren sind sehr wohl mit liebenswerten, kauzigen Eigenschaften ausgestattet, und Worpswede mit seinem malerischen Himmel und verrückten Einwohnern ist natürlich eine Kulisse für sich. Bilder eines blinden Malers, eine Mutter, die Salat per Luftpost schickt, und ein Griesgram, der zu Prostituierten geht, wenn es regnet – das alles ist kurios und regt zum Schmunzeln an, aber es ist mir längst nicht irrwitzig genug. Ohlrogge, dem eine eigene Perspektive gewidmet ist, ist in seiner Verbitterung und Einsamkeit eine relativ fade Person, Protagonist Paul wirkt auf mich lächerlich unselbstständig, nicht kommunikationsfähig und schrecklich naiv. Am liebsten ist mir da schon der eigensinnige Nullkück, der ausschließlich Blinis isst und von den Liebesbriefen seiner Jugend auf E-Mails umgestiegen ist. Ihn scheint es jedoch nur zu geben, damit die Unklarheiten um seine Geburt thematisiert werden können. Als die Geheimnisse an die Mooroberfläche kommen, sind sie für einen halbwegs aufmerksamen Leser keine Überraschung: Seine nationalsozialistische Gesinnung hat vermutlich fast jeder Deutsche zu einer gewissen Zeit im Garten vergraben, und was mit Marie geschah, stand ohnehin schon die ganze Zeit im Raum. Ich vermisse das Verblüffende an der Geschichte, die Marotten sind mir zu klein, die Hintergründe zu groß und zu klischeehaft, es fehlt mir der Biss, der Drive. Insgesamt ist der Roman wahnsinnig überladen – ohne jedoch in die Tiefe zu gehen. Viele Leser waren vom Mann, der durch das Jahrhundert fiel begeistert, aber für mich versinkt dieses Buch neben Irvings Werken im Moor.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
der Himmel von Worpswede?
… fürs Hirn: dass es eben in Deutschland in jedem Garten alte Nazisachen gibt, sonst aber offenbar nichts Interessantes.
… fürs Herz: nur die Figur von Nullkück.
… fürs Gedächtnis: das beste Zitat: „Innere Kühe sind schwere Seelen, die niemals das Moor verlassen können.“

2 Gedanken zu “Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

  1. Bücherphilosophin schreibt:

    Schade, mir geht es aber auch manchmal so, dass ich einem viel gelobten Buch nicht viel abgewinnen kann oder zu Mindest bestehende Erwartungen enttäuscht werden.
    LG, Katarina 🙂

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