Rayk Wieland: Kein Feuer, das nicht brennt

Muss man eine Reise erlebt haben, um sie beschreiben zu können?
„In einem Film, an den ich mich kaum erinnern kann, trifft eine Figur, von der ich alles andere vergessen habe, in einer Szene die ebenso brachiale wie zart-poetische Feststellung: >Das Leben ist noch verrückter als Scheiße.<" Auf W.s Leben trifft das auf jeden Fall zu: Nachdem er in Ich schlage vor, dass wir uns küssen entdeckte, dass er jahrelang von der Stasi wegen seiner pubertär-schwülstigen Gedichte an Freundin Liane überwacht worden war, findet in Kein Feuer, das nicht brennt seine Karriere als Reisereporter ein jähes Ende. Was nicht daran liegt, dass W. ein schlechter Schreiberling wäre, im Gegenteil – bloß hat er die ausführlich geschilderten Reisen überhaupt nie angetreten, ja, er hat gar die DDR noch nie verlassen. Und das, obwohl es sie gar nicht mehr gibt. Denn auch ohne die Mauer übertritt W. niemals die Grenze, die in seinem Kopf nach wie vor existiert. Das ändert sich allerdings, als er nach einem Unfall in ein Krankenhaus in Westberlin gebracht wird: „Die Mauer, die süße, die hilfreiche, die ehemalige Grenzlinie zwischen West und Ost, war nach meiner Verbringung ins Urban-Krankenhaus mehr oder weniger defloriert.“ Da steht W. nun, arbeitslos und perspektivenlos, als nichtreisender Reisereporter entlassen und beschimpft: „Mein bisheriges Leben als Reisereporter würde zu keinem Ruhmeskapitel in meiner Biographie mehr werden können.“ Also tut W. das einzig Naheliegende: Er verreist. Und zwar gleich nach China.

Rayk Wieland ist ein Witzbold, ein äußerst charmanter Witzbold. Gern stelle ich mir vor, wie er während des Schreibens schmunzelt, ab und an über einen gelungenen Schmäh kichert und sich dabei die Hände reibt wie Rumpelstilzchen. Er versteht sich darauf, seine fast namenlose Hauptperson W. in absolut absurde, höchst amüsante Situationen zu bringen – und hat mich damit schon in seinem Erstling Ich schlage vor, dass wir uns küssen glänzend unterhalten. Mit Kein Feuer, das nicht brennt gelingt ihm das ebenso, wenn auch nicht ganz so gut. Ich mag es sehr, wie er W. die eigenen Erlebnisse mit triefender Selbstironie kommentieren lässt, etwa als W. innerhalb weniger Stunden ergraut und seine neue Haarfarbe im Klospiegel entdeckt: „Wenn die Dynamik der Vergreisung anhielt, rechnete ich mir aus, würde ich noch auf dem Rückweg vom Klo verscheiden.“ Was seine halbphilosophischen Betrachtungen über das Leben, das Reisen und vor allem das nichtbrennende Mattscheibenfeuer angeht, so sind sie mir teilweise zu ausführlich, zu detailgenau – und letztlich überhaupt nicht zielführend. Was andererseits auch wieder den Witz des Romans ausmacht: dass es trotz aller Reisebeschreibungen und tatsächlicher Reisen kein Ziel gibt. Lustig finde ich auch, dass W. ausgerechnet nach Shanghai fliegt, wo seine Ex-Freundin Liane mit ihrem Mann lebt – und wo er vonb ihr die Gründe für ihr unvermitteltes Verschwinden viele Jahre zuvor erfährt. Rayk Wieland, selbst gelernter Reisereporter, nimmt in Kein Feuer, das nicht kennt die neuen Glamour-Reisen aufs Korn: weiter, aufregender, einzigartiger müssen sie sein, aber eigentlich sind sie so stereotyp, dass man sie anhang von Internetrecherche beschreiben kann, ohne sie je erlebt zu haben. Die Mauer ist dabei in vielerlei Hinsicht eine Metapher für die vermeintliche Grenzenlosigkeit in der globalisierten Welt. Schließlich erkennt W., warum Menschen reisen, und findet dabei natürlich etwas ganz Wichtiges heraus: Wer er selbst ist. Die beiden Bücher hängen zusammen, müssen aber nicht unbedingt nacheinander gelesen werden. Ich verstehe jedoch – da ich es meist vermeide, mehr als ein Buch von einem Autor und schon gar nicht eine Serie lese – mit einem Mal, warum viele Leser Fans von Buchserien sind, weil man bei einer vertrauten Figur tatsächlich das Gefühl hat, erneut einen Freund zu treffen, den man schon ein bisschen kennt. So ging es mir mit dem – auf gut Österreichisch gesagt – extrem patscherten W. Das erste Werk von Rayk Wieland hat mich aufgrund der völligen Verdrehtheit und des witzigen DDR-Bezugs mehr erheitert, aber auch das zweite ist durchaus lesenswert als wunderbar unterhaltsame, luftig-leichte Frühlingslektüre. Ein bisschen so, wie Helium einzuatmen – und einen Lachanfall zu bekommen. Das braucht man ab und zu einfach!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
nett gemachtes Cover, fasst den Inhalt in ein Bild und passt zum Erstling.
… fürs Hirn: einfach nur Spaß.
… fürs Herz: dass da vielleicht doch noch ein bisschen Liebe auf W. wartet. Wenn er erst mal verreist.
… fürs Gedächtnis: Heiterkeit mit einer angenehmen Prise Lebensklugheit.

Kein Feuer, das nicht brennt von Rayk Wieland ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN ISBN 978-3-88897-748-0, 160 Seiten, 16,95 Euro). Hier gibt es ein fünfminütiges Rezensionsfilmlein in der ARD Mediathek.

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