Brittani Sonnenberg: Heimflug

SonnenbergWenn einer fehlt, dann fehlt er auf der ganzen Welt
Eine Familie: Elise, Chris, Leah und Sophie. Elise, die der Erinnerung an die sexuellen Übergriffe ihres Großvaters entkommen will und sich einen Mann aussucht, der die ganze Welt bereist, um so weit wie möglich wegzukommen. Chris, der Schulsportler, der beruflich erfolgreich ist, ein stolzer, zurückhaltender Mann. Leah, die in Deutschland geboren wird, in London, Amerika, China und Singapur aufwächst, voller Neid auf die kleine Schwester davor und voll unendlicher Trauer danach. Denn Sophie stirbt im Alter von 13 Jahren überraschend. Die anderen drei Familienmitglieder versuchen in Folge, mit ihrem Fehlen zurechtzukommen – an verschiedenen Orten, mit einer Therapie, mit all ihrer Kraft. Doch auch nach vielen Jahren ist ihnen klar, dass es ihnen niemals gelingen wird.

Brittani Sonnenbergs Buch Heimflug ist unglaublich kraftvoll, emotional und intensiv. Die 1981 in Hamburg geborene Autorin mit amerikanischen Wurzeln hat wie ihre Figuren in Asien, Europa und den USA gelebt und unterrichtet momentan an der Universität in Hongkong. Vermutlich kennt sie sich deshalb so gut aus mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit und mit dem Vagabundendasein. Gleich zu Beginn fesselt sie mich mit ihrer trittsicheren, stimmigen Sprache und der einzigartigen Perspektive: Im ersten Kapitel erzählt ein Haus. Die Perspektiven wechseln oft, von Ich-Einblicken über fast theaterstückartige Szenen bis hin zu klassisch auktorialen Teilen, und das macht den Roman sehr facettenreich, wenn auch ein wenig unrund. Aber da ich mich ja gerade mit Kurzgeschichten anfreunde, hat mich das nicht gestört. Heimflug ist freilich keine Short Story, sondern ein in sich geschlossener Roman, zusammengestellt aus Fragmenten, aus Flicken, aus Scherben, wodurch sich der Inhalt im Stil spiegelt – und im Gesamtbild ergibt dies das Porträt einer Familie von Expats, die durch den Tod eines Kindes zerbricht und nur noch lose zusammengehalten wird. Das ist in erster Linie beschissen traurig. Die einzelnen Figuren beleuchtet Brittani Sonnenberg von mehreren Seiten, lässt sie selbst zu Wort kommen und zeigt, wie sie durch die Augen der anderen erscheinen. Sie sind verletzt und verletzlich, voll widersprüchlicher Gefühle und dabei vor allem eins: sehr menschlich.

Heimflug ist ein Buch, das funkelt. Es ist liebevoll, zärtlich, brutal und abgeklärt, es duftet nach exotischen Pflanzen, schwitzt vor Hitze, fühlt sich manchmal fremd und manchmal vertraut an. Hier ist eine Autorin am Werk, die es glänzend versteht, das Fremde einzufangen und zu beschreiben, und die genau weiß, was sie mit ihrer Geschichte sagen will. Es geht um die Suche nach der Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen, wenn man keine Heimat hat, und um die Frage, was einen auffangen kann, wenn es keinen Boden unter den Füßen gibt. Der Roman hat keinen durchgängigen Erzählstil, aber einen gut erkennbaren roten Faden. Und auch wenn er zum Ende hin ein bisschen abflaut und an Kraft verliert, habe ich jedes Kapitel, jede Seite sehr genossen, ich war emotional beteiligt an der Geschichte und begeistert von der Sprache. Ein Buch, das ich euch ans Herz legen will, denn dort gehört es hin.

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Heimflug von Brittani Sonnenberg ist erschienen im Arche Verlag (ISBN 978-3-7160-2709-7, 336 Seiten, 19,95 Euro).

Was ihr tun könnt:
Brittani Sonnenbergs Website besuchen.
Der Autorin auf Twitter folgen.
Eine Besprechung auf zeit.de lesen.
Erfahren, was Mara von Buzzaldrins Bücher über das Buch denkt.
Euch eine Leseprobe des Romans zu Gemüte führen.
Das Buch bei ocelot.de bestellen.

9 Gedanken zu “Brittani Sonnenberg: Heimflug

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Oh ja, das Cover ist wirklich wunderschön! :-) Ich habe das Buch hier noch liegen, bisher aber noch ungelesen – die liebe Zeit. Jetzt rückt es aber ganz weit hoch auf dem Bücherstapel, wenn du es so lobst! :-)

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