Annika Reich: Die Nächte auf ihrer Seite

IMG_8609In der Politik und in der Liebe
Dass Ada und Farid geschieden sind, ist eigentlich nicht richtig. Weil sie sich einmal sehr geliebt haben, weil sie eine Tochter haben, weil sie sich nicht loslassen können. Aber der Alltag und das Leben mit Kind haben ihrer Ehe den Garaus gemacht, und jetzt filmt Ada durch ihr Fenster Paare, die zur Therapie gehen, als könnte sie dabei etwas finden, das ihr hilft, eine Brücke zu bauen über den Abgrund zu Farid. Sira, seine Schwester, hat dagegen ganz andere Probleme, denn sie ist bei einem Besuch zuhause in Ägypten ganz unerwartet mitten in die Revolution am Tahir-Platz geraten und wird seither die Bilder nicht los, die Unruhe, de Angst. Und während Filmemacher Olaf wilde Theaterideen rund um Adas und Siras Familien entspinnt, suchen beide Frauen nach Wegen, um ihre innere Anspannung zu lösen und ein bisschen Glück zu finden.

Ich hatte das große Vergnügen, Annika Reich im Jänner beim Hanser’schen Bloggertag kennenzulernen. Und nachdem ich ihr Buch 34 Meter über dem Meer schon ganz wunderbar gefunden hatte, fand ich seine Autorin noch wunderbarer. In unserer heiteren Runde hat sie aus ihrem neuen Roman Die Nächte auf ihrer Seite vorgelesen und hat erzählt, wie er entstanden ist, wie sie Interviews mit ägyptischen Frauen führte, die bei der Revolution dabei waren, und wie sie anfangs Reigen über Reigen schrieb, ohne zu wissen, wie daraus ein Buch werden sollte. Deshalb hatte ich, als ich das Werk endlich in den Händen hielt, das Gefühl, einem Freund zu begegnen, den ich schon kenne. Das Schöne aber war: An diesem Freund gab es noch viel Unbekanntes zu entdecken.

Annika Reich porträtiert mit viel Feingefühl und einer scharfen Beobachtungsgabe zwei Frauen, denen etwas fehlt im Leben – ein Mensch, ein Grund, ein Antrieb – und die deshalb völlig gelähmt und getrieben zugleich sind. Sie lotet dabei mit leichter Hand menschliche Beweggründe und Handlungsweisen aus, sie vereint Politik, Geschichte, Liebe und Familienwahnsinn zu einem Feuerwerk aus Emotionen. Trotz der gewaltigen Gefühle kommt kein Satz wuchtig daher, im Gegenteil, kraftvoll und intensiv, aber luftig gestrickt und höchst elegant ist Annika Reichs Sprache. Und obwohl ich vor der Lektüre mehr über das Buch wusste, als das üblicherweise der Fall ist beim Lesen, ist es ihr dennoch mehr als einmal gelungen, mich zu überraschen. Die Nächte auf ihrer Seite ist ebenso amüsant wie traurig, es ist wehmütig, intelligent und absolut lesenswert. Ich habe damit sehr schöne Stunden verbracht – wie mit einem guten Freund eben.

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Die Nächte auf ihrer Seite von Annika Reich ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-24766-6, 224 Seiten, 19,50 Euro). Hier könnt ihr der Autorin beim Lesen zusehen und zuhören.

Noch mehr Futter:
 – „Danke, dass Du das Buch so hervorragend geschrieben hast. Danke noch mal für den wunderbaren Abend in München, an dem Du uns Bloggern zum ersten Mal aus Deinem Buch vorgelesen hast und mich auf Deine Figuren und Deine Geschichten neugierig gemacht hast. Danke für Deine „Mutter-Kind“-Beobachtungen und für jeden einzelnen Moment als ich beim Lesen ausrufen musste – „ja, genau so ist es bei mir.“ Danke, dass Du schreibst. Und ich hoffe, Du wirst es weiter tun“, schreibt die Bibliophilin.
– „Die Nächte auf ihrer Seite ist ein einfühlsam geschriebenes, aber kein leicht zu durchdringendes Buch. Es ist schnell gelesen, die Gedanken aber regt es noch weit über die Lektüre hinaus an. Dafür verdient es, gelesen zu werden“, heißt es bei Sophie von Literaturen.

2 Gedanken zu “Annika Reich: Die Nächte auf ihrer Seite

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