Alia Yunis: The Night Counter

Billiger Ramsch aus dem arabischen Trödelladen
Seit 992 Nächten bekommt die 82-jährige Fatima Abdul Aziz Abdullah Besuch von der unsterblichen Scheherazade. Im Libanon geboren, lebt Fatima in Amerika, seit sie 17 ist. Nacht für Nacht erzählt sie Scheherazade eine Geschichte – meist von ihrem Elternhaus in Deir Zeitoun. Welchem ihrer zehn Kinder oder ihrer vielen Enkelkinder sie dieses Haus vererben soll, weiß Fatima auch nach 992 Nächten noch nicht. Dabei läuft ihr die Zeit davon, denn nach der 1001. Nacht – davon ist Fatima überzeugt – wird ihr Leben zu Ende sein. Und sie muss noch so viel erledigen: ihren Enkel Amir, bei dem sie seit ihrer Scheidung von Ibrahim vor Kurzem wohnt, muss sie verheiraten und von der absurden Vorstellung heilen, er sei homosexuell. Dieser versucht seinerseits sein Glück als Schauspieler, wird aber nur für Terroristenrollen gecastet – weshalb ihn sein Aussehen ins Visier des FBIs rückt. Scheherazade besucht nach jeder von Fatimas öden Geschichten eines ihrer Kinder und besieht sich deren Leben.

The Night Counter – zu Deutsch unter dem Titel Feigen in Detroit veröffentlicht – ist ein leider völlig missratener Roman, bis zum Platzen angefüllt mit Klischees über Menschen arabischer Herkunft. Hauptfigur Fatima ist alt, egozentrisch, stur und intolerant. Die Homosexualität ihres Enkels ist ihr ein Gräuel – in ihren Augen verboten vom Koran – und als ihre siebzehnjährige Urenkelin schwanger und hilfesuchend vor der Tür steht, will sie nicht einmal mit der Sünderin reden. Sie ist dermaßen antiquiert und unsympathisch, dass ich sie während der Lektüre innerlich mehrmals eine blöde Kuh schimpfe. Dass Alia Yunis mir weismachen will, das FBI verfolge wegen eines anonymen Tipps ernsthaft einen ab und zu als Terroristen verkleideten Schauspieler, finde ich fast schon ärgerlich. Noch schlimmer aber ist ihre Darstellung von Scheherazade, die – beladen mit klimperndem Goldschmuck – am liebsten nur schlüpfrige Geschichten hören würde und tatsächlich mit einem fliegenden Teppich unterwegs ist. Das ist nicht amüsant, sondern einfach nur lächerlich. Mit diesem extrem klischeehaften Fluggerät sucht sie Fatimas Kinder – zum Glück nicht alle zehn! – auf, die sie natürlich nicht sehen können. Es folgen endlose und uninteressante Beschreibungen über den Alltag dieser verschiedenen Figuren, die ich irgendwann aus Langeweile nur noch querlese. Alia Yunis schürt mit der Erfindung der ewig gestrigen Fatima das Feuer, alle Muslime seien radikal, uneinsichtig, seien gegen Homosexualität und wilde Ehe und unwillig, sich zu integrieren. Nach fast sieben Jahrzehnten in Amerika spricht sie noch immer nicht gut Englisch. Sie hängt sich mit aller Macht an die Erinnerungen aus ihren ersten 17 Lebensjahren. Ihre Kinder halten kaum Kontakt zu ihr, und dass sie sich von Ibrahim getrennt hat, kann ich nicht nachvollziehen. Fatima ist in keiner Hinsicht etwas Besonderes – genau wie dieses Buch.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
das Bild der hennaverzierten Hände ist schön, Autorenname und Buchtitel gehen aber ein wenig unter.
… fürs Hirn: einfach nur ärgerlich, dieser Reigen an uralten Klischees.
… fürs Herz: ach. Nein. Da finde ich nichts.
… fürs Gedächtnis: hoffentlich so wenig wie möglich.

9

Claire Kilroy: All names have been changed

Guter Klappentext, schlechtes Buch
Declan ist der einzige männliche Teilnehmer einer Schreibgruppe am Trinity College in Dublin, die anderen vier Möchtegern-Schriftsteller sind Frauen. Er verehrt den Autor Glynn, der den Kurs leitet, sich aber erst nach einem Monat dazu bequemt, überhaupt an der Universität aufzutauchen. Er ist eine nationale Berühmtheit und jeder Ire hat das Gefühl, Glynn schreibe nur über ihn, so sehr berühren seine Bücher die Menschen. Es sind die 1980er-Jahre, es wird viel politisiert, Declan sucht seinen Weg zwischen Unruhen und einer möglichen Karriere als Autor. Seine Schreibersuche zeugen allerdings nicht von Talent. Mit der hübschen Guinevere führt er eine kurze Beziehung, die jedoch schnell an komplizierten Missverständnissen scheitert.

All names have been changed ist laut Klappentext ein Roman über eine „darkly exhilarating journey“ und über „group dynamic“, ich kann davon jedoch nichts finden, denn die vermeintliche Reise führt nirgendwohin, und eine interessante Gruppendynamik existiert in meinen Augen nicht. Was sehr schade ist. Inhaltlich ist dieser Roman – überraschenderweise das dritte Buch der Autorin – völlig blutleer, die ganze Geschichte verläuft im Sand und ich kann weder Widerhaken noch einen Sinn in dem Ganzen erkennen. Der Protagonist Declan stellt den irischen Autor Glynn auf ein Podest, verehrt und umschwärmt ihn – doch als Leser bekommt man nicht einmal eine Kostprobe von dessen angeblich ach so tollen Büchern. Im Gegenteil, Glynn bleibt eine sehr geheimnisvolle, undurchsichtige Person, dessen Erscheinen nicht, wie gehofft, irgendwelche Ereignisse ins Rollen bringt. Die Erwartungen werden zu Beginn des Romans natürlich hochgeschaukelt – und dann enttäuscht, denn Glynn ist ein uninteressanter, unsympathischer Mann, der seinen Schülern nichts Erwähnenswertes beibringt und sich auch sonst durch nichts Besonderes auszeichnet. Die Autorin gibt keinen detaillierteren Einblick in das Innenleben von Glynn, er ist ein alternder Held, aber nicht kauzig genug, um die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, zu verdienen. Die Beziehungen zwischen Declan und den vier Mitstudentinnen bleiben ebenfalls undurchsichtig bzw. entwickeln sich nicht weiter. Außerdem fehlt mir in All names have been changed der greifbare Irland-Bezug, die politischen Hintergründe bleiben schwammig und oberflächlich, ich hatte mir mehr Rebellion und Action erwartet. Der Roman schwebt halt- und richtungslos auf einer Welle der Buchstaben dahin und langweile mich furchtbar – deshalb gibt es zum ersten Mal seit Langem 0 Punkte. Dass die Kritiker davon so begeistert sind, kann ich nicht nachvollziehen. Für mich ein kompletter Flop.

 1

Ignorieren 2008

Nur für einen Punkt gereicht hat es 2008 für:

1. José Saramago: Die Stadt der Sehenden (Es tut mir im Herzen weh, aber nach Die Stadt der Blinden ist das eine herbe Enttäuschung.)
2. Maarten ‘t Hart: Die Sonnenuhr (zum Vergessen)
3. Klüpfel & Kobr: Milchgeld (brrrrrr)
4. Giuseppe Culicchia: Il paese delle meraviglie/Das Land der Wunder (wah! weg damit!)
5. Scarlett Thomas: The end of Mr. Y (Schön ist daran nur das Cover, der Inhalt ist ein schlechter Trip mit vielen weißen Mäusen.)

Stef Penney: The tenderness of wolves

Gute Idee, schlechte Ausführung
Welcher Teufel hat mich geritten, als ich dieses Buch gekauft habe? Man sollte nicht auf andere hören, die einem was empfehlen. Und schon gar nicht sollte man den Klappentexten glauben: Ich weiß das, ich schreibe selbst ständig welche. Dieses Buch wird seinem Klappentext jedenfalls alles andere als gerecht. Bereits nach drei Seiten weiß ich, dass ich dieses Ding aus Papier mit Buchstaben drauf nicht mag. Und dass sich das bis zum Ende nicht ändern wird. Was also tun? Das Dilemma beginnt: So sehr es mich quält, ich schaffe es nicht, einen Roman wegzulegen. Nein, ich nehme eine stoische Haltung ein und lasse die Folter über mich ergehen. Völlig sinnlos! Ich sollte mir das endlich abgewöhnen.

Die Geschichte ist so unendlich langweilig, dass ich sie nicht einmal nacherzählen kann. In einem kleinen Dorf irgendwo an einem abgelegenen Ort, an dem es immer kalt ist, wird einer ermordet – und der Sohn einer Frau wird verdächtigt. Er ist verschwunden, sie will ihn suchen. Sie geht aber nicht allein und sie findet ihren Sohn, der gar nicht von ihr ist, auch sehr schnell. Spannung verflogen. Die Suche nach dem Mörder ist öde, nichts an der Geschichte interessiert mich – die Dialoge sind flach, die verschiedenen Charaktere spiegeln nichts wider. Ich kann mich nicht hineinfinden in dieses Buch – und will es sehr schnell auch gar nicht. Ich fange an, den Text, die Absätze, die Seiten zu überfliegen, und bin erleichtert, als es endlich vorbei ist. Langeweile pur, inhaltloses Geschwätz, nichts Neues, null Originalität und daher null Punkte.

Do not touch! 2008

Mit dem Buch, das mich 2008 am meisten enttäuscht hat, setze ich mich wahrscheinlich schon wieder in die Nesseln:

Simon Beckett: Die Chemie des Todes

Über alle Maßen gehypt, hat dieses Buch weder Spannung noch Inhalt noch ein schlüssiges Ende zu bieten. Wer so viele Krimis gelesen hat wie ich, durchschaut das Muster sehr schnell – und raucht vor Wut. Die Chemie des Todes ist extrem vorhersehbar, unwahrscheinlich schlecht geschrieben und einfach durch und durch grottig.

Do not touch! 2007

Was das Jahr 2007 an literarischem Müll für mich zu bieten hatte:

1. Stephen Fry: Das Nilpferd (schwerstens uninteressant)

Ganz schön wenig, nur eins. Das war wohl das Ich-hab-keine-Zeit-für-schlechte-Bücher-Jahr. Das sich jedes Jahr wiederholt.

Do not touch! 2006

Was das Jahr 2006 an Abscheulichem zu bieten hatte? Unter anderem vier Bücher:

1. Susan Hill: The various haunts of men (das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde!)
2. Giorgio Scerbanenco: Der lombardische Kurier (unendlich dröge)
3. David Guterson: Östlich der Berge (eine Enttäuschung neben seinen anderen Werken)
4. Heleen van Royen: Göttin der Jagd (unterste Schublade)