Ivana Jeissing: Wintersonnen

JeissingAuf der Suche nach den eigenen Wurzeln
Gustava weiß nicht, wer ihr Vater ist, weil sie ihrer Mutter dieses Geheimnis nie entlocken konnte. Schon gar nicht am Ende, als die Mutter zusehends den Verstand verlor – und angewiesen war auf die Pflege ihrer Tochter, die gerade dabei gewesen wäre, am Theater als Schauspielerin Karriere zu machen. Nach dem Tod der Mutter kann Gustava wegen der jahrelangen Pause nicht mehr an ihre ersten Erfolge anknüpfen und zieht erst einmal von Wien nach Berlin, wo sie sich um eine Agentin bemüht. Zudem lernt sie den Psychiater Donald Gliese kennen – ebenso dick wie merkwürdig –, der viel mehr Raum in ihrem Leben einnimmt, als es für einen Therapeuten üblich ist. Und um den Gärtner Nello entspinnt sich eine reichlich komplizierte Familiengeschichte, die Gustava fasziniert und von ihrer Einsamkeit ablenkt.

Die österreichische Autorin Ivana Jeissing hat ihrem Roman Wintersonnen ein sehr klassisches Setting zugrundegelegt: Eine junge Frau, die ihren Vater nicht kennt, lüftet nach dem Tod der Mutter endlich das Familiengeheimnis. So weit, so bekannt. Wer der Vater ist, ist eigentlich irrelevant – und birgt auch in diesem Fall keine großen Überraschungen. Was ich an Wintersonnen sehr mag, das sind der angenehme, leicht lakonische Ton und die zeitweise recht eleganten Metaphern. Was ich jedoch nicht sehr mag, ist das Ausgefranste, Verrückte und Undurchsichtige, das vor allem durch die beiden Nebenfiguren Gliese und Nello in die Geschichte kommt. Der Therapeut hat, vereinfacht gesagt, offenbar einen an der Waffel, drängt Gustava einen Pudel auf, der ihm gar nicht gehört, steht unangemeldet vor ihrer Tür – reißt sie mit seinen ungewöhnlichen Methoden aber auch aus ihrer Lethargie und sorgt für amüsante Lesemomente.

Bei der Story rund um Nello dagegen verliere ich, ich gestehe es, zwischendrin ganz einfach den Überblick. Und was hat das alles eigentlich miteinander zu tun? Irgendwie nichts, aber dank der Macht des Zufalls auch wieder alles. Gustava ist eine ebenso sympathische wie blasse Protagonistin, die zwar den Hauptteil der Geschichte trägt, sie aber dennoch kaum vorantreibt, weil sie so fremdbestimmt lebt. Am Ende fügt sich alles derart gut, wie es im echten Leben nie möglich wäre. Über die Maßen begeistert hat Wintersonnen mit nicht, dazu ist es zu weich und zu lasch und zu lieb. Aber es ist das, was man im Englischen „a good read“ nennt.

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Wintersonnen von Ivana Jeissing ist erschienen im Metrolit Verlag (ISBN 978-3-8493-0371-6, 234 Seiten, 22 Euro).

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Stuart Nadler: Das Buch des Lebens

NadlerJüdische Familiengeschichten
Da ist der Geschäftsmann, der seine Frau betrügt – und zwar mit der Tochter seines langjährigen Kompagnons. Und die haut ihn so kräftig übers Ohr, dass allein die Schmach Schande genug ist. Catherine hat es auch mit einem Seitensprung zu tun, aber auf ganz andere Weise: Sie lässt sich von ihrer Freundin dazu überreden, die Treue ihres Liebsten auf die Probe zu stellen – und er geht fremd. Als sie ihn zwei Jahre später besucht, bereut sie das immer noch. Auch Horrowitz schläft mit einer Frau, die für ihn tabu sein sollte – Susan, Ehefrau seines Freundes und Mutter von dessen Kindern. Und so zieht sich ein munterer Sexreigen durch diesen kleinen jüdischen Kosmos mit seinen einsamen, unehrlichen und zutiefst menschlichen Gestalten.

Stuart Nadler ist in der literarischen Welt kein Unbekannter – er hat einige Preise erhalten und wurde von der National Book Foundation unter die besten „5 unter 35“ gewählt. Ich muss jedoch gestehen: Ich kannte ihn nicht. Von deinem Debütroman Ein verhängnisvoller Sommer hatte ich nie gehört, doch da ich mich seit einiger Zeit an Kurzgeschichten versuche, wollte ich seine Storys gern lesen. Allerdings fällt es mir bei Short-Story-Sammlungen nicht leicht, das Buch in seiner Substanz zu beschreiben, das hab ich bereits festgestellt. Ich kann sagen, dass ich mich in seinen kleinen, feinen Geschichten sehr wohlgefühlt habe, weil der jüdische Humor gut spürbar und seit jeher sehr intelligent ist. Ich kann auch sagen, dass Das Buch des Lebens mich gut unterhalten hat. Wirklich anregenden und anrührenden Stoff darf man sich davon jedoch nicht erwarten. Die Begebenheiten sind gut erzählt, im Endeffekt aber Allerweltsgeschichten ohne besonderen Impact, die keine Begeisterungsstürme und auch keine Wellen der Emotion auslösen. Dieses Buch gehört zu jenen, die durchaus gut sind – aber leider überhaupt keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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Das Buch des Lebens von Stuart Nadler ist erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-04656-4, 272 Seiten, 19,99 Euro).

Hugo Horiot: Der König bin ich

Horiot„Wer das Gleichgewicht verliert, verliert sein Königreich“
„Ich bin vier Jahre alt und möchte wieder zu Sternenstaub werden, um ganz von vorne anzufangen.“ Dazu, so hat es sich der kleine Julien überlegt, muss er zurück in den Bauch seiner Mutter. Er will deshalb nicht wachsen. Er schaut niemandem in die Augen. Und er spricht nicht: „Ich bin der Gefangene meines Körpers, und wenn ich sprechen würde, würde ich auch euer Gefangener.“ Julien beobachtet, und er leidet. Das Klassenzimmer ist sein Gefängnis, alle Menschen sind ihm eine Qual. „Ich verbringe mein Leben mit kleinen, wuselnden, grölenden und gestikulierenden Wesen, die ich weder sehen noch hören möchte.“ Seine Familie geht sehr liebevoll mit ihm um, auch wenn seine Eltern und Schwestern dabei täglich an ihre Grenzen stoßen. Und das Kind, das nicht zu den anderen passt, unternimmt einen waghalsigen Versuch, aus dem inneren Käfig auszubrechen: Es lässt Julien sterben und nennt sich fortan Hugo. Hugo schleppt sich durch die Schulbildung, passt sich an, gibt sich Mühe, verstellt sich. Doch erst als er die Schauspielerei entdeckt, findet er seine Rettung.

Hugo Horiot, 1982 geboren, ist ein französischer Schauspieler, der am Asperger-Syndrom leidet. In Der König bin ich erzählt er seine Geschichte, die voll ist von puren, ungeschliffenen Emotionen. Schon sehr früh war der ganzen Familie klar, dass dieses Kind anders ist, dass es nicht kommunizieren will, Tics hat, dass es in einer eigenen Welt, einem eigenen Universum lebt. Es scheint, als habe Julien zum Glück in seinem direkten Umfeld viel Verständnis und Unterstützung erfahren – doch die reichten nur bis zur eigenen Haustür, dahinter lauerte das System, das für Andersartigkeit keinen Platz vorgesehen hat. In sehr eindrücklichen Worten schildert der Autor, der diesen Text innerhalb eines Monats zu Papier gebracht hat, die Gefühlswelt eines Kindes, das nicht am Leben sein möchte. Nicht so. Nicht hier. Jede Seite ist gefüllt mit Schmerz und Selbsthass und unfassbar großem Zorn. Wie muss es sein, mit so einem Kind zu leben, im Alltag?

Davon erzählt Hugo Horiots Mutter Françoise Levèfre auf den letzten Seiten des schmalen Bändchens. Sie sagt sehr ehrlich, wie anstrengend es war, Juliens Mutter zu sein, wie sehr sie es aber auch schätzt und liebt, ein so besonderes Kind zu haben. Diesen kurzen abschließenden Blick aus ihren Augen finde ich sehr gut und interessant, er rückt das, was an Hugos Worten vielleicht zu fantasievoll und unverständlich war, in einen annehmbaren Bezug zur Realität. Denn natürlich ist ein Buch aus der Sicht eines autistischen Menschen stellenweise sehr verwirrend, das lässt sich nicht beschönigen. Es ist intensiv und emotional, anstrengend und merkwürdig. Viele Gedanken sind nachvollziehbar, andere völlig befremdlich. Ich war sehr gespannt darauf, mich in den Kopf eines Kindes zu begeben, das die Welt nicht so erlebt wie ich. Und ich war sehr froh, ihn dann wieder verlassen zu können.

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Der König bin ich von Hugo Horiot ist erschienen in den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-24718-5, 168 Seiten, 19,50 Euro).

Robert Seethaler: Die Biene und der Kurt

Seethaler„Das Leben, Baby, ist eine Fahrt in den Himmel!“
„Und das kennt man ja: Wenn sich der Stolz erst einmal verabschiedet hat, dann nimmt er die Würde gleich mit!“ Und der Kurt, der kennt das wirklich gut. Der tritt nämlich immer noch nicht in Las Vegas auf, sondern tingelt mit seinem Heartbreakin’-Mobil und seinem Keyboard im Glitzeranzug durch die deutsche Provinz. Er tritt bei Truthahnbauern und in abgefuckten Kneipen auf, und an einem dieser trostlosen Orte trifft er auf die Biene: 16 Jahre alt, stummelig und pummelig, mit verstrubbelten blonden Haaren und Brillengläsern so dick wie Bierflaschenböden. Biene ist gerade aus dem katholischen Mädchenheim abgehauen, und Kurt nimmt sie mit. So ein kleiner weißer Glitzeranzug steht nämlich auch der Biene ganz gut, und das Duo würde ordentlich was hermachen – wären da nicht einerseits die hartnäckigen Alkoholprobleme vom Kurt und andererseits das äußerst ungnädige Schicksal …

Robert Seethaler gehört inzwischen zu den bekannteren österreichischen Autoren. Sein Buch Die Biene und der Kurt stand aber nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit wie beispielsweise Der Trafikant. Ich hab vor Jahren Die weiteren Aussichten gelesen und mich bestens amüsiert. Nicht ganz so witzig, aber durchaus unterhaltsam ist auch dieser Roman über zwei Menschen, die der Zufall zusammenbringt und die auf den ersten Blick so dermaßen gar nicht zusammenpassen: ein alternder Schlagerstar, der von der großen Karriere träumt, die er nie haben wird, und ein Mädchen, dessen Herkunft ebenso schleierhaft ist wie seine Ziele. Der eine ist alt, die andere jung, beide sind enttäuscht vom Leben. „Aber so ist das eben manchmal im Leben: Da hat dir die Überraschung eine rein, dass du dich nicht mehr auskennst mit allem Möglichen!“ Weil dass es so kommen würde, das hätten sich die Biene und der Kurt nicht gedacht. Und ich auch nicht.

Was ich an Robert Seethalers Romanen so mag, ist ihre Österreichischheit. Die hört man quasi aus jedem Satz heraus, und da hüpft mir das patriotische Herzerl in der Brust. Außerdem erzählt er mit feiner Ironie, macht sich lustig über seine Figuren – aber auf liebevolle und verständnisvolle Weise. Die Biene und der Kurt ist ein Buch über zwei Gescheiterte, zwei Außenseiter, die sich zusammentun, weil sich das Leben Seite an Seite leichter ertragen lässt. Erheiternd, menschlich, schön.

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Die Biene und der Kurt von Robert Seethaler ist erschienen im Kein & Aber Verlag (ISBN 978-3-0369-5915-3, 288 Seiten, 10,20 Euro als Taschenbuch).

Lisa O’Donnell: Die Geheimnisse der Welt

ODonnell„Lügen machen die Leute glücklich, glaube ich, und deshalb lügen alle andauernd“
„Ich lausche jetzt an Türen. Nur so erfahre ich überhaupt irgendwas. Mir erzählt ja keiner was.“ Michael Murray ist elf Jahre alt, und seiner Ma ist abends im Park etwas Schreckliches passiert. Zuerst weiß Michael nicht genau, was, aber selbst wenn man erst elf ist, kann man sich das dann doch zusammenreimen. Seine Ma hat Angst, dass die Leute schlecht über sie reden, und geht deshalb nicht zur Polizei. Jetzt reden die Leute schlecht über Michaels Pa, weil sie denken, er habe seine Frau so übel zugerichtet. „Pa wird Granny den bösesten Blick zu, den ich je gesehen habe, und rennt wie üblich raus. Er ist hier sowieso nicht willkommen. Ma und Granny haben die Nase voll von ihm, und ich auch. Dauernd ist er wütend oder traurig, zu laut oder ganz still.“ Michael tut seine Ma ganz furchtbar leid, und er ist überfordert von den Erwachsenenproblemen. Er hat ohnehin selbst genug um die Ohren, er muss Ballhochhalten üben für Mariannes Talentshow und sich mit Dirty Alice prügeln. „Man darf sich nicht zu sehr für Mädchen interessieren. Ich meine, es ist okay, wenn man irgendwohin geht, weil sie dort vielleicht sind, aber man kann nicht bei ihnen zu Hause an der Tür klingeln und fragen, ob sie für eine Weile rauskommen, das geht einfach nicht.“ Man könnte also sagen: Michael hat genug eigene Sorgen. Doch da seine Ma den Vergewaltiger nicht angezeigt hat, kann er jederzeit wieder zuschlagen – und das sind die wirklichen Sorgen, die die Familie umtreiben.

Lisa O’Donnell ist eine Autorin, die mit ihren Büchern zuschlägt, als stünde sie im Ring. Sie hat eine freche Schnauze, einen harten Faustschlag und die Sturheit derer, denen alles egal ist. In ihrem Erstling Bienensterben war sie derart rotzig, fies und sarkastisch, dass sie mich tatsächlich umgehauen hat. Nun hab ich mir, das muss ich gestehen, für das zweite Buch eine Steigerung erwartet. In Wahrheit aber hat die schottische Schriftstellerin einen Schritt zurück gemacht. Die Geheimnisse der Welt ist ein guter, solide geschriebener Roman, aber im Vergleich zum Vorgänger viel schwächer. Die Schreibe ist zurückhaltender, nicht so abgefuckt und direkt, die Story ist weniger krass – was zynisch klingt, schließlich geht es um eine Vergewaltigung, aber in Bienensterben mussten die Kinder die verwesenden Leichen der Eltern im Garten vergraben. Gut, vielleicht kann man sowas auch einfach nicht toppen. Schade finde ich jedoch, dass Lisa O’Donnell sich in ihrem zweiten Buch am Offensichtlichen nicht gestört hat: Alles ist erwartbar. Dass der Mann der häuslichen Gewalt verdächtigt wird. Dass Michael in das Mädchen, mit dem er dauernd streitet, am Ende dann verliebt ist. Dass der Täter erneut zuschlägt. Und dass die Frauen sich schließlich dazu überwinden, ihn anzuklagen. Alles davon ist schlüssig und gut lesbar, aber nichts davon ist überraschend und originell. Michael ist ein ganz normaler, lieber, elfjähriger Protagonist, dem sehr daran gelegen ist, cool zu sein und als stärkster Junge der Siedlung zu gelten. Was seiner Ma zustößt, zündet eine Bombe in der ganzen Familie – und ihr ganzes Leben fliegt ihnen um die Ohren. Ein Buch mit kleinen Schockeffekten, aber ohne die erwartete abgrundtiefe Schlangengrube.

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Die Geheimnisse der Welt von Lisa O’Donnell ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9779-7, 256 Seiten, 18,99 Euro).

Josh Weil: Das gläserne Meer

9783832197971.jpg.23296„Wir lernen viel über die Menschen, indem wir uns anschauen, wovor sie Angst haben“
Als die Mutter nach dem Tod des Vaters vor Kummer in einen Wahn verfiel und in die Klinik musste, lebten ihre Söhne, die Zwillinge Jarik und Dima, ein Jahr lang bei ihrem Onkel. Ein Jahr, das den ganz besonderen Zusammenhalt zwischen den Brüdern festigte: „An Djadja Awjas Tisch hatten Dima und er von einem Teller gegessen. In der Badewanne hatten sie sich gegenseitig abgeschrubbt, sich gegenseitig Wasser übergeschüttet, um die Seife abzuspülen. Als sie im Dorf Rugby spielten, hatten sie füreinander geblockt. Und als sie ihre Mutter besuchten, nahmen sie sich gegenseitig an der Hand, drückten fest zu, gingen hinein.“ Damals gab es den einen nicht ohne den anderen, doch das ist lang her: Inzwischen arbeiten die Zwillinge in der Oranžeria, aber in unterschiedlichen Schichten, einer am Tag und einer in der Nacht oder dem, was man früher Nacht nannte, und sie sehen einander kaum. Die Oranžeria ist rund um die Uhr in Betrieb, seit es in Petroplawilsk nicht mehr dunkel wird, weil ein Milliardär Spiegel ins Weltall geschossen hat, die das Sonnenlicht reflektieren. Sie ist gigantisch, Hektar über Hektar, und sie wächst immer weiter. Während Dima all sein Geld spart, um eines Tages des Onkels Bauernhof kaufen zu können und dort mit Jarik zu leben, muss dieser Frau und Kinder ernähren – und gerät in die Fängen der Bärin, wie der skrupellose Milliardär genannt wird. Jarik lässt sich für dessen Zwecke einspannen, Dima wird der politischen Gegenseite zugespült – und die Brüder reiben sich auf zwischen Politik, drohender Gefahr und grenzenloser Sehnsucht nach den unbeschwerten Kindertagen …

Das gläserne Meer des amerikanischen Autors Josh Weil ist ein monumentales, wuchtiges Werk. Und das nicht nur, weil es mit seinen 670 Seiten so schwer wiegt. Es ist ein Wirbelsturm aus Emotionen und Vernunftentscheidungen, aus märchenhaften Sequenzen und der harten Realität, aus Machtlosigkeit und Gier. Er ist ein ausschweifender Erzähler, dessen Stil ein bisschen so wirkt, als würde jemand sprechen, der sich selbst gern reden hört. Mir ist in der Vorschau – Achtung, Sexismus! – das attraktive Gesicht von Josh Weil aufgefallen und ich dachte „Endlich mal ein gutaussehender Autor“, aber sein Buch war mir zu dick. Ich bin nach vielen Jahren mit fetten Schwarten zu der subjektiven Überzeugung gelangt, dass man fast jede Geschichte auf wesentlich weniger Seiten erzählen könnte. Aber dann hat mir der Verlag das Buch geschickt, und ich hab’s gelesen. Zu dick war es mir immer noch. Gekürzt um einige dröge Langeweilestellen, hätte der Roman mit beispielsweise 450 Seiten wesentlich mehr Drive gehabt. Aber gut, das ist so ein persönlicher Spleen von mir. Wenden wir uns lieber dem Inhalt zu.

Der hat es nämlich faustdick hinter den Ohren und ist ein wahrer Reigen an großen, bedeutsamen Themen. Josh Weil hat zwei Brüder genommen, die sich über die Maßen lieben, und hat sie an zwei ideologische Gegenpole gesetzt, hat sie zu Marionetten der Mächtigen gemacht. Dima tut alles, um bei Jarik zu sein, und Jarik tut alles, um ihn von sich fernzuhalten – weil das die einzige Möglichkeit ist, sie beide zu schützen und zu retten. Das Spiel, das der Autor mit seinen Figuren treibt, ist grausam und scheint ausweglos. Kapitalisten, Kommunisten, Hungerleidende und Milliardäre: Ein jeder von ihnen würde über Leichen gehen. Was sie im Showdown, der den Roman wieder aus seiner Lethargie reißt, auch tun. Ich finde Das gläserne Meer generell sehr einfallsreich, originell und mitreißend, auch wenn ich zwischendrin wegen einiger Längen fast die Nerven weggeschmissen hätte. Josh Weil mixt gekonnt Pathos und Kitsch mit der Wirklichkeit einer Gesellschaft, die das Maul nicht vollkriegen kann, die mehr will, mehr, mehr, bis sie platzen wird, ersticken wird an ihrer Gier.

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Das gläserne Meer von Josh Weil ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9797-1, 672 Seiten, 24,99 Euro).

Adelle Waldman: Das Liebesleben des Nathaniel P.

Waldman„Manchmal fragte er sich, ob er nicht vielleicht ein klein wenig misogyn war“
„Nate und seine Schuldgefühle hatten eine lange und intime Beziehung.“ Kein Wunder, denn Nate ist wohl das, was man gemeinhin unter einem Arschloch versteht. Sein erstes Buch steht kurz vor der Veröffentlichung, und er bewegt sich in der New Yorker Schicht der Möchtegerns wie ein Fisch im Wasser. Die Frauen zeigen sich willig, weil er erfolgreich und attraktiv ist, und er bedient sich gern am Angebot, verachtet sie aber insgeheim alle. Als er Hanna kennenlernt, sieht es zunächst nicht so aus, als würden die beiden eine Beziehung eingehen – doch genau das tun sie. Und es ist natürlich ein Fehler. Weil in Nates Herz für niemanden Platz ist außer für ihn selbst.

Es ist garantiert nicht leicht, ein lesenswertes Buch mit einem überaus unsympathischen Protagonisten zu schreiben. Und ich habe nach reiflicher Überlegung auch nicht das Gefühl, dass es Adelle Waldman zu 100 Prozent gelungen ist. Die amerikanische Autorin hat 2013 mit ihrem Erstling Das Liebesleben des Nathaniel P. für Aufsehen in den USA gesorgt. Vor allem deshalb, weil sie als Frau aus der Sicht eines Mannes geschrieben hat. Nachdem ich dieses angeblich furiose Buch nun gelesen habe, kann ich nur hoffen, dass diese männliche Sicht der Dinge nicht der Wahrheit entspricht – denn sie ist überraschend langweilig. Nate redet wahnsinnig viel. Er führt lange Gespräche mit Frauen und denkt anschließend ausführlich über diese Frauen nach. Tun Männer das? Es erscheint mir zutiefst weiblich. In meinen Augen ist Nate auch nicht unbedingt ein Arschloch, sondern nur sehr egozentrisch, eingebildet und obendrein schlecht im Bett. Er ist einfach eine fade Person, ein wandelndes Klischee. Amüsant ist er durchaus, und das ist auch der vielleicht einzige Grund, dieses Buch zu lesen: Man kann sich lustig machen über Nate, sich daran erhöhen und schmunzeln über einen, der sich extrem geil findet, es aber gar nicht ist. Das wiederum ist ja etwas, das tatsächlich auf die meisten Männer zutrifft.

In den Gesprächen, die Nate und seine Freunde führen, ist es sehr wichtig, welches College jemand besucht hat, wie hoch sein Buchvorschuss ist, in welchem Viertel er wohnt und was seine Eltern machen. Aus diesem Grund sowie wegen der doppelmoralischen, vordergründigen Zurückhaltung wirkt dieses Buch sehr amerikanisch auf mich, sehr befremdlich. Adelle Waldman thematisiert typische Geschlechterrollen und Stereotype, spielt aber nicht damit – leider. Ihr Blick ist frei von Ironie, und das gibt dem Roman eine Ernsthaftigkeit, die ihm nicht steht, weil all das Flirten und Ficken doch letztlich nur ein Spiel ist. Alles an diesem Roman ist klassisch: die Beziehungsanbahnung, das Kommunizieren in Codes, das Verfliegen des Reizes, das Tauziehen um die Oberhand, das Jammern der Frau, das Auf-Abstand-Gehen des Mannes. Das hätte viel spielerisches Potenzial für ein ironisches Augenzwinkern geboten.

In Wahrheit ist Das Liebesleben des Nathaniel P. kein Buch aus der Sicht eines Mannes, es ist ein Buch darüber, was Frauen glauben, dass Männer denken. Denn natüüürlich ist Nate im Innersten einfach nur einsam und hat bloß noch nicht die Richtige gefunden. Was sonst! Und dass er gegen Ende plötzlich doch noch Beziehungsfähigkeit attestiert bekommt, hebelt alles, was davor war, aus, entzieht ihm die Grundlage. Das finde ich sehr schade. Am Ende bleibt zu sagen: Dies ist ein recht unterhaltsamer Roman, aber den Hype drumherum kann ich nicht ganz nachvollziehen.

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Das Liebesleben des Nathaniel P. ist erschienen bei Liebeskind (ISBN 978-3-95438-048-0, 304 Seiten, 19,90 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Selten hat man das Scheitern von Liebesangelegenheiten so konzentriert gelesen wie hier“, schreibt spiegel.de.
– „Nicht zuletzt durch den witzigen Ton der Autorin entpuppt sich diese Geschichte als äußerst mitreißendes und sehr interessantes Unterfangen, nach dem frau den großen Wunsch verspürt, sich unbedingt darüber zu unterhalten“, zeigt sich die Klappentexterin begeistert.
– „Adelle Waldman schreibt witzig, charmant, pointiert und bösartig. Dieser Schreibstil ist es auch, der über Durststrecken des Romans rettet, in denen man ernsthaft darüber nachdenkt, ob man seine Zeit gerade sinnvoller vertun könnte“, schreibt Literaturen.
– „Geschwätzig – das ist es, was mir als erstes einfallen würde, um dieses Buch zu beschreiben. Und hier sind wir wieder da, wo die Los Angeles Times in Ihrer Einschätzung zu diesem Roman grundlegend falsch liegt. Denn wenn es Frau Waldman tatsächlich gelungen wäre, sich so perfekt in einen Mann hinein zu versetzen, dann wäre diese Geschwätzigkeit zumindest zielführender gewesen“, sagt Buchrevier.