Bücherwurmloch

Archiv für die Kategorie ‘Highlights (5/5)

Düffel„Das wirkliche Leben macht keine Ausnahmen“
Wasser! Wasser. Lebensrettend kann es sein – und tödlich. Heiß, klar, brausend, reißend, still. Wasser ist unser Element, wir sind Wasser. Und in all seinen Facetten taucht es auf in den elf – der Titel verrät es – Wassererzählungen von John von Düffel. Manchmal blubbert es sich in den Mittelpunkt, manchmal muss ich es suchen, der plätschernden Fährte folgen, aber es ist immer da. In der Geschichte eines Schwimmers, der in der bitterkalten Ostsee trainiert, im Telefonmonolog eines Vaters, der mit seiner pubertierenden Tochter eine Kreuzfahrt unternimmt, in der Erzählung über eine Schwangere, die ihr ungeborenes Kind verliert, genauso wie im Dialog zweier Schwimmerinnen über die ungewöhnliche Aufgabe, möglichst ästhetisch zwei Stunden lang im Pool eines reichen Architekten Bahnen zu ziehen – nackt. Mal müssen Menschen sich verabschieden, mal finden sie zusammen, mal denken sie wehmütig an die Vergangenheit, mal leiden sie an ihrer Gegenwart. Und immer spielt es auf irgendeine Weise eine Rolle: das Wasser.

Klirrend kalt ist John von Düffels erste Story „Ostsee“, so kalt, dass ich geschockt bin, die Augen aufreiße, keine Luft mehr bekomme und am Ende nur denke: Wow. Ich glaube, das ist die beste Kurzgeschichte, die ich bisher gelesen habe. Weil sie so schneidend ist, so klar, so einfach und doch so vielschichtig. Ich bin derart geflasht, dass ich mich einen Moment lang gar nicht traue, weiterzulesen. Was kann da noch kommen, was tut dieser Autor mir an, der mich mit der ersten Geschichte gleich aufspießt? Was schüttet er über mir aus mit diesen elf ums Wasser gruppierten Geschichten? Pures Menschsein. Abschiednehmen und Verzeihen, Liebe, Hoffnung, das lähmende Gefühl, vom Alltag erstickt zu werden, nicht zu genügen, das ewige Buhlen um Aufmerksamkeit. Amüsant sind die Geschichten, auf eine sehr abgeklärte Weise, ehrlich, abgründig, sehr intelligent. John von Düffel, der als Dramaturg und Professor arbeitet, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, die mit Preisen bedacht wurden. Es wundert mich nicht. Er schreibt meisterhaft. Und das Wasser scheint ihn zu faszinieren, sein erstes Buch 1988 hieß Vom Wasser, er selbst schwimmt leidenschaftlich gern.

„Eine Bläue, die allen Dunst und Nebel, die Wolken und Schwaden in sich aufgesogen und verwandelt hat in einen Reifatem, der die Sonne blass macht, eine gefrorene Scheibe aus Licht.“ Poetisch sind die Wassererzählungen, melancholisch, manchmal verträumt, manchmal knallhart – und immer saugut. Nicht jede Geschichte kann mich begeistern und keine so wie die erste, doch nach der anfänglichen Schrecksekunde springe ich kopfüber in dieses seltsame, aufwühlende Buch, lasse die Emotionen über mir zusammenschlagen, tauche ein in die wunderbare Sprache, höre es sprudeln, gurgeln, zischen. John von Düffel hat verschiedenste Themen und unterschiedliche Erzählstile gewählt, sodass jede Story einzigartig und unverkennbar funkelt. Ich mag das, und ich mag es so sehr, dass ich nicht will, dass dieses Buch endet. Leider tut es das doch. Aber wenn ich Glück habe, schreibt John von Düffel noch so eins für mich. Ich würde es lesen, und wer mich kennt mit meiner merkwürdigen Angewohnheit, nie mehr als ein Buch vom selben Schriftsteller zu lesen, weiß, dass DAS das größte Kompliment meinerseits ist. Holt euch dieses Buch, lest es, lest es!

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Wassererzählungen von John von Düffel ist erschienen im Dumont Verlag (ISBN 978-3-8321-9744-5, 256 Seiten, 19,99 Euro).

Was ihr tun könnt:
Die begeisterte und wunderbare Rezension der Klappentexterin lesen.
Ein Video über und mit John von Düffel anschauen.
Das Buch bei ocelot.de bestellen.

Andere gute Bücher, in denen Wasser eine Rolle spielt:
Marco Balzano: Damals, am Meer
Per Petterson: Im Kielwasser
Margaret Mazzantini: Das Meer am Morgen

Reza„Ich bin sehr lichtempfindlich. Psychisch, meine ich“
Robert und Odile streiten im Supermarkt an der Käsetheke und nehmen einen banalen Zwischenfall zum Anlass, die aufgestaute Verachtung herauszukotzen. Eine Ehe, in der Lähmung und Ratlosigkeit vorherrschen, führen auch Ernest und Jeanette. Arzt Philip dagegen ist homosexuell und bezahlt für den Sex, weil ihn das anturnt. Pascaline und Lionel sind verzweifelt, weil ihr Sohn sich für Celine Dion hält – und alle Welt das auch noch witzig findet. Hélène trifft im Alter ihren Liebhaber aus jungen Jahren wieder, den sie schon damals abstoßend fand – und dem sie auch heute trotzdem folgt, einfach so, aus dem Bus hinaus. Was all diese Menschen verbindet? Sie sind miteinander verwandt oder befreundet. Sie sind Schauspieler, Hausfrauen, Journalisten, Ärzte – und allesamt zutiefst unglücklich. Was das ist, Glück? Nun. Es existiert nicht.

Als ich Glücklich die Glücklichen von Yasmina Reza beginne, sauge ich einmal scharf die Luft durch die Zähne ein. Weil ich sofort weiß: Das hier wird richtig gut. Ich bin schon nach wenigen Seiten wie elektrisiert, ein fieses Lächeln setzt sich in mein Gesicht, und mein Faible für schwarzen Humor und Sarkasmus jubelt begeistert: Mehr, mehr, meeehr! Und ich bekomme mehr – eine ordentliche Dosis Ironie, Abgebrühtheit, Resignation. Yasmina Reza hat eine unglaublich spitze Feder, und ich mache innerlich einen Kniefall vor ihr. Auf sehr ungewöhnliche Art durchleuchtet sie in diesem Roman, der keine durchgängige Story bietet, sondern in viele Perspektiven gesplittet ist, einen kleinen Kosmos: Eltern, Großeltern, Freunde, verheiratet, verliebt, einsam, voller Hass, voller Klagen. Jeder hat ein anderes Päckchen zu tragen, keiner trägt es mit Würde: Es wird nach Herzenslust lamentiert. Das ist so bitter und niederschmetternd – einfach großartig! Und bei all der Düsternis trotzdem noch überraschend amüsant.

Passenderweise habe ich vor wenigen Tagen zufällig Der Gott des Gemetzels gesehen, einen Film von Roman Polanski nach einem Stück von Yasmina Reza, die als Regisseurin, Schauspielerin und Theaterautorin agiert, mit Kate Winslet, Jodie Foster und dem von mir sehr verehrten Christopher Waltz. Wie zwei Ehepaare innerhalb kürzester Zeit die Fassung verlieren und ihre wahren Gedanken offenbaren, ist herrlich. Ich glaube, Yesmina Reza ist just my kind of girl. Ich steh drauf, wie boshaft sie mit den vielen Figuren in Glücklich die Glücklichen umgeht, und dass die einzelnen Kapitel so kurz sind, finde ich grandios. Die Autorin öffnet mir ein Fenster nach dem anderen, sagt: Schau, schau, was die da treiben, armselige Gestalten, ich schaue, sie kichert mir ins Ohr, schlägt das Fenster zu, bamm. Zusammengesetzt ergeben all diese kurz erhaschten Blicke das Bild einer Gesellschaft, in der Monogamie vorherrscht, aber hinterrücks betrogen und gelogen wird, und in der Ehen aufrechterhalten werden, in denen Mann und Frau nur noch auf den erlösenden Tod warten – egal, ob den eigenen oder den des anderen. Absolut genial!

Bestes Zitat: „Ich möchte gern zwischen den Hunderten Körpern, die ich begehre, auf den einen stoßen, dem es gegeben ist, mich zu verletzen. Selbst von weitem, selbst abweisend, selbst auf einem Bett hingestreckt, mir den Rücken zukehrend. Auf einen Liebhaber, mit einer unkenntlichen Klinge gerüstet, die mir die Haut abzieht. Das ist die Signatur der Liebe.“

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Glücklich die Glücklichen von Yasmina Reza ist erschienen im Hanser Verlag (ISBN 978-3-446-24482-5, 176 Seiten, 17,90 Euro).

Was ihr tun könnt:
Euch die Leseprobe runterladen.
Ein Interview mit der Autorin lesen.
Das Buch bei ocelot.de bestellen.
Den Trailer zu Der Gott des Gemetzels anschauen.

Was andere über dieses Buch sagen:
“Das Glück ist da, wo man es am wenigsten erwartet. Das ist das eigentlich Charmante an diesem Buch. Und das was beim Lesen glücklich macht”, schreibt Spiegel Online.
“Dieses Buch enthält Sprengstoff!”, heißt es bei ndr.de.
“Dabei sind es gerade die Momente des Verstoßes gegen die ungeschriebenen Regeln des Miteinanders, in denen gleichermaßen der größte Witz liegt und die größte Freiheit”, erklärt die FAZ.

Nadzam„Du siehst aus wie ein wildes Stück Erde, das die Gestalt eines Mädchens angenommen hat“
Tommie ist elf, hat riesengroße Sommersprossen, eine teilnahmslose Mutter und Freundinnen, die sie als Mutprobe zu einem älteren Mann schicken, um eine Zigarette zu schnorren. Dieser Mann, David Lamb, will Tommies Freundinnen eine Lektion erteilen, indem er so tut, als würde er das Mädchen entführen. Denen ist das jedoch reichlich egal, und Tommie wird klar, dass sie überhaupt nie Freundinnen waren. Fortan trifft sie sich mit Lamb, schwänzt die Schule, fährt mit ihm herum und lässt sich zum Essen einladen. Eine eigentümliche Beziehung entsteht, die man fast Freundschaft nennen möchte – wären da nicht die 40 Jahre Altersunterschied und Lambs unklare Motive. Sein Vater ist gestorben, seine Frau hat ihn verlassen, seiner Geliebten Linnie lügt er vor, er sei noch verheiratet – was will er von Tommie? „Und wer kann es ihm vorwerfen, wenn er sich danach vollständig – mit Schultern, Gesicht, Händen, Hüften – dem Mädchen zuwandte? Das Mädchen brachte ihn wieder in Kontakt mit sich selbst und mit der wirklichen Welt, die David Lamb, wenn er ehrlich war, noch nicht aufzugeben bereit war.“ Deshalb macht er ernst und nimmt Tommie tatsächlich mit – auf eine weite Reise zu einer Hütte in den Bergen. Es geschieht nicht gegen Tommies Willen. Allerdings weiß die Kleine wohl gar nicht, was sie will, weil Lamb sie derart geschickt manipuliert, dass sie alles tut, was er möchte. Wie Wachs ist dieses unreife, ungeliebte Kind in Lambs Händen, das nach Aufmerksamkeit hungert und mit jugendlicher Unbedarftheit sehr schnell Zuneigung entwickelt. Sie kann nur hoffen, dass Lamb das nicht weiter ausnutzt …

Auf der Liste der schlimmsten, erschreckendsten und erschütterndsten Bücher, die ich je gelesen habe, stehen bisher We need to talk about Kevin von Lionel Shriver und Die Glasfresser von Giorgio Vasta. Nun gesellt sich Mr. Lamb von Bonnie Nadzam dazu. Ich ertappe mich während der Lektüre mehrfach bei Gedanken wie Ohgottohgottohgottwiekrankistdasdenn. Abscheu, Ekel und Gänsehaut schütteln mich. Die amerikanische Autorin erzählt in ihrem Debüt eine Geschichte, die so abwegig nicht ist – und sich trotzdem von vorn bis hinten anhört wie der Alptraum jeder Mutter einer Tochter. Die Sprache ist seltsam distanziert, und mit Formulierungen wie „Nehmen wir einmal an, …“ oder „Sagen wir, das und das ist passiert …“ nimmt die Erzählstimme ganz bewusst Abstand von den Ereignissen. So erfahre ich nicht, wie Tommie sich fühlt, was sie denkt, und auf die verqueren Motive von Lamb bzw. die Arten, wie er sich seine Handlungen schönredet, bekomme ich nur Hinweise: „Seine Gedanken schwankten hin und her, zwischen Mitleid für das Mädchen und dem Wunsch, sie zu zerdrücken, zu zermalmen, zu ihrem eigenen Guten. Denn er wusste genau, wie ihr Leben aussehen würde, wenn er sie wieder nach Hause brachte, und es war ein trostloses und schreckliches Geheimnis, das er und die ganze Welt vor ihr verborgen hielten, und dass er es vor ihr verborgen hielt, war das Schlimmste überhaupt, weil sein Auftauchen in ihrem Leben – diese plötzlich entstandene und ungewöhnliche Freundschaft – möglicherweise der einzige Lichtblick war, die einzige Abweichung von einem ansonsten vorbestimmten Lebensweg.“ Je mehr Lamb sich selbst und mir einredet, er tue Tommie etwas Gutes, umso heftiger wird mein Wunsch, ihm in die Eier zu treten.

Sprachlich ist Mr. Lamb hervorragend, Bonnie Nadzam entwickelt einen eigenartigen, interessanten Singsang in ihren Dialogen, der Tommie und mich einlullt, durchbrochen von halbpoetischen Landschaftsbeschreibungen. Lamb plant sein Vorgehen akribisch und spinnt ein Netz aus Lügen, in das er Tommie so fest einwickelt, dass sie sich sicher fühlt wie in einem Kokon. Dies ist ein Roman, der mir Angst macht und mich aufwühlt, mich abstößt und vor Mitgefühl zerfließen lässt. Ein Wahnsinn von einem Buch, messerscharf, klinisch kühl, gruselig, menschlich, irgendwie pervers. Lamb nennt Tommie sein Schweinchen, das eigentliche Schwein ist aber er: Er nimmt sich ein Kind und spielt damit zu seinem Zeitvertreib wie mit einer Puppe, die er danach achtlos an den Straßenrand wirft. Mr. Lamb, das auch mit einem richtig coolen Cover daherkommt, ist ein erstaunliches Debüt, ein mutiges, brutales, grausiges Buch, das man nicht gern liest, aber vielleicht gelesen haben muss. Und das ich garantiert niemals mehr vergessen werde.

SmithNa bravo!
Die Bravos, das sind: Mutter Arla, mit 62 immer noch eine imposante Erscheinung, trotz des halbierten Fußes, des Stocks und des anstrengenden Lebens. Dann gibt es noch Tochter Sofia, wie die Mutter gesegnet mit Schönheit, feuerrotem Haar und einem ebenso wilden Temperament. Das familieneigene Restaurant wird geführt von Sohn Frank, der in erster Linie beherrscht ist von einem alten Schuldgefühl und seiner Liebe zu Elisabeth, die unglücklicherweise Franks Schwägerin ist. Ihr Mann, Carson Bravo, hat es nicht so mit der Ehrlichkeit – und deshalb steht ihm das Wasser bis zum Hals. Ebenfalls zur Familie gehörend, aber aus diversen Gründen abwesend sind Vater Dean und Sohn Will. Eine große Familie mit großen Problemen: willensstarke Charaktere, ein halb zerfallenes Haus, lähmende Schuld und lange gärende Wut – das ist eine explosive Mischung. Und als den Bravos viel Geld für ihren Besitz geboten wird, ist dies der zündende Funke.

Palmherzen von Laura Lee Smith wurde mir 2013 von mehreren Seiten dringend ans Herz gelegt – von der Bibliophilin hab ich es mir schließlich ertauscht. Ich war neugierig auf dieses Buch, das alle so toll fanden, und kann mich nun, da ich es gelesen habe, den begeisterten Stimmen nur anschließen. Der amerikanischen Autorin Laura Lee Smith ist mit ihrem Roman etwas gelungen, das nicht viele schaffen: Sie hat eine Familie gezeichnet, die man trotz der vielen verschiedenen Figuren sehr lebhaft vor Augen hat, und sie hat jedem Einzelnen eine Geschichte auf den Leib geschrieben, sie alle untereinander verwoben und ein engmaschiges Netz gestrickt, das jeden Leser einfängt wie einen glitzernden Fisch. Palmherzen bietet das, was ich solide Handarbeit nennen möchte: fein ausgearbeitete Charaktere, eine kluge, sinnvoll aufgebaute und nicht zu überladene Handlung, eine ausgewogene Mischung aus Geheimnis, Verrat und Klischee, alles gewürzt mit ein wenig Abgeklärtheit und Rührseligkeit. Die Bravos sind ein wenig vom Schicksal gebeutelt, aber amerikanisch genug, um das Gefühl zu haben, dass all das „selfmade“ ist. Deshalb ist dieser hervorragende Roman angenehmerweise völlig frei von Pathos.

Ich liebe gut gemachte Familienromane, ich setze mich gern an gedeckte Tische und schaue heimlich durchs Fenster, ich beobachte die Figuren, leide mit ihnen, lache sie aus, wundere mich über sie. Ich mag es, wenn in einem Buch ein ganzer Familienverband seine Wirkung entfaltet, wenn alle aneinander gekettet sind und die Geschichte eines Bruders nur durch die des anderen komplett wird, die Abwesenheit des Vaters erst verständlich wird durch die Abwesenheit des Sohnes. Laura Lee Smith hat einen wundervollen, in sich geschlossenen, anrührenden Roman geschrieben, in dem Witz, Liebe, Zusammenhalt und Glück ebenso Platz finden wie Verrat, Schuld, Trauer und Hass. Auf über 500 Seiten ist er so prall, schillernd und facettenreich wie das Leben selbst. Hervorragend!

Ward„Wo meine Brüder hingehen, gehe ich auch hin“
„Wir haben nie aufgehört zu weinen. Wir haben es nur im Stillen getan.“ Denn auch nach dem Tod der Mutter, die bei der Geburt des vierten Kindes gestorben ist, müssen die 15-jährige Esch und ihre Brüder Randall, Skeetah und Junior weitermachen. Der Vater trinkt, das Haus verfällt, die Sonne brennt – und über dem Mississippi-Delta braut sich ein Hurrikan von ungekannter Stärke zusammen. Sein Name ist Katrina. Zwölf Tage lang versucht der Vater, das Haus irgendwie sturmfest zu machen, während Randall von einer Zukunft als Basketballer träumt, Skeetah mit aller Kraft um das Überleben der Welpen seiner Pitbull-Hündin China kämpft und Esch feststellt, dass sie schwanger ist. Der Vater des Kindes ist Manny, der eine Freundin hat und sich bei Gelegenheit über Esch hermacht, sie aber ansonsten gar nicht ansieht. „In meiner Brust ist eine Bewegung, so als hätte jemand einen Schlauch voll aufgedreht, und jetzt strömt das Wasser, das in der Sommerhitze in der Pumpe gestanden hat, siedend heiß heraus. Das ist Liebe, und sie tut weh.“ Als der Hurrikan seine gnadenlose Wut an Eschs Heimat auslässt, spitzt sich die Lage dramatisch zu – in jeder Hinsicht.

Vor dem Sturm der amerikanischen Autorin Jesmyn Ward, die aus Mississippi stammt, ist ein unfassbar gutes Buch. Langsam, ganz langsam baut sich eine düstere, unabwendbare Bedrohung auf – und obwohl sich alles um vermeintliche Alltagsprobleme dreht, um eine unerwiderte Liebe, Hunger, die Alkoholsucht des Vaters, ist bald schon spürbar, dass es in Wahrheit um Leben und Tod geht. Ihr Haus bietet Esch und ihrer Familie keinen Schutz, doch es gibt nichts, wohin sie gehen könnten. Jesmyn Ward hat einen kraftvollen, intensiven, sehr eindringlichen Roman geschrieben, der mich mit seinem Strudel erfasst, mitreißt, hinabzieht. Ich-Erzählerin Esch ist stark, mutig, abgebrüht, schwarz – und bis an die Schmerzensgrenze verliebt. Die Einsamkeit frisst an ihrer Elefantenhaut, und dass Manny nur Sex mit ihr will und ansonsten nicht einmal ihren Blick erwidert, ist unerträglich. Mein Herz fliegt ihr zu, dieser kleinen, zähen Heldin, die wie alle anderen in der Familie genau weiß, dass sie nur überleben kann, wenn alle zusammenhalten. Die Geschwisterbande sind wichtig und unerschütterlich in diesem grandiosen Buch über Verlust, Angst, Armut und die Hilflosigkeit des Menschen angesichts von Naturkatastrophen. Sprachlich gesehen hat Jesmyn Ward eine wahre Meisterleistung zu Papier gebracht, hat ihre Sätze poliert, sodass sie in der sengenden Mississippi-Sonne glänzen und funkeln wie Miniaturschätze. Wunderbar, klug, traurig, spannend, schmerzhaft und poetisch – Vor dem Sturm solltet ihr unbedingt gelesen haben.

(Das sieht übrigens auch Mara von Buzzaldrins Bücher so.)

Vor dem Sturm von Jesmyn Ward ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN 978-3-88897-861-6, 320 Seiten, 21,90 Euro).

MichaelsDer Schrecken der Welt in einem Buch

Als das Vertreiben, Verscharren, Verheizen der Juden beginnt, kann einer, ein kleiner Junge namens Jakob, sich retten, indem er sich eingräbt in die Erde. Der Grieche Athos nimmt ihn mit nach Zakynthos, gibt ihm eine Heimat, rettet ihn, bietet ihm eine Zukunft. Jakob ist innerlich zerfetzt, er liegt in Scherben, und es wird ihm sein ganzes Leben lang nicht gelingen, sie zusammenzusetzen.

Dieses Buch hat mir körperliche Übelkeit bereitet. Es ist wie eine Rasierklinge, die man kaum berühren kann, ohne sich zu schneiden. Ich musste es manchmal sogar weglegen, weil mir all der Schmerz und all die Grausamkeit zu heftig waren. Dabei ist es nur ein Buch. Das ich weglegen kann. Das, was drinsteht, ist aber wirklich passiert. Anne Michaels findet eine sehr poetische, melodische und gleichzeitig unerträgliche Sprache für den Holocaust:

„Ich weiß, warum wir die Toten begraben, warum wir einen Stein an den Ort stellen, das schwerste, beständigste Ding, das wir kennen: weil die Toten überall sind, nur nicht in der Erde.“

„Wenn ich nicht aufsteigen kann, dann laß mich sinken, in den Boden des Waldes sinken wie ein Siegel in Wachs.“

„Die Schattenvergangenheit ist aus all dem gemacht, was nie geschehen ist. Unmerklich formt sie die Gegenwart wie Regen den Karst. Eine Biographie der Sehnsucht. Sie steuert uns wie ein Magnet, wie eine Antriebswelle des Geistes. Deshalb trifft einen ein Duft so schwer, ein Wort, ein Ort, das Foto eines Berges von Schuhen.“

„Wie alt ein Gesicht auch sein mag, im Augenblick des Todes machen es die unaufgebrauchten Gefühle eines ganzen Lebens wieder jung.“

„Wer nur für eine Minute Macht hat, begeht ein Verbrechen.“

„Sollte das Blut deine Erinnerung verfinstern, vergiß uns nicht.“

„Es ist die Sehnsucht, die das Meer bewegt.“

„In meinem Kopf hörte ich ihre Schreie und stellte mir in den Wellen ihre glänzende, beinahe menschliche Haut vor, ihre vom Salzwasser durchtränkten Haare.“

„Glück ist wild und willkürlich.“

ShalevSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Seine allerletzte Taube ließ er auf, während er im Sterben lag, und sie trug eine einzigartige Botschaft für seine Geliebte, die lebenslange Konsequenzen hatte. Das Baby wurde er genannt, Brieftauben waren seine Leidenschaft, sein Leben verlor er im Krieg. Fremdenführer und Vogelkundler Jair interessiert sich brennend für die Geschichte des Jungen mit den Tauben, und er berichtet auch aus seinem Leben, das mit jenem des Taubenzüchters verwoben zu sein scheint. In Tel Aviv und Jerusalem, zwei von der Geschichte gebeutelten Orten, entfaltet sich die Story zweier Männer, getrennt durch mehrere Jahrzehnte, verbunden durch die Suche nach der Lebensliebe, nach Erfüllung, nach einem eigenen Ort.

Hat’s gemundet?
Dieses Buch ist köstlich! Es ist erheiternd, melancholisch, sachlich, sarkastisch und bietet eine wirklich interessante Geschichte mit schönen Zusammenhängen. Die Wendungen haben mir ausgezeichnet gefallen, ebenso die Figuren – der tragikomische Held Jair, dessen Frau zu schön und zu reich ist, das naive Baby und besonders der stinkreiche, weinerliche Meschullam, der grenzgeniale Sprüche vom Stapel lässt. Überhaupt sind Meir Shalevs Formulierungen eine Wohltat, sie sind herrlich witzig, sehr intelligent und machen den Roman zu einem wahrhaften Lesevergnügen. Beispiele gefällig?

„Er war ein cholerischer alter Gynäkologe von kurzem Wuchs und Geduldsfaden.“

„Ich habe soviel Zeit, dass ich sicher sterbe, ehe sie aufgebraucht ist.“

„Bei den Johannisbrotbäumen ist es wie bei uns. Die Männer stinken, und die Frauen tragen Frucht.“

„Die Wahrheit sprechen, ist sehr schön, aber es muss nicht gleich zur Gewohnheit werden.“

„Er ist überhaupt nicht nett. Er ist so gar nicht nett, daß du keine Ahnung hast, wie wenig. Aber das bißchen Nettigkeit, das er in sich hat, konzentriert er auf nur vier Menschen, und weil du einer von ihnen bist, meinst du, er wäre so.“

Wer soll’s lesen?
Jeder!

CalletSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht‘s?
Ein Mädchen, das sich später Lila K nennen wird, findet sich in nicht allzu ferner Zukunft in einer Art Waisenhaus wieder. Es hat keinen Vater und wurde der Mutter weggenommen, an die es unablässig denkt und von der es nicht einmal den Namen erfährt. Lila ist klug und seltsam, erträgt keine Berührungen und kein Licht, wäre am liebsten allein, muss sich aber sozial zeigen und integrieren, um jemals wieder frei sein zu dürfen. Der Mensch in dieser nicht näher bestimmten Zukunft ist überaus gläsern, er wird ununterbrochen von Kameras beobachtet, seine Fäkalien werden von der Kloschüssel analysiert, und ob er Kinder bekommen darf, entscheidet er nicht selbst. Nicht so streng sind die Regeln draußen in der „Zone“, wo Gewalt, Armut und Zügellosigkeit herrschen, wo es noch echte Bücher gibt und keine Videoaufzeichnung. Dort, so findet Lila nach jahrelanger, vorsichtiger, geheimer Recherche heraus, kommt sie her, dort muss ihre Mutter sein. Doch um sie zu finden, braucht Lila Hilfe – von Milo, einem undurchsichtigen, faszinierenden Mann, in den Lila sich, so sehr sie es zu verhindern versucht, verliebt.

Hat’s gemundet?
Dieses Buch schmeckt bitter. Denn auch wenn die Geschichte von Kindesmisshandlung, absoluter Kontrolle durch den Staat und purer Einsamkeit in einer reglementierten Gesellschaft so fremd und abwegig nicht scheint, ist sie doch so eindringlich erzählt, dass mir beim Lesen manchmal schlecht wird und ich mir wünsche, niemals könnte so etwas geschehen. Ich will all diese Bilder nicht sehen, ich will das Buch aber auch nicht weglegen. Wir haben eine Hassliebe, die mir unter den Nägeln brennt. Blandine le Callet schildert behutsam und klar ein fiktives Schicksal, das trotz der merkwürdigen, wie Sci-Fi anmutenden Umstände erschreckend real wirkt. Lila wächst mir ans Herz, weil sie so allein und so trotzig ist, und ich folge ihrer Erzählung ganz atemlos – so, wie ich es mir wünsche bei einem Roman. Spannend, klug, bewegend und extrem verstörend. Ein Buch, das einen noch lange verfolgt.

Wer soll’s lesen?
Uneingeschränkte Leseempfehlung.

PackerSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht‘s?
Carrie und Mike sind eines jener Pärchen, die zusammen sind, seit sie 16 waren und gemeinsam die Highschool besuchten. Für Mike ist die Sache klar: Er will mit Carrie zusammenziehen und sie heiraten. Carrie dagegen hat Zweifel. Kann das alles gewesen sein? Wird sie für immer in der Kleinstadt bleiben und in der Bibliothek arbeiten? Ihr Freiheitsdrang wächst, doch sie bringt es nicht übers Herz, Mike zu verlassen. Dann ändert ein Unfall alles: Bei einem Sprung in zu seichtes Wasser bricht Mike sich das Genick und ist fortan vom Hals abwärts gelähmt. Nun stellt sich für Carrie die Frage, ob sie aus Loyalität an Mikes Seite bleiben soll, obwohl sie ihn nicht mehr liebt, oder ob sie rücksichtslos sein und ihr eigenes Glück suchen darf.

Hat’s gemundet?
Absolut! The dive from Clausen’s Pier habe ich über einen Tipp in der New York Times entdeckt – und war schwer beeindruckt von der klugen, fesselnden, nachdenklich stimmenden Geschichte über ein tragisches Geschehnis, das alles auf den Kopf stellt, über die Erwartungen der anderen und über das Bedürfnis, egoistisch zu sein. Die Ausgangssituation bietet viel Stoff für Konflikte und moralische Pattsituationen, und Ann Packer hat dies glänzend umgesetzt. Ihre Protagonistin beschäftigt mich mit ihren Gedanken, Gefühlen, Entscheidungen und Aussichten so sehr, dass ich ständig an das Buch denken muss und es, wenn mir die Zeit zum Lesen fehlt, vermisse. Die Figuren im Buch sind sehr jung und verfügen über wenig Lebenserfahrung, doch das, was sie umtreibt, ist gültig für alle Altersklassen, denn es ist zutiefst menschlich. Zwar bin ich mit dem Ende nicht unbedingt einverstanden, doch insgesamt ist dies ein faszinierender, intelligenter Roman über Verpflichtungen und Schuld, über die Halbwertszeit der Liebe und die Fähigkeit zu verzeihen. Und sprachlich ist er wundervoll.


Wer soll’s lesen?

Alle, unbedingt!

FrischmuthSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Um Ada, eine junge Künstlerin, die in Istanbul geboren und an einem österreichischen See aufgewachsen ist, die auf ihren großen Durchbruch hofft und ihre Jugendliebe Jonas wiedertrifft sowie dessen drei Kinder. Um Olli, Adas Zwillingsbruder, der homosexuell ist und eine Galerie führt. Um Martha, die Mutter der Zwillinge, die ihre große Liebe Robin in Istanbul unter mysteriösen Umständen verloren hat. Und um Lilofee, Marthas Tante, die ihnen das Seehaus vererbt hat und die ihr Leben lang um jenen Mann trauerte, den die grausigen Umstände des Krieges ihr geraubt haben. „Wir alle werden vom Schacht der Zeit verschluckt, unsere Lebensgeschichten, unsere Schicksale, unsere Erinnerungen zerfallen in Daten und in Vergessen, nur das wenigste wird zu Geschichte verarbeitet – und wenn, dann anonym – oder zu großen Erzählungen recycelt.“ Dies ist eine dieser großen Erzählungen.

Hat’s gemundet?
Sehr. Barbara Frischmuth hat einen hervorragenden, schlichten, sehr schönen Roman geschrieben über die Liebe und den Tod, das Älterwerden und Vergessen, über den Krieg und das Schweigen darüber und über all die Kleinigkeiten, die das Leben ausmachen. Drei Frauen stehen im Mittelpunkt, Lilofee, Martha und Ada, wobei Lilofee keine eigene Stimme bekommt und ihre Geschichte anhand der überaus authentischen und amüsanten Dorftratschereien erzählt wird. Ich fühle mich aufgehoben in der Romankulisse, die so sehr meiner eigenen Umgebung ähnelt, und in der österreichischen Sprache, die in ganz feinen Nuancen den Schrecken, die Giftigkeit und die Gehässigkeit transportiert, die mit den Erinnerungen an die Nazizeit einhergehen. Am meisten fiebere ich mit Ada mit, die so wunderbar hilflos ist in ihrer Verliebtheit, und auch die Erinnerungen von Martha an ihren Mann sind sehr detailliert und liebevoll geschrieben. Barbara Frischmuth ist eine erfahrene Schriftstellerin, die weiß, was sie tut – und mich damit absolut begeistert hat.

Wer soll’s lesen?
Alle, die gute Literatur schätzen.


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Bücherwurm Mariki

Subjektiv und selektiv. Mariki rezensiert Bücher: Im Bücherwurmloch wird die literarische Kost goutiert, wiedergekäut oder ausgespuckt.

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