Péter Gárdos: Fieber am Morgen

GardosUnd dann nicht aufgeben, niemals, nie
Als der junge Ungar Miklós 1945 aus dem Konzentrationslager befreit wird, besteht er im wahrsten Sinn des Wortes nur noch aus Haut und Knochen. Er wird nach Schweden gebracht, zusammen mit vielen anderen, und dort medizinisch betreut. Dabei stellt sich heraus: Miklós leidet an einer Lungenkrankheit und hat nur noch sechs Monate zu leben. Doch davon lässt er sich nicht beirren. Er schreibt 117 Briefe an junge ungarische Frauen, die über ganz Schweden verteilt sind, denn er möchte antworten. Allzu viele Antworten bekommt er nicht, doch sehr schnell ist für ihn klar: Lili soll es sein, sie ist die Richtige. Es entspinnt sich ein intensiver, emotionaler Briefwechsel, und Miklós setzt alles daran, seine Lili persönlich zu treffen. Nichts soll ihn davon abhalten, nicht einmal sein nahender Tod …

In Fieber am Morgen erzählt Péter Gárdos, preisgekrönter Film- und Theaterregisseur aus Budapest, die wahre Geschichte seiner Eltern. Miklós und Lili haben also tatsächlich gelebt, und all diese Briefe wurden wirklich geschrieben. Das macht dieses Buch umso schöner und gibt ihm mehr Tiefgang. Dem Autor ist es ausgezeichnet gelungen, aus den realen Anknüpfungspunkten Fiktion zu weben und all das, was er nicht weiß, mit seiner Fantasie auszufüllen. Dabei bezeichnet er Miklós das gesamte Buch über konsequent als „meinen Vater“, seine Mutter aber als Lili. Wer der eigentliche Erzähler ist, ist somit klar, und freilich auch, dass die Geschichte ein gutes Ende haben wird, denn sonst wäre Péter gar nicht erst geboren worden. Das Hauptaugenmerk liegt auf Miklós, aber auch Lili hat eine eigene Perspektive in diesem gefühlvollen Roman. Die beiden kämpfen gegen allerlei Hindernisse, die vor allem aus Bürokratie und neidischen Menschen bestehen – und in der tödlichen Krankheit, an der Miklós leidet. Sie kämpfen darum, nach allem, was sie erlebt und gesehen haben, weiterzuleben, gemeinsam.

Es ist sagenhaft, wie stur Miklós an seinem Plan festhält, sich nicht unterkriegen zu lassen, von nichts und niemandem. Liegt das daran, dass er die schlimmsten Gräueltaten überlebt und nichts mehr zu verlieren hat? Es fasziniert mich, wie er aus einem simplen Briefwechsel eine Liebe kreiert und formt – allein mit der Kraft seines Glaubens daran. Er WILL, dass Lili seine große Liebe wird, und allein deshalb wird sie es auch. Die Worte, die Péter Gárdos für seine Erzählung verwendet, sind schlicht und ehrlich, sie verstellen sich nicht, putzen sich nicht heraus, und sie sagen immer, was sie meinen. Raffiniert ist das nicht, aber wunderbar zu lesen – und es passt perfekt zum Inhalt dieser einzigartigen, sehr klaren und sehr menschlichen Story. Ich habe mir sagen lassen, dass Fieber am Morgen vom Literarischen Quartett als Holocaust-Kitsch verunglimpft wurde und frage mich, ob es so etwas überhaupt geben kann – wenn das Buch noch dazu auf wahren Tatsachen beruht. Ein solches Buch muss nicht literarisch herausragend sein, weil seine Kraft auf der Wahrheit beruht, auf der Geschichte unserer Länder, auf liebevollen Briefen, auf unbeugsamem Überlebenswillen. Und Péter Gárdos driftet nie ins Kitschige ab, denn er betont, dass seine Eltern im späteren Leben nie romantisch waren, dass sie aus ihrem ungewöhnlichen Kennenlernen nie eine große Sache gemacht haben. Sie haben einfach gelebt, und das war genug.

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Fieber am Morgen von Péter Gárdos ist erschienen im Hoffmann und Campe Verlag (ISBN 978-3-455-40557-6, 256 Seiten, 22 Euro). Rezensionen zum Buch findet ihr zum Beispiel auf Zeit.de, Papiergeflüster sowie Leseschatz.

Peter Badge & Sandra Zarrinbal: Geniale Begegnungen

Badge„Man blättert im Leben immer wieder Seiten um. Aber alle bleiben im Buch, unabänderlich“
Im Sommer 2000 bekam Peter Badge den Auftrag, Nobelpreisträger in aller Welt zu fotografieren. 15 Jahre und 400 Begegnungen später ist aus diesen interessanten Reisen – mithilfe von Autorin Sandra Zarrinbal – ein Buch entstanden, das einige der wichtigsten Menschen unserer Zeit porträtiert. Der Biochemiker Eddy Fischer spielt für Peter Badge Wagner am Klavier, Gabriel García Márquez öffnet ihm in Lederpantoffeln die Tür und erzählt von seinem Großvater, einem Oberst der kolumbianischen Armee, der ihm sein erstes Buch schenkte, Nelson Mandela verträgt als Folge seiner Lebensgeschichte kein helles Licht und kann nicht mit Blitz fotografiert werden. Was hat all diese Menschen bewegt und angetrieben, was hat sie zu den Höchstleistungen bewogen, für die sie mit dem wohl berühmtesten Preis der Welt ausgezeichnet wurden? Was für Eigenheiten haben sie, wie leben und arbeiten sie? Peter Badge beantwortet diese Fragen. Er war in aller Welt unterwegs, hat Frauen und (natürlich vor allem) Männer getroffen, Mediziner und Physiker, Schriftsteller und Staatspräsidenten, Biologen und Mathematiker, die ihn empfangen haben, um sich ablichten zu lassen – und die dabei immer etwas sehr Persönliches preisgegeben haben.

Was ich an Geniale Begegnungen sehr mag, ist Peter Badges angenehme Art. Ich habe das Gefühl, das ist ein Typ wie du und ich. Er hat von den Formeln, Erfindungen und Errungenschaften, für die die Preise vergeben wurden, auch nicht unbedingt mehr Ahnung als ein Normalsterblicher. Er nähert sich den berühmten Persönlichkeiten durchaus respektvoll, aber auch unbedarft – und das macht ihn sehr sympathisch. Er schildert auf absolut natürliche und entspannte Weise, wie die Treffen sich gestalteten, wie die Ehefrau sich verhielt, wie der Garten aussah. Das vermittelt mir den Eindruck, diese Preisträger kennenlernen zu können … wenigstens für einen Moment. Das macht dieses Buch so besonders: Es entzaubert jene, an deren Leistungen wir nie heranreichen können, macht sie menschlich und nahbar. Gut gelungen ist auch die Dramaturgie des Buchs, das tatsächlich so etwas wie einen roten Faden hat, das geschichtliche Hintergründe und politische Begebenheiten miteinbezieht. Einziger Grund zur Klage: Mir fehlen die Fotos. Da das Ganze eigentlich ein Fotoprojekt ist, wäre es schön gewesen, die Porträts in Farbe oder zumindest größer zu sehen. Ansonsten: ein interessantes Buch, das vielleicht ein bisschen klüger macht – und viel Stoff für intelligenten Smalltalk bietet. Weil man dann beispielsweise sagen kann: „Wussten Sie, dass Obama Honigbier braut?“

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Geniale Begegnungen von Peter Badge und Sandra Zarrinbal ist erschienen bei daab (ISBN 978-3-942597-27-2, 576 Seiten, 29,95 Euro). Die Bücherliebhaberin hat das Buch auf We read Indie besprochen, auch Maike von Herzpotenzial zeigt sich angetan.

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Katharina Hartwell: Der Dieb in der Nacht

HartwellEin rätselhaftes Buch
Der Tag, an dem Felix verschwand, war sehr heiß. „In jenem Spätsommer waren alle Geräusche gedämpft, und alle Farben waren es auch.“ Felix, 19 Jahre alt, Sohn von Agnes, Bruder von Louise, bester Freund von Paul, ging an die Tanke, um Cola zu kaufen, und kam nicht mehr zurück. Nie mehr. Seither fragen sich die, die zurückgeblieben sind, was mit ihm geschehen ist, und finden keine Antwort. Felix war der Dreh- und Angelpunkt des Beziehungsgeflechts, ohne ihn können sie nicht einmal mehr sie selbst sein: „Paul, der Geist, der Schatten, erkannte, dass er sich als Mensch vor allem durch sein Verhältnis zu einem anderen Menschen definiert hatte. Wenn er nicht Felix’ bester Freund war, vermutete er, war er niemand.“ Zehn Jahre später begegnet Paul in Prag einem Fremden, den er einen Moment lang für Felix hält. Er sieht ihm nicht ähnlich, hat die falsche Stimme, die falsche Haar- und Augenfarbe, aber das gleiche Muttermal – und er wurde vor zehn Jahren aus der Moldau gefischt. Der Mann, der sich Ira Blixen nennt und als Künstler arbeitet, leidet an Amnesie und weiß nicht, wer er ist. Könnte er Felix sein? Paul ist elektrisiert und ratlos zugleich. Blixen folgt ihm nach Berlin, nistet sich bei ihm ein, und bald stößt auch Louise dazu. Louise, die zunächst nicht glaubt, dass Blixen ihr Bruder ist, die sich dann aber auch unbedingt an die Hoffnung klammern will, er sei es doch. Und Blixen? Der spielt ein undurchschaubares Spiel mit beiden – und auch mit Agnes …

In Katharina Hartwells erstes Buch Das fremde Meer hab ich mich Hals über Kopf verliebt, wir hatten eine intensive Romanze, und ich bin stolz, auf dem Klappentext der Taschenbuchausgabe vertreten zu sein. Der Nachfolger hat mir nicht ganz so den Kopf verdreht. Es ist allerdings müßig, die beiden Romane vergleichen zu wollen, weil sie so unterschiedlich sind wie ein Quadrat und eine Wurst, womit die junge Autorin großen Facettenreichtum beweist. Wahnsinnig spannend fand ich die Idee hinter dem Buch, die Ausgangslage: der Junge, der verschwindet, der Mann, der vielleicht er sein könnte. Von Anfang an legt Katharina Hartwell einen nebulösen Schleier über Der Dieb in der Nacht, webt eine eigenartig bedrohliche Atmosphäre, zeigt sich geheimnisvoll und verschwiegen. Da dachte ich mir schon, dass ich am Ende nicht erfahren werde, was Felix zugestoßen ist. Gehofft habe ich freilich trotzdem darauf. Blixen ist eine düstere, unangenehme Gestalt, er hat etwas Vampirartiges, Leeres, Unheimliches. Es ist, als müsse er den anderen das Leben aussaugen, weil er selbst keines hat. Eine klassische „Die Geister, die ich rief“-Situation: Paul wird den manipulativen Blixen nicht mehr los, fängt an, ihn zu fürchten, ihm zu misstrauen: „Ohne sagen zu können, ob Blixens Züge zu angespannt oder im Gegenteil zu entspannt sind, ist er sicher: Dies ist nicht das Gesicht von jemandem, der schläft. Es ist das Gesicht von jemandem, der sich schlafend stellt.“

Nun ist es so, dass lethargische Menschen mich wahnsinnig machen. In der Realität ebenso wie in Büchern. Und in Der Dieb in der Nacht gibt es gleich zwei davon: Paul und Louise. Schon vor der Sache mit Blixen kriegen die beiden nichts auf die Reihe, jobben am Existenzlimit dahin, haben halbgare Freundschaften, gehen keine Beziehungen ein. Mag sein, dass Felix’ Verschwinden sie immer noch lähmt. Mag auch sein, dass das eine gemütliche Ausrede ist. So oder so ertrage ich derart viel Apathie und Gleichgültigkeit dem eigenen Leben gegenüber nur schwer. „Paul träumt. In seinem Traum passiert wenig: niemand spricht, niemand tut etwas, auch Paul bewegt sich nicht.“ Das bringt es auf den Punkt. Und während dem Buch langsam die Seiten ausgehen, trinken Paul und Louise Weinflasche für Weinflasche mit Blixen, fragen ihn nicht aus, verlangen keinen DNA-Test von ihm, sprechen kaum über Felix, stellen ihn wegen seiner Spielchen nicht zur Rede. Ich flippe schier aus vor Ungeduld – und muss mich letztlich natürlich damit abfinden, dass das Rätsel nicht gelöst werden kann, dass die Ketten der Vergangenheit nicht gebrochen werden. Der Dieb in der Nacht ist ein sehr trauriges, anrührendes, schicksalhaftes Buch mit einem eigentümlichen, starken Sog. Es ist unerklärlich, verwirrend, beklemmend – und genau dadurch schlussendlich wieder besonders.

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Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1279-1, 320 Seiten, 20 Euro). Schöne Rezensionen zum Buch findet ihr beispielsweise bei Sophie und Flattersatz.

Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc.

Flender„Das verwackelte Handykamerabild ist die neue Ästhetik der Authentizität“
Thomas Hessel ist jung, skrupellos und ehrgeizig. Seinen Job als ehrlicher Journalist hat er an den Nagel gehängt, um für die Agentur Mars & Jung zu arbeiten. Sie sorgt dafür, dass ihre Klienten in der Öffentlichkeit gut dastehen, auch wenn sie ihre Shirts in Bangladesh von Kindern nähen lassen oder mit giftigem Elektromüll schmutzige Geschäfte machen. Thomas, der sich gegen seinen Konkurrenten Christoph profilieren will, um weiter nach oben zu kommen, beschreibt seine Tätigkeit so: „Wir machen Stakeholderanalyse, arbeiten Akten und Rechtslage durch, bereiten eine maßgeschneiderte Story vor, rekrutieren Testimonials, recherchieren Wissenschaftler, deren Erkenntnisse opportun sind. Faktenorientierte Krisenkommunikation ist das Stichwort.“ Und gefilmt wird mit der Handykamera für Youtube, weil den Hochglanzbildern keiner mehr glaubt. Unehrlichkeit siegt, und Thomas fühlt sich obenauf. Aber kann jemand, der einen Fake nach dem anderen produziert, noch an etwas Echtes glauben, an etwas Echtem festhalten? Hilflos muss er zuschauen, wie seine Beziehung den Bach runtergeht und seine beruflichen Träume sich zerschlagen. Denn wer anderen eine Grube gräbt, fällt manchmal in deren noch viel größere Grube …

Ich arbeite in der Werbung. Allerdings texte ich für Kunden, deren Produkte keine Lügen erfordern, Porsche, Skiny Underwear, Berger Schokolade, sondern nur gute Formulierungen und fetzige Ideen. Die Mechanismen hinter der fiktiven Agentur Mars & Jung sind mir aber freilich nicht fremd. Deshalb habe ich Greenwash, Inc. mit großem Amüsement bezüglich des Arbeitsalltags, der Eitelkeiten und der Machtspielchen gelesen. Aber auch mit ebenso großem Entsetzen angesichts der skrupellosen PR-Maschinerie, für die ein Menschenleben nichts zählt. Außer natürlich, es taugt für eine gute Geschichte. Der junge deutsche Autor Karl Wolfgang Flender hat nicht nur Literarisches Schreiben studiert, sondern auch Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Er hat also von beidem Ahnung: dem, worüber er in Greenwash, Inc. schreibt – und wie er es macht. Beides ist ihm gelungen, sein Roman hat mich sofort mitgerissen und ich konnte ihn – im Freibad, mit den Kindern! – nicht mehr weglegen. Abends hatte ich ihn fertig inhaliert.

Ich mag böse, zynische Geschichten. Und da ich generell an starkem Menschheitshass laboriere und uns für den schlimmsten Parasiten halte, den sich die Erde je eingefangen hat, hat diese hier mir besonders gut gefallen. Weil sie zeigt, wie unfassbar dumm, gierig und seelenlos der Mensch ist. Ebenso gut fand ich – wie passend – die dazugehörige PR-Aktion des Dumont Verlags, der Postkarten und einen Shoppingbeutel mit den krassesten Sagern des Buchs verschickt hat. Well done! Thomas ist als Protagonist eine ganz merkwürdige Mischung aus Held und Antiheld. Einerseits forsch und aufstrebend, ist er in anderen Belangen – vor allem bei seiner Freundin – ein totaler Waschlappen. Seine innere Unsicherheit kaschiert er durch ein arrogantes Auftreten – ein Klassiker. Wie ihm dann alles um die Ohren fliegt, ist nicht immer glaubwürdig, aber dennoch unterhaltsam. Er macht keine Entwicklung durch, bleibt am Ende so unwissend und statussymbolsüchtig wie zuvor, eine Marionette, die nichts begriffen hat. Und das erscheint mir durchaus realistisch. Ich habe von diesem Roman nicht erwartet, dass er die Welt bzw. meine Weltsicht verändert oder mir Lösungsansätze aufzeigt, sondern nur, dass er mir ein paar kurzweilige Stunden bereitet, und damit war ich hochauf zufrieden. Freilich kann man dem Buch ankreiden, dass es letztlich wahnsinnig flach bleibt, doch auch das scheint mir passend: Weil alles, worum es in Greenwash, Inc. geht, Schall und Rauch ist. Zu hoffen bliebe, die dargestellten Methoden seien nur Fiktion, doch das ist natürlich naives Denken. Bestimmt sind die heraufbeschworenen und beschriebenen Szenarien längst Realität. Ein Grund mehr, diesem Buch viele Leser zu wünschen.

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Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender ist erschienen im Dumont Verlag (ISBN 978-3-8321-9764-3, 392 Seiten, 19,99 Euro). Die Meinungen zum Buch gehen auseinander: Während es zum Teil große Kritik einstecken musste, gibt es auch begeisterte Stimmen. Buchrevier zeigte sich beispielsweise angetan, Brasch & Buch dagegen enttäuscht.

Bov Bjerg: Auerhaus

BjorkAlle für einen
„Aus der Ferne war das Auerhaus ein Bauernhaus wie die anderen.“ Aber für sechs Freunde, die kurz vor dem Abi stehen, ist es mehr: Es ist das Haus, in dem sie gemeinsam wohnen, unbeaufsichtigt von Erwachsenen. Dazu kam es eigentlich nur, weil Frieder sich umbringen wollte und danach in der Klinik war. Um auf ihn achtzugeben, zieht sein bester Freund Höppner mit ihm zusammen und bringt seine Freundin Vera mit, die aber nur darf, wenn Cäcilia auch kommt. Für das Quartett beginnt eine gute Zeit, sie hören Musik und reden stundenlang, sie perfektionieren das Klauen, um immer was zu essen zu haben, sie lernen für die Schule. Später ziehen noch der schwule Harry und Pauline ein, die Frieder in der Klappse kennengelernt hat. Keiner ist im Auerhaus allein, und das ist am wichtigsten. Aber die Angst, dass Frieder sich das Leben nimmt, die bleibt, und die Freunde haben permanent das Gefühl, es könnte etwas Schlimmes geschehen. Sie alle haben noch nicht viel gelebt und sind dennoch schon so kaputt. Was wartet noch auf sie? Lohnt es sich, durchzuhalten?

Wenn ihr euch nochmal jung fühlen wollt, wenn ihr euch erinnern wollt, wie das war, als alles noch vor euch lag, als alles noch möglich war, dann solltet ihr Auerhaus von Bov Bjerg lesen. Der deutsche Autor hat sich dermaßen gut in eine Bande Jugendlicher eingefühlt, dass man glauben könnte, er sei selbst noch 18. Dabei ist er 1965 geboren und lässt eine Zeit aufleben, die die Jugend von heute nicht mehr kennt: ohne Internet, ohne Handy, mit der alten Art von Langeweile und Zusammenhalt, die den 18-Jährigen damals eigen war. Kultur- und musiktechnisch ist Auerhaus in den 1980er-Jahren angesiedelt – der Titel stammt vom Madness-Lied „Our house“, das ein vorbeikommender Bauer ins Deutsche umgemodelt hat –, in denen ich erst geboren bin. So ganz passe ich also nicht in die Zeit, in der Frieder und Höppner, Vera und Cäcilia das Erwachsenwerden üben. Aber ich fühle mich trotzdem zugehörig, denn diese adoleszente Verwirrtheit, dieses Schwanken zwischen Euphorie und Verzweiflung, ich glaube, die ist sowieso generationenübergreifend.

Auerhaus ist in einem wahnsinnig angenehmen Ton geschrieben, man sagt bei Büchern ja gern „es plätschert so dahin“. Das tut es wirklich. Und fängt dabei gekonnt die Stimmungen, Gefühle und Sehnsüchte junger Menschen ein, die sich einerseits auf den Aufbruch freuen und ihn andererseits fürchten. Was wird die Zukunft ihnen bringen, wo werden sie leben, lieben, arbeiten? Und wieso sieht einer von ihnen, mindestens einer, keinen Sinn in alldem, jetzt schon? Bov Bjergs Ich-Erzähler hat darauf freilich keine Antwort, er gibt nur Einblick in seine Unsicherheiten, seine Ängste, seine Wünsche. Und das zu lesen, ist ganz wunderbar: Die Worte haben den richtigen Klang, die Sätze bilden eine Melodie, die erinnert ein bisschen an damals, an das Lied beim ersten Tanz, wisst ihr noch, beim ersten Aufbegehren gegen die Eltern, beim ersten Mal Unabhängigsein.

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Auerhaus von Bov Bjerg ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3351050238, 240 Seiten, 18 Euro). Eine schöne Rezension zum Buch findet ihr Sophie von Literaturen.

Das hier ist nicht Pop. Aber in Wahrheit ist „Auerhaus“ viel mehr Pop als die Literatur, die so heißt: Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle, alles, was falsch, überflüssig, bloßer Künstlerquatsch wäre, ist raus. http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article144132251/Zeig-mir-die-Achtzigerjahre-in-zaertlich.html

Irene Ruttmann: Adèle

RuttmannEine unvergessliche Begegnung mitten im Krieg
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Die Hormone wirbeln, die Körper zieht es zueinander, und bald finden sie sich. Max zwackt Stunden ab, entfernt sich bei jeder Gelegenheit, um zu Adèle zu gehen, und einfach ist das nicht: „Keinen Wimpernschlag lang sollte man vergessen, dass der Soldat nicht Herr seiner Zeit ist, nicht Herr seiner selbst, Herr von gar nichts.“ Und so dauert es auch nicht lang, bis der Krieg Max wieder an sich reißt – aus Adèles Armen.

Die deutsche Autorin Irene Ruttmann, 1933 in Dresden geboren, hat sich mit zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. Will Adèle ihn nur benutzen, damit er ein wertvolles Gemälde der Familie in Sicherheit bringt? Was ist nach dem Krieg mit ihr geschehen? Und hat sie etwa ein Kind von ihm bekommen? Auf all diese Fragen hat Max nie Antwort erhalten – und ich auch nicht. Denn Adèle ist ein schmales Büchlein von nur 156 Seiten, auf denen kein Platz ist für lange Erklärungen und Auflösungen.

Vielmehr geht es um einen Moment. Um einen Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke. Es geht um die Erinnerung und um die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Und es geht um den Krieg, der so endlos viele Möglichkeiten zerstört hat. Heute, 100 Jahre später, würden Max und Adèle wohl whatsappen oder sich auf Facebook wiedertreffen. Aber in Zeiten wie jenen war ein Abschied ein Abschied für immer. Dies ist eines jener Bücher, die man rasch liest, aber nicht so schnell vergisst. Sehr schön.

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Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen im Zsolnay Verlag (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Irene Ruttmann hat unbeschreibliche Empathie, die sie so wunderbar an ihren Hauptprotagonisten Max weitergibt und dabei gelingt es so raffiniert unaufgeregt die vollkommen unerwartete Begegnung zweier Menschen in Zeiten des Krieges vorsichtig und klar zu entwickeln, dass selbst die Kriegsszenerie für gewisse Momente so erleichternd unwichtig in den Hintergrund rückt“, schwärmt der Durchleser.
– „Die Stärke von Irene Ruttmann liegt in ihrer einfachen und zugleich eleganten Prosa, in der tiefen Menschlichkeit ihrer Erzählung“, zeigt sich literaturschock.de begeistert.
– „Die Autorin beschränkt sich auf Wesentliches. Die Handlung wird nicht besonders ausgeschmückt. Aber es sind gerade die nicht gesagten Worte, die die Tragik verdeutlichen“, sagt Heike Rau auf leselupe.de.

Svenja Leiber: Das letzte Land

IMG_9066„Wenn man etwas sehr liebt, wird man gefährlich“
„Nie mehr will ich schlafen, wenn ich dafür das Geigen lern“, denkt der junge Ruven, und entgegen aller Widrigkeiten setzt er sich durch, da in seinem Dorf im deutschen Norden, wo das Leben hart ist und er als Sonderling gilt. Der Vater, der Stellmacher, prügelt ihn fast tot, bevor er ihm erlaubt, das Geigen zu lernen, und später entwickelt er sogar Stolz, weil der merkwürdige Sohn, den er nicht verstehen kann, so ein Talent hat: „Und er denkt sich die Töne, als liefen sie weiter, ohne zu verklingen, als hätten sie irgendwo im Weltall einen Platz, an dem sie nie aufhörten.“ Ruven findet Zuflucht in der Musik, findet ein Zuhause, das jedoch äußerst instabil ist: Die Zeiten sind dunkel, sie nehmen ihm den jüdischen Lehrer, und ehe er sich’s versieht, muss Ruven – frisch verheiratet mit seiner Jugendliebe und gerade erst Vater geworden – in den Krieg. Und „was soll das Violinspiel, wenn der Mensch vor Furcht schon nicht mehr singen kann“? Als das Kämpfen zu Ende ist, kann Ruven nicht mehr dort ansetzen, wo er aufgehört hat: Seine Familie ist zerstört, sein Leben liegt in Schutt und Asche, die Musik hat ihren Zauber verloren. Denn: „Der Krieg verdient keine Sprache, keine Geschichten. Er ist kein Stoff. Er ist das Ende aller Stoffe, denke ich. Man geht in ihn hinein. Und keiner kommt wirklich wieder heraus.“

In ihrem dritten Buch schreibt Svenja Leiber von einem Mann, der fein und zart ist, ein Musiker, ein Wunderkind – und den der Krieg erbarmungslos zermalmt. In einem anderen Land zu einer anderen Zeit hätte Protagonist Ruven ein Großer werden können, nicht aber im Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre. Das ist tragisch und traurig – und wundervoll erzählt. In ihrer Sprache vollbringt die deutsche Autorin einen beeindruckenden Spagat: Sie ist sowohl abgeklärt und hart als auch poetisch und gefühlvoll. Um den Vergleich zur Musik zu ziehen, der sich freilich anbietet: Svenja Leiber komponiert ein vielstimmiges Werk, mit leisen Melodien und lauten Paukenschlägen. Sie entspinnt ihre Geschichte langsam und geduldig, sie lässt sich Zeit, fängt alle Stimmungen und Gefühle perfekt ein. Zwischendrin, das muss ich gestehen, habe ich die eine oder andere inhaltliche Durststrecke durchgemacht, weil der Strom zu einem Rinnsal wurde und die Geschichte sich nicht so entwickelte, wie ich gedacht hätte: Ruven gerät mit der Zeit aus dem Fokus, seine Musik verstummt. Das Buch ist aber längst nicht zu Ende, sondern rückt Ruvens Tochter in den Mittelpunkt, womit ich mich letztlich versöhne und abfinde. Das letzte Land ist ein berührendes, intensives und überaus gut geschriebenes Buch, das von Liebe und Verrat erzählt, von dem Wunder der Musik, von verpassten Chancen und dem alles verschlingenden Krieg. Ein Buch, von dem ich sagen muss: Es sollte Pflichtlektüre sein.

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Das letzte Land von Svenja Leiber ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42414-8, 320 Seiten, 19,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Die 1975 in Hamburg geborene und in Berlin lebende Autorin Leiber erzählt mit dem an Johann Peter Hebels Kalendergeschichten geschulten Prinzip der epischen Zeitraffung von Krieg, Unheil, Tod und Holocaust, vom Feuersturm in Hamburg und der Terrorherrschaft der Nazis“, heißt es auf spiegel.de.
– „Vor allem aber ein Buch darüber, was es heißt, zu sehen, wie die eigenen Wünsche nicht erfüllt werden können“, erklärt welt.de.
– „Das letzte Land ist einer der Romane dieses Jahr, die in dem Wust an Neuerscheinungen etwas untergegangen zu sein scheinen, doch diese Geschichte hat es verdient, entdeckt und gelesen zu werden und zwar von möglichst vielen“, schwärmte Mara von buzzaldrins.de.
– Und hier könnt ihr euch den Trailer zum Buch anschauen.