Amy Waldman: Der amerikanische Architekt

Waldman.JPG„Manche Tage sind wie manche Menschen. Man kann sie nur schwer vergessen“
Nach endlosen Diskussionen hat sich die Jury endlich auf einen Entwurf für die Gedenkstätte an der Stelle des World Trade Centers geeinigt: Ein symbolträchtiger Garten soll dort in Zukunft an die Anschläge vom 11. September 2001 erinnern. Doch als der anonyme Umschlag mit dem Namen des Architekten geöffnet wird, sind alle schockiert. Es ist ein Moslem. Was sollen sie nun machen? Während die Jurymitglieder noch vor Ratlosigkeit gelähmt sind, dringt die Nachricht bereits nach draußen und löst einen Sturm der Erregung aus. Die Presse überschlägt sich, die Angehörigen der Opfer gehen auf die Barrikaden, die Situation gerät völlig außer Kontrolle. Auch der Architekt bekommt vor der eigentlichen Bekanntmachung Wind davon und gerät ins Kreuzfeuer: Mohammed Khan ist Amerikaner und nicht religiös. Doch das nützt ihm mitten in der losbrechenden Hetze wenig. Die reiche und schöne Claire, die im WTC ihren Mann verloren hat und als Stellvertreterin der Angehörigen in der Jury saß, sieht sich ebenfalls Anfeindungen und offenem Hass ausgesetzt. Ist Amerika ein Land der Toleranz, in dem jeder einen offenen Wettbewerb gewinnen kann, unabhängig von seiner Nationalität und Religion? Wäre ein muslimischer Architekt ein Sieg über den Terror oder doch eine Genugtuung für die Attentäter und ein Schlag ins Gesicht für alle, die jemanden verloren haben? Darüber denkt jeder anders.

Das Beste an Der amerikanische Architekt von Amy Waldman ist die Idee hinter der Geschichte: Die Ausgangslage fand ich derart originell, dass ich das Buch schon lange auf der Wunschliste hatte. Was wäre denn wirklich, wenn man in eine derart konfliktreiche Situation gelangen würde? Das klang in der Theorie überaus spannend. In der Praxis ist es das jedoch nur bedingt. Zwar hat die amerikanische Autorin, die als Journalistin für die New York Times in Südasien war, das vermeintlich Beste aus ihrer Idee an sich gemacht: Sie lässt einen Tornado der Empörung losbrechen, bringt eine skrupellose kleine Reporterin ins Spiel, zeigt die berechnende Vorgehensweise jeder einzelnen gegnerischen Gruppe, beleuchtet die Gefühle der Witwe Claire und gibt auch dem Architekten Mo eine eigene Perspektive. Bloß führt das alles nirgendwo hin. Auf über 500 Seiten schafft sie es nicht, aus ihrem Ausgangsszenario eine gute Geschichte zu weben, sie tritt die ganze Zeit auf der Stelle. Keine der Parteien ist zu einem Kompromiss bereit, nein, ein Kompromiss ist in dieser Lage gar nicht möglich. Seiten über Seiten gehen alle einen Schritt vor und einen zurück.

Die Protagonisten sind extrem unsympathisch und treten auf wie blasse Pappfiguren. Claire als traurige Hinterbliebene fühlt ganz klischeehaft alles, was man an ihrer Stelle eben so fühlen muss. Architekt Mohammed ist ein extrem undurchsichtiger Charakter, dessen Verhalten nicht im Geringsten nachvollziehbar ist und der alles nur noch schlimmer und schlimmer macht, sich dabei selbst unendlich leidtut und mir schlichtweg wahnsinnig auf die Nerven geht. Die platten Dialoge sind fad und öd, das ganze zündende Pulver der Konfliktsituation verpufft irgendwann ungenutzt. Diese meine Meinung ist freilich subjektiv, denn es wurde über Der amerikanische Architekt allerlei Gutes geschrieben: bei Literaturen, Standard, Spiegel und FAZ. Ich konnte jedenfalls nichts damit anfangen, gar nichts, nicht einmal ein bisschen was. Ich hab mich gelangweilt, gewundert und geärgert. Ein selten schlechtes Buch.

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Der amerikanische Architekt von Amy Waldman ist erschienen bei Schöffling & Co. (ISBN 978-3-89561-491-0, 512 Seiten, 24,95 Euro).

Samanta Schweblin: Das Gift

SchweblinDas Bedrohliche an der Merkwürdigkeit
Eine Frau lebt mit ihrer Tochter in einem kleinen Ort, vier Stunden von der Hauptstadt entfernt, wo der Mann arbeitet. Die Tochter heißt Nina. Die Frau bleibt namenlos. Eine Nachbarin Carla erzählt ihr eine eigenartige Geschichte: Ihr kleiner Sohn David litt an einer schweren Vergiftung, an der das gesamte Vieh gestorben war. Um ihn zu retten, teilte die Heilerin Davids Vergiftung mit einem anderen Körper – wodurch er eine andere Persönlichkeit bekam. Carla fürchtet sich vor diesem unbekannten Sohn. Auch die Frau ist inzwischen krank und wird in Kürze sterben. Nur David ist bei ihr, spricht mit ihr, rekonstruiert mit ihr, was geschehen ist. Er redet von Würmern, von einem Moment der Ansteckung. Woran leidet die Frau? Warum berichtet sie David wieder und wieder dasselbe, ohne sich erinnern zu können? Wo ist Nina? Was ist geschehen mit den Kindern des Ortes? „Es sind merkwürdige Kinder. Es sind, keine Ahnung, meine Augen brennen so. Sie haben keine Wimpern und auch keine Augenbrauen, ihre Haut ist rot, sehr rot, und schuppig.“ Müssen sie etwa alle sterben?

Es gibt Bücher, die derart rätselhaft sind, dass man nicht das Geringste versteht. Dazu gehört für mich Das Gift von Samanta Schweblin, angeblich „die beste Erzählerin ihrer Generation“. Ihre drei Erzählbände wurden mit Preisen bedacht, ihr erster Roman erschien nun in 20 Ländern. Worum es darin geht? Um eine nicht greifbare Bedrohung, um ein Gift – womöglich in Zusammenhang mit einem Chemiekonzern der Gegend? – und um seltsame Heilmethoden sowie den Tod. Eine Mutter lässt ihr Kind von einer Heilerin behandeln und hat danach Angst vor ihm. Dieses Kind stellt der Protagonistin Fragen, redet immer wieder von Würmern und will die Ursache für eine mysteriöse tödliche Krankheit aufdecken. Aber wozu, wenn sie ohnehin nicht heilbar ist? Was soll das bringen? Und wenn er all das ohnehin schon mehrfach erzählt bekommen hat, wieso fragt er erneut?

Das Gift ist ein derart rätselhaftes Buch, dass man das Rätselhafte daran nicht einmal erklären kann. Genau das soll wohl die Bedrohung auslösen – was durchaus gelingt. All die kleinen Informationsfetzen, die keinen Sinn und kein großes Ganzes ergeben, sorgen für eine verrückt beklemmende Atmosphäre. Es ist zum Fürchten. Und überaus unheimlich. Ich bin angeekelt und fasziniert zugleich und kann am Ende nicht einmal sagen, ob ich den schmalen Roman mit gerade mal 126 Seiten gut oder schlecht fand, weil die üblichen Beurteilungsparameter überhaupt nicht anwendbar sind. Ich bin schlicht und ergreifend völlig verstört. Und beunruhigt. Ein wenig verängstigt. Und ratlos. Wer sich einmal so fühlen möchte, der greife zu diesem Buch.

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Das Gift von Samanta Schweblin ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42503-9, 127 Seiten, 16,95 Euro), hier könnt ihr euch den gruseligen Buchtrailer ansehen.

Vigdis Hjorth: Ein norwegisches Haus

Hjorth„Es gibt viele, die nicht den Menschen bekommen, den sie lieben. Und dagegen lässt sich nur schwer etwas tun“
Alma lebt allein in einem kleinen Haus auf dem Land irgendwo in Norwegen. Sie ist geschieden, ihre Kinder sind erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Sie arbeitet als Künstlerin, ist bekannt für ihre prachtvollen Wandteppiche und Fahnen. Doch damit das Geld zum Leben reicht, muss sie die Einliegerwohnung, die zu ihrem Häuschen gehört, vermieten. Da diese nicht den modernen Standards entspricht, gibt Alma die Wohnung billig her und ohne Kaution. Mit dem polnischen Paar, das dort einzieht, will sie nichts zu tun haben. Und als der Mann wegen häuslicher Gewalt ins Gefängnis muss, hat Alma angeblich nie etwas gehört oder gesehen. Fortan lebt die polnische Frau mit ihrer kleinen Tochter in Almas Haus, und sie gehen sich alle aus dem Weg – der Kontakt beschränkt sich auf das Mindeste, es geht um die Post, ums Schneeschaufeln, um die Miete. Mit den Jahren wird der Umgang der beiden immer frostiger – bis es schließlich soweit ist, die Mietvereinbarung aufzulösen.

Vigdis Hjorth ist in Norwegen bekannt für ihre Kinderbücher, Romane, Essays und Diskussionsbeiträge. In Ein norwegisches Haus erzählt sie eine Geschichte, die ich nicht recht deuten kann. Denn ich hatte mir eine Auseinandersetzung mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus erwartet, hatte gedacht, Protagonistin Alma gerade mit ihren Mietern aneinander, weil diese Polen seien. Das spielt durchaus eine Rolle. Alma bemängelt das schlechte Norwegisch in den Briefen ihrer Mieterin, sie stört sich daran, wenn deren Verwandtschaft zu Besuch kommt und fremde Sitten mitbringt, und sie mag die Polen ganz einfach nicht. Allerdings mag Alma überhaupt niemanden. Sie ist eine miesepetrige, egozentrische, alleinstehende Frau. Und im Buch geht es vielmehr um Mietrecht, Umgangsprobleme und das allgemeine Gestalten eines friedlichen Zusammenlebens. Da gibt es kein Flüchtlingsschicksal, keine polnische Geschichte, kein Aufbrechen der Fronten, kein Annähern über die Nationalitäten hinweg. Über die Polen erfahre ich schlicht und ergreifend nichts. Und ihr Polnischsein hat derart wenig Einfluss auf den Roman, sie könnten auch Norweger sein.

All dies führt dazu, dass Ein norwegisches Haus mich unglaublich langweilt. Denn tatsächlich ist meist das einzig Interessante Almas Arbeit – wie sie Geschichten stickt und eigenbrötlerisch vor sich hin werkt. Auch am Ende kommt kein aufrüttelnder Knall, das Buch schließt ebenso ruhig und fast schon öde, wie es begonnen hat. Da wäre viel mehr Zündstoff und Potenzial für echte Konflikte und größere Gefühle als Ärger über die Miethöhe enthalten gewesen. Dieses gesamte Potenzial hat Vigdis Hjorth verschenkt – und das im Klappentext anklingende Thema hat sie in meinen Augen komplett verfehlt.

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Ein norwegisches Haus von Vigdis Hjorth ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100919, 235 Seiten, 20 Euro).

Grégoire Delacourt: Wir sahen nur das Glück

Delacourt„Ich werde dafür bezahlt, weder Herz noch Mitgefühl zu haben“
„Manchmal war ich wie berauscht von der Vorstellung, das Leben der anderen verändern zu können“, sagt Antoine, der als Gutachter für eine Versicherung arbeitet. Er muss im Schadensfall bewerten, ob jemand Geld bekommt – und wie viel. Er entscheidet über Existenzen. Als er einmal seinem Herzen statt seinem Verstand folgt, ist er prompt seinen Job los. Seine Frau verlässt ihn auch, und seinen Kindern war er nie ein guter Vater. Antoine muss erkennen, dass er am Boden ist. Kann er überhaupt noch tiefer sinken? Ohja, er kann. Denn in seiner Verzweiflung lässt er sich zu einer unfassbar grausamen, egozentrischen Tat hinreißen, für die er ins Gefängnis muss. Als er Jahre später freikommt, beginnt er ein neues Leben. Doch wie das eben oft so ist mit der Vergangenheit – sie lässt ihn nicht los …

Grégoire Delacourt ist ein erfolgreicher französischer Schriftsteller, und dies ist bereits sein fünftes Buch. Mit Alle meine Wünsche hat er mich völlig verzaubert, ich denke noch heute gern an diese Geschichte zurück. Dann kam sein neues Werk – und da habe ich von jenem Zauber leider nichts gespürt. Nicht mal ein winziges Fünklein. Das ist in erster Linie natürlich reichlich schade. Und bestärkt mich erneut in meiner Ein-Buch-pro-Autor-Philosophie, um solche Enttäuschungen zu vermeiden. Protagonist Antoine ist ein zutiefst langweiliger Held, der zugleich einen an der Waffel hat, und zwar so richtig. Er ergeht sich in einem langen inneren Monolog, er lamentiert vor sich hin, leidet an sich selbst, erzählt von seiner lieblosen Kindheit und seinem eigenen Versagen als Vater. Das ist … nun ja, nicht allzu aufregend, sagen wir es so. Es folgt ein spektakulärer, krasser und überraschender Vorfall, der das Buch zweiteilt – und der Rest ist dann ebenso langatmig und dröge wie der Beginn. Denn jetzt hat Antoine wirklich einen Grund, sich schlecht zu fühlen und sich Vorwürfe zu machen. Das tut er auch ausgiebig.

Es widerstrebt mir, schlecht über ein Buch zu sprechen. Weil viel Arbeit drinsteckt. Weil es anderen Lesern vielleicht durchaus gefällt. Ahahahaber: Ich habe mich mit Wir sahen nur das Glück schrecklich fadisiert. Die Story hat mich nicht gepackt, nicht einmal ein bisschen, der Protagonist war mir zutiefst unsympathisch und über die Maßen egal. Und natürlich waren meine Erwartungen nach „Alle meine Wünsche“ reichlich hoch, was fast immer problematisch ist. So kann ich nur hoffen, dass irgendjemand da draußen den Roman mehr mag als ich. Auch wenn es mich sehr wundern würde.

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Wir sahen nur das Glück von Grégoire Delacourt ist erschienen im Atlantik Verlag (ISBN 978-3-455-60021-6, 272 Seiten, 20 Euro).

Marie Darrieussecq: Prinzessinnen

Darrieussecq„Bisexuell bedeutet zwei Mädchen auf einmal“
Solange ist elf Jahre alt und wächst in der baskischen Provinz auf. Ihre Eltern kümmern sich kaum um sie: „Sie hat aufblasbare Eltern, wie diese Puppen, die es angeblich gibt. Sobald man den Stöpsel zieht, entschweben sie Loopings drehend in den Himmel.“ Ihre einzige Bezugsperson ist ihr Nachbar Monsieur Bihotz, der sie betreut und versorgt, seit sie ein Kleinkind ist. Nun aber ist Solange dem Kindsein entwachsen, und sie will nur eins: Sex. Ihre Freundinnen, eine dümmer als die andere, erzählen die wildesten Geschichten und sind angeblich alle keine Jungfrauen mehr. Ruhelos streift Solange umher, schmiert sich mit Lippenstift an, kürzt ihren Rock und zeigt sich willig, als ein Junge auf einer Party einen Blowjob von ihr verlangt. Sie ist völlig überfordert, will sich aber nicht die Blöße geben – und tut alles, was er möchte. Solanges neu entdeckte Sexualität entgeht ihren Eltern völlig, nicht aber Monsieur Bihotz, der kaum noch an sich halten kann … weshalb er nicht mehr auf sie aufpassen will. Die Eltern ignorieren das jedoch – und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Prinzessinnen von Marie Darrieussecq ist ein haarsträubendes, intensives, würgereizauslösendes Buch, wahnsinnig provokant, ein Schlag in die Fresse. Ist es wahr, dass die Franzosen überaus sexed up sind? Dass ihre skandalösen Sexbücher für uns kaum erträglich sind? Dass sie freier mit Tabuthemen umgehen? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber Marie Darrieussecqs Darstellung eines Mädchens auf der Suche nach dem ersten Sex legt es nahe. Sie schreibt schonungslose Sätze, die wie aus einem Gewehr geschossen daherkommen, mit Leerzeilen dazwischen, als wäre das alles gar keine in sich abgeschlossene Geschichte, sondern als handelte es sich um verschiedene Beobachtungen, alle pointiert und spitz, seltsam gefühllos, frei von Mitleid.

Ich dagegen habe Mitleid. Es beutelt mich geradezu vor lauter Mitleid. Und Ekel. Denn Solange ist ELF. Das unschuldige Alter, das nach zehn kommt und noch vor zwölf. Als ich elf war, hab ich noch Baumhäuser gebaut. Solange dagegen lässt sich in den Mund ficken. Was nur einer der Gründe ist, weshalb mich die Lektüre von Prinzessinnen derart gequält und entsetzt hat. Besonders bei der Szene, als Solange ihre Tage hat, aber trotzdem mit einem Jungen ins Bett geht, weil er sie endlich, endlich angerufen hat, wie sie sich in den Arsch bumsen lässt und sich wegen des Bluts schämt – und sie ist elf, ELF! – konnte ich kaum noch umblättern. Und niemand ist für sie da, niemand, ihre Eltern nehmen sie gar nicht wahr – und Monsieur Bihotz nimmt sie viel zu deutlich wahr. Als die beiden, die wohl 30 oder 40 Jahre auseinander sind, täglich und überall zu vögeln beginnen, kann ich kaum noch weiterlesen. Solange geht ihrem eigenen Körper in die Falle und beginnt ganz klassisch, Sex gegen Aufmerksamkeit einzutauschen. In meinen Augen ist sie aber noch ein Kind, und deshalb tu ich mir schwer mit diesem Roman, auch wenn ich oft – wie bei We need to talk about Kevin oder Room – gerade die verstörenden Bücher sehr gut finde. Generell ist mir der Stil des Romans zu abgehackt, brutal und zusammenhangslos. Ich hoffe sehr, dass all dies nur Fiktion ist, auch wenn ich weiß, wie utopisch dieser Wunsch ist. Dies ist ein Buch, das wehtut – auf höchst unangenehme Art. Es mag durchaus seine Wichtigkeit haben, aber ich muss gestehen: Nach all dem Grausen und der Traurigkeit wünschte ich, ich hätte es nicht gelesen.

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Prinzessinnen von Marie Darrieussecq ist als Taschenbuch erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-62607-1, 304 Seiten, 9,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „So konfus, brutal und prickelnd wie sich das Erwachsenwerden für Solange anfühlt, ist Darrieusseqs Erzählstil. Zwischen ihren knappen, mechanischen Sätzen muss man als Leser immer wieder zu gedanklichen Weitsprüngen ansetzen – und landet immer wieder in der eigenen Pubertät“, heißt es auf spiegel.de.
– „Marie Darrieussecq hat mit „Prinzessinnen“ einen weiblichen Coming-of-Age-Roman verfasst, der aufgrund seiner sich an Erfahrungen einer Jederfrau heranschmeißenden Stofflichkeit einige Sogwirkung entfaltet. Und dennoch will man aus Rücksicht auf die Privatsphäre aller Beteiligten nicht wirklich dabei gewesen sein, will ein Geheimnis ein Geheimnis sein lassen und auf gärenden Körpererkundungskitsch verzichten“, schreibt faz.net.

Matt Bondurant: Night Swimmer

Bondurant„The heart of the young is a perilous place“
Fred und Elly Bulkington kommen eigentlich aus Vermont, leben aber neuerdings in einem kleinen, rauen Ort an der Küste Irlands: Fred hat einen Pub gewonnen. Dem fehlt es allerdings an Gästen, denn – so sagen die Einheimischen – die Bulkingtons sind zu einer schlechten Zeit gekommen, im Winter gibt es nicht viele Touristen. Dadurch hat Fred Zeit, an einem Roman zu arbeiten, und Elly schwimmt. Ein seltener Hautzustand mit spezieller Fettpolsterung erlaubt es ihr, in eisigem Wasser zu schwimmen – und sie stürzt sich in die gefährlichen Fluten des Nordatlantik. Sie geht dabei an ihre Grenzen, und bald schon tun sich noch mehr Gefahren auf: Die Iren wollen die Fremden nicht hierhaben. Und sie machen das deutlich.

Matt Bondurant hat mit seinem ersten Roman The Third Translation einen internationalen Bestseller gelandet. Auf sein drittes Buch The Night Swimmer bin ich durch eine Rezension der New York Times gestoßen, und es klang interessant. Das war es auch – bis zu einem gewissen Punkt. Ellys Eintauchen in das kalte Meer hat der Autor sehr faszinierend beschrieben, und das unterschwellig Drohende, das permanent in der Luft liegt, hat er glänzend eingefangen. Doch als Elly sich immer mehr in merkwürdige Machenschaften rund um eine Ziegenfarm und ein großes Hotelbauprojekt verstrickt, wird es ständig noch verwirrender. Und als der erste Tote auftaucht – angeblich war es ein Selbstmord –, tappe ich im Dunkeln. Dort bleibe ich auch nach dem sehr merkwürdigen Ende, denn Matt Bondurant erklärt selbst am Schluss so wenig, dass ich die Zusammenhänge nicht vollends verstehe. Kurz überlege ich sogar, ob es an der Sprachbarriere liegt, aber da ich bis dahin kein Problem mit dem Roman hatte, glaube ich nicht, dass es daran lag. Auch in der NYT-Rezension hieß es, wie ich später nochmal nachgelesen habe: „The mash-up of genres and an overabundance of half-sketched characters and cryptic plot turns threaten to neuter an otherwise powerful book.“ Schade ist es auf jeden Fall, weil ich The Night Swimmer bis zum letzten Drittel gern gelesen habe. Von der anfänglichen Begeisterung ist dann aber leider wenig geblieben. Ihr könnt es getrost ignorieren, auf Deutsch ist es bisher nicht erschienen.

Ramona Ausubel: Der Anfang der Welt

Ausubel„In der Stille des Augenblicks hielten unsere Herzen uns am Leben, ohne zu fragen, ob das denn auch recht sei“
„Die Fremde verstummte wieder. Ihr Atem veränderte sich, und sie begann zu heulen wie ein einsamer Hund. Ihre Stimme wurde voll und gewaltig und ließ die Wände erzittern. Wir waren ebenfalls erschüttert, nicht nur von diesem Geheul, sondern von dem Meer der Verzweiflung, das in ihren Augen zu sehen war, von der Landkarte der Schnitte an ihren Armen, auf ihrer Brust. Die Flut ihrer Stimme war wie das Hochwasser des Flusses, jäh und unaufhaltsam riss sie alles mit sich fort.“ Der Fluss spült eine Fremde in das völlig im Wald verschwundene Dorf Zalischik, eine Fremde, die erlebt hat, wovon die Dorfbewohner nur am Rande mitbekommen haben – die Gräueltaten der Nazis. Die Dörfler sind Juden, die über Generationen hinweg gewandert sind, von einem Ort zum anderen, geschasst und unruhig, bevor sie sich niedergelassen haben mit ihren Überlieferungen im Gepäck: „Wir schliefen im Bauch knarzender Schiffe, gingen an unbekannten Ufern an Land. Und währenddessen erzählten wir die Geschichten weiter, und sie hielten uns als Volk am Leben. Unsere Körper hätten ohne sie vielleicht überlebt, unsere Herzen sicher nicht.“ Als sie nun erfahren, wie groß die Gefahr ist, in der sie schweben, beschließen sie, sie einfach zu ignorieren. Das ganze Dorf will einen Neustart: „Wieder und wieder, überall auf der Welt, begannen wir von vorn.“ Sie erdenken sich neu, wie sie leben möchten, in welchen Paarungen, mit welchen Berufen, mit welchen Gebeten. Die elfjährige Lena wird sogar das Kind anderer Eltern, weil diese selbst keins bekommen können. Sie finden neue Regeln und gehen dabei sehr achtsam miteinander um. Doch es ist das Jahr 1939, der Kreis wird immer enger, und im entscheidenden Moment bricht das Fantasiekonstrukt zusammen: Der Krieg holt Zalischik und seine Bewohner ein.

Ramona Ausubel hat mit Der Anfang der Welt einen wuchtigen, fantasievollen, überbordenden Roman geschrieben, der auf den Geschichten ihrer Großmutter beruht. Ich bin vernarrt in die Ausgangssituation und wollte das Buch seiner Handlung wegen lesen: Ein Dorf erfindet sich neu, um der Realität zu entgehen. Doch während die Autorin eine sehr poetische, intensive und berührende Sprache findet, um diese Idee umzusetzen, ist es letztlich genau diese Handlung, die mich enttäuscht: Hauptteil des Buchs ist der Familienwechsel von Lena, die plötzlich mit neuen, noch dazu völlig verrückten Eltern leben muss, eine unheimliche, unverständliche und beängstigende Situation. Das habe ich nicht erwartet, ich wollte mehr über die Wirklichkeitsblase erfahren, die das Dorf schafft, fühle mich inhaltlich eher abgestoßen von der absurden Story, mag manchmal gar nicht weiterlesen. Gleichzeitig ist es dann auch die melodische Sprache, die teilweise anstrengend ist, durchsetzt von religiösen Andeutungen, Mythen, Gebeten, sehr verkopft und niemals entspannt – im Gegenteil, bis zum Zerreißen gespannt ist jeder Satz, berühren darf man keinen davon, sonst schnalzt es.

Ich bin ein ungeduldiger Leser, das gebe ich zu, lasse mich aber gern in Richtungen führen, die ich nicht vorhergesehen habe, bin flexibel und neugierig. Aber Ramona Ausubel bringt mich mehr als einmal zum Stolpern, zerrt an mir, verwirrt mich, begeistert und fasziniert mich auch, lässt mich staunen und zittern. Dies ist ein ungewöhnliches Buch, schillernd, schrill, manchmal leise, dann wieder brüllend vor Schmerz, dabei aber auch unnachahmlich klug und schön: „Liebe ist das eine absolut Wahre in der Welt. Es kann nicht weggeredet, kann nicht zerschlagen, kann nicht umgebracht werden.“

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Der Anfang der Welt von Ramona Ausubel ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05519-2, 416 Seiten, 22,99 Euro).

Was ihr tun könnt:
Sophies sehr begeisterte Rezension zu dem Buch lesen.
Ein englisches Interview mit Ramona Ausubel lesen.
Das Buch bei ocelot.de bestellen.

Was ihr zum Thema Zweiter Weltkrieg auch lesen könnt:
Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Larissa Boehning: Das Glück der Zikaden
Rhidian Brook: Niemandsland