Maya Rasker: In der Nähe des Meeres

RaskerSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Die Zwillinge Job und Jona leben stark aufeinander fixiert mit ihrer Mutter, einer Theaterschauspielerin, zusammen – ihren Vater kennen sie nicht. Aus für die Buben nicht nachvollziehbaren Gründen gibt die Mutter den sensiblen Jona zu einem fremden Ehepaar, wo er einige Zeit lebt. Als der Theaterregisseur, von dem die Kinder denken, dass er ihr Vater sein könnte, stirbt, holt die Mutter Jona zurück. Doch das Familiengefüge ist zerstört, auch wenn die Verbindung zwischen den Zwillingen nach wie vor eng ist. Die Tragödie, die von Anfang an in der Luft lag, nimmt ihren Lauf.

Hat’s gemundet?
Nicht so sehr. In der Nähe des Meeres ist ein sehr schmales und dennoch sehr anstrengendes Buch. Maya Rasker will, so scheint es mir, sehr viel von mir: Sie will mich mit poetischen Formulierungen verzaubern, mit undurchsichtigen Metaphern verwirren, sie will, dass ich errate, was sie nicht ausspricht, und dass ich all die Hinweise verstehe, die sie mir nicht gibt. Und ich bin dezent überfordert und genervt, auch wenn mir ihre Sprache sehr wohl mehr als einmal ein Lächeln entlocken kann. Letztlich bleibt dieser Roman für mich so fragmentarisch und unzusammenhängend wie ein Entwurf, obwohl die Autorin am Ende noch ein wenig Einblick in das Leben der Mutter gibt, was vermutlich zur Erklärung ihrer Handlungsweisen dienen soll, mir aber auch nicht unbedingt weiterhilft. Von diesem Buch bleibt bei mir nur ein Stirnrunzeln.

Wer soll’s lesen?
Wer trotzdem will …

Paula Fox: Was am Ende bleibt

FoxSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Sophie und Otto sind ein gesetztes Ehepaar im New York der 1970er-Jahre, er ist Anwalt, sie Übersetzerin, arbeitet allerdings nur sporadisch. Als Otto sich mit seinem Kanzleipartner überwirft, reagiert Sophie verstimmt und gereizt – es passt ihr nicht, dass die bisherige Ordnung in eine Schieflage gerät. Es scheint, als würde die Veränderung auch auf die Ehe der beiden übergreifen, sie diskutieren und streiten, finden keinen gemeinsamen Weg, wandern aber dennoch nebeneinander her, denn eine Trennung steht auch nicht zur Debatte.

Hat’s gemundet?

Nicht so sehr wie gedacht. Das Buch wurde mir mehrfach empfohlen, es gilt als „literarische Sensation“ und wurde „als eines der wichtigsten amerikanischen Werke des 20. Jahrhunderts gefeiert“. Das kann ich in Hinblick auf die Darstellung und Abbildung einer gewissen Lebenseinstellung verstehen, Paula Fox porträtiert ein Ehepaar, eine Zeit, eine Stadt – aber mir selbst hat der Roman absolut nichts mit auf den Weg gegeben. Ich empfinde die beiden Protagonisten als überaus hysterisch – wie sie beispielsweise Seiten über Seiten wegen des Katzenbisses diskutieren, ging mir regelrecht auf die Nerven – und kann ihren drögen Dialogen zum Teil nicht ganz folgen, weil sie abdriften und sich verwickeln, sich regelrecht verrennen in ihre vermeintlichen Probleme, die in meinen Augen überhaupt keine Probleme sind. Es ist oft abschätzig von Müll, Drogen, Obdachlosen und Negern in New York die Rede, aber immer nur als Seitenhiebe, es entwickelt sich daraus kein Inhalt, die Stadt ist eine schmutzige Kulisse. Sprachlich ist das Buch in Ordnung, aber natürlich veraltet und teilweise recht sperrig. Ich hab es gern gelesen, werde es aber auch – schwupps – wieder vergessen.

Wer soll’s lesen?
Alle, die die grandiosen Kritiken vielleicht besser nachvollziehen können als ich.

Eva Lohmann: Acht Wochen verrückt

LohmannSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Milena ist am Ende, sie funktioniert nicht mehr: „Mir ging es auch gar nicht schlecht, fand ich. Mir ging es irgendwie überhaupt nicht mehr.“ Als ihre Depression sie so niederdrückt, dass sie nichts mehr kann außer weinen, wird sie in eine Klinik eingewiesen. Und fragt sich erst einmal, was sie dort soll. Kritisch beäugt sie die Magersüchtigen, die Selbstmordgefährdeten und Verzweifelten. Gerade war doch noch alles gut, sie ist jung, hübsch, hat einen gut bezahlten Job und einen lieben Freund – warum nur kann sie nicht glücklich sein? Das soll sie in der Therapie herausfinden. Und innerhalb von acht Wochen bekommt Milena auch die Wurzel allen Übels zu packen, die natürlich in ihrer Kindheit liegt.

Hat’s gemundet?
Nicht wirklich. Acht Wochen verrückt kann man schwupps auslesen – muss man aber nicht. Die Geschichte ist in meinen Augen sehr oberflächlich und unoriginell. Milena landet in der Klapse, macht sich auf hysterische Art über sich selbst und die anderen „Verrückten“ lustig, hat neuzeitliche „Ich setze mich immer so unter Druck“-Probleme und kommt auch als Erwachsene nicht mit der Scheidung der Eltern klar. Das ist Klischee über Klischee, und manchmal habe ich das Gefühl, mir purzelt in diesem Buch kein einziger neuartiger oder kluger Gedanke entgegen. Vielmehr ist das lauwarmer Abklatsch über das, was wir alle längst wissen: dass wir Menschen uns selbst am besten krank machen können. Tablettensucht, Bulimie, Burn-out – ich hätte mir einen schärferen, tiefer gehenden Blick auf diese Krankheiten gewünscht, nicht einen Roman, das klingt wie das Tagebuch einer naiven Fünfzehnjährigen.

Wer soll’s lesen?

Alle, die nichts dagegen haben, wenn es zwischendurch mal sehr seicht und klischeehaft ist.

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Vigan„Und die Worte waren, als wären sie Flüssigkeiten, verdampft“
Mathilde ist eine taffe Frau. Seit dem Tod ihres Mannes sorgt sie allein für ihre drei Söhne und arbeitet Vollzeit in einer großen Pariser Firma in einer verantwortungsvollen Position. Doch nachdem sie ihren Chef Jacques offen kritisiert, verändert ihre Arbeitssituation sich schleichend zum Negativen: Mathilde wird ausgeschlossen, ausgebootet und gemobbt. Über Wochen und Monate hinweg gelingt es Jacques, seine ehemals wichtigste und engste Mitarbeiterin aufs Abstellgleis zu schieben – und zwar auf so geschickte Weise, dass diese sich gar nicht dagegen wehren kann. Was Mathildes Leben zuvor einen Sinn gab, wird ihr zum Gräuel: Ihr Arbeitsplatz wird ihr ganz persönlicher Alptraum, wo sie den ganzen Tag verbringen muss, ohne etwas zu tun zu haben. Sie ist der Verzweiflung nahe, denn als alleinerziehende Mutter braucht sie das Geld, das der Job bringt. Eher halbherzig wendet sie sich an eine Wahrsagerin, die ihr eine Veränderung für den 20. Mai verkündet. Es fragt sich nur, welcher Natur diese Veränderung sein wird …

Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin von Delphine de Vigan ist ein überaus deprimierendes Buch. Es ist düster und schwarz und traurig und frei von jeder Hoffnung. Einerseits finde ich es gut, dass die französische Autorin in ihrem zweiten Roman ein wichtiges und präsentes Thema in den Fokus stellt und eine Geschichte rund um Mobbing am Arbeitsplatz strickt. Andererseits ist mir das Wühlen im Schlamm von Mathildes Traurigkeit fast zu viel, wenigstens ein winziger Lichtschimmer hier und da wäre schön gewesen. Denn die zweite Figur im Buch, der mobile Arzt Thibault, lebt ebenso ein Schattendasein wie Mathilde. Beide bewegen sich im riesigen Maul von Paris, das jeden verschluckt, ohne ihm irgendeine Bedeutung zuzumessen, sie verbringen Stunden in der U-Bahn und im Auto, einsame, stille Stunden, sie sind allein und verzweifelt und mutlos. Mathilde steckt richtig in der Scheiße, sie ist einem berechnenden und auf Rache sinnenden Chef ausgeliefert, dem sie nichts entgegenzusetzen hat, weil sie keine Kraft aufbringt.

Mit dem erzählerischen Kniff, dass laut Wahrsagerin am 20. Mai etwas Besonderes passieren soll, richtet Delphine de Vigan alle Aufmerksamkeit auf diesen einen Tag und baut eine sehr große Erwartungshaltung auf. Sie will, dass ich glaube, dass etwas Bestimmtes geschieht – und ohne zu spoilern, was soll das wohl sein, wenn wir einen Mann und eine Frau haben, beide allein, und eine angeblich alles verändernde Begegnung – und je mehr sie das will, desto weniger glaube ich ihr. Denn ich habe das Gefühl, dass sie nicht ausbrechen wird können aus der Glasglocke der Melancholie, die sie über ihr Buch gelegt hat. Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin ist kein schlechte Buch, oh nein. Es ist ein Tränensee, ein Kloß im Hals, ein schwarzer Fleck auf einer weißen Bluse. Der einzig positive Aspekt, den man diesem Roman vielleicht abgewinnen könnte: dass man immer darauf achten muss, glücklich zu sein, damit es nie so weit kommt, dass man vergisst, wie das geht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
schönes Kleid, schöner Hintern.
… fürs Hirn: Mobbing am Arbeitsplatz.
… fürs Herz: Traurigkeit und Ausweglosigkeit.
… fürs Gedächtnis: das Gefühl, dass Tränen aus dem Buch tropfen könnten, wenn man es schräg hält.

Hannes Stein: Der Komet

SteinEinen Jux wollt‘ er sich machen
„Am Morgen des Weltuntergangs lag Wien wie ausgestorben da.“ Nichts kann die Stadt, das Land, die Welt ausrichten gegen den Kometen, der auf die Erde zurast. Sie haben es versucht, die klugen Wissenschaftler auf der Mondstation – die in einer unkomplizierten Reise erreichbar ist – , aber recht viel mehr, als den Tag des Weltuntergangs auszurechnen, konnten sie nicht tun. Nach wie vor wird Europa von Monarchen beherrscht, das von Wien aus regierte Kaiserreich ist der Nabel der Welt – denn einen Ersten Weltkrieg hat es nie gegeben, auch keinen Zweiten oder irgendeine andere politische Entwicklung, die darauf gefolgt wäre. Amerika ist ein hinterwäldlerischer Kontinent voller Cowboys und Goldgräber. Während k. u. k. Hofastronom Dudu Gottlieb auf dem Mond, einer deutschen Kolonie, weilt und nach einer Lösung für das Kometen-Problem sucht, betrügt seine Frau Barbara ihn mit dem russisch-stämmigen Studenten Alexej, einem Jungspund, der ganz berauscht ist davon, dass er mit dieser Dame von Welt und ihren gesellschaftlich angesehenen Freunden verkehren darf. Soll er es genießen, solange er kann – bevor das Ende kommt.

Der Komet von Hannes Stein ist der pure Wahnwitz. Der deutsche Autor, der in Österreich aufgewachsen ist und in Amerika lebt, hat ein folgenreiches historisches Ereignis genommen – das tödliche Attentat auf Kronprinz Franz Ferdinand 1914, das den Ersten Weltkrieg auslöste – und gestrichen. Franz Ferdinand bleibt am Leben, fährt „wieder z’haus“, und für Hannes Stein eröffnet sich eine große Spielwiese voller Möglichkeiten. Er macht Wien zu Europas Mittelpunkt und verweigert den USA die technische Entwicklung, die Monarchen bleiben an der Macht, der Mond ist eine deutsche Kolonie und in Österreich wimmelt es von Psychoanalytikern, Künstlern, Angehörigen verschiedener Habsburg-Völker und blasierten Wichtigtuern im Dunstkreis des kaiserlichen Hofs. Dieses Buch ist voller Schmäh. Allerdings gibt es, was diesen Schmäh und mich betrifft, ein kleines Problem. Ich kann den Humor sehen, er liegt groß und deutlich und rot angemalt zwischen all den Seiten vor mir, er ruft mir zu, dass ich lachen soll, allein – ich kann nicht. Humor, die zugleich einfachste und komplizierteste Sache, ist allumfassend und individuell. Und während Hannes Stein mir Witz nach Witz erzählt, finde ich kaum einen davon witzig.

Dabei sollte mir als Österreicherin dieser spezifische und beißend perfide Humor eigentlich liegen, aber der Roman ist mir zu schwülstig, zu gewollt, ich fühle mich, als lauere auf jeder Seite eine neue Anspielung auf Geschichtliches oder Philosophisches wie ein Prügel, der mir das Lachen aufzwingen soll. Ich reagiere seltsam rebellisch und schmunzle höchstens. Manchmal frage ich mich auch, ob ich für den einen oder anderen satirischen Hinweis zu dumm und ungebildet bin – auch nicht schön. Die Ausgangsidee ist grandios, das Buch und ich kommen jedoch nicht in Schwung. Hannes Stein hat einen sehr ausschweifenden Stil, ergeht sich in langatmigen Wortergüssen, schreibt schwierige Briefe und lässt die Figuren mäßig interessante Dialoge führen. Ich mag Hannes Steins Fantasie und Kreativität, den Ehrgeiz, mit dem er seine Parallelwelt bis ins Detail geplant hat. Sie ist herrlich absurd und abwegig, wobei sie natürlich ganz genau so beschaffen sein könnte – hätte das 20. Jahrhundert einen anderen geschichtlichen Weg genommen. Mich hat der Ausflug in diese Parallelwelt nicht ganz so begeistert wie erhofft, aber bei vielen anderen Lesern wird das bestimmt gelingen: Die Zeit und Profil beispielsweise sind voll des Lobes, Mara von buzzaldrins Bücher fand auch Gefallen am Roman.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
Wien bei Nacht, bedroht von einem Blumentopf.
… fürs Hirn: viel, viel Denkarbeit, Politik, Weltgeschichte, Judentum, endlose Arroganz und bergeweise Ironie.
… fürs Herz: ein bisschen Sex und die Schwärmerei eines jungen Mannes.
… fürs Gedächtnis: am ehesten große Verwirrung.

Der Komet von Hannes Stein ist erschienen im Galiani Verlag (ISBN 978-3-86971-067-9, 272 Seiten, 18,99 Euro).

J. R. Bechtle: Hotel van Gogh

BechtleRätselraten um einen Toten in van Goghs Sterbezimmer
Theo van Gogh, Bruder des später weltberühmten Malers, hat sich zeit seines Lebens bemüht, Vincents Werken jene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ihnen gebührt. Aber seine Versuche sind gescheitert, die Kunstwelt ist nicht bereit, er hat den Bruder all die Zeit finanziell unterstützt und den Zorn seiner Frau auf sich gezogen – vergebens. Vincent, der seit einiger Zeit in Auvers in ärztlicher Behandlung ist, hat genug: Er schießt auf sich selbst und stirbt nach einer letzten Nacht, in der Theo an seiner Seite wacht. 2003 wird die Anwältin Sabine Bucher, die gerade zum Urlaub mit ihrem Geliebten auf Sylt aufbrechen wollte, nach Auvers zitiert: Ihr Onkel wurde tot aufgefunden – ausgerechnet in van Goghs Sterbezimmer. Sabine hatte kaum Kontakt zu ihrem Onkel, der zehn Jahre zuvor seine Firma verkaufte und nach Paris zog, um auf seine alten Tage doch noch Schriftsteller zu werden. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus, doch der Onkel stand kurz davor, sein erstes Buch zu veröffentlichen, und es befindet sich keine Waffe bei ihm. Sabine wird ungewollt zur Ermittlerin und versucht, die wahren Umstände hinter diesem Todesfall aufzuklären.

J. R. Bechtle hat in seinem Debütroman historische Ereignisse und eine Krimigeschichte gekoppelt. Zusammen mit ihm springe ich zwischen 1890 und 2003 umher. 1890 geht es in erster Linie um van Goghs Vermächtnis und das Bemühen seiner Verwandten, ihn berühmt zu machen. 2003 sucht Sabine Bucher nach möglichen Ursachen für den Tod ihres Onkels, den sie kaum kannte. Die zwei Erzählstränge haben nichts miteinander zu tun und werden auch am Ende nicht miteinander verknüpft. Es ist heiß in J. R. Bechtles Roman, und es geht auch heiß her: Die Polizei nimmt in Auvers vermeintliche iranische Terroristen fest, Politik, Mord und Totschlag vermischen sich. Der deutsche Autor hat ein spannendes Szenario entworfen, und er hat sich wirklich sehr bemüht, ein gutes Buch zu schreiben – leider. Denn dieses Bemühen macht sich stets bemerkbar, und kein Satz wirkt so, als sei er ihm leicht gefallen. Der Lesefluss ist holprig und stockt, sprachlich steckt der Roman zum Großteil in Kinderschuhen – als sei er eine Schreibübung, bei der man sagen möchte: Gut, weiter so, das kannst du noch besser. Bei der Figurenzeichnung zeigt J. R. Bechtle nicht unbedingt ein glückliches Händchen, Polizisten und Verlagsmitarbeiter sind stereotyp und verhalten sich völlig irrational, Sabine ist zutiefst langweilig und unsympathisch. Einzig der historischen Figur des schwitzenden, trauernden Theo kann ich etwas abgewinnen.

Natürlich ist es nicht die feine Art, ein Werk zu kritisieren, in das jemand so viel Herzblut gesteckt hat wie J. R. Bechtle in sein Debüt. Er hatte eine glänzende Idee für eine gute Geschichte, er hat sie ohne Frage bestens strukturiert und mit einem stimmigen Ende ausgestattet, das zwar recht konstruiert ist, aber das bringt ein Krimi eben mit sich. Er hat gut recherchiert und sich in das Thema van Gogh hineingekniet, und ich glaube auch nicht, dass er nicht schreiben kann – es ist ihm nur nicht gelungen, einen sprachlichen Zauber zu wirken, die Wörter zum Singen zu bringen. Sie tanzen nicht für ihn, sondern bleiben plakativ und eindimensional. Wer aber gern das Rätsel um einen Mordfall löst und sich obendrein für van Gogh interessiert, verbringt mit diesem Roman sicher ein paar unterhaltsame Lesestunden.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein passendes, aber eher langweiliges Cover.
… fürs Hirn: na, wer war der Mörder?
… fürs Herz: zwei Liebesgeschichten, aber eher am Rande.
… fürs Gedächtnis: für mich leider nichts.

Hotel van Gogh von J. R. Bechtle ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 978-3-627-00190-2, 320 Seiten, 19,90 Euro).

Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt

Ein ganzes Leben, erzählt in wenigen Stunden
„Im Grunde genommen ist so ein Foto eine ziemlich armselige Sache. Es vermag nur einen einzigen Moment, von Millionen von Momenten, aus dem Leben eines Menschen oder eines Hauses festzuhalten.“ Ausgehend von diesen kurzen Momenten – 20 Fotos sind es an der Zahl – erzählt Rosamond von ihrem Leben, und sie nimmt alles mit dem Mikrofon auf. Sie möchte der blinden Enkelin ihrer Cousine, Imogen, ein Vermächtnis hinterlassen, möchte ihr erklären, woher sie stammt und wie ihre Wurzeln beschaffen sind. Rosamond hat keinen Kontakt zu Imogen, und so liegt es an ihrer Nichte Gill, die junge Frau ausfindig zu machen. Sie hört sich mit ihren zwei Töchtern die Kassetten an und erfährt vieles über ihre Familie, das sie nicht wusste: dass Imogens Großmutter Beatrix, die Rosamonds Cousine war, eine lieblose Kindheit erlebte und die Gefühlskälte an ihre eigene Tochter Thea weitergab. So entstand ein eisiger Kreislauf, den keine der Frauen durchbrechen konnte und der letztlich zu Imogens Erblindung führte. Es ist längst zu spät für Wiedergutmachung, aber Rosamond erinnert sich und bewahrt die Ereignisse, die redet an gegen den Tod, bevor sie sich ihm ergibt.

Jonathan Coe gilt als begnadeter Erzähler. Sein Buch über drei Generationen von Frauen, die in erster Linie durch Lieblosigkeit verbunden sind, wird dominiert von Rosamonds Monolog. Dieser ist – anders als man beim Wort Monolog erwarten würde – nicht langweilig und öde, aber auch nicht überaus spannend. Das liegt jedoch mehr am Inhalt, der – salopp gesagt – nicht viel hergibt. Rosamond bemüht sich, die Vergangenheit zum Leben zu erwecken, aber die Figuren wirken auf mich müde und blass, und dieser Strudel, in dem die Frauen stecken, die jeweils die nächste Generation mies behandeln, ist in seiner Häufigkeit banal. Was Coes Stil betrifft, so habe ich die ganze Lektüre über das Gefühl, als sei das Buch von einer Frau geschrieben worden. Das stört mich nicht, irritiert mich aber insofern, als ich mir für gewöhnlich wenig Gedanken über das Geschlecht des Autors oder geschlechtsspezifische Schreibe mache. Aber Der Regen, bevor er fällt ist für mich milde Frauenliteratur, die nicht im Gedächtnis haften bleibt und die … den Rest hab ich vergessen.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein schönes altes Foto.
… fürs Hirn: die Hartnäckigkeit, mit der sich Lieblosigkeit vererbt.
… fürs Herz: Rosamonds Bestreben, etwas zu hinterlassen, bevor sie geht.
… fürs Gedächtnis: dass das wohl nicht das beste Buch von Jonathan Coe ist.

John Boyne: Das Haus zur besonderen Verwendung

Drama pur im Russland des letzten Zaren
Georgi ist der Sohn eines Bauern in einem winzigen russischen Dorf. Im Jahr 1915 ist er 16 und verhindert – eigentlich ohne Absicht – ein Attentat auf einen Verwandten von Zar Nikolaus II. Zum Dank wird er nach St. Petersburg gebracht und zum Leibwächter des jungen Zahrensohnes ernannt. Georgis Leben ändert sich radikal: Gerade musste er noch hungern und auf dem Lehmboden schlafen, jetzt wohnt er in einem Palast, macht Ausflüge auf der Jacht, flaniert durch den Park und hat reichlich zu essen. Mit dem kleinen Zarewitsch freundet er sich an, an dessen Schwester Anastasia verliert er sein Herz. Und Georgi kann all sein Glück kaum fassen: Anastasie liebt ihn ebenfalls. Doch die Zeiten sind gefährlich für die Zarenfamilie – und Georgi. Viele Jahrzehnte später ist Georgi über 80 und lebt seit Langem mit seiner Frau Soja in London. Und er denkt zurück an alles, was damals in Russland geschehen ist …

Um die ermordete Zarenfamilie rund um Nikolaus II. ranken sich viele Legenden und Mythen. Mit 13 Jahren habe ich eine faszinierende Biografie über die Romanows gelesen, deren Knochen damals gerade erst offiziell entdeckt und bestattet worden waren, und einiges über die russische Revolution gelernt. John Boyne, der mit dem Jungen im gestreiften Pyjama Weltruhm erlangt hat, versetzt seinen Ich-Erzähler Georgi direkt zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Unruhen in Russland: Er erweckt das Jahr 1915 und den längst verblassten Glanz von St. Petersburg zum Leben. Sein Georgi ist in der Gegenwart ein alter Mann, sehr ruhig, bedächtig, einer, der viel erlebt und alles überlebt hat. So viel wissen wir also von Anfang an. Nun stirbt seine geliebte Frau Soja, die stets an seiner Seite war, und Georgi ist erschüttert. Schrittweise gibt er Jahr für Jahr seiner Erinnerungen preis, bis zu jenem Punkt, an dem mit der Ermordung der Zarenfamilie alles zusammenläuft. Das Haus zur besonderen Verwendung ist ein angenehmes, mäßig spannendes, manchmal etwas langatmiges Buch, das mir gefallen, mich aber nicht begeistert hat. Ich mag die Figuren, weiß aber – da die Ereignisse von 1918 hinlänglich bekannt sind – zu viel über ihr ausstehendes Schicksal, als dass ich richtig mitfiebern und in ihre Geschichte eintauchen könnte. Zudem muss ich oft daran denken, dass sogar Walt Disney sich des Anastasia-Stoffs angenommen hat, und das ist mir alles zu lieblich, zu überdramatisiert, zu kitschig. Ich glaube, dass John Boyne ein guter Autor ist, ich aber sein schlechtestes Buch erwischt habe.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein Cover, das Sinn macht.
… fürs Hirn: Geschichtsunterricht mit inkludierter Lovestory!
… fürs Herz: sehr viel Pathos.
… fürs Gedächtnis: nicht viel.

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Von Künstlern und Kühen
Paul Wendland-Kück hat gerade das, was man eine Pechsträhne nennt: In seiner neuen Galerie in Berlin, in der er Bilder eines blinden Malers ausstellt, sitzt er Jahr und Tag ganz allein, Freundin Christina zieht nach Barcelona – und dann versinkt auch noch sein Elternhaus im Moor. Paul muss nach Worpswede fahren und versuchen, zu retten, was zu retten ist. In der weit über die Lande hinaus berühmten Künstlerkolonie teilten sich Bauern, Künstler und Kühe friedlich den verfügbaren Platz. Die Kücks gehörten zu den Kunstschaffenden, besonders Pauls Großvater machte sich als Bildhauer einen Namen, er goss große Persönlichkeiten in Bronze. Die, die nicht verkauft wurden, gehen langsam im Garten unter. Pauls Mutter lebt als New-Age-Workshopleiterin auf Lanzarote, zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, im Haus verblieben ist nur Nullkück, der geistig ein wenig langsamer und dessen Herkunft ein Rätsel ist. Denn seine angebliche Mutter galt als unfruchtbar und sein angeblicher Vater war zur Zeit von Nullkücks Geburt seit zwei Jahren tot. Ist der Mann, der so verzaubernde Liebesbriefe schreibt, vielleicht doch das Kind von Tante Marie? Wurde sie wirklich von der Gestapo abgeholt? Oder was geschah mit der bildhübschen Künstlermuse? Paul macht sich daran, das Geheimnis zu lüften – genau wie Ohlrogge, Ex-Freund von Pauls Mutter, der seit Jahrzehnten auf die Gelegenheit zur Rache an Pauls Vater wartet, weil dieser ihm seinerseit das Mädchen ausspannte. Und je mehr das Haus im Teufelsmoor versinkt, umso mehr Geheimnisse tauchen daraus auf.

Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel ist die amüsant-verdrehte Geschichte einer deutschen Künstlerfamilie und wohl eine Abrechnung mit allen Worpswede-Klischees. Für mich ist allerdings in Sachen „skurriles Familienepos“ – natürlich nicht mit deutschem Hintergrund – mein früherer Lieblingsautor John Irving das Maß aller Dinge, und jeder Autor, der mir begegnet und etwas zum Thema beitragen will, muss sich neben diese literarische Größe stellen. Moritz Rinke sieht trotz aller Versuche, zu hüpfen und die Arme in die Luft zu strecken, klein daneben aus. Seine Figuren sind sehr wohl mit liebenswerten, kauzigen Eigenschaften ausgestattet, und Worpswede mit seinem malerischen Himmel und verrückten Einwohnern ist natürlich eine Kulisse für sich. Bilder eines blinden Malers, eine Mutter, die Salat per Luftpost schickt, und ein Griesgram, der zu Prostituierten geht, wenn es regnet – das alles ist kurios und regt zum Schmunzeln an, aber es ist mir längst nicht irrwitzig genug. Ohlrogge, dem eine eigene Perspektive gewidmet ist, ist in seiner Verbitterung und Einsamkeit eine relativ fade Person, Protagonist Paul wirkt auf mich lächerlich unselbstständig, nicht kommunikationsfähig und schrecklich naiv. Am liebsten ist mir da schon der eigensinnige Nullkück, der ausschließlich Blinis isst und von den Liebesbriefen seiner Jugend auf E-Mails umgestiegen ist. Ihn scheint es jedoch nur zu geben, damit die Unklarheiten um seine Geburt thematisiert werden können. Als die Geheimnisse an die Mooroberfläche kommen, sind sie für einen halbwegs aufmerksamen Leser keine Überraschung: Seine nationalsozialistische Gesinnung hat vermutlich fast jeder Deutsche zu einer gewissen Zeit im Garten vergraben, und was mit Marie geschah, stand ohnehin schon die ganze Zeit im Raum. Ich vermisse das Verblüffende an der Geschichte, die Marotten sind mir zu klein, die Hintergründe zu groß und zu klischeehaft, es fehlt mir der Biss, der Drive. Insgesamt ist der Roman wahnsinnig überladen – ohne jedoch in die Tiefe zu gehen. Viele Leser waren vom Mann, der durch das Jahrhundert fiel begeistert, aber für mich versinkt dieses Buch neben Irvings Werken im Moor.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
der Himmel von Worpswede?
… fürs Hirn: dass es eben in Deutschland in jedem Garten alte Nazisachen gibt, sonst aber offenbar nichts Interessantes.
… fürs Herz: nur die Figur von Nullkück.
… fürs Gedächtnis: das beste Zitat: „Innere Kühe sind schwere Seelen, die niemals das Moor verlassen können.“

Harriet Köhler: Und dann diese Stille

Reden ist Silber, Schweigen ist Literatur
Als Grethe im hohen Alter stirbt, sitzt ihr Mann Walther an ihrem Krankenbett. Um ihr endlich zu erzählen, was damals geschehen ist im Krieg, ist es zu spät, denn Grethe hört ihn nicht mehr. Damit er nicht auf sich allein gestellt ist, zieht Walthers Sohn Jürgen – selbst jenseits der 60 und in Rente – bei ihm ein. Die Beziehung der beiden ist schwierig, denn Walther hat die ersten zehn Lebensjahre durch Krieg und die anschließende Gefangenschaft verpasst. Eng verbunden war Jürgen daher mit seiner Mutter, Grete, wie alle „Kriegsmütter und ihre Söhne“. Es fällt ihm schwer, den alten Mann zu unterstützen, sie ertragen einander kaum. Nicht viel besser ist es um die Beziehung zwischen Jürgen und seinem eigenen Sohn Nicki bestellt, der über den Tod seiner Großmutter – bei der er zum Teil aufwuchs – sehr traurig ist. Die Beerdigung führt die drei Männer in jenen Ort im Osten Deutschlands, den die Familie einst fluchtartig verlassen hat, doch sie finden dort nichts von Bedeutung. Um dem schlechten Beispiel seiner schweigsamen Familie nicht zu folgen, bemüht Nicki sich, seine Gefühle gegenüber seiner Freundin Ruth auszudrücken, denn er liebt sie außerordentlich. Und vielleicht gelingt es ihm, das Rollenmuster aus Verdrängen und Ignorieren zu durchbrechen.

Die deutsche Schriftstellerin Harriet Köhler setzt sich in Und dann diese Stille mit den großen Themen der jüngeren Geschichte Deutschlands auseinander: Krieg und Entbehrung, Flucht aus der DDR und anschließend jahrzehntelanges Schweigen über alle Ereignisse, das die eine Generation an die nächste weitergibt. Drei Männer aus drei Generationen stehen nach dem Tod von Ehefrau/Mutter/Großmutter Grethe vor dem sprichwörtlichen Nichts, für Walther und Jürgen beginnt das Warten auf das Ende. Nur Nicki, der Jüngste, hat – sehr symbolisch – die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. All die Geheimnisse und unterdrückten Empfindungen, über die nicht gesprochen wird, bremsen das Buch aus und nehmen ihm jeglichen Schwung. Es schleppt sich dahin, ab und zu gepusht von einer geglückten Formulierung, und präsentiert sich – weil es in der Natur der Thematik liegt – sehr handlungsarm. Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem Erinnern und der Gegenwart, in der über diese Erinnerungen nicht geredet wird. Und während dieser Roman sehr leise ist, werden viele Stimmen in mir laut, es sind die Stimmen anderer Bücher. Für gewöhnlich ziehe ich nicht immer sofort einen Vergleich bzw. versuche, ein Werk für sich zu lesen, doch in diesem Fall kann ich mich gegen all die Vergleiche nicht wehren, die sich mir aufdrängen, weil die Parallelen allzu deutlich sind. Über die vergewaltigenden Kriegsrussen und die vergewaltigenden Kriegsdeutschen habe ich kürzlich bei Eva Baronsky in Magnolienschlaf gelesen, über die DDR und ihr Verblassen hat Eugen Ruge den Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts (zugegebenermaßen später als Harriet Köhler) geschrieben, und was fehlende Kommunikation anrichten kann, hat Julia Franck eindringlich mit Rücken an Rücken gezeigt. Das sind nur drei Beispiele für den Literaturreigen über ebendiese Themen, der in mir wach wird. So wild purzeln diese Stimmen in meinem Kopf durcheinander, dass Und dann diese Stille dabei völlig untergeht. Ich finde nichts in diesem Buch, das mein Interesse weckt, keine Ecken, keine Haken, nichts zu beanstanden, aber auch nichts, um mich zu verlieben. Vielleicht empfehlenswert für alle, die nicht so viele Stimmen im Kopf hören.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein Cover wie das Buch: schlicht, sehr einfach, schwach.
… fürs Hirn: mal wieder der Krieg und seine Folgen, die DDR, die ewige Schweigsamkeit der Deutschen.
… fürs Herz: die Verliebtheit von Nicki und Ruth.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Sie saßen nebeneinander wie Liebende, die auf einen Zug warten, der Verspätung hat, und die es nicht wagen, noch etwas anzufangen in der zusätzlichen Zeit, die bis zum Abschied bleibt.