David Abbott: The upright piano player

AbbottSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Henry Cage, ein erfolgreicher Unternehmer, geht in Pension. Und plötzlich reiht sich ein unangenehmes Ereignis ans andere: In der Silvesternacht wird er Opfer von Gewalt, seines Lieblingscafés wird er verwiesen, weil er Frauen anglotzt, er wird bedroht und bestalkt, seine Exfrau Nessa ist todkrank und er erfährt erst nach Jahren, dass er einen Enkelsohn hat. Ganz schön viel für den ruhigen, abgeschottet lebenden Henry, der mit Müh und Not versucht, nicht in den Wellen unterzugehen, die das Schicksal über ihm zusammenschlagen lässt.

Hat’s gemundet?

Ja und nein. Ja, weil dies ein ausgezeichnetes, stilsicheres, bewegendes Buch ist. Und nein, weil es ein Ereignis enthält, das mir das Herz bricht und mir in seiner Wucht sämtliche Kräfte raubt. David Abbott stellt ein Geschehnis an den Anfang seines Romans, das chronologisch gesehen ans Ende gehört und das mir stets vor Augen hält, wozu alles, was passiert, führen wird. Das ist ebenso genial wie grausam. Besonders den Schlusssatz kann ich in dieser Hinsicht kaum ertragen. The upright piano player ist schwermütig, traurig, exzellent und sehr klug. Ein wirklich gutes Buch.

Wer soll’s lesen?

Alle, die klassische Romane mögen und eine volle Dosis Wehmut aushalten können.

Zoran Drvenkar: Du

DrvenkarSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Du bist der Reisende. Du bist ein Mörder ohne Plan und Ziel. du tötest sehr methodisch und wenn es dich überkommt.
Du bist eins, zwei, fünf junge Mädchen, die durch Zufall mit einem gestohlenen Auto und kiloweise Heroin im Kofferraum durch ganz Deutschland rasen – auf der Flucht vor einem Drogenboss.
Du bist ein Verbrecher, ein Drogendealer, ein skrupelloser Typ, dem ein Menschenleben nichts bedeutet.
Du bist der Sohn eines Mannes, dessen Zuneigung du zu gewinnen suchst, indem du so mörderisch wirst wie er.
Du bist jung, du bist alt. Du bist auf der Flucht, du bist der Verfolger, du bist verzweifelt, du bist tot.

Hat’s gemundet?
Ja. Du ist ein packender und vor allem origineller Thriller, denn jedes Kapitel ist in der zweiten Person Singular geschrieben. Das ist ungewöhnlich, funktioniert aber überraschend gut. Der Erzählton ist rau, sarkastisch, fies, wie das folgende Beispiel zeigt: „Kleiner, das Schicksal ist ein Typ mit Syphilis und einem Stahlschwanz, der dich in den Arsch fickt, sobald du mal in die falsche Richtung schaust.“ Ich lese extrem selten Thriller und habe diesen hier letztes Jahr beim Bücherwichteln bekommen. Und er hat mich glänzend unterhalten, ich habe mitgefiebert, bin den red herrings gefolgt und habe gestaunt über die hervorragend konstruierte Geschichte. Das Sprachniveau ist dem Genre angepasst, und das ist völlig in Ordnung. In jedem Fall ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Danke, Bettina!

Wer soll’s lesen?
Alle Thriller-Fans, ich glaube – ohne es beurteilen zu können – dass Zoran Drvenkar zu den Könnern des Genres zählt.

Annika Scheffel: Ben

ScheffelSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Um Benvolio Antonio Olivio Julio Toto Meo Ho, dem die Eltern nicht nur einen, sondern gleich mehrere ungewöhnliche Namen gegeben haben, in der Hoffnung, der Sohn möge dann auch ein ungewöhnliches Leben führen. Nun – das hat nicht funktioniert. Sein Nachname lautet Schmitt, und ein Schmitt ist er auch. Ben wurstelt sich als Student durchs Leben, und das einzig Ungewöhnliche ist seine Verliebtheit in Lea, die er nicht treffen darf, weil sie – wenn sie Ben vier Mal gesehen hat – sonst sterben wird. Das ist Ben seit seiner Geburt klar. Ben muss also flüchten. Und ein bisschen verrückt wird er dabei auch.

Wie hat’s gemundet?

Gar nicht. Dies ist ein Buch, das allen gefällt und von allen gelobt wird. Ich kann allerdings Romane, in denen der Protagonist den Verstand verliert, überhaupt nicht ausstehen – da habe ich beim Lesen das Gefühl, dass ich vor lauter Wirrheit selber ganz narrisch werde. Annika Scheffels Alltagsheld verliert mit jedem Kapitel einen seiner Namen – und ein bisschen etwas von seinem klaren Blick, so scheint es, oder einen Teil seiner Persönlichkeit, sodass diese sich permanent verändert. Das ist … anstrengend. Zwischendurch ist Bens wundersame Reise durchsetzt mit banalen Tätigkeitsbeschreibungen, und so schwanke ich zwischen Irrsinn und Langeweile. Experimentell – vielleicht, originell – durchaus, lesbar – mit Mühe. Dieses Buch ist ganz sicher anders als die anderen, für mich aber nicht besser.

Wer soll’s lesen?
Menschen mit viel Geduld.

Michael Ebmeyer: Landungen

EbmeyerSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Um Friederike Soltau, die im Jahr 1869 mit ihrem Bruder Albert auf die erworbene Estancia in Argentinien übersetzt und so der drohenden Einweisung in die Irrenanstalt entgeht. Die Eltern wissen nicht umzugehen mit Friederikes Launen und dem Schatten, von dem sie sich verfolgt fühlt. Sie jedoch findet in Argentinien einen Platz, an den sie zu gehören scheint. 100 Jahre später verkauft Udo Soltau, gerade frisch in zweiter Ehe mit der weitaus jüngeren Sigrid verheiratet, die Familien-Estancia. Und steht ansonsten vor den üblichen Problemen eines ereignislosen Lebens: getrennte Betten, Schimmel im Bad, die Sehnsucht nach der längst verflogenen Verliebtheit. Auf Friederikes Spuren wandelt später Udos Sohn Marco – und zwar in doppelter Hinsicht. Er erforscht ihre Geschichte, und er ist mindestens ebenso verrückt wie sie.

Hat’s gemundet?

Nein. Mein anfängliches Interesse schwindet schnell. Während Friederike mich zu Beginn auf eine spannende Reise mitzunehmen scheint, schläfert der langweilige Udo mich fast ein. Und Marco, der nicht ganz bei Verstand ist, treibt mich mit seiner Sprunghaftigkeit in den Wahnsinn. Zudem weiß ich nicht, was der Roman mir sagen will, und finde auch nichts Spektakuläres in seinem Inhalt. Es gefällt mir, wie Michael Ebmeyer seinen Stil variiert und an die jeweilige Epoche bzw. an den Erzähler anzupassen weiß – aber das ist für mich auch schon das einzig Positive an diesem Buch.

Wer soll’s lesen?
Vielleicht jemand, der mehr Zugang zu Argentinien hat als ich und mehr Geduld mit Protagonisten, die verrückt werden. Ich kann das nämlich nicht leiden, es verwirrt mich zu sehr.

Meir Shalev: Der Junge und die Taube

ShalevSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Seine allerletzte Taube ließ er auf, während er im Sterben lag, und sie trug eine einzigartige Botschaft für seine Geliebte, die lebenslange Konsequenzen hatte. Das Baby wurde er genannt, Brieftauben waren seine Leidenschaft, sein Leben verlor er im Krieg. Fremdenführer und Vogelkundler Jair interessiert sich brennend für die Geschichte des Jungen mit den Tauben, und er berichtet auch aus seinem Leben, das mit jenem des Taubenzüchters verwoben zu sein scheint. In Tel Aviv und Jerusalem, zwei von der Geschichte gebeutelten Orten, entfaltet sich die Story zweier Männer, getrennt durch mehrere Jahrzehnte, verbunden durch die Suche nach der Lebensliebe, nach Erfüllung, nach einem eigenen Ort.

Hat’s gemundet?
Dieses Buch ist köstlich! Es ist erheiternd, melancholisch, sachlich, sarkastisch und bietet eine wirklich interessante Geschichte mit schönen Zusammenhängen. Die Wendungen haben mir ausgezeichnet gefallen, ebenso die Figuren – der tragikomische Held Jair, dessen Frau zu schön und zu reich ist, das naive Baby und besonders der stinkreiche, weinerliche Meschullam, der grenzgeniale Sprüche vom Stapel lässt. Überhaupt sind Meir Shalevs Formulierungen eine Wohltat, sie sind herrlich witzig, sehr intelligent und machen den Roman zu einem wahrhaften Lesevergnügen. Beispiele gefällig?

„Er war ein cholerischer alter Gynäkologe von kurzem Wuchs und Geduldsfaden.“

„Ich habe soviel Zeit, dass ich sicher sterbe, ehe sie aufgebraucht ist.“

„Bei den Johannisbrotbäumen ist es wie bei uns. Die Männer stinken, und die Frauen tragen Frucht.“

„Die Wahrheit sprechen, ist sehr schön, aber es muss nicht gleich zur Gewohnheit werden.“

„Er ist überhaupt nicht nett. Er ist so gar nicht nett, daß du keine Ahnung hast, wie wenig. Aber das bißchen Nettigkeit, das er in sich hat, konzentriert er auf nur vier Menschen, und weil du einer von ihnen bist, meinst du, er wäre so.“

Wer soll’s lesen?
Jeder!

Maya Rasker: In der Nähe des Meeres

RaskerSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Die Zwillinge Job und Jona leben stark aufeinander fixiert mit ihrer Mutter, einer Theaterschauspielerin, zusammen – ihren Vater kennen sie nicht. Aus für die Buben nicht nachvollziehbaren Gründen gibt die Mutter den sensiblen Jona zu einem fremden Ehepaar, wo er einige Zeit lebt. Als der Theaterregisseur, von dem die Kinder denken, dass er ihr Vater sein könnte, stirbt, holt die Mutter Jona zurück. Doch das Familiengefüge ist zerstört, auch wenn die Verbindung zwischen den Zwillingen nach wie vor eng ist. Die Tragödie, die von Anfang an in der Luft lag, nimmt ihren Lauf.

Hat’s gemundet?
Nicht so sehr. In der Nähe des Meeres ist ein sehr schmales und dennoch sehr anstrengendes Buch. Maya Rasker will, so scheint es mir, sehr viel von mir: Sie will mich mit poetischen Formulierungen verzaubern, mit undurchsichtigen Metaphern verwirren, sie will, dass ich errate, was sie nicht ausspricht, und dass ich all die Hinweise verstehe, die sie mir nicht gibt. Und ich bin dezent überfordert und genervt, auch wenn mir ihre Sprache sehr wohl mehr als einmal ein Lächeln entlocken kann. Letztlich bleibt dieser Roman für mich so fragmentarisch und unzusammenhängend wie ein Entwurf, obwohl die Autorin am Ende noch ein wenig Einblick in das Leben der Mutter gibt, was vermutlich zur Erklärung ihrer Handlungsweisen dienen soll, mir aber auch nicht unbedingt weiterhilft. Von diesem Buch bleibt bei mir nur ein Stirnrunzeln.

Wer soll’s lesen?
Wer trotzdem will …

Anne Tyler: Tag der Ankunft

TylerSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Zwei Mädchen aus Korea, zwei amerikanische Familien, ein Tag am Flughafen: Als die Amerikaner Brad und Bitsy sowie die iranischen Einwanderer Sami und Ziba ihre koreanischen Adoptivbabys in Empfang nehmen, kommen sie miteinander in Kontakt – und aus der Zufallsbegegnung entsteht eine Art Freundschaft, die viele Jahre andauert, allerdings eher forciert ist und von den Mädchen sogar fast abgelehnt wird. Sehr auffällig im direkten Vergleich sind dabei die Unterschiede der beiden Elternpaare im jeweiligen Umgang mit den Adoptivkindern, die natürlich – aber nicht nur – auf ihre eigene verschiedenartige Herkunft zurückzuführen sind.

Hat’s gemundet?
Nein. Da lese ich endlich mal ein Buch von Anne Tyler, die so hochgepriesen wird, und dann gefällt es mir nicht. Denn während die Romanidee durchaus interessanten Stoff verspricht, ist das Buch alles in allem eine öde Aneinanderreihung vieler verschiedener Speisen, Kleidungsstücke und Erziehungsmaßnahmen. Ständig erzählt die Autorin mir, wer welches Gewand anhat, was die Iraner kochen und was die Amerikaner servieren, dass das eine Mädchen seinen koreanischen Namen behält und das andere nicht, dass das eine in die Vorschule geht und das andere nicht – aber was die Figuren empfinden, wie sie mit der Adoption umgehen, was sie denken und nicht auszusprechen wagen, das sagt sie mir nicht. Dabei hätte mich ja nur das interessiert. Denn dass Bitsy gern handgewebte hellblaue Kittel trägt – das ist mir herzlich wurscht. Genau wie letzten Endes leider auch dieses ganze Buch.

Wer soll’s lesen?

Keiner.

Michael Cunningham: By nightfall

CunninghamSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Um den New Yorker Galeristen Peter und seine Frau Rebecca, die in Manhattan leben. Die Tochter ist aus dem Haus und meldet sich selten, Geld ist genug vorhanden, und so widmet sich Peter der Kunst und Rebecca dem Magazin, das sie herausgibt. Die beiden haben es sich gemütlich gemacht an der Seite des jeweils anderen. Ein wenig Leben in die Bude kommt mit der Ankunft von Mizzy – „the mistake“ –, wie Rebeccas viel jüngerer Bruder Ethan von allen genannt wird. Er ist klug, jung, schön, hat Potenzial und nutzt es nicht, er ist ein Verlorener. Angeblich seit einiger Zeit clean, wird Mizzy von Peter beim Drogenkonsum erwischt. Und da Peter Rebecca nichts erzählt, teilt er nun ein Geheimnis mit Mizzy – und da kommen noch mehr …

Hat’s gemundet?

Ja. Michael Cunningham, der mit „The Hours“ den Pulitzer Preis gewonnen hat, schreibt außerordentlich gut. Inhaltlich dem Roman von Paula Fox, den ich direkt davor gelesen habe, sehr nahe, gefällt By nightfall mir aber um ein Vielfaches besser, das Buch ist ausgefeilt, klug, witzig und überraschend. Ich hatte einen sehr verblüffenden „Damit hab ich nicht gerechnet“-Moment und finde auch das Ende gar nicht mal so vorhersehbar. Wie ein kleiner Bach plätschert dieser Roman ruhig vor sich hin, erzählt und murmelt ein bisschen, reißt niemanden vom Ufer mit, hat aber durchaus einen spürbaren Sog. Ein Buch, das nicht fordert, nicht brennt und nicht schockiert, aber sehr lesenswert und interessant ist.

Wer soll’s lesen?

Alle, die sich für Kunst interessieren und zwischendurch mal Lust auf was Ruhiges haben.

Paula Fox: Was am Ende bleibt

FoxSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht’s?
Sophie und Otto sind ein gesetztes Ehepaar im New York der 1970er-Jahre, er ist Anwalt, sie Übersetzerin, arbeitet allerdings nur sporadisch. Als Otto sich mit seinem Kanzleipartner überwirft, reagiert Sophie verstimmt und gereizt – es passt ihr nicht, dass die bisherige Ordnung in eine Schieflage gerät. Es scheint, als würde die Veränderung auch auf die Ehe der beiden übergreifen, sie diskutieren und streiten, finden keinen gemeinsamen Weg, wandern aber dennoch nebeneinander her, denn eine Trennung steht auch nicht zur Debatte.

Hat’s gemundet?

Nicht so sehr wie gedacht. Das Buch wurde mir mehrfach empfohlen, es gilt als „literarische Sensation“ und wurde „als eines der wichtigsten amerikanischen Werke des 20. Jahrhunderts gefeiert“. Das kann ich in Hinblick auf die Darstellung und Abbildung einer gewissen Lebenseinstellung verstehen, Paula Fox porträtiert ein Ehepaar, eine Zeit, eine Stadt – aber mir selbst hat der Roman absolut nichts mit auf den Weg gegeben. Ich empfinde die beiden Protagonisten als überaus hysterisch – wie sie beispielsweise Seiten über Seiten wegen des Katzenbisses diskutieren, ging mir regelrecht auf die Nerven – und kann ihren drögen Dialogen zum Teil nicht ganz folgen, weil sie abdriften und sich verwickeln, sich regelrecht verrennen in ihre vermeintlichen Probleme, die in meinen Augen überhaupt keine Probleme sind. Es ist oft abschätzig von Müll, Drogen, Obdachlosen und Negern in New York die Rede, aber immer nur als Seitenhiebe, es entwickelt sich daraus kein Inhalt, die Stadt ist eine schmutzige Kulisse. Sprachlich ist das Buch in Ordnung, aber natürlich veraltet und teilweise recht sperrig. Ich hab es gern gelesen, werde es aber auch – schwupps – wieder vergessen.

Wer soll’s lesen?
Alle, die die grandiosen Kritiken vielleicht besser nachvollziehen können als ich.

Alexander Maksik: seinodernichtsein

MaksikSnack für zwischendurch – Kurzrezension

Worum geht‘s?
Will Silver ist an der englischsprachigen höheren Schule in Paris so etwas wie der Star unter den Lehrern: Die männlichen Schüler bewundern ihn, die weiblichen wollen mit ihm ins Bett. Er unterrichtet Literatur, ist engagiert und mit Herzblut dabei – in seinem Seminar soll diskutiert werden über Gott, Moral, Camus und Shakespeare. Die Schüler – wie Gilad – sind davon überzeugt, nirgends so viel fürs Leben zu lernen wie bei Will. Frei von Fehlern und menschlichen Begierden ist allerdings auch der angehimmelte Lehrer, der sich gern als einsamen Wolf inszeniert, nicht, und so kommt es dazu, dass Will mit der 17-jährigen Schülerin Marie schläft. Dass er seiner Karriere damit nichts Gutes tut, ist klar, und die Folgen sind mehr als absehbar.

Hat’s gemundet?
Ja. seinodernichtsein ist eine feinsinnige, melancholische, traurige Geschichte, die durch kleine Exkurse in die Philosophie Stoff zum Nachdenken bietet, ansonsten aber einfach nur erzählt, und zwar aus der Perspektive von drei Figuren: Will, Marie und Gilad. Über Will erfährt man wenig, er bleibt geheimnisumwoben, umgeben von Einsamkeit, seltsam entrückt. Maries Stimme gefällt mir am besten; sie ist jung, verzweifelt, verliebt, irgendwie unfertig, aber auch hoffnungsfroh. Gilad liefert ein bisschen Hintergrund zum Leben als reicher Einwanderer in Paris. Mir fehlt die große Erkenntnis, ein Fels, der dieses Buch herausragend macht, aber das stört nicht weiter – es ist sehr gut geschrieben, interessant, niveauvoll, es vertreibt dem Leser die Zeit. Mehr kann es nicht, muss es aber auch nicht.

Wer soll’s lesen?
Freunde von melancholischen Storys, die es nicht stört, wenn das Ende der Geschichte vorhersehbar ist.