Mohammed Hanif: A case of exploding mangoes

Eine Bombe, ein Soldat und jede Menge Politik
Es ist etwas faul im Staate Pakistan: Der Diktator General Zia soll gestürzt werden, seine Getreuen schmieden ein Komplott. Ganz persönliche Gründe, den korangläubigen General Zia zu beseitigen, hat der junge Soldat Ali Shigri. Er ist der Sohn des berühmten Colonel Shigri, der eines mysteriösen Todes gestorben ist – und den Ali rächen will. Eine spezielle Freundschaft verbindet ihn mit seinem Kollegen Obaid. Als dieser überraschend aus der Kaserne verschwindet, wird Ali von den Befehlshabern verhaftet und gefoltert, er gerät mitten hinein in politische Machenschaften, in deren Zentrum eine Flugzeugbombe steht – oder ist Ali doch nicht so unbeteiligt, wie es scheint?

Ich finde lange nicht hinein in dieses Buch – oder womöglich gelingt es mir nie, denn auch am Ende ist mir der Zugang versperrt zu A case of exploding mangoes, das für so viel Aufsehen in der Szene gesorgt und gute Kritiken bekommen hat. Anfangs verwirren mich die vielen Namen und militärischen Rangbezeichnungen, auch erschwert es mir das Verständnis, dass die Handlung sozusagen von hinten aufgezäunt wird. Die Flugzeugbombe bzw. deren Explosion steht sowohl am Anfang als auch am Ende des Romans, dazwischen entfalten sich die Ereignisse, die zum Tod der Regierungselite Pakistans geführt haben. Das große Manko daran: Der Schluss hält nichts Überraschendes mehr bereit, ein Aha-Erlebnis bleibt aus. Worum geht es also in diesem Buch? Um Meinungsfreiheit in einer Diktatur, um Machtgeilheit, Militärwillkür, um Folter und um Rache. Der Ton des Ich-Erzählers Ali ist spöttisch und distanziert, der vermeintliche Humor hinter den Geschehnissen trifft bei mir jedoch nicht ins Schwarze. Ich amüsiere mich durchaus zeitweise über den höhnischen Sarkasmus, insgesamt ist mir das Buch aber zu lahmarschig und uninteressant. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, mich einzulassen auf diese Satire über eine Militärdiktatur, aber gelungen ist es mir nicht. Mehr als ein gleichgültiges Schulterzucken ist nicht geblieben.

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Izzet Celasin: Schwarzer Himmel, schwarzes Meer

Die Türkei in Aufruhr
Am 1. Mai 1977 gerät der 18-jährige Eiche mitten hinein in die Unruhen: „Schlägereien und Schusswechsel zwischen Faschisten, revolutionären Studenten und der Polizei waren an der Tagesordnung.“ Eine junge Frau namens Zuhal rettet Eiche aus der Gefahr, und als sich ihre Wege später erneut kreuzen, kommt Eiche mit dem revolutionären Gedankengut in Kontakt. Er lebt sehr behütet, er geht in ein Internat und plant, seine Freundin Ayfer zu heiraten. Doch durch die Berührung mit der Politik und die Anziehungskraft, die Zuhal auf ihn ausübt, nimmt sein Leben eine Wende: Eiche und Ayfer trennen sich, er beginnt ein Literaturstudium. Aber während Zuhal ernst macht, in den Untergrund geht, sich den Terroristen anschließt und Menschen tötet, kann Eiche sich nicht dazu überwinden, die Theorie vom freien Leben in die Praxis umzusetzen, er glaubt nicht an die Gewalt. Und so kann es für ihn und Zuhal niemals einen gemeinsamen Weg geben.

Zwei Beweggründe hatte ich, mir dieses Buch zu kaufen: Zum einen hatte ich eine sehr positive Rezension gelesen, zum anderen wusste bzw. weiß ich sehr wenig über die Türkei in den 1970er- und 1980er-Jahren und dachte, das könnte interessant werden. Das war es prinzipiell auch, allerdings sollte man wohl dennoch in Grundzügen über den geschichtlichen Hintergrund der Ereignisse Bescheid wissen, um sie zu verstehen. Schwarzer Himmel, schwarzes Meer ist ein sehr unstrukturiertes Buch, der Autor folgt seinem Protagonisten Eiche und dem Ziel seiner Sehnsüchte, der Aktivistin Zuhal, mal mehr, mal weniger nah, er lässt die Jahre vergehen, die Handlung verläuft enttäuschenderweise irgendwie im Sand. Da es – obwohl sie das Zweierpaar dieses Romans sind – nur wenige Überschneidungen zwischen Eiche und Zuhal gibt und ihr Erleben parallel geschildert wird, wartet man als Leser ständig auf einen großen Knall, ein Aufeinanderprallen, eine Lösung. Ab Seite 160 kommt auch Zuhal plötzlich selbst zu Wort, zuvor hat sie keine eigene Perspektive – dieser unerwartete Wechsel hat mich sehr irritiert. Ich hätte mir mehr Berührungspunkte zwischen den beiden Helden gewünscht, man kann in ihrem Fall ja nicht einmal von Sehnsucht oder gar Liebe sprechen.

Izzet Celasin war ins einer Jugend selbst politisch aktiv und hat einige Zeit im Gefängnis verbracht. In diesem Roman beschreibt er die Nöte und Pläne der türkischen Jugend von dazumals, die auf der Suche war nach der ultimativ gültigen Weltansicht. Während Eiche seltsam unentschlossen bleibt und nie richtig Stellung bezieht, wirkt Zuhal wie eine gar zu hochstilisierte Symbolfigur ohne eigene Persönlichkeit, die klischeehafte Terroristin, die nicht davor zurückschreckt, für ihre Ziele zu töten oder selbst in den Tod zu gehen. Alles in allem ein Buch über eine aufregende Epoche in der Geschichte der Türkei, dessen Handlung jedoch wegen vieler zäher Schwachstellen zu wünschen übrig lässt. Ein wenig versöhnlich stimmt mich der passende, wenn auch pathetische Schluss.

Hideo Okuda: Die seltsamen Methoden des Dr. Irabu

Eine japanische Komödie in 5 Akten
„Dieser Typ war wirklich nicht reifer als ein fünfjähriges Kind.“ Die Rede ist von Dr. Irabu, der als Psychiater arbeitet und seine Klienten mit ungewöhnlichen Ideen überrascht und – manchmal – von ihren Marotten heilt. Statt einem Trapezkünstler bei seinen Problemen zu helfen, schwingt er, der dicke, kleine Mann, sich selbst auf dem Trapez durchs Zirkuszelt, und mit einem verzweifelten Baseballer, der nicht mehr treffen kann, schlägt er Bälle im Garten und amüsiert sich königlich. Er hört nie zu, benimmt sich wie ein Kind, und hat eine seltsame Vorliebe für Spritzen – allerdings nur, wenn sie seinen Patienten in den Arm gejagt werden. Ab und zu sind seine Methoden erfolgreich, und dann wirken sie raffiniert, meistens scheinen sie jedoch so hilfreich zu sein wie ein Loch im Kopf.

Die seltsamen Methoden des Dr. Irabu ist ein heiteres kleines Buch mit einer verrückten und erfindungsreichen Hauptfigur, die sich nicht um Konventionen schert und ständig nur Spaß haben möchte. Mit einem seriösen Arzt hat Dr. Irabu nicht das Geringste gemeinsam. Trotzdem kommen seine Patienten wieder, sie können sich gar nicht wehren: „Dieses Sprechzimmer war wie ein Riesenrad: Wenn man einmal drinnen saß, war man ihm eine Umdrehung lang ausgeliefert.“ Hideo Okuda bietet mit diesem Roman, der aus fünf Geschichten mit jeweils einem neuen Klienten besteht, intelligente Unterhaltung, angereichert mit viel Humor, originellen Einfällen und typisch japanischer Zurückhaltung. Wer sich ein paar unbeschwerte Lesestunden wünscht, ist mit Dr. Irabu bestens bedient, zu viel Gehalt oder Tiefgang darf man sich jedoch nicht erwarten. Die Lektüre hinterlässt zarte Schmunzelfalten und den Gedanken, sich doch öfter mal wieder zu verhalten wie ein Lausbub – dann ist das Leben einfach lustiger.

Manfred Baumann: Jedermanntod

Der Tod ist tot!
Die Salzburger Festspiele gehen in die nächste Runde – und zwar mit einem handfesten Skandal: Auf der Jedermann-Bühne vor dem wuchtigen Dom liegt ein erdolchter Toter. Es ist niemand anderes als der Tod selbst, gespielt von Hans Dieter Hackner. Kommissar Martin Merana macht fortan nicht nur die sommerliche Hitze zu schaffen, die schwül über Salzburg liegt, sondern auch die Heimlichtuerei der Schauspieler und PR-Menschen, die Sensationsgeilheit der Medien und das Rätsel um diesen theatralischen Mord. Gemeinsam mit seinen Kollegen wühlt er sich hinein in die Hintergründe der Festspiele und in so manches private Drama hinter den Kulissen.

Herrlich böse und sarkastisch geht der Salzburger ORF-Journalist Manfred Baumann mit seiner Stadt ins Gericht: „An Toten haben die Salzburger Aasgeier wenig Interesse. Tote geben nichts her. Kaufen keine Souvenirs. Essen keine Pommes frites. Zahlen keinen Eintritt. Tote interessieren die Salzburger Aasgeier nur, wenn sie so berühmt sind, dass man ihr Bild auf Marzipankugeln und Likörflaschen kleben kann.“ Und aus genau diesem Grund amüsiere ich mich mit diesem Krimi, obwohl ich sonst einen großen Bogen um Krimis mache: Selbst Salzburgerin, macht es mir Spaß, ein Buch zu lesen, das dort spielt, wo ich mich auskenne, wo ich lebe und mir meine Meinung bilde. Aber auch für Nicht-Österreicher dürfte dieser spannende Roman mit der würzigen Prise Lokalkolorit interessant sein, schließlich sind die Festspiele ein international bekanntes Spektakel.

Die Ausgangsidee, ausgerechnet den Tod tot auf die Jedermann-Bühne zu legen, finde ich genial. Jedermanntod ist ein klassischer Whodunnit in alter Agatha-Christie-Manier: Jede Menge Verdächtige, jede Menge Motive, aber nur einer war’s. Der Lösung kann man auf die Schliche kommen, sie ist aber nicht allzu offensichtlich – die perfekte Mixtur. Auch die österreichische Sprache gibt dem Buch eine interessante und originelle Färbung. Mit Kommissar Merana hat Manfred Baumann einen sympathischen Schnüffler geschaffen, der sich mit Sicherheit noch durch einen Fortsetzungen rätseln wird. Dieser Roman ist wie ein Tatort zum Lesen: spannend, unterhaltsam und mit einem schlüssigen Ende – genau wie ein Krimi sein muss. Außerdem, das muss ich noch hinzufügen, ist das Cover sehr gelungen.

Tom Perrotta: Little Children

Ach, wie schön die Vorstadt ist!
Sarah und Todd leben ein amerikanisches Klischee: Beide sind verheiratet – allerdings nicht miteinander – und haben ein dreijähriges Kind, beide sind mehr oder weniger unglücklich, fühlen sich gefangen und sehnen sich nach ein wenig Abwechslung in ihrem spießig-eintönigen Dasein. Todd steht kurz davor, zum dritten Mal zur Anwaltsprüfung anzutreten und erneut zu scheitern, Sarah war als Studentin Feministin und kämpft nun mit den Herausforderungen eines Tages auf dem Spielplatz. Kein Wunder also, dass sie eine Affäre miteinander beginnen, als sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet. Es ist ein heißer Sommer, und unter den Moralaposteln der Vorstadt brodelt es: Ein verurteilter Kinderschänder ist in die Gegend gezogen, und die Nachbarschaftswache schreckt vor nichts zurück, um ihn zu vertreiben …

Little Children ist ein sehr filmisches Buch: Einerseits erinnert es inhaltlich stark an typische amerikanische Serien wie „Desperate Housewives“, die in amerikanischen Vorstädten mit identischen Häusern und sauberen Straßen spielen, andererseits ist es sehr bildlich geschrieben und wie ein Film strukturiert, den man beim Lesen automatisch vor Augen hat. Vielleicht entsteht dieser Eindruck bei mir aber auch, weil ich weiß, dass der Roman 2006 mit Kate Winslet verfilmt wurde, ohne dass ich diesen Film jedoch gesehen hätte. In jedem Fall stellt Tom Perrotta auf der zynische und überspitzte Weise das amerikanische Vorstadtleben dar, das nach außen hin glänzt und innen fault. Hinter verschlossenen Türen spielen sich die eigentlichen Dramen ab, und mit der vorgespielten Moral ist es dann nicht weit her. Ehebruch und Lieblosigkeit, Selbstjustiz und Intoleranz: In Little Children tut sich ein wahres Wespennest auf. Die Perspektive wechselt zwischen Sarah und Todd, auch Sarahs Mann und der Ex-Polizist Larry, der dem Pädophilen das Leben zur Hölle macht, kommen zu Wort. Für mich als Europäerin ist vieles, das in diesem Roman eine Rolle spielt, befremdlich, vor allem die rigide Einstellung der zugeknöpften Hausfrauen. Umso interessanter ist dieses Buch, das mit einigen schönen Spitzen aufwartet und generell das Prädikat „okay“ verdient.

Monique Schwitter: Ohren haben keine Lider

Ein Haus, neun Bewohner und ein Mord
Ein junges Pärchen zieht zusammen in ein Haus, das sich vor allem durch die ungünstige Lage direkt an einer Hauptstraße und über einer U-Bahn auszeichnet, durch den kleinen Garten – und durch seine Bewohner. Da gibt es den zurückhaltenden Cellisten Jeff, die Kinderärztin Conny mit der schrillen Stimme, die dauernd Schneckenhäuser malt, drei Studenten, die niemand je zu Gesicht bekommt, und Gerd und Agnes. „Alle, alle mochten Agnes“, und der Ich-Erzählerin geht es nicht anders, sie besucht Agnes in ihrer mit Grün zugewucherten Wohnung, staunt über ihre Güte und Ruhe, trinkt Kaffee, versucht sie aus der Reserve zu locken, schafft es aber nie. Und dann, neun Monate später, ist Silvester – und Agnes ist tot.

Ohren haben keine Lider ist ein einfacher Unterhaltungsroman, der dem Leser ein paar vergnügliche Stunden schenkt. Zwar ist dieses Buch nicht unbedingt heiter, aber es erzählt auf nicht hochtreibende Weise von einem Haus, einer absoluten Bruchbude, von seinen verschiedenen Bewohnern, von einer jungen Beziehung und von einem rätselhaften Todesfall, der allerdings erst ganz zum Schluss in den Mittelpunkt rückt. Dann wechselt nämlich die Perspektive, die Ich-Erzählerin wird von außen abgebildet und man erfährt, wie es ihr in den 15 Jahren nach Agnes‘ Tod so ergeht im Leben. Das ist einerseits spannend und originell, andererseits ein wenig abgehackt. Was den Mord betrifft, so darf man sich über seine Auflösung nicht zu viel erwarten, denn ein Krimi ist dieses Buch nicht.

Vielmehr besticht es durch seinen angenehmen Lesefluss, der weder verstört noch aufschreckt, die Ereignisse sind wie an einer Schnur ausgebreitet, die Personen als erkennbare Charaktere gezeichnet. Ein wenig irritierend ist, dass die Ich-Erzählerin und ihr Freund so dermaßen planlos in den Tag hineinleben, dass einem beim Zuschauen schon langweilig wird – sie tun nichts, haben gerade die Matura hinter sich gebracht, leben mit Toastbrot und Wasser von ihren Ersparnissen und warten den ganzen Tag zuhause darauf, dass ihr Leben beginnt. Kein Wunder, dass sie sich dabei so sehr für ihre Mitbewohner zu interessieren beginnen. Wer mit wem und warum? In diesem Buch geht es um kleine Spielchen und große Langeweile, es hinterlässt keinen bleibenden Eindruck und ist ein netter Freizeitroman für zwischendurch.

Anna Mitgutsch: In fremden Städten

Vom Fremdsein
Lillian hat schon lange darüber nachgedacht, zu fliehen: Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrem Mann Joseph in Österreich, doch sie stammt aus den USA und ist nie heimisch geworden in den Tiroler Bergen, in der Kultur, die nicht die ihre ist, in der kantigen Sprache. Zwei Kinder hat sie bekommen mit Joseph, doch sie konnte und durfte ihnen nichts von ihr selbst geben, nicht die Reime und Lieder ihrer eigenen Kindheit, sie fühlt sich ihnen nicht verbunden, man hat sie ihr weggenommen, so scheint es ihr. Es hält sie nichts in Tirol, und sie spart seit 10 Jahren für ihren Aufbruch, aber gegangen wäre sie wohl nie, hätte sie nicht den jungen Sänger Alan aus Amerika kennengelernt, in den sie sich verliebt und zu dem sie schlussendlich ziehen will. Mit großen Erwartungen fliegt sie zurück in ihre Heimat – doch die hat sich ebenso verändert wie Lillian selbst, und das Problem mit Illusionen ist ja bekanntlich, dass sie an der Realität zerschellen wie Muschelschalen.

In fremden Städten ist ein psychologisch ausgefeilter Roman der österreichischen Autorin Anna Mitgutsch, die seit vielen Jahren mit ihrem literarischen Können aufmerken lässt. Mit ihrer Protagonistin Lillian hat sie eine entwurzelte Frau geschaffen, die sich fremd und ungesehen fühlt, die sich nicht integrieren kann und will in die österreichische Kultur, an der sie viel auszusetzen hat. Sie ist überzeugt davon, dass es an den Menschen liegt, am Ort, dass sie nicht glücklich ist – und muss sich letztlich doch der Erkenntnis beugen, dass sie ob ihrer Ruhelosigkeit wohl nirgends glücklich geworden wäre. Sie ist ein introvertierter Mensch und lässt den Leser teilhaben an ihren Gefühlen, an ihrer Hoffnung und ihrer Sehnsucht, eine Schriftstellerin zu sein, und gleichzeitig ist sie überraschend blind für die Gründe ihres Scheiterns. Dieser Roman ist wie ein innerer Monolog, eine Gedankensammlung zum Thema Fremdsein und Sprache.

In fremden Städten ist ein interessanter, kluger Roman über Wurzeln und Heimat, über Integration, Egoismus und Illusionen. Die zahlreichen geradlinigen Formulierungen sind eine Bereicherung: „Er entzog sich, indem er in zwei Sprachen schwieg“, heißt es beispielsweise über Lillians Sohn, oder: „Erst als er fort war, fand sie seine Beteuerungen und Versprechen wie vergessene Gegenstände, die einem nichts mehr bedeuten, über die ganze Stadt verstreut, banale Sätze, bei Vernunft betrachtet, zu peinlich, um sie sich zu wiederholen“ über Alan. Lillian ist nicht unbedingt sympathisch, ich empfinde sie vielmehr als naiv. Nicht ganz zufrieden bin ich mit dem Ende, das den Leser ein bisschen in der Luft hängen lässt – ansonsten aber ein außergewöhnlicher und beeindruckender Roman.

André Aciman: Ruf mich bei deinem Namen

Die Geschichte einer homosexuellen Liebe
„Mach, dass der Sommer nie ein Ende hat, mach, dass Oliver nie fortgeht, mach, dass die Musik in dieser Endlosschleife in alle Ewigkeit weiterspielt, es ist sehr wenig, worum ich bitte, und ich schwöre, dass ich mir nicht mehr wünschen werde.“ Elio ist 17 und verbringt den Sommer wie jedes Jahr mit seinen Eltern auf ihrem Anwesen in Italien, der diesjährige Sommergast ist der 24-jährige Oliver, der an der Universität arbeitet und über Heraklit schreibt. Dieser junge, arrogant wirkende Mann löst in Elio, der bereits sexuelle Erfahrungen mit Mädchen gemacht hat, überraschende Empfindungen aus: „Was ich mir statt dessen wünschte, von dem Moment an, in dem er aus dem Taxi stieg, bis zu unserem Abschied in Rom, war das, was alle Menschen sich voneinander wünschen.“ In ihm brennt plötzlich ein Verlangen, dem er nichts entgegensetzen kann, und so beginnt ein Spiel zwischen Elio und Oliver, sie buhlen um die Aufmerksamkeit des anderen, reden aneinander vorbei, sehnen sich nacheinander und können es sich doch nicht sagen. Erst als der Sommer beinahe zu Ende ist, verlieren sie endlich ihre Hemmungen: „Alles Störende war beseitigt, sekundenlang schien der Altersunterschied aufgehoben, wir waren einfach zwei Männer, die sich küssten, und selbst das wurde immer bedeutungsloser, wir hörten auf, zwei Männer zu sein, waren nur noch zwei Menschen.“

André Aciman hat mit Ruf mich bei deinem Namen einen sehr einfühlsamen und kunstvollen Roman über eine homosexuelle Sommerliebe geschrieben. Meisterhaft schildert er dabei die Verwirrung, die diese Liebe in den beiden jungen Männern auslöst, die nicht unbedingt oder nicht nur homosexuell sind, sich aber magisch voneinander angezogen fühlen. Sehr detailreich widmet sich der Autor dem Hin und Her zwischen seinen beiden Protagonisten, dem Geplänkel, dem Geflirte – das ist amüsant, bewegend und ein bisschen zäh zugleich. Es dauert seine Zeit, bis die beiden sich einander nähern können, obwohl man als Leser von Beginn an weiß, dass es geschehen wird. Viel Unsicherheit liegt in der Luft, die permanent erotisch aufgeladen ist. Jeder Blick hat eine Bedeutung, jede Berührung ist elektrisierend. Das zu vermitteln, ist André Aciman perfekt gelungen.

Sex zwischen Männern ist vielleicht nicht mehr ein so starkes Tabuthema wie einst, dennoch ist es schwierig, bei (homo)erotischen Beschreibungen nicht ins Lächerliche zu verfallen, alles zuzulassen, nichts als ekelhaft zu stigmatisieren. André Aciman hat sich herangetraut an dieses Thema – und es bravourös gemeistert. Seine Sätze sind manchmal etwas lang, der Stil ist ausufernd, grundsätzlich aber liegt viel Zuneigung in den Formulierungen. Und da Elios Vater Hochschulprofessor ist und seinen Sohn zu einem Intelligenzbolzen herangezogen hat, der in seinen Sommerferien Haydn transkribiert, kann man durch die pointierten Dialoge in diesem Buch auch noch etwas lernen. Schön ist der Ausklang, denn das Buch endet nicht mit jenem Sommer, der so unvergesslich bleibt für Elio und Oliver. Lesen!

David Wagner: Vier Äpfel

„Ich glaube, ich bin eine Biene, die durch den Supermarktgarten fliegt“
Ein Mann geht einkaufen im Supermarkt. Und da ereignet sich etwas, das man vielleicht bemerkenswert nennen könnte: Er wählt vier Äpfel aus, die zusammen genau 1000 Gramm wiegen. Deshalb erwacht in ihm die Hoffnung, dieser Tag möge ein besonderer sein. Das täte ihm gut, geschieht doch sonst herzlich wenig in seinem Leben, seit L. ihn verlassen hat. Und wie er so durch den Supermarkt spaziert, sich seine Gedanken macht über die Farbe von Strumpfhosen, über Werbung und bunte Verpackungen und über die Möglichkeit, selbst verwurstet zu werden, wird er ganz philosophisch, verliert sich in Überlegungen: „Und der Tod, so kommt’s mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muß er nicht bezahlen.“

Vier Äpfel ist ein Roman auf Sparflamme: Nicht nur wegen der gerade mal 158 luftig gesetzten Seiten, sondern vor allem inhaltlich. Ein Mann geht einkaufen und – na ja, und nichts. Viel braucht er nicht, lebt er doch allein, seit L. weg ist, an die er noch voll Wehmut denkt: „Nur L. war perfekt, an ihr hat mich gar nichts gestört, aber das ist eine Lüge der Erinnerung.“ Leider erzählt er dem Leser aber viel zu wenig von L., als dass man einen Einblick in diese zu Ende gegangene Beziehung gewinnen könnte. L. bleibt eine Schattenfigur, der keine tragende Rolle mehr zukommt. Worüber also kann man sich während des Einkaufens den Kopf zerbrechen? Über die guten alten Zeiten, in denen Oma noch selbst ihr Obst erntete und einkochte, über Single-Shopping mit Flirtmöglichkeit, über Preisaktionen. In Fußnoten bringt David Wagner durchaus interessantes Allgemeinwissen unter die Leser, beispielsweise über den Erfinder der Fischstäbchen oder des Drehkreuzes. Mir persönlich ist das aber alles zu wenig für ein lesenswertes Buch, Vier Äpfel ist mehr eine Momentaufnahme, das Festhalten eines Einkaufs zur heutigen Zeit. Das ist recht nett, aber nicht mehr, hat keine Tiefe und – so viel nehme ich vorweg – erfüllt die Hoffnung nicht: Die Frage, ob das Gewicht der vier Äpfel etwas Besonderes auslöst, lautet leider Nein.

Ferdinand von Schirach: Verbrechen

Interessante Einblicke in grausige Taten
Von einem Arzt erzählt Ferdinand von Schirach, der seine Gattin mit einer Axt im Keller zerhackt. Von einer jungen Frau, die ihren Bruder in der Badewanne ertränkt. Und von neun anderen Menschen, die aus Eifersucht, aus Rache, aus Neid ein Verbrechen, einen Mord begangen haben. Kurz und klar sind die Geschichten, kein Wort ist zu viel, aber auch keines zu wenig. In einer sehr reduzierten Prosa berichtet der Berliner Anwalt und Strafverteidiger von elf Fällen aus seiner beruflichen Erfahrung. Und bastelt daraus ein kleines Büchlein, das man schnell gelesen hat, aber lange nicht vergisst.

In einer gelungenen Mischung aus Fakten und Fantasie lässt Ferdinand von Schirach die Ereignisse lebendig werden, die zu einem Mord oder einem Überfall geführt haben. Und obwohl er Dinge, Menschen, Gefühle und Umstände beschreibt, von denen er nichts wissen kann, glaubt man ihm als Leser, dass es sich genau so zugetragen hat. Die Fälle, so heißt es, sind wahr. Und Schirachs Buch hat eine regelrechte Begeisterungswelle ausgelöst: Er befriedigt damit auf literarische Weise die stets vorhandene Sensationsgeilheit der Menschen. Verbrechen vermittelt einen Einblick in das Innenleben von Straftätern und man darf sich als Leser ohne Scham wie ein Voyeur fühlen. Wer etwas getan hat, steht weniger im Vordergrund als das Motiv: Warum ist dieser Mord geschehen, was hat dazu geführt? Trotz urteilsfreier Teilnahmslosigkeit scheint der Strafverteidiger in jede Geschichte eine Prise Verständnis einzustreuen: Hier hat jemand etwas verbrochen, aber eigentlich hatte er doch keine andere Wahl …

Verbrechen zu lesen, ist ein bisschen wie eine dieser Fernsehsendungen à la „Autopsie“ anzuschauen – nur viel niveauvoller. Nicht jeder Täter ist einfach nur böse und muss bestraft werden. Vielmehr arbeitet Ferdinand von Schirach in einem klugen Balanceakt heraus, was wir alle längst wissen: dass es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch noch sehr viel Grau gibt im Leben. Er hat eine Ahnung von dem, was er beschreibt, er bringt die blutigen Details zu Papier, lässt Menschen den Verstand verlieren und Gewalt hervorbrechen wie ein Sommergewitter. Es wundert mich nicht, dass dieses Buch so viele positive Reaktionen bekommen hat: Es ist gut geschrieben, es ist interessant und man gruselt sich so schön.