Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Eine Jugend in „Fotzenmoor“
„Unser Viertel wurde im Volksmund Vittulajänkkä genannt, was in der Übersetzung Fotzenmoor bedeutet. Der Ursprung des Namens war unklar, kam aber sicher daher, dass hier so viele Kinder geboren wurden.“ Wo Matti aufwächst, da gibt es eigentlich so gut wie nichts: ein kleines Dorf namens Tornedal im äußersten Norden Schwedens. Was sich draußen in der Welt tut, davon bekommt hier keiner was mit. Dabei fegen gerade die Sechzigerjahre durch die Musikgeschichte und die Köpfe der Jugend. Bei Matti und seinem extrem schweigsamen Freund Niila ist es aber sehr ruhig. Eindeutig zu ruhig: Deshalb müssen sie sich allerhand ausdenken, um sich die Zeit zu vertreiben. Prügelketten, in die die halbe Verwandtschaft verwickelt wird, zum Beispiel, Wettkämpfe, Luftgewehrkriege – und Musik. Matti kann nicht einmal ansatzweise singen und Niila ist hoffnungslos an der Gitarre, aber voller Leidenschaft für die Musik gründen die beiden trotzdem eine Band. Und die rettet sie durch die Pubertät.

Ich hatte schon viel von Populärmusik aus Vittula gehört und wollte mir mal im Open-Air-Kino den Film dazu anschauen – doch dann hat es geregnet. Als ich das Buch vor Kurzem für ein paar Euro auf booklooker entdeckte, war es endlich mein. Und es hat sich wahrlich gelohnt: Ich hab mich wirklich köstlich amüsiert. Die Geschichte ist derart verquer und liebenswert, dass man einfach mit dem verwirrten, einsamen, pubertierenden Matti mitfühlen muss. Die Freundschaft zu Niila ist sehr ernst, aber frei von Pathos – wie überhaupt der ganze Roman. Niemi lässt die Schweden saufen und bis zum Umfallen saunieren, rülpsen und hart arbeiten, er zeigt ihr Leben als einfach, manchmal beschwerlich, aber immer auch ein bisschen heiter. Seine Sprache ist schnörkellos und rau, es gibt kein literarisches Herumgerede – die Poesie liegt in diesem Fall im Inhalt. Matti ist ein sehr selbstironischer Ich-Erzähler, das ganze Buch über scheint den Leser ein Augenzwinkern zu begleiten. Mikael Niemi ist es gelungen, auf absolut originelle und überzeugende Weise über ein so abgeschmacktes Thema wie Jungsprobleme, Erwachsenwerden und Rock ’n‘ Roll zu schreiben. Wie Matti sich einen Platz in der Horde der stinkenden, ungehobelten Männer erkämpft, wie er mit der Band auftritt und wie er sich Mädchen nähert, ist richtig unterhaltsam.

Und weil’s so schön zum Thema Bücher passt:
„Das Gefährlichste aber, vor dem mein Vater mich aufs Schärfste warnen wolle, der einzige Faktor, der ganze Kompanien armer junger Seelen in den Nebel des Wahnsinns getrieben habe, das war das Bücherlesen. Diese schlechte Angewohnheit war in den letzten Generationen immer übler geworden, und Vater war ungemein dankbar, weil ich selbst bis jetzt derartige Tendenzen nicht gezeigt hatte. Das Irrenhaus war überfüllt mit Leuten, die zu viel gelesen hatten. Einmal waren sie wie du und ich gewesen, körperlich kräftig, ohne Ängste, zufrieden und im Gleichgewicht. Dann hatten sie angefangen zu lesen. Meist aus irgendeinem Zufall heraus. Eine Erkältung mit ein paar Tagen Bettruhe. Ein schöner Buchumschlag, der die Neugier weckte. Und plötzlich war die Unsitte geboren. Das erste Buch führte zum nächsten. Und zum nächsten und wieder nächsten, Glieder einer Kette, die geradewegs in die ewige Nacht der Geisteskrankheit führte. Man konnte ganz einfach nicht aufhören. Das war schlimmer als Drogen.“