Ferdinand von Schirach: Schuld

Über die Moral und ihre krummen Beine
In seinem Erstling Verbrechen berichtete der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in kurzen, prägnanten Geschichten von Fällen aus seinem Berufsleben. Nun soll der vielgelobte Bestseller verfilmt werden (und ich frage mich: wie?), und mit Schuld ist 2010 der Nachfolger erschienen. Ferdinand von Schirach setzt auf das bewährte Rezept, Fakten mit Fiktion zu vermengen und glaubhafte, schaurige kleine Berichte zu basteln. Er hat tagtäglich mit den Grausamkeiten zu tun, von denen er erzählt, und gibt dem Leser interessante Einblicke in die Tücken und Schlupflöcher unseres Rechtssystems. Die Stärke dieses Autors sind seine klugen Schilderungen, die punktgenauen Formulierungen, er ist kein Mann der vielen Worte und gebraucht nur genau so viel Fantasie wie nötig. Obwohl vieles im Detail dazuerfunden ist, glaubt man Ferdinand von Schirach, dass sich jede Geschichte genau so abgespielt hat wie von ihm beschrieben. Schuld befriedigt die voyeuristische Gier von uns Menschen nach Klatsch und Grusel gleichzeitig. Die Fälle in diesem Buch sind ebenso furchtbar wie unterhaltsam, der Ton ist ironisch, spöttisch, aber im rechten Moment sehr ernst. Schuld und Strafe stehen im Fokus, manche kommen ungeschoren davon, andere tragen die Konsequenzen ihres Tuns – und es ist interessant zu lesen, was weshalb geschieht. Gut gemacht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr unpersönliches, fast schon groteskes Cover.
… fürs Hirn: Als Lektorin kann ich nicht umhin, darauf hinzuweisen, weil es in fast jeder Geschichte vorkommt: Das Wort Mädchen hat ein sächliches Geschlecht. Sätze wie „Das Mädchen sah zu den Jungs, während sie zwischen den Beinen ihrer Mutter stand“ sind grammatikalisch falsch!
… fürs Herz: das Mitgefühl mit den Opfern.
… fürs Gedächtnis: die Geschichte über die Vergewaltigung.

Ferdinand von Schirach: Verbrechen

Interessante Einblicke in grausige Taten
Von einem Arzt erzählt Ferdinand von Schirach, der seine Gattin mit einer Axt im Keller zerhackt. Von einer jungen Frau, die ihren Bruder in der Badewanne ertränkt. Und von neun anderen Menschen, die aus Eifersucht, aus Rache, aus Neid ein Verbrechen, einen Mord begangen haben. Kurz und klar sind die Geschichten, kein Wort ist zu viel, aber auch keines zu wenig. In einer sehr reduzierten Prosa berichtet der Berliner Anwalt und Strafverteidiger von elf Fällen aus seiner beruflichen Erfahrung. Und bastelt daraus ein kleines Büchlein, das man schnell gelesen hat, aber lange nicht vergisst.

In einer gelungenen Mischung aus Fakten und Fantasie lässt Ferdinand von Schirach die Ereignisse lebendig werden, die zu einem Mord oder einem Überfall geführt haben. Und obwohl er Dinge, Menschen, Gefühle und Umstände beschreibt, von denen er nichts wissen kann, glaubt man ihm als Leser, dass es sich genau so zugetragen hat. Die Fälle, so heißt es, sind wahr. Und Schirachs Buch hat eine regelrechte Begeisterungswelle ausgelöst: Er befriedigt damit auf literarische Weise die stets vorhandene Sensationsgeilheit der Menschen. Verbrechen vermittelt einen Einblick in das Innenleben von Straftätern und man darf sich als Leser ohne Scham wie ein Voyeur fühlen. Wer etwas getan hat, steht weniger im Vordergrund als das Motiv: Warum ist dieser Mord geschehen, was hat dazu geführt? Trotz urteilsfreier Teilnahmslosigkeit scheint der Strafverteidiger in jede Geschichte eine Prise Verständnis einzustreuen: Hier hat jemand etwas verbrochen, aber eigentlich hatte er doch keine andere Wahl …

Verbrechen zu lesen, ist ein bisschen wie eine dieser Fernsehsendungen à la „Autopsie“ anzuschauen – nur viel niveauvoller. Nicht jeder Täter ist einfach nur böse und muss bestraft werden. Vielmehr arbeitet Ferdinand von Schirach in einem klugen Balanceakt heraus, was wir alle längst wissen: dass es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch noch sehr viel Grau gibt im Leben. Er hat eine Ahnung von dem, was er beschreibt, er bringt die blutigen Details zu Papier, lässt Menschen den Verstand verlieren und Gewalt hervorbrechen wie ein Sommergewitter. Es wundert mich nicht, dass dieses Buch so viele positive Reaktionen bekommen hat: Es ist gut geschrieben, es ist interessant und man gruselt sich so schön.