Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

IMG_8511„Bei uns ist man stolz darauf, das wildeste, böseste Volk der Welt zu sein“
„In Guerrero regierten Hitze, Leguane, Spinnen und Skorpione. Das Leben war so gut wie nichts wert.“ Das gilt besonders für das Leben eines Mädchens. Denn neben dem tödlichen Getier herrschen in diesem öden Dschungelgebiet Mexikos auch die Drogenbosse. Sobald sie hören, dass es irgendwo ein hübsches Mädchen gibt, kommen sie und holen es, verkaufen und benutzen es. Deshalb muss die junge Ladydi – benannt nach der britischen Prinzessin – möglichst hässlich aussehen. Und wenn ein SUV am Horizont auftaucht, rennen die Mädchen zu den Erdlöchern, die ihre Mütter für sie gegraben haben, und verstecken sich. Als Ladydis Freundin Paula eines Tages nicht schnell genug ist, wird sie verschleppt. Retten kann sie niemand, schon gar nicht ihr Vater, denn der ist ebenso verschwunden wie die meisten Männer von Guerrero. Auch Ladydis Vater ist über die Grenze in die USA gelangt und hat den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Ihre Mutter, immer schon so rau und unzugänglich wie die unwirtliche Landschaft, ist seitdem noch härter geworden. Ladydi ist ein stilles, von all den Unmöglichkeiten und dem Schmerz erfülltes Mädchen: „Meine Haut war die Innenseite und all meine Adern und Knochen die Außenseite. Besser, ich stieß mit niemandem zusammen, dachte ich.“ Kaum hat sie die Schule beendet, will sie fort, und ihr Cousin Mike bietet ihr dazu die Chance in Form einer Stelle als Kindermädchen in der Stadt. Doch dann hält Ladydi plötzlich ein großes Paket Heroin in der Hand und zwei Menschen sind tot.

Die amerikanische Autorin Jennifer Clement wuchs in Mexiko-Stadt auf und hat für diesen Roman zehn Jahre lang vor Ort recherchiert. Durch die vielen Gespräche mit mexikanischen Frauen, die unter den kriminellen Machenschaften der Drogenbosse leiden, ist es ihr gelungen, in Gebete für die Vermissten ein sehr konkretes und authentisches Bild der Betroffenen zu zeichnen. Ihre Protagonistin Ladydi ist zwar introvertiert und nachdenklich, aber auch knallhart und gewieft. Die Art, wie sie zwischen Skorpionen und Vergewaltigern aufwächst, hat nicht das Geringste mit meiner eigenen behüteten Kindheit zu tun. Die Mädchen von Guerrero sind rund um die Uhr in Gefahr, und außer dieser Gefahr bietet ihnen ihr Heimatort nur Alkoholiker, Pflanzengift und Drogen. Jennifer Clement bedient sich für diese harte Geschichte einer harten Sprache, ihre Worte sind geschliffen wie die Machete von Ladydis Mutter. Sie kennt keine Gnade, sie erzählt vom Leben dort so ungeschönt und schroff, wie es eben ist. Diese Direktheit hat eine ganz eigene Eleganz und Eindringlichkeit, die ich sehr mag. Dies ist ein Buch, das einen unmittelbar an den Haarwurzeln packt und daran rüttelt. Dabei ruhig zu bleiben, ist schlicht unmöglich. Tagelang geht mir das Gelesene nicht aus dem Kopf. Und auch jetzt sind die Bilder noch überaus lebendig. Gebete für die Vermissten ist daher nichts für Leser mit schwachen Nerven – aber perfekt für alle, die eine gute Story und ausgezeichnete Bücher lieben.

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Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3-518-42452-0, 228 Seiten, 19,95 Euro). Hier könnt ihr auch einen Trailer zum Buch anschauen.

Louise Erdrich: Das Haus des Windes

ErdrichDer Tanz mit der Rache
Im Jahr 1988 wird in einem Indianerreservat in North Dakota die Mutter des 13-jährigen Joe brutal vergewaltigt und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Schwer traumatisiert, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein, während für Joe ein Sommer voller Herausforderungen beginnt: Neben pubertären Träumen von den Brüsten seiner Tante Sonja, heimlichem Alkoholkonsum und unheimlichen Geisterbegegnungen ist er besessen von der Mission, den Mann zu finden, der seine Mutter angegriffen hat. Er ist überzeugt, dass sie weiß, wer es war, es aber nicht verrät. Joes Vater, seines Zeichens Stammesrichter, verzweifelt an seiner eigenen Hilflosigkeit und der Untätigkeit der Behörden. Also schwingt Joe sich gemeinsam mit seinem besten Freund Cappy aufs Rad und sucht nach Spuren. Tatsächlich finden sie so einiges: wahnsinnig viel Geld, eine fürchterliche Wahrheit und den Mut, etwas ganz Unglaubliches zu tun.

Louise Erdrich hat indianische Wurzeln und widmet sich in ihrem umfassenden, preisgekrönten Werk der Geschichte und der Lebenswelt dieses gegeißelten Volks. Ihre Romane sind fiktiv, aber getragen von der schmerzvollen Realität. Auch diesem Buch liegt eine dunkle Wahrheit zugrunde: Vergewaltigungen von Indianerfrauen durch Weiße werden sogar heute noch kaum geahndet. Einen gewalttätigen Übergriff macht die amerikanische Schriftstellerin zum Ausgangspunkt für eine Story, die wild, klug, spannend, prickelnd und furchterregend ist – eine Geschichte mit Sogwirkung, die mich atemlos macht, mich durch die Seiten hecheln lässt zusammen mit Joe, auf der Suche nach Gerechtigkeit. Gleich zu Beginn bin ich wie elektrisiert, und ich will nur noch eins: weiterlesen. Mit dem 13-jährigen Joe hat Louise Erdrich einen liebenswerten Helden geschaffen, der stolz ist auf seine Andersartigkeit, aber schwer zu tragen hat am Schicksal der Indianer und der konkreten Ungerechtigkeit, die seiner Familie widerfährt. Er will Rache – aber er will auch Bier und ersten Sex. Er schlüpft gerade aus der Haut eines Kindes und schultert plötzlich eine Verantwortung, der er kaum standhalten kann. Die Politik und der Hass zwischen Indianern und Weißen schwingen stets mit, sind Ursache und erneute Wirkung der Ereignisse.

Louise Erdrich ist mir bereits mit dem Roman Spuren begegnet, den ich unheimlich, faszinierend und sehr fremdartig fand. Das Haus des Windes konzentriert sich nicht so sehr auf die alten Bräuche, Überlieferungen und Naturverbundenheiten der Indianer, obwohl diese Besonderheiten stets im Hintergrund präsent sind – und das macht das Buch so gut. Unter anderem. Denn neben dem originellen und überaus interessanten kulturellen Background gibt es da noch das überragende Talent der Autorin. Und die packende Dramaturgie der Geschichte. Und die sympathischen, lebensnahen Figuren. Und die traurige, knisternde, angespannte Stimmung. Das Haus des Windes ist wie ein Ritt auf einem wilden Mustang – ein Abenteuer, von dem ich nicht weiß, wohin es mich führt, etwas Ungewöhnliches, Unvergessliches. Louise Erdrich ist eine begnadete Erzählerin, und davon abgesehen, dass ihre Bücher politisch und kulturell von Bedeutung sind, sind sie auch einfach gut zu lesen. Ich bin zwar nicht mit jeder Wendung im Roman einverstanden, fühle mich aber seltsam angezogen von dieser verrückten, packenden, sehr gelungenen Geschichte. Hervorragend und absolut empfehlenswert!

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Das Haus des Windes von Louise Erdrich ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03579-2, 384 Seiten, 19,99 Euro).

Was ihr tun könnt:
Euch eine Leseprobe dieses Buchs ansehen.
Die Rezension auf ndr.de lesen.
Ein Gespräch mit Louise Erdrich anschauen.
Das Buch bei ocelot.de bestellen.

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