Und könnte man 100 Jahre leben
Mathea Martinsen ist richtig alt – und richtig allein. Seit dem Tod ihres Mannes Epsilon verbringt die Greisin ihre Zeit mit Einkaufen, Backen und Nachdenken. Sie lässt ihr Leben Revue passieren, das nicht sehr aufregend war, da sie es zum Großteil in ihrer Wohnung verbracht hat. Sie konnte keine Kinder bekommen und übte keinen Beruf aus, sie hat keine einzige Freundin, und ihre extreme Schüchternheit hat jeden engeren Kontakt zu den Nachbarn verhindert: „Ich war ständig auf der Hut. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, rannte ich, so schnell ich konnte, in die andere Richtung.“ Jetzt, so denkt Mathea, bleibt ihr eigentlich nur noch eins: zu sterben. Also wartet sie auf den Tod, dem sie gleichzeitig aber am liebsten entwischen würde: „Nachts liege ich nicht mehr gern auf dem Rücken, ich fühle mich wie eine Leiche, besonders, wenn ich meine Beine dicht nebeneinanderlege, wie ich es fast immer tue, und die Hände falte. Das Gefühl, in einen Sarg zu passen, ist äußerst unbehaglich, also liege ich jetzt meistens auf dem Bauch, die Knie nach außen gedreht wie ein Frosch, ich habe flexible Hüften.“ Irgendwie geht das mit dem Sterben dann aber doch nicht so leicht, und solange Mathea noch nicht tot ist, erinnert sie sich eben.
Die norwegische Autorin Kjersti A. Skomsvold hat ein schmales Büchlein geschrieben über die Sentimentalität des Abschieds und unser Empfinden, dass das Leben verfliegt wie ein einziger Tag – selbst wenn es 100 Jahre währt. Die Geschichte ist der Erinnerungsmonolog einer alten Frau, aber niemals langweilig oder eintönig, im Gegenteil: Mathea erzählt witzig, erfrischend und mit herrlicher Naivität von kleinen und großen Begebenheiten wie dem Tod des Hundes, der Begegnung mit dem Nachbarsjungen oder dem Kauf von Marmeladegläsern, die sie gar nicht öffnen kann. Nach und nach rekonstruiert Kjersti A. Skomsvold aus all diesen Begebenheiten ein Leben – zumindest in einzelnen Splittern, die ich mit dem Klebstoff der Fantasie zu einem Gesamtbild zusammensetzen kann. Dieses Bild zeugt von Stille und Einsamkeit, einer Einsamkeit, die jedoch selbst auferlegt war und von Mathea nie als unangenehm empfunden wurde. Sie hat nichts, wirklich gar nichts gemacht in ihrem Leben – aber sie war damit zufrieden.
Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich ist eines dieser kleinen, feinen, gemütlichen Bücher, die so unaufgeregt daherkommen, die aber auch nichts Großes bewirken. Sehr rührend ist, wie das Zusammenleben zweier alter Menschen beschrieben wird, die ein bisschen schrullig und sehr eng zusammengewachsen waren. Ich fühle mich gut aufgehoben in dieser wunderbaren, melancholischen und auch hoffnungsfrohen Geschichte mit glitzernden Details, aber ich vermisse einen bedeutungsvollen Aha-Moment, einen Dolchstoß, irgendetwas, das mir besonders in Erinnerung bleiben würde. Dennoch ist der Roman mit seiner liebevoll arrangierten Sammlung aus kleinen Anekdoten, skurrilen Gedanken und schmunzeln machenden Ereignissen durchaus lesenswert.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: den Titel finde ich genial, das junge springende Mädchen scheint mir nicht unbedingt so passend.
… fürs Hirn: die Fabelhaftigkeit des Lebens und unsere Pflicht, es auszukosten.
… fürs Herz: das Kind, das es dann nie gab.
… fürs Gedächtnis: die vielen amüsanten Aussagen Matheas, wie zum Beispiel: „Ich gehe in Richtung Kirche hinab und fühle mich dick. Besonders an den Oberschenkeln. Ich habe gehört, dass das eine normale Reaktion ist, wenn man vom anderen Geschlecht abgewiesen wird.“
So many writers, so little time
Ich habe eine Horrorvorstellung, die geht so: Jedes Jahr im Sommer muss ich an demselben Ort Urlaub machen. Nach 25 Jahren bekomme ich vom Bürgermeister eine Stammgastmedaille. Das würde ich nicht ertragen – ich werde ganz kribbelig beim Gedanken, öfter als einmal an den gleichen Ort reisen zu müssen und all die anderen Städte, Strände und Länder nicht sehen zu können. Genau so geht es mir mit Büchern. Sie sind die Reisen, die ich täglich mache, auch wenn ich keinen Urlaub habe – und sie sollen verschieden sein, jede für sich genommen ein einzigartiges Erlebnis, wie unterschiedliche Länder am besten. Allerdings nur in Hinblick auf den Autor und den Inhalt, nicht auf das Genre, da bin ich unflexibel – Chicklit, Vampire-Stories und Thriller kommen nicht in meinen Koffer.
Früher war ich ein Serienjunkie. Mit 17 habe ich die Krimis von Elizabeth George und Andrea Camilleri geliebt, und ich weiß, wie schön es ist, stets aufs Neue zu einer bekannten Buchfigur zurückzukehren. Dann hatte ich meine erste ernste Beziehung mit einem Schriftsteller: John Irving. Viele lange Jahre war ich ihm treu, doch eines Tages war klar, dass wir uns auseinandergelebt hatten, und wir haben uns im Guten getrennt. Danach wurde ich rastlos. So many writers, so little time – ich ziehe von einem zum anderen und lese seit Jahren nur noch selten mehr als ein Buch vom selben Autor. Allzu oft habe ich es auch ganz einfach bereut. Es ist eine Pattsituation: Gefällt mir ein Roman nicht, lese ich ganz sicher keinen zweiten aus derselben Feder, ich bringe nicht die Geduld für eine zweite Chance auf. Finde ich ein Buch dagegen genial, wird es schwierig: Ein zweites Werk hält eventuell nicht, was das erste versprach. So ging es mir, um nur ein paar Beispiele zu nennen, mit Lloyd Jones (Mr. Pip war hervorragend, Here at the end of the world we learn to dance war ein Flop), Colum McCann (Zoli war ein Meisterwerk, Der Himmel unter der Stadt arg enttäuschend), Gerbrand Bakker (von Oben ist es still war ich begeistert, Tage im Juni hat mich gelangweilt), Jeffrey Eugenides (Middlesex gehört zu meinen Lieblingsbüchern, The marriage plot war unglaublich schlecht) … und vielen anderen. Die einzigen zwei Schriftsteller, die durch mein engmaschiges Netz geschlüpft sind und von denen ich auch die Neuerscheinungen lese, sind Milena Agus und Per Petterson. Das ist aber eher Zufall als Plan.
Inzwischen habe ich eine echte Marotte entwickelt. Ich bewundere Leser, die große Fans eines Autors sind, seinem neuen Werk entgegenfiebern und seine Entwicklung verfolgen. Vielleicht beneide ich sie auch ein bisschen, denn ich schränke mich selbst stark ein mit meiner merkwürdigen Abneigung. Ich lese ein Buch, danke dem Autor mit einem Lächeln, grüße freundlich und reise weiter – manchmal würde ich aber möglicherweise gern ein Weilchen bleiben. Ich habe jedoch zu viel Angst, etwas zu verpassen. Wie geht es euch damit? Führt ihr enge Beziehungen mit manchen Schreibern oder habt ihr auch lieber One-Book-Stands? Seid ihr der Meinung, dass ich umgekehrt viel verpasse, weil ich so engstirnig bin? Gibt es eine Serie, die ihr liebt – und warum? Ich bin auf eure Antworten gespannt. Und fahre derweil auf Urlaub.
Milena Agus: Die Welt auf dem Kopf
Posted on: 4. Mai 2013
„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“
„Johnson junior meint, wenn man Kinder in die Welt setzt, darf man nicht einmal im Traum daran denken, verrückt zu werden oder sich umzubringen.“ Daran haben sich die Eltern der jungen Ich-Erzählerin leider nicht gehalten, ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter ist verrückt geworden. Die Literaturstudentin, die bei ihrer Tante aufwuchs, ist inzwischen halbwegs darüber hinweg und genießt das Leben in einer Wohnung in einem alten Palazzo in Cagliari. Und zwar vor allem das Leben der anderen. Denn das ist viel interessanter. Der Signore von oben, Mr. Johnson aus Amerika, wurde von seiner reichen Frau verlassen, weshalb die Studentin es organisiert, dass die Signora von unten, Anna, ihm den Haushalt macht – und sie will die beiden natürlich nicht nur arbeitstechnisch verkuppeln. Annas Tochter Natascha, die absurd eifersüchtig ist, macht sich Sorgen um die herzkranke Mutter, die bisher von Männern nur ausgebeutet wurde. Dann tauchen Mr. Johnsons Sohn – der der Studentin gefallen würde, sich aber leider zum falschen Geschlecht hingezogen fühlt – und Enkel auf, ein altkluger kleiner Junge, den alle lieben. So könnte alles gut werden in dem alten Palazzo in Cagliari – käme nicht plötzlich Mr. Johnsons Frau zurück, um ihren alten Platz einzunehmen und damit das neue Glück zu zerstören …
Ich mag Milena Agus. Sehr. Sie gehört zu den wenigen bis sehr wenigen Autoren, von denen ich alle bisher erschienenen Bücher gelesen habe. Ich bin ein großer Fan ihres klaren, verschmitzten und schnörkellosen Stils. Ihre Geschichten sind wie Seifenblasen, banal eigentlich, aber gleichzeitig schillernd und faszinierend. Immer gibt sich die Autorin ein wenig hinterlistig und springt nicht gerade zimperlich mit ihren Figuren um – auch wenn sie diese stets liebevoll zeichnet. Ein wenig angeschlagen sind sie, die Charaktere, sie haben einen Knacks in der Seele und einen Sprung in der Schüssel. Auch im neuesten Roman Die Welt auf dem Kopf würfelt Milena Agus ein paar Menschen zusammen, steckt sie in ein Haus, streut eine Prise Liebe durch den Kamin und wartet ab, was geschieht. Nämlich – wie immer in ihren Büchern – eigentlich nichts, aber irgendwie doch viel. Es wird verkuppelt und sich verliebt, Herzen werden gebrochen und Liebhaber herbeigesehnt. Das alles geschieht in einem abgeschotteten Mikrokosmos, Beziehungen zur Außenwelt sind nicht von Bedeutung. Da ich in diesem Fall ausnahmsweise vergleichen kann, muss ich sagen, dass das neue Buch nicht an meinen Liebling Die Frau im Mond heranreicht, aber dennoch mehr als lesenswert ist. Es hat jenen einzigartigen Zauber, der allen Werken von Milena Agus eigen ist und dem ich verfallen bin. Es ist eine große Kunst, das Kleine zu erzählen, jene Winzigkeiten, die den Alltag ausmachen, zu einer fabelhaften, spannenden, melancholischen Geschichte zu verweben. Und diese Kunst beherrscht Milena Agus hervorragend.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: sehr schön.
… fürs Hirn: Leichtigkeit und melancholische Schwere zugleich.
… fürs Herz: alles, alles!
… fürs Gedächtnis: auch den nächsten Roman von Milena Agus lesen!
Die Welt auf dem Kopf von Milena Agus ist erschienen im dtv (ISBN 978-3423280136, 200 Seiten, 18,90 Euro).
Matthias Nawrat: Wir zwei allein
Posted on: 4. Mai 2013
„Die Liebe ist eine gute Institution. Sie wird nie aus der Mode kommen“
Eigentlich hat er ja angefangen zu studieren. Aber dann hat er ein bisschen den Antrieb verloren, und jetzt liefert er einfach mal Gemüse aus. Der 30-jährige Ich-Erzähler findet es ganz angenehm, auf einsamen Wegen durch den Schwarzwald zu fahren. Dass es aber auch schön sein könnte, sein Leben mit jemandem zu teilen, merkt er, als er in der Kneipe die Künstlerin Theres kennenlernt: „Theres mit ihrem Lachen, das hüpft wie eine Bachstelze über Steine.“ Zuerst sieht es so aus, als würde er nicht an sie herankommen, doch dann entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die nicht den üblichen Regeln folgt. Denn Theres ist anders, sehr sprunghaft, unberechenbar und launisch. Alles, was den Ich-Erzähler anfangs fasziniert hat, wird zur Belastung für ihn, denn er kann keine Zukunft mit Theres planen, sie nimmt es mit der Treue nicht so genau, und ihre Stimmungsschwankungen untergraben das Fundament ihrer Beziehung. Lange versteht er nicht, was mit Theres los ist und dass ihre unkontrollierbaren Launen einer Krankheit entspringen.
Wir zwei allein von Matthias Nawrat ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Und ich mag ungewöhnliche Liebesgeschichten. Unperfekt müssen sie sein und ein bisschen schief, leicht angeschlagen und irgendwie schrullig. Natürlich ist das Normale viel zu normal, um einen Roman darüber zu schreiben, vor allem, wenn es um die Liebe geht. Also entwirft der in Polen geborene Autor zwei Figuren, die ein wenig angeknackst daherkommen: einen Mann, dessen erster Lebensentwurf gescheitert ist, und eine Frau, die gar keinen hat. Ein Gemüsefahrer und eine Künstlerin, zwei einsame Seelen, zwei Körper, die Wärme brauchen: „Hast du schon einmal versucht, Wolle zu essen, sagt sie, und das letzte Stück in der Hand zu behalten, so dass du nach dem Klo wie eine Perle aufgefädelt bist, bereit, jemandem um den Hals gehängt zu werden? Nein, sage ich. Ich auch nicht, sagt sie.“ Die Liebe der beiden ist wie ein scheuer Vogel, sie zeigt sich, hüpft und tiriliert, lässt sich aber nicht greifen. Und da dem Ich-Erzähler das eigentliche Problem so lange nicht klar ist, tappe auch ich im Dunkeln und werde immer verwirrter. Zwar folge ich dieser komplizierten Liebelei durchaus gern, aber die gewünschte Sogwirkung übt der Roman nicht auf mich aus. Ich verirre mich zwischen all den Fäden, in die die zwei Protagonisten sich verwickeln, und von beiden kann ich verschiedene Handlungsweisen weder nachvollziehen noch verstehen. Was aber auch nicht weiter schlimm ist – schließlich wollte ich es ja so mit dem Ungewöhnlichen. Trotzdem bleibt bei mir das Gefühl, dass die Geschichte nicht gehalten hat, was sie mir am Anfang versprochen hat: viel Tiefgang und ein bisschen Leuchten. Doch letztlich breitet sich in dieser Liebesgeschichte wie in jeder anderen auch großes Schweigen aus.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: die Karotte ist unbezahlbar genial.
… fürs Hirn: dass alles, was einen anfangs fasziniert, irgendwann nervt.
… fürs Herz: nun ja, es ist eine Lovestory.
… fürs Gedächtnis: ein Lieblingszitat: „Sonntage sind in Wahrheit Gemälde aus der Romantik. Weil die Menschen nicht arbeiten, gibt es nur das Wetter, sonst passiert nichts.“
Wichtige Bücher meines Lebens
Posted on: 14. April 2013
Lebensliteratur
Letzte Woche bin ich 30 Jahre alt geworden. Was das mit Büchern zu tun hat? Auf den ersten Blick nichts. Und gleichzeitig alles. Weil das Lesen mein ganzes Leben prägt – und weil ein runder Geburtstag immer Anlass gibt für eine Art Zwischenbilanz. Was hab ich erreicht, gesehen, erlebt, welche Wünsche sind in Erfüllung gegangen, welche Wunden verheilt? Und: Welche Bücher haben mich verändert? Bücher haben mich zu dem gemacht, was ich bin – Lektorin und Texterin – , ich verbringe meine Freizeit mit Büchern, ich träume davon, sehne mich danach – sie sind mir wichtig. Also habe ich mich pünktlich zum Jubiläumsgeburtstag vor mein Regal gestellt, ich besitze ja nur eins, und habe die wenigen Buchrücken betrachtet, die mir wichtig genug sind, dass sie bei mir bleiben dürfen, und habe mich gefragt, welche davon die größte Wirkung auf mich gehabt haben. Die Auswahl ist mir überraschend leicht gefallen. Viele, viele, viele Bücher haben mich beeindruckt, berührt, meinen Horizont verändert. Diese hier gehören zu den wichtigsten meines Lebens:
Michael Ende: Die unendliche Geschichte
Es war sicher nicht das Buch, mit dem alles begann, weil ich schon davor gelesen habe. Aber es war das Buch, mit dem alles begann. Nie werde ich das Gefühl vergessen, als ich mit acht Jahren zum ersten Mal begriff, wie mächtig, wie unendlich die Fantasie ist. Michael Ende öffnete mir die Tür zu einem Reich, das ich niemals mehr verlassen wollte: zur Welt der Literatur. Dem Paradies, gewissermaßen.
Astrid Lindgren: Mio, mein Mio
Astrid Lindgren war genial und in meinen Augen die beste Kinderbuchautorin der Welt. Ich besitze fast nichts aus meiner Kindheit, aber Pippi und Ronja, die Brüder Löwenherz und Klingt meine Linde sind immer bei mir. Astrid Lindgrens unsterbliches Werk habe ich Zeile für Zeile verschlungen und geliebt. Mio, mein Mio ist ein unfassbar trauriges, stolzes, mutiges Buch, das mir für immer viel bedeuten wird.
Arundhati Roy: The God of small things
Arundhati Roy markiert einen Wendepunkt in meiner literarischen Persönlichkeitsfindung. Nach dem Hanni-und-Nanni-Genre, vielen Biografien, Hohlbein-Fantasy und zahlreichen Krimis habe ich mit 15 The God of small things gelesen. Und war elektrisiert. Zu Tränen gerührt. Fassungslos. Verstört. Und glücklich. Ich wusste plötzlich, dass ich die Entdeckungsreise ernsthaft angehen musste: Die “echte” Literatur wartete auf mich.
Javier Marias: Mein Herz so weiß
Den Beginn dieser Entdeckungsreise machte Javier Marias. Seine endlosen Sätze legten sich wie Schlingen um mich, und ich musste mir den Zugang zur Geschichte hart erkämpfen. Das hat sich gelohnt, und ich habe gemerkt, dass es nicht das Gefällige ist, das ich suche, sondern dass ich durchaus interessiert bin an der Herausforderung.
Peter Hoeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels
“Ich glaube, es war Liebe. Ist man ihr einmal begegnet, dann will man nicht mehr sinken. Dann sehnt man sich für immer nach dem Licht und der Oberfläche.” Das ist mein Lieblingszitat aus diesem Buch. Die Geschichte ist tieftraurig und ging mir an die Substanz. Ich habe mich mehr denn je in Worte verliebt, in ihre Melodie, wenn sie klingen, in die Poesie, die sie bilden können.
José Saramago: Die Stadt der Blinden
Was für ein Kaliber! Dieses Buch hat mich niedergestreckt. Und mich wachgerüttelt. Es hat mir gezeigt, dass mit Worten alles, alles möglich ist, dass wir damit erschaffen können, was nicht existiert, und beschreiben können, was wir empfinden. José Saramago hat mich innerlich umgegraben, und das war gut so.
Yann Martel: Life of Pi
Es gab eine Zeit, da habe ich mich viel mit Religion beschäftigt – ich war sieben Jahre lang Ministrantin, ehe ich mit 18 aus der katholischen Kirche ausgetreten bin. Yann Martel hat einen sensiblen Punkt in mir berührt, indem er mit diesem Buch so wunderbar zeigt, dass alle Religionen Geschichten sind – weil Menschen Geschichten brauchen, weil Gott eine gute Geschichte ist. Das hat mir viel bedeutet und es hat dazu beigetragen, mich tolerant und offen zu machen, ich konnte all das Erlebte besser loslassen.
John Irving: A prayer for Owen Meany
Als ich 17 war, begann meine erste ernste Beziehung mit einem Autor: John Irving. Es begann mit A widow for one year, und als ich A prayer for Owen Meany in die Finger bekam, war es um mich geschehen. Ich wusste, dass Literatur für mich so sein musste wie dieses Buch: wild, verrückt, unfassbar klug, ergreifend, sinnvoll. Nach vielen Jahren und vielen Büchern haben wir uns, wie es oft der Fall ist in einer Liebesbeziehung, ein wenig aus den Augen verloren und im Guten getrennt. Aber John Irving gehört für mich persönlich nach wie vor zu den genialsten Autoren überhaupt, und alle anderen müssen sich mit ihm messen.
Per Petterson: Pferde stehlen
Mit diesem Buch war die Suche nach meinem literarischen Ich sozusagen abgeschlossen. Mit dieser Lektüre wurde mir klar, dass ich angekommen war – bei dem Stil, den ich liebe, und bei mir selbst. Ich will es melancholisch und ein bisschen schwierig, ich will es tiefgründig, klug und berührend. Ich will Bücher, die mich nicht in Ruhe lassen und die Gefühle in mir auslösen.
Torsten Schulz: Nilowsky
Posted on: 14. April 2013
„Was ich selber denk und tu, trau ich jedem andern zu“
Markus Bäcker findet es 1976 am Rand von Ost-Berlin ziemlich scheiße. Es stinkt nach dem Chemiewerk, andauernd rattern Züge vorbei, die Mutter treibt sich bei den Afrikanern herum, und in der Schule kennt er niemanden. Dann begegnet er Nilowsky, dessen Vater die Kneipe in Pankow betreibt, dessen Vater säuft und den Sohn verprügelt. Nilowsky ist eigensinnig, ein paar Jahre älter, herausfordernd und entschlossen, eine Tages Carola zu heiraten. Markus ist hingerissen von dem rauen Typen, der unberechenbar ist und ihn ständig an die Grenzen bringt – genauso wie von Carola, die für immer dreizehn bleiben will, obwohl sie längst älter ist. Eine seltsame Dreiecksgeschichte entspinnt sich, die weder eine Liebesbeziehung noch eine richtige Freundschaft ist. Die Faszination, die Nilowsky auf Markus ausübt, ist auch Jahre später ungebrochen, als die Mauer fällt und die Jugendlichen erwachsen geworden sind – aber nicht glücklicher …
Torsten Schulz hat es mir mit seinem zweiten Roman Nilowsky nicht unbedingt leicht gemacht. Im ersten Drittel weckt er meine Neugier mit seiner Geschichte über einen Außenseiter, zu dem sich ein zweiter gesellt – mit einem dritten im Schlepptau. Ich finde das Setting interessant: Berlins Vorstadt, giftige Dämpfe, viel Alkohol, kaum Perspektiven. Auftritt Underdog: Nilowsky ist ruhelos, ein vernachlässigtes Kind, ein ratloser Jugendlicher, bald auch eine Waise. Der Autor macht ihn zu einer widersprüchlichen und durchaus faszinierenden Persönlichkeit mit einer anstrengenden Art zu reden, er zeigt Nilowsky außen cool und selbstsicher, innerlich orientierungslos und verloren. Die, die ihm etwas bedeuten, sterben ihm weg, und die Liebe zu Carola, sein einziger Fixpunkt, gestaltet sich – wie wohl jede Liebe – schwierig. Ab der Hälfte entgleitet mir der Roman jedoch langsam, es kommen nicht die Abenteuer, die ich erwartet habe, sondern die Wege trennen sich, der einst enge Kontakt wird bedeutungsloser, die drei lassen einander nicht ganz los, haben aber auch nicht jene Wirkung aufeinander, die der Anfang mir versprochen hat. Die Geschichte zerfällt in meinen Händen, verliert an Konsistenz und an Spannkraft, was ich naturgemäß schade finde. Als Markus und Nilowsky einander verlieren, verliert Torsten Schulz mich. Geschickt hat er die geschichtlichen Umstände – vor allem rund um den Fall der Mauer – in den Roman eingebaut, aber sie bleiben Rahmenbedingungen mit wenig Auswirkungen auf die Figuren. Letztlich war dieses Buch für mich wie ein gutes Nudelgericht: Nicht das Feinste, was es gibt, aber es stillt für eine Weile den Hunger.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: der Zug, die Gleise, ja – aber das Huhn?!
… fürs Hirn: eine ungewöhnliche Freundschaft, eine Art der Abhängigkeit und ein bisschen Politik.
… fürs Herz: wo die Versuche zu lieben scheitern, bleibt nur Gleichgültigkeit.
… fürs Gedächtnis: leider nicht allzu viel.
Nilowksy von Torsten Schulz ist erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-93971-2, 285 Seiten, 19,95 Seiten).
Auf der Suche nach der eigenen Identität
„Wenn man mitten im Getümmel des Lebens steckt, dann kommt es einem wie ein einziges Desaster vor, Shannon – eine Überraschung jagt die nächste. Doch wenn man dann später auf sein Leben zurückblickt, wirkt es wie ein plausibler Handlungsablauf. Eine Sache führt zur nächsten. Und so weiter. Man beginnt, den kausalen Zusammenhang zwischen allem zu erkennen.“ Doch für Shannon ist es schwierig, solche Zusammenhänge zu finden und den roten Faden in ihrem Leben zu erkennen: Sie weiß nicht, wer ihre Eltern sind und wo ihre Wurzeln liegen, sie weiß nicht, wer sie ist. Ihre Mutter hat sie als Baby anonym weggegeben, und erst mit fünf Jahren landet sie bei Miranda und deren Tochter Lydia-Rose, wo sie bleiben kann. Dort führt sie ein normales Leben, das von Zuneigung, aber auch von Streitigkeiten geprägt ist. Doch da ist dieses Sehnen in ihr, das nicht vergeht: „Ich möchte wissen, wer meine Mutter ist. Ich möchte wissen, wer meine richtige Familie ist, wo ich wirklich hingehöre, warum ich so aussehe, warum ich solche Gefühle habe. Ich möchte diese Dinge wissen – mehr als alles andere auf der Welt.“ Also macht Shannon sich auf die Suche – nach ihrer Mutter und ihrer Geschichte.
Der Roman Hier könnte ich zur Welt kommen lebt von der intensiven und einfühlsamen Erzählweise Marjorie Celonas. Die kanadische Autorin lässt ihr Debüt in ihrer Heimat Vancouver Island spielen, wo die Winde rau sind und die Menschen auch. Marjorie Celona hat für ihre starke Story über ein adoptiertes Mädchen die Ich-Perspektive gewählt, und Protagonistin Shannon berichtet über Zeiten und Dinge, von denen sie nichts wissen kann: die eigene Geburt, die ersten Lebensjahre in der Obhut diverser Pflegefamilien. Abwechselnd wird von Shannons Aufwachsen und den Umständen ihrer Geburt erzählt, bis Gegenwart und Vergangenheit zusammentreffen – und zu einer Geschichte voll Versagen und Schmerz, Menschlichkeit, Trauer und Sehnsucht verschmelzen. Shannons Wut und Traurigkeit sind stets greifbar, sie fühlt sich abgeschnitten, verloren, und ich kann mir vorstellen, wie schlimm es sein muss, die eigenen Wurzeln nicht zu spüren – auch wenn es natürlich nur eine theoretische Vorstellung bleibt. Was ihrer eigentlichen Familie geschehen ist und warum Shannons Mutter das Baby weggelegt hat, erschüttert und betrübt mich zutiefst – durch den Egoismus zweier Menschen zerbrach einst alles, und sie tragen viele Jahre später noch schwer an ihrer Schuld. Das zu lesen, tut richtig weh, ich will eingreifen in den entscheidenden Sekunden und alles verhindern. Hier könnte ich zur Welt kommen ist bewegend, aber niemals kitschig und überrascht mich mit einem in meinen Augen realistischen Ende, das perfekt zur Geschichte passt. Eine richtig gute Entdeckung im Frühjahrsprogramm 2013.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:ein Hingucker!
… fürs Hirn: die Überlegung, wie es sich anfühlen muss, ein derart ungewolltes Kind zu sein.
… fürs Herz: viel Wut, Schmerz und Einsamkeit.
… fürs Gedächtnis: die schreckliche, unfassbar traurige Geschichte von Eugene.
Hier könnte ich zur Welt kommen von Marjorie Celona ist erschienen bei Suhrkamp/Insel (ISBN 978-3-458-17562-9, 347 Seiten, 19,95 Euro).






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