Verfasst von: Mariki Am: 27. Januar 2012
Das Bücherwurmloch wird 3 Jahre alt!
Vor exakt drei Jahren – am 27. Jänner 2009 – ging das Bücherwurmloch, damals noch unter einer anderen Adresse online. Und zwar mit diesem historisch wertvollen Posting:
Sprichst du noch oder bloggst du schon?
Ich blogge, also bin ich: Wer heutzutage etwas mitzuteilen hat – oder auch nicht -, der tut das öffentlich in einem Blog. Ich reihe mich ein in die Liste derer, die denken, sie seien wichtig und interessant genug, um gelesen zu werden. Was mitzuteilen hab ich auch: meine Meinung. Und zwar über Bücher. Was sonst beschäftigt mich so sehr wie die Literatur? Nichts!
Deshalb gibt es hier ab sofort regelmäßig Neuigkeiten aus meinem Bücherwurmloch, in dem ich sitze und Tag für Tag Buchstaben, Sätze und Seiten verschlinge. Ich gehe dabei extrem selektiv vor und bewerte absolut subjektiv. Gut ist nur, was mir gefällt. Und was schlecht ist, wird raufgerülpst und wieder ausgespuckt – aber mit schlagkräftigen Argumenten. Das Schöne daran: Dieser Blog gibt mir die Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen – und meinen guten Geschmack zu verbreiten. Es ist aber auch erlaubt, zu diskutieren. Im Bücherwurmloch ist noch viel Platz für Kommentare und andere subjektive Empfindsamkeiten. Da es so schön heißt: Lesen ist für den Kopf, was Gymnastik für den Körper ist, geh ich jetzt mal Sport machen. Die erste Rezension gibt’s dann morgen. Oder übermorgen? Ich muss erst mein Buch fertig lesen.
Ja, so war das. Seither habe ich sage und schreibe 364 Artikel veröffentlicht – fast alles Rezensionen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Bloggern gibt es bei mir keine Stöckchen, Füller und andere schöne Dinge. Aber: Es gibt zum ersten Mal was zu gewinnen! Denn ich LIEBE Geburtstag. Aussagen wie „Ach, ich feiere nur im kleinen Kreis“ oder „Ich mag nicht so gern Geburtstag haben“ gibt es bei mir nicht. Ich feiere mindestens drei Tage lang. Und ich steh auf Geschenke. Da ich befürchte, dass ich zum Blog-Geburtstag keine bekommen werde, schenke ich einfach euch welche. Dazu habe ich 3 Bücher zum Verlosen ausgesucht. Hier sind sie:
Mr. Chartwell von Rebecca Hunt (Leseexemplar, erscheint am 12. März) – das sagt der Klappentext: Wer hat Angst vorm schwarzen Hund? Manchmal erlebt man merkwürdige Überraschungen. So geht es auch – wir schreiben das Jahr 1964 – der jungen und oft recht einsamen Bibliothekarin Esther Hammerhans, als sie einen Untermieter sucht. Denn als der erste Interessent bei ihr klingelt, glaubt sie ihren Augen kaum zu trauen: Vor ihrer Tür steht ein riesiger schwarzer Hund, der sich als Mr. Chartwell vorstellt. Obwohl Esther fest entschlossen ist, den unheimlichen Besucher unverzüglich loszuwerden, nimmt sie ihn zu ihrer eigenen Überraschung doch bei sich auf. Sie kann der bestimmenden, aufdringlichen Art ihres Gastes einfach nichts entgegensetzen. »Der schwarze Hund«, so hat Churchill die Depressionen genannt, unter denen er sein Leben lang gelitten hat. Und Mr. Chartwell ist niemand anders als jener düstere und verführerische Eindringling, der mit Vorliebe Churchills Seele verdunkelt und der nun droht, auch das Leben von Esther Hammerhans zu überschatten … Virtuos, kurzweilig und höchst amüsant erzählt die junge britische Autorin Rebecca Hunt die Geschichte von Esther, Churchill und Mr. Chartwell, dem schwarzen Hund, der sie beide eng verbindet – eine bezaubernde Geschichte darüber, wie merkwürdig das Leben sein kann, wie überraschend und manchmal auch ein ganz klein wenig absurd.
Wer Mr. Chartwell gewinnen möchte, schickt seine Adresse und die Antwort auf folgende Frage an buecherwurmloch@hotmail.com: Welches war mein Buch des Monats im Mai 2011?
Die Kometenjäger von Marc Deckert (Leseexemplar inklusive Leuchtsternchen, erscheint im März) – das sagt der Klappentext: Es muss dunkel sein, wenn wir die Sterne am Himmel erkennen wollen.
Wo ist der dunkelste Ort Deutschlands? Und ist es möglich, nur mit den Augen einen Kometen zu entdecken? Zwei junge Männer gehen gemeinsam auf die Suche: Der unentschlossene Philipp, der weder beruflich noch privat Fuß fasst und dessen Comicfigur Monsieur Lamarre mehr erlebt als er selbst. Und Tom, der sich mit Haut und Haar der Astronomie verschrieben hat, im tiefsten Innern aber ein Abenteurer und Romantiker ist. Gemeinsam bereisen sie ihre eigene Landkarte der Dunkelheit – ihr Weg führt sie von Süddeutschland nach Kalifornien, wo sie auf die alten Helden der Astronomie treffen, die stundenlang ausharren für den perfekten Anblick eines Sternhaufens. Philipp macht die Erfahrung, dass sich manche Frauen von den Wundern des Nachthimmels partout nicht beeindrucken lassen. Und Tom muss sich fragen, ob sein Lebensentwurf noch in die Gegenwart passt. Denn die Zeit der großen Kometenjäger scheint abzulaufen …
Wer Die Kometenjäger gewinnen möchte, schickt seine Adresse und die Antwort auf folgende Frage an buecherwurmloch@hotmail.com: Wie viele Punkte habe ich dem Buch Der Hase mit den Bernsteinaugen von Edmund de Waal gegeben?
Das Geheimnis des Kalligraphen von Rafik Schami – das sagt der Klappentext: Ein Gerücht breitet sich aus wie ein Lauffeuer in den verwinkelten Gassen der Altstadt von Damaskus: Die schöne Nura soll ihren Mann, den berühmten Kalligraphen Hamid Farsi, verlassen haben. Unerhört im Jahr 1957 in Syrien. Warum sollte sie ein Leben aufgeben, um das viele sie beneiden? Wurde sie womöglich von den Gegnern ihres Mannes entführt? Schließlich arbeitet Farsi an einer radikalen Reform der arabischen Sprache. Dass sein ehrgeiziges Projekt in den Augen der religiösen Fundamentalisten höchst frevelhaft ist und ihn in Lebensgefahr bringt, übersieht er in seinem Eifer. Ebenso, dass sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung entsponnen hat zwischen seiner vernachlässigten Ehefrau und seinem Lehrling Salman, einem Christen …
Wer Das Geheimnis des Kalligraphen gewinnen möchte, schickt seine Adresse und die Antwort auf folgende Frage an buecherwurmloch@hotmail.com: Für welchen Buchhandlungspreis war ich 2011 Mitglied der Jury?
Oh, und der EINSENDESCHLUSS für eure Antworten ist heute in einer Woche, am Freitag, 3. Februar 2012.
Nun wünsche ich euch viel Glück beim Gewinnspiel – und mir alles Gute zum Blog-Geburtstag! Ich danke euch fürs Lesen, Kommentieren, Empfehlungenaussprechen und Plaudern und freue mich auf viele weitere Jahre in diesem virtuellen Lesekreis.
Verfasst von: Mariki Am: 27. Januar 2012
Zwei Männer, eine Doppelgängerin und das Wetter
Eines Abends sitzt der New Yorker Psychiater Leo Liebenstein in seiner Wohnung und wartet auf seine Frau Rema. Als sie hereinkommt, hat sie einen Hund dabei – aber das ist das kleinere Problem, denn Rema ist nicht Rema. Sie sieht aus wie sie, spricht und riecht wie sie, aber es handelt sich um eine Doppelgängerin, das weiß Leo ganz sicher. Er verhält sich ruhig, um das Simulacrum nicht zu alarmieren, aber in seinem Inneren kochen die Gedanken über. Wo ist seine Frau? Ist sie bei Harvey, seinem Patienten, der verschwunden ist? Was haben Tzvi Gal-Chen und die Royal Academy of Meteorology damit zu tun? Zuerst wartet Leo auf Remas Rückkehr. Doch als Tag für Tag die Doppelgängerin auftaucht, beschließt er, seine Frau zu suchen …
Capgras-Syndrom oder illusionäre Personenverkennung nennt man das, worunter Leo Liebenstein in Rivka Galchens Roman Atmosphärische Störungen leidet. Er ist zu betriebsblind für eine Selbstdiagnose, hat aber sehr wohl einen Verdacht: „Es gab eine Zeit, da glaubte man, alle, die sich um Geisteskranke kümmern, würden selbst geisteskrank, und als Harveys Nachricht eintraf, reckte diese Vorstellung – die Ansteckung – ihre leichenblasse Hand aus der Vergangenheit nach meinem Geist aus.“ So weit, so gut. Diese interessante Inhaltsangabe sowie die Lobeshymnen der Kritiker haben mich zur Lektüre dieses Buchs bewogen. Doch die Geschichte ist kompliziert – und mir einfach viel zu verrückt. Leo behandelt einen Patienten namens Harvey, der glaubt, ein Agent der Royal Academy of Meteorology zu sein, wegen seiner Wahnvorstellungen. Dabei lügt er ihm vor, selbst für die Academy zu arbeiten – unter dem Namen Tzvi Gal-Chen. Diesen Mann gibt es wirklich, und als Rema vermeintlich verschwundne ist, tritt Leo mit ihm in Kontakt. Die Academy heuert ihn an, er reist zu Remas Mutter nach Buenos Aires, er trifft Harvey. Nichts an der Handlung ergibt Sinn, was mit Sicherheit daran liegt, dass sie aus der Sicht eines Menschen erzählt wird, der den Verstand verloren hat. Damit nicht genug – es geht auch noch um das Wetter. Und zwar im abstraktesten Sinne. Rivka Galchens Vater ist Professor für Meteorologie, er hat mit Sicherheit keine Probleme mit Sätzen wie diesem: „Eine exakte Bestimmung verlangt die Inversion riesiger Matritzen in der Größenordnung von 10 hoch 5 x zehn hoch 5, aber da es sich um dünnbesetzte Matritzen handelt, können im Prinzip viele Berechnungen parallel vorgenommen werden.“ Nun ja – ich hab damit sehr wohl Probleme. Ich verstehe weniger als Bahnhof, das Fragezeichen über meinem Kopf wird während der Lektüre immer größer. Die Abbildungen tragen auch nicht dazu bei, dass ich mich weniger dumm fühle. 
Ratlos stolpere ich mit dem verwirrten Leo Liebenstein durch diesen Roman, verfolge mit Schaudern, wie er Beweise dafür sucht, dass seine Frau nicht seine Frau ist, begleite ihn auf seiner sinnlosen Suche und merke irgendwann, dass er auch noch schlecht hört – was alles nur noch schlimmer macht. Trotz all dieser großen Defizite übt Atmosphärische Störungen eine ganz eigenartige Faszination auf mich aus. Das muss am blanken Wahnsinn liegen, der mich zwischen den Seiten angrinst wie ein Totenschädel. Die Dialoge sind abstrus und enthalten doch geniale Sätze: „Ich habe diese Verrücktheit nicht erfunden, sage ich, Sie ist zu mir gekommen, nicht aus mir heraus“ oder: „Ich habe mir das Leben in meinem Kopf immer wie ein ungebärdiges Parlament mit ausgerasteten Extremisten vorgestellt, darum blicke ich nicht auf sie herab, wenn andere genauso sind.“ Alles in allem finde ich keinen Zugang zu dieser verqueren Geschichte und habe das Gefühl, dies ist ein Buch, das sich gar nicht verstehen lässt. „Erscheint eine Geschichte zu willkürlich oder zu brillant, als dass ein „Irrer“ sie selbst erfunden haben könnte, sollte man erwägen, ob nicht die Wirklichkeit der „Autor“ und der „Irre“ lediglich ein Leser ist.“ Oder so.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: warum nicht. Die Damen haben schöne Föhnwellen.
… fürs Hirn: mein Hirn hat sich überanstrengt. Mir fehlt offenbar eine Gehirnregion zum Verständnis dieses Romans. Ich brauche sie aber anscheinend auch nicht unbedingt.
… fürs Herz: die Traurigkeit von Leo, der seine Frau – die er verschwunden wähnt – so sehr vermisst, obwohl sie vor seiner Nase ist.
… fürs Gedächtnis: nur meine Verwirrtheit und das unangenehme Gefühl, nicht intelligent genug für dieses Buch zu sein. Oder nicht verrückt genug?
Verfasst von: Mariki Am: 27. Januar 2012
Verfasst von: Mariki Am: 16. Januar 2012
Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt
Die Geschichte beginnt mit Caspar, einem skrupellosen Soldaten im Dreißigjährigen Krieg, als Kind von Söldnern geraubt, dessen Geschäft der Tod ist: „Er stach in die Leiber hinein, als ob sie ein Stück warmes Brot wären. Er brach die Körper auf wie die guten Scinken, die er auf seinen Raubzügen durch die Gegend einem Bauern entwendete.“ Durch eine grausame Inbesitznahme kommt er zu einer Frau und einem Hof, er übernimmt ihren Namen Aubertin. Zu Obertin wird dieser umgewandelt, als Caspars Enkel Frederick ins rumänische Banat auswandert, eine beschwerliche und gefährliche Reise über die Donau auf sich nimmt, um in der Fremde das schwäbische Dorf Triebswetter zu gründen. 1924 sind von der geachteten Familie nur noch Elsa, die in Amerika auf unbekannte Weise zu Geld gekommen ist, und ihr Vater übrig. Als aus einem Gewitter Jakob ohne Nachname tritt wie der leibhaftige Teufel und um Elsas Hand anhält, willigt sie ein, ihn zu heiraten – und stimmt damit unwissentlich einem Leben unter seiner herrischen Hand zu. Erzählt werden all diese Jahrhunderte umspannenden Geschichten von Jacob mit c, Sohn von Elsa und Jakob, wegen seiner schmächtigen Gestalt vom Vater abgelehnt und verprügelt, der jedoch trotz seiner körperlichen Schwäche umzugehen weiß mit den Gefahren, die das Leben ihm entgegenwirft wie Steine, die ihn zum Stolpern bringen sollen. Entbehrlich ist Jacobs Leben, abenteuerlich, voll Gewalt und Schmerz – und mit viel zu wenig Liebe.
Groß ist ein Wort, das gern für Romane wie Catalin Dorian Florescus Werk verwendet wird, und groß ist dieses Buch tatsächlich, gewaltig sogar. Sprachgewaltig, ideengewaltig, geschichtsgewaltig. Der Autor wurde in Rumänien geboren, lebt aber in der Schweiz und schreibt auf Deutsch. All das Rumänische in seinem Blut, so scheint es, ist beim Schreiben hineingeflossen in dieses Buch, hat die rumänische Landschaft, die Bevölkerung mit ihrem Aberglauben, den Zigeunerhügel vor Triebswetter lebendig werden lassen. Dies ist ein männliches Buch, geschrieben von einem Mann, erzählt aus der Perspektive von Männern – was herrlich erfrischend ist angesichts der zahlreichen Familiensagas aus Frauenhand. Sechs Generationen umfasst die Handlung, und jede Epoche bringt einen weiteren Obertin hervor; die Frauen sind Randfiguren, aber ebenso Motivation und Ursache für alles, was geschieht. Dicht verwoben mit der Familie Obertin ist die Geschichte eines Orts, eines Landteils; vom rumänischen Banat berichtet Catalin Dorian Florescu, von einer unwirtlichen Gegend, in die Kaiserin Maria-Theresia ihre Getreuen schickte, damit sie sich das Land dort aufteilten und es fruchtbar machten. 300 Jahre wirbelt dieses Familienepos auf, beginnend mit dem Dreißigjährigen Krieg in Lothringen, und es erzählt von Krieg und Gewalt, vn Liebe und Verrat, von Flucht, Deportation und Heimatlosigkeit. Jeder kann ein Feind sein, mit jeder Generation ändert sich die Richtung, aus der der gefährliche Wind weht, und Protagonist Jacob bekommt das mehrmals zu spüren. Er wird fortgebracht, was erst einer Tragödie gleichkommt, sich dann aber als Segen erweist, kann er doch fernab vom herrschsüchtigen, dominanten Vater eine eigene Persönlichkeit entwickeln und Kraft. Er ist ein Getriebener, nicht verwurzelt mit dem Banat, obwohl er dort geboren ist, und dann, als alles einem versöhnlichen Ende zugehen könnte, kommt es doch wieder ganz anders.
Die Toten spazieren wie auskunftsfreudige Gespenster durch dieses wunderbare, ausschweifende, glänzend geschriebene Buch, das es dem Leser an nichts fehlen lässt. Ich freue mich, ich leide, ich kämpfe mit Jacob, stehe ihm bei Hunger und Kälte zur Seite, durchleuchte mit ihm Lügen und Machtspiele. Groß ist dieser Roman auch wegen der Gefühle, die aus ihm sprudeln, die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen wuselt mir entgegen, Hass ist ebenso dabei wie Teilnahmslosigkeit und Liebe. Armut und Entwurzelung begleiten die Menschen wie Verwandte, die man nicht loswerden kann, plastisch und auf poetische Weise schildert der Autor das Leben, das viele führten und das viele an den Hunger verloren. Gleichmäßig und schön geordnet sind die Worte, Florescu schreibt wie ein Juwelier, der Perlen für ein Collier auffädelt; er weiß, was er sagen will, und die Worte liegen in ihren Muscheln für ihn bereit, um eine schnurgerade, faszinierend anmutige Kette zu ergeben. Groß ist deshalb auch das Talent dieses preisgekrönten Autors, der mir zusammen mit Jacob spannende, beschauliche und nachdenkliche Stunden geschenkt hat sowie einen Einblick in ein mir weitgehend unbekanntes Land zu einer längst vergangenen Zeit. Und eigentlich brauchte es nur ein paar Seiten, drei, vielleicht fünf, ehe ich beschloss, dieses Buch zu lieben.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: ein gut gemachtes Cover, das Bild erzählt eine Geschichte, sehr schön.
… fürs Hirn: die historischen Fakten hinter der Story, das Bewusstsein für die Wankelmütigkeit und Grausamkeit der Menschen.
… fürs Herz: Jacob, die Hauptfigur, und die Entwicklung, die er durchmacht, die Kraft, die all das Leid ihm gibt, aber auch die Erkenntnis, dass der Schmerz ihn abstumpfen lässt.
… für Gedächtnis: die Szene, wie Caspar den Hof der Aubertins in seine Hände bringt, hat sich mir am meisten eingebrannt.
Jacob beschließt zu lieben von Catalin Dorian Florescu ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-61267-1, 404 Seiten, 19,95 Euro).
Verfasst von: Mariki Am: 16. Januar 2012
Das öde Leben dreier Twentysomethings
Madeleine könnte sich einen besseren Start in ihren graduation day vorstellen: Als ihre Eltern sie um halb sieben aus dem Bett klingeln, ist sie verkatert und vor Liebeskummer ganz schwach. Drei Wochen zuvor hat sie sich von Leonard getrennt, dem coolen, unnahbaren Macho Leonard mit der kaputten Familie, der sich im Semiotikkurs, wo sie sich kennenlernten, unbezähmbar intellektuell gab. Madeleines Eltern hätten lieber Mitchell an ihrer Seite gesehen, mit dem sie sich im ersten Collegejahr angefreundet hat, der jedoch untätig zusah, wie sich das Zeitfenster, in dem die beiden eine Beziehung hätten beginnen können, schloss. Nun bricht er, den Abschluss in Theologie in der Tasche, mit seinem Freund Larry auf zu einer Reise durch Europa und Indien. Madeleine dagegen findet zurück zu Leonard, die beiden kommen wieder zusammen, haben jedoch die Machtpositionen getauscht: Leonard ist manisch-depressiv und hat deshalb nicht mehr die Oberhand in der Beziehung, er klammert, er ist eifersüchtig. Dennoch stellt Madeleine alles hintan für ihn, besonders ihre Karriere, die ein Jahr nach dem Abschluss nicht einmal begonnen hat. Doch es ist eine uralte Weisheit, die Madeleine am eigenen Leib erfahren muss: dass man niemanden retten kann, der nicht gerettet werden will.
In The marriage plot erzählt Jeffrey Eugenides von drei jungen Menschen, die sich aufmachen, die Welt zu erkunden. Klischeehafter könnte ihr Werdegang kaum sein, der eine (Mitchell) macht die obligatorische Weltreise – immerhin mit religiösem Hintergrund – auf der Suche nach plausiblen Antworten auf die großen Fragen und nach schönen Frauen, der andere (Leonard) setzt sich blass in die Ecke, weint wegen seiner lieblosen Familie, kriegt nichts auf die Reihe, schmollt und leidet unter den Nebenwirkungen seiner Medikamente. Die Frau (Madeleine) dagegen tut, was junge Frauen gerne tun: Sie widmet sich mit Hingabe ihrer Liebe zu einem schwierigen Mann, sie – und nur sie – wird ihn heilen können, auch wenn ihre Liebe im Alltag merklich schrumpft. Gespickt ist all dies mit Literaturverweisen, Zitaten und jenen schlauen Sprüchen, die Studenten nun mal von sich geben, um sich als die Elite der Gesellschaft auszuweisen. Jeffrey Eugenides’ Ton ist dabei unangenehm altväterlich, als wollte er mir vor Augen führen, wie belesen und jung geblieben er doch ist. Das Buch ist eng mit dem Studentenleben verknüpft, dem ich inzwischen entwachsen bin und das auch für manch anderen Leser nicht brennend interessant sein dürfte.
Leonards Krankheit nimmt viel Raum ein in diesem Roman. Zwei mir sehr nahestehende Menschen sind manisch-depressiv und ich bin, was dieses Thema angeht, nicht ganz unbedarft – umso mehr stört mich die extrem stereotype Darstellung Leonards, der ein lasches Verhalten an den Tag legt, nicht in die Gänge kommt, nicht auf Partys gehen will, als sei dies allein das ganze Krankheitsbild. In meinen Augen ist diese Abhandlung sehr oberflächlich. Das gilt auch für die beiden anderen Charaktere, lieblos gezeichnet sind sie, leer, nur aus Papier. Protagonistin Madeleine ist wie ihre männlichen Kollegen langweilig, ihre Motive, ihr Handeln austauschbar, tausendfach verwendet, 08/15-Material. Nichts an ihr, nichts an ihrer Geschichte ist besonders. Und wie soll ich mich für Figuren interessieren, wenn der Autor selbst es offenbar nicht tut? Mit Middlesex hat Jeffrey Eugenides einen originellen, umwerfend klugen Roman geschrieben, einen der besten, die ich je gelesen habe. Neben diesem Geniestreich verblasst The marriage plot bis zur Unsichtbarkeit. Der englische Titel geht zurück auf die alten Romane von Austen und Brontë, in denen es um Liebeswerben und Heirat ging, um die sogenannte Eheanbahnung. Schon klar, dass Jeffrey Eugenides dachte, es sei überaus gewitzt, selbst eine Dreiecksgeschichte dieser Art zu schreiben – nur hat er das nicht einmal ansatzweise gut gemacht. Übersetzt hat Rowohlt den englischen Titel unkreativ mit Die Liebeshandlung, was ich, ohne das Original zu kennen, erst im Sinne von „Tat“ und nicht im Sinn von „Buchinhalt“ interpretiert habe. Macht aber auch nichts, denn so schlecht wie der deutsche Titel ist das ganze Buch.
Trost und Zustimmung finde ich bei Kritikern und Rezensionen wie etwa in der Zeit. Hätte ich mal vorher lesen sollen.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: wie soll ich es freundlich sagen – Fliegen kreisen nun mal gern um Scheiße.
… fürs Hirn: durchaus anspruchsvoll ist der Roman, Eco und Derrida gelesen zu haben, wird vorausgesetzt.
… fürs Herz: immer das Gleiche – er liebt sie, aber sie liebt einen anderen und der … schnarch.
… fürs Gedächtnis: Middlesex, nur Middlesex!
Verfasst von: Mariki Am: 16. Januar 2012
Verfasst von: Mariki Am: 16. Januar 2012
Ein Frontalzusammenstoß mit der Realität
Katja lernt Jakob kennen, als ihr Zahnarzt im Urlaub ist. Jakob ist ein viel besserer Zahnarzt, und er sieht auch noch gut aus, weswegen Katja ihn gleich behalten möchte. Jakob ist außerdem ein freiheitsliebender Zahnarzt, der Katja aber trotzdem heiratet und sogar zu ihr zieht, meistens jedoch in einem Zelt im Garten übernachtet. Dann allerdings beginnt Jakob zu verschwinden, Katja kann ihn nicht mehr richtig sehen, und dann verschwindet er so sehr, wie es nur geht. Für Katja sollte das Leben zu Ende sein, zumindest fühlt es sich so an, aber das verdammte Leben geht ganz rücksichtslos weiter. Und es beschert ihr die Gesellschaft, die sie so dringend braucht – in Form von Blank, dem Altphilologen, der eines Abends in ihrem Badezimmer auftaucht: „Genau genommen bin ich nicht mehr am Leben“, erklärt er, „Ich bin, wenn man so will, extrem weit hergeholt.“ Damit nicht genug, wird Katja auch von Feuerwehrmann Armin belagert, der ihre hochkalorische Astronautennahrung trinkt und ihr die Handlung von Karatefilmen detailgenau nacherzählt. Blank unterstützt Katja in ihrer Not, und Armin bringt die auf andere Gedanken. Die drei unternehmen einen Ausflug nach Holland, bei dem manches gestohlen und manches gefunden wird. Und vielleicht ist es ja so, dass man sich mit Verrückten umgeben muss, um nicht selbst verrückt zu werden …
Die Herrenausstatterin von Mariana Leky ist ein kleiner Zauberkasten. Sie baut ihn vor mir auf und ich klatsche voll Vorfreude in die Hände, einen Trick nach dem anderen zeigt sie mir: Jakob verschwindet, Blank taucht auf, ein Flamingo zerbricht, Blank bekommt Löcher, und eigentlich kann ihn ja gar niemand sehen. Ganz bewusst lasse ich mich verzaubern, und obwohl ich bei jedem Trick weiß, wie er geht, bin ich hingerissen. Das liegt an der unkitschigen, höchst amüsanten und stilvollen Sprache der deutschen Autorin, die es 2010 mit diesem Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Sie erzählt mir eine Geschichte und lenkt mich gekonnt ab, damit ich nicht auf ihre flinken Hände schaue, und schwupp – ist wieder etwas Fantastisches passiert. Mariana Leky zwinkert nicht nur mit einem, sondern gleich mit beiden Augen, wie eine literarisch talentierte Bezaubernde Jeannie. In ihre erheiternde, kluge, gewitzte Sprache einzutauchen, ist wie ein Bad im bunten Kugelmeer eines Kinderindoorspielplatzes zu nehmen, schwerelos, lustig, und ein bisschen anstrengend ist es auch. Sie arbeitet mit Wiederholungen, schlichten Sätzen, überraschenden Wendungen und auf den Punkt gebrachten Formulierungen in einer schier endlosen Kette aus Gedanken der Protagonistin. Immer wieder höre ich zwischen den Zeilen ein Kichern: „Bengt ist ein Name, der, wenn man ihn mehrmals hintereinander ruft, klingt wie ein aufprallender Ball, und Bengt wurde oft gerufen.“ In puncto Stil erinnert Die Herrenausstatterin mich an das ebenso amüsante wie kluge Buch Nathalie küsst von David Foenkinos. Denn auch Mariana Lekys Roman über Liebe, Verlust, kilometertiefe Trauer und Halluzinationen ist berührt mit kleinen, kunstvollen Lebensweisheiten: „Schlimm ist nicht, dass der Tod am einen Ende zieht, sondern dass das Leben am anderen nicht loslässt.“ Das ist Unterhaltung mit Niveau, und das Leben ist – bei aller Traurigkeit und Einsamkeit – ein bisschen voller Glitzer, wenn man es duch Mariana Lekys Brille betrachtet. Schön ist, wie diese Autorin ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt und sie stattdessen davongaloppieren hat lassen. Das erlaubt mir, während der Lektüre einfach nur Spaß zu haben, auch wenn ich mit Ich-Erzählerin Katja mitleide. Und es macht mich zufrieden, dass Mariana Leky am Schluss etwas ganz Besonderes findet in ihrem Zauberkasten für Katja und mich: ein Fuzelchen Glück.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: der Flamingo auf dem Cover hat Bezug zum Inhalt; unverständlich ist mir dagegen der Titel, der sich auf eine eher unwichtige Nebenfigur bezieht.
… fürs Hirn: switch it off – and enjoy!
… fürs Herz: alles! Ein Buch nur fürs Herz. Das es anrührt, bibbern und fröhlich hüpfen lässt.
… fürs Gedächtnis: mein Lieblingszitat: „Ich habe immer geglaubt, das Leben sei eine Einladung mit Tischkärtchen. Als müsste man sich, schon aus Gründen der Höflichkeit, auf den Stuhl setzen, der einem zugewiesen wird, auch wenn es am anderen Ende des Tisches viel lebhafter zugeht. Ich möchte Ihnen sagen: Das ist ein Irrtum. Es ist eine Einladung mit freier Platzwahl.“
Verfasst von: Mariki Am: 10. Januar 2012
Verfasst von: Mariki Am: 9. Januar 2012
„Es ist verblüffend, wie nah man jemandem kommen kann, indem man völlig stillhält“
Sie begegnen einander mehrere Male, bevor auf einer Geschäftsreise etwas passiert: Gina, verheiratet mit Conor, und Seán, Ehemann von Aileen und Vater von Evie. Als es dann passiert, ist der erste Sex der Auftakt zu einer klassischen Affäre mit allem Drum und Dran – heimlichen Treffen im Hotel, erregenden Begegnungen, Flirts, Lügen, Schuldgefühlen. Je mehr Gina sich Seán zuwendet, umso mehr schwindet ihre Liebe zu Conor. Und Seán, der sich gefangen fühlt in einer lieblosen Ehe, sieht in Gina eine Chance auf etwas Neues, aber er hat ein Kind, das krank ist, ein Kind, das er liebt. Ausbrechen wollen sie beide aus ihrem Leben, aber nicht unbedingt so, wie es schließlich geschieht – so gewöhnlich, mit Geschrei, Schuldzuweisungen und Tränen, so banal. „Ich dachte, es würde ein anderes Leben werden, aber manchmal ist es dasselbe Leben in einem Traum: Ein anderer Mann kommt zur Tür herein, ein anderer Mann hängt seinen Mantel an den Haken.“ So drückt Gina aus, was die beiden schließlich einholt: der Alltag.
Anatomie einer Affäre ist genau das, was der Titel verspricht: Die mehrfach ausgezeichnete irische Schriftstellerin Anne Enright seziert in diesem Buch eine Affäre, schneidet sie auf, durchleuchtet sie von allen Seiten, wiegt sie ab, legt ihre Knochen frei. Sie tut dies durch das Blickfeld von Ich-Erzählerin Gina, selbst Teil der Affäre und deshalb diesem durchaus schmerzhaften Prozess unterzogen. Die Reihenfolge ist nicht richtig chronologisch – immer wieder greift sie vor, zieht die Zukunft in die Vergangenheit, sodass man schon am Anfang mehr oder weniger weiß, wie es enden wird. „Würde man mich heute fragen, würde ich natürlich sagen, dass ich von jenem ersten Blick an verrückt nach ihm war, dass ich in seine Hände verliebt war, als ich in Montreux ihren Bewegungen folgte, und dass ich von dem Moment an, als er Evie wegführte und sich in der Diele zu mir umwandte, noch in etwas anderes verliebt war – in seine besondere Art von Traurigkeit, worin auch immer diese bestand. Also fragen Sie mich nicht, wann dieses oder jenes geschah. Auf ein Vorher oder Nachher scheint es nicht anzukommen. Was mich betrifft, so geschah es die ganze Zeit über.“ Das ist ein Stilelement, dem ich für gewöhnlich wenig abgewinnen kann, genauso wie dem direkten Ansprechen des Lesers, aber ich verzeihe es Anne Enright gern, weil sie so glänzend schreibt und weil der letzte Teil des Buchs – auch wenn er ein wenig schwächer ist als der Beginn – dann doch noch überrascht und mit einem perfekten letzten Satz, einem kleinen Knalleffekt am Schluss, aufwartet. Enrights Stil ist in diesem Roman verblüffenderweise flapsig und poetisch zugleich, eine höchst interessante Mischung.
Protagonistin Gina ist eine kluge junge Frau in einer halbwegs stabilen Ehe und mit einem öden Job, die darüber nachdenkt, ein Kind zu bekommen. Seán ist ein ungewöhnlicher Mann, attraktiv und ein wenig manipulativ, bei dem man nie genau weiß, woran man ist. Er zieht Gina an sich, stößt sie wieder weg, die beiden beginnen ein Seilziehen um eine Entscheidung, die ihnen letztlich abgenommen wird. Einen Scheinwerfer richtet Anne Enright auf diese Beziehung, zeigt sie ganz schonungslos bis ins letzte Detail: die anfängliche Aufregung, der Betrug, der schale Geschmack, der bleibt. Dieser Abgang bedeutet einen relativ dürftigen Schluss für das Buch, macht es aber auch originell: Reden monogam lebende Menschen darüber, wie es wäre, einen anderen im Bett zu haben als den, der da seit Jahren liegt, fällt früher oder später der Satz „Nach zwei, drei Jahren wäre es doch mit dem anderen genauso langweilig“. Anne Enright setzt diese „Volksweisheit“ literarisch um und führt eine Affäre weiter, bis über den Rand hinaus, lässt Prinz und Prinzessin den Alltag erleben. Bereits in The Gathering, einem unheimlich starken und lesenswerten Roman, hat sie mir bewiesen, dass sie ihr Werkzeug, die Sprache, überragend gut beherrscht, es als Waffe einzusetzen weiß. Sie ist die Pathologin unter den Autoren, und auf ihrem Tisch liegen Familien, die sie in ihre Einzelteile zerlegt, nur um zu zeigen: Das hing doch ohnehin kaum noch zusammen. Anatomie einer Affäre ist ein sehr erwachsener Roman, der Lebens- und Beziehungserfahrung voraussetzt, ein sehr authentischer, schlauer und abgeklärter Roman, in dem das Leben alles ist, was es nur sein kann – erstaunlich, erniedrigend, erfüllt – , außer ein Wunschkonzert.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: ein schlichtes, sehr passendes Cover.
… fürs Hirn: die Frage: Warum kann das Feuer nicht ewig brennen?
… fürs Herz: auf dem OP-Tisch liegt eine Liebe, und Anne Enright untersucht mit dem Eifer eines neugierigen Kindes, ob ihr Herz schlägt.
… fürs Gedächtnis: Anne Enrights Talent.
Anatomie einer Affäre von Anne Enright ist erschienen in der DVA (ISBN 978-3-421-04540-9, 320 Seiten, 19,99 Euro).
Verfasst von: Mariki Am: 9. Januar 2012
Ein Meer aus Worten, ein Strudel, ein Wasserfall
Andi ist einer jener Teenager, die das Leben im Visier hat: Dick ist er, kurzatmig, freundelos. In den Siebzigerjahren wird er in der Schule gemobbt und zuhause von der Großmutter vollgestopft, wenn schon nicht geliebt. „Er hat keine Wörter, er ist biegsam, etwas, das man zusammenquetschen, das man zerquetschen kann; er ist anderswo.“ Anderswo wäre auch Emilia gern, sie flieht in die Welt der Literatur, taucht ab zwischen Buchdeckeln. 17 ist sie und nichts steht ihr offen, denn im Jahr 1937 ist es für eine junge Frau wie sie schwierig, zu studieren, fortzugehen. Als sie Georg kennenlernt, verliebt sie sich, sie findet in ihm eine Seele, die zuhört und versteht. Doch die Zeiten sind dunkel, und eines Tages ist Georg, dessen Vater eine Buchhandlung besaß, fort, keiner hat so genau hingesehen, aber auf einem Lastwagen wurde er wohl weggebracht. Das Leben ist danach leer für Emilia, ein Leben, das lang noch dauert, ihr einen Mann und eine Tochter bringt, aber keinen Zugang öffnet zum Glück. Und auch für Andi, der in seiner Langeweile nationalsozialistische Äußerungen im Kopf herumträgt, macht es kaum einen Unterschied, ob er tot ist oder lebt.
Thomas Stangl schreibt wie ein Wahnsinniger, seine Sätze sind, auch wenn sie leise sind, ganz rasend, sie legen sich wie Schlangen um meinen Hals, viele, viele Schlangen. Die Sprache – eine gar meisterliche, hochstilisierte, edle Sprache – beherrscht diesen mit 182 Seiten recht kurzen Roman, so sehr, dass sein Inhalt fast verloren geht. Es ist Stangls dritter Roman, der es 2009 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte und mit anderen Preisen bedacht wurde. Einen Klappentext gibt es nicht, nichts wird mir über die Geschichte verraten, und so strample ich unvorbereitet in dem Sumpf aus Worten, in den die Sätze mich ziehen. Sie halten mich fest, und ich, die ich wohlgeformte Sätze lieber sehe als wohlgeformte Menschen, bewundere sie. „Emilia Degens taucht an einem Tag im Frühling 1937 auf, der Geruch in ihrem Zimmer unterscheidet sich von den Gerüchen der Stadt, die Dinge teilen ihren Duft mit, man kann es genießen, fremd im eigenen Körper zu sein.“ Das ist einer jener Sätze, den ich seiner Schönheit wegen mehrmals lesen muss, genau wie: „Sie stülpt sich in den Ort hinein, an dem sie sich befindet, stülpt den Ort in sich hinein, die Stimme Georgs, die sich mit ihrer Stimme verschränkt, kleine Schleifen formt, die sie umhüllen, bis es egal ist, wer gerade redet, sie kann in seine Wörter und Gedanken hineinfinden, so wie er, denkt sie, in ihre Wörter und Gedanken hineinfinden kann.“ Was kommt zu lesen, ist, als würde jemand unter Wasser mit mir sprechen – ich konzentriere mich sehr auf die Lippenbewegungen, ich höre ein Dröhnen, aber ich verstehe kaum etwas. Eine Weile dachte ich während der Lektüre, Emilia und Andi würden zur gleichen Zeit leben, könnten einander begegnen, denn Thomas Stangl schreibt konsequent in Präsens und Futur, die beiden Figuren scheinen zu verschmelzen und können einander doch nie begegnen. Eine Verbindung gibt es nur im Emotionalen, im Verlorensein der beiden, in ihrem Ausgeschlossensein, in ihrer Traurigkeit. Natürlich gibt es Inhalt, einen sehr ergreifenden sogar, um Liebe geht es und um ihr Fehlen, um Verlust, um Deportation. Doch Thomas Stangls Sprache ist derart gewaltig und übermächtig, dass der Inhalt meiner Ansicht nach von ihr aufgefressen wird. Was, wenn man es einmal akzeptiert hat, nicht weiter tragisch ist. Geschichte, historisch Belegbares, ist Rahmenhandlung und Bedingung zugleich. Die Figuren sind seltsam formlos und verschwommen, als seien sie nicht weiter ausschlaggebend, sondern nur beispielhaft. Insgesamt bleibt zu sagen: Für mich ist Was kommt eine brilliante, originelle, wunderschöne Schreibübung, ein Schreiben um der Worte willen.
Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: ein schönes Cover.
… fürs Hirn: das Hirn verheddert sich in den wie Fangnetze ausgelegten Sätzen.
… fürs Herz: Einsamkeit, Trostlosigkeit, Lieblosigkeit – der Menschen treueste Begleiter.
… fürs Gedächtnis: dass Thomas Stangl wahnsinnig gut schreiben, aber nicht unbedingt ebenso gut erzählen kann.
Verspeist und kommentiert