Bücherwurmloch

Wacker14 Alltagsgeschichten aus dem Leben gegriffen
Sie sind ganz normale Leute. Maler, Polizisten, Zugführer, Trailerbewohner. Und ihnen passieren ganz normale Dinge. Sie brauchen eine Operation, sie schlafen mit einer Frau, finden ein Haus, das ihnen gefällt, aber nicht gehört, sie gehen verloren. Sie heißen Kolb, Schopp, Budde oder Brandt. Sie sind sehr deutsch. Ihr Schicksal ist nicht unbedingt ein Schicksal im Sinne von Drama, mehr ein beiläufiges Spazierengehen durch ein unspektakuläres Leben. Sie arbeiten brav, ticken manchmal ein bisschen aus, hauen daneben, fangen sich wieder oder nie mehr. Davon erzählt in 14 Kurzgeschichten der junge deutsche Autor Florian Wacker, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat.

Diese 14 Short Storys sind Skizzen und Momentaufnahmen, beleuchten eine Begegnung, eine Gefühlsregung, eine Freundschaft. Sie sind gut, interessant und amüsant. Aber sie reißen mir nicht den Boden unter den Füßen weg. Sie hinterlassen auch – bis auf einige wenige – bei mir nicht unbedingt einen bleibenden Eindruck. Manche verblüffen mich, andere lassen mich ratlos zurück, weil ich sie ganz einfach nicht verstehe. Schade ist, dass die Geschichten sich kaum mit dem Dahinter beschäftigen und wenig preisgeben. Dass ein Zugführer einfach aussteigt und in einer Kneipe in einem Ort, in dem er noch nie war, mit einer fremden Frau tanzt, ist eine wunderschöne Idee. Dabei bleibt es dann aber auch. Und das muss man wohl mögen. Ich dagegen freunde mich ja gerade erst mit Kurzgeschichten an und hätte gern etwas, an dem ich mich festhalten kann. Aber da gibt es in Albuquerque nichts, alles ist seltsam losgelöst, frei von Erklärungen, frei von roten Fäden. Bei fast jeder Story habe ich das Gefühl, dass Florian Wacker mir etwas verschweigt. Manchmal kann ich mir vorstellen, was das ist, manchmal hab ich nicht die geringste Ahnung. Das ist irgendwie gut, weil es mich nachdenklich stimmt, mich nicht loslässt, und es ist irgendwie schlecht, weil es mich nervt. Trotzdem hab ich Albuquerque gern und schnell gelesen. Es hat mich unterhalten, ist kurzweilig und am Anfang jeder Geschichte von Neuem spannend, weil ich neugierig bin auf das, was kommt. Manchmal wird meine Erwartung erfüllt, manchmal nicht. Deshalb bleibt das Buch am Ende für mich so wie seine Figuren: ganz normal irgendwie.

BannerAlbuquerque von Florian Wacker ist erschienen im Mairisch Verlag (ISBN 978-3-938539-32-3, 160 Seiten, 16,90 Euro).

Noch mehr Futter:
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AvalloneDrama, Baby!

Der Ort: das kleine Provinzstädtchen Biella in den Bergen am Arsch von Italien.

Die handelnden Personen: Marina, 22, umwerfend schön und gesegnet mit einer begnadeten Stimme, die Großes vorhat: Sie will berühmt werden, die Castingshow Cenerentola Rock gewinnen und Karriere machen in Rom, Mailand, Amerika. Andrea, 27, Langzeitstudent und Halbzeitbibliothekar, der seinen Bruder und seine Eltern hasst und nur eins will: eine Alm bewirtschaften, in Einsamkeit leben, Kühe melken, Käse machen.

Die Situation: Marina will einfach nur weg. Andrea will unbedingt bleiben.

Das Problem: Sie lieben sich.

Marina Bellezza von Silvia Avallone ist eine Bombe. Denn es ist ein italienisches Buch voller italienischer Figuren, und die Italiener explodieren oft und schnell. Sie gehen bei Kleinigkeiten in die Luft. Sie schreien viel. Sie beherrschen das Drama im großen Stil. Klischee und Vorurteil? Mag sein, wird aber in diesem Roman bestätigt. Allerdings sind es keine Kleinigkeiten, derentwegen hier gestritten, gebrüllt und geweint wird. Es geht um etwas Großes: um eine Liebe. Um die Art, wie man sein Leben verbringen will. Die Protagonisten Marina und Andrea sind gemeinsam aufgewachsen und haben sich immer schon geliebt. Nach einem schrecklichen Zwischenfall haben sie sich aus den Augen verloren, doch als sie sich Jahre später durch Zufall wiedersehen, ist die Anziehungskraft noch genauso stark. Doch leider verkörpern die beiden zwei Extreme: Marina ist sexy, schön, geil auf den Erfolg und das Rampenlicht, Andrea will eine Alm in den Bergen, Kühe und Kinder. Es ist absolut unmöglich, dass diese Wege sich durch einen Kompromiss kreuzen lassen. Deshalb ist ihre Liebe durchwirkt von Verzweiflung, deshalb schlägt ihre Liebe ständig in Hass um. Sie schreien sich an, schlagen sich, vergehen fast vor Leidenschaft. „Hinsichtlich der Wutausbrüche, der Unreife, der Exzesse glichen Marina und Andrea sich.“ Miteinander geht es genauso wenig wie ohne einander.

Die italienische Autorin Silvia Avallone, die 1984 in Biella geboren ist und für ihren ersten Roman Sommer aus Stahl mehrfach ausgezeichnet wurde, hat in ihrem zweiten Buch ein recht überspitztes Porträt des jungen Italien gezeichnet. Marina steht für jene, die einen Fluchtweg suchen, die neuen digitalen Möglichkeiten und erfolgversprechenden Showformate nutzen wollen, ganz gierig sind auf den schnellen Ruhm, um das marode Land verlassen zu können. Andrea repräsentiert jene, die zurückkehren in den Schoß des Heimatdorfs, ohne Job, orientierungslos nach dem Studium, die keine Jobaussichten haben, aber ihre Wurzeln nicht aufgeben wollen und aus Trotz erst recht dort etwas aufbauen wollen, wo nur noch Ruinen sind. Die Fronten sind verhärtet, die Wogen gehen hoch, das italienische Blut gerät in Wallung. Das ist für jemanden wie mich, der zwar hitzig ist, aber auch verständnisvoll, nicht immer nachzuvollziehen. Andrea und Marina wollen sich gegenseitig zu etwas zwingen, zu dem sie selbst nicht bereit sind. Sie glauben, dass nur ihr jeweiliger Weg zum Glück führt. Ihr ewiges Gezanke ist nicht nur für die beiden anstrengend, sondern auch für mich. Aber mich interessiert das ausweglose Szenario, das die Autorin entworfen hat, und sie schreibt, wenn auch nicht ganz frei von Holprigkeiten, sehr gut. Allerdings hat sie ihre Charaktere in eine Lage gebracht, aus der niemand sie befreien kann – auch Silvia Avallone nicht. Deshalb ist diese Bombe von einem Buch am Ende sehr leise, als die Sprengkraft verpufft und nur die Asche nach dem Brand bleibt. Widmet euch diesem wilden, verstörenden, emotionalen Roman mit innerer Geduld, er ist wirklich lesenswert. Und bestimmt wird auch euch ein bisschen heiß dabei.

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Marina Bellezza von Silvia Avallone ist erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-98018-9, 566 Seiten, 24,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Das Erwachsenwerden der liebeshungrigen jungen Helden, die die Verletzungen aus ihrer Kindheit allzu oft an andere weitergeben, vollzieht sich über Umwege und auf unerwartete Weise“, heißt es in der Rezension auf haz.de.
– „Marina Bellezza ist nicht bloß ein Liebesdrama, das einen mitreißt wie die Strudel des Wildbachs Cervo, sondern auch das Portrait einer Generation ohne Perspektive, die einsam und auf sich gestellt nach Anerkennung und ihrem Platz im Leben sucht“, schreibt deep read.
– Hier kannst du das Buch auf ocelot.de bestellen.

image001Bert van Engel, Dirigent und Musikproduzent aus Salzburg, veröffentlicht demnächst seine erste Single “We change the world”.

Das Tor zu vollkommenen Glück von Deepak Chopra ist mein Lieblingsbuch, weil er leicht verständlich den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Materie, Verstand und Geist offenbart und uns Wege zeigt, wie wir – auf neudeutsch gesagt – “in den Flow” kommen und die (nun ein Spiri-Terminus) “Synchronizität” des Lebens erfahren. Ich habe in diesem Buch bereits wild herumgefuhrwerkt, Sachen angestrichen und eingekringelt, Lesezeichen hineingeklebt und Kommentare dazugeschrieben und nehme es immer wieder in die Hand, wenn mein Blick an ihm hängen bleibt.

Empfehlen möchte ich es allen, die den Mut haben, ein bisschen weiter zu denken. “Spirituelle Lehrer sagen uns, dass wir, wenn wir etwas über den Zustand unseres persönlichen Bewusstseins erfahren wollen, uns nur anzusehen brauchen, was mit uns geschieht und was uns zustößt.” Unsere innere und äußere Welt sind demnach beide Bestandteile eines Kontinuums. Beide Wirklichkeiten – die subjektive Wirklichkeit der Gedanken, Gefühle, Emotionen, Wünsche, Vorstellungen, Phantasien, Erinnerungen und Zielsetzungen – und die objektive Wirklichkeit – unser physischer Körper – existieren gleichzeitig und sind wechselseitig voneinander abhängig.

Wenn ich lese, dann schnappe ich mir ein Buch oder gehe gleich ohne schnurstracks ins Kaffeehaus, aber nur in eines, in dem ich mich wohlfühle, nehme mir eine x-beliebige Tageszeitung – von Schund bis Schmalz ist alles dabei – und versenke mich in Politik, Wirtschaft und Schmuddel. Einen Fernseher habe ich nämlich keinen. Und ganz ehrlich … so unter uns …. ich lese auch Frauenzeitschriften. Köstlich!

BannerDas Tor zum vollkommenen Glück von Deepak Chopra ist erschienen im Menssana Verlag (ISBN 9783426876527, 320 Seiten, 9,99 Euro). Hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

Und was ist dein Lieblingsfutter? Wer mitmachen möchte, schickt seine Antworten auf die Fragen oben an office_at_mareikefallwickl.at. Ich freu mich!

AbateVon Lebensträumen
Roccalba, das Heimatdorf seiner Mutter in Kalabrien, ist für Florian vor allem eins: weit weg. Als Kind fährt er mit seinen Eltern jedes Jahr von Hamburg aus dorthin, wo die Menschen unglaublich laut sind, wo es nach Bergamotte riecht, wo die Großmutter mit dem weichen Busen lebt und der Großvater mit dem großen Traum: Er will den Fondaco del Fico wieder aufbauen, die Familienherberge, in der einst sogar Alexandre Dumas Rast gemacht haben soll. Aus der verkohlten Ruine möchte der Großvater ein Hotel machen, und er schuftet wie wild in seiner Metzgerei, um Geld zu sparen. Der Fondaco ist ihm heilig, und als die Mafia ihr gefräßiges Maul aufreißt, sieht er Rot. Danach verbringt er viele Jahre im Gefängnis, doch als er zurückkehrt, ist seine Motivation größer denn je. Florian, der von der Geschichte wenig weiß und eher mit seiner Eifersucht auf den neuen kleinen Bruder zu tun hat, entdeckt erst als junger Mann seine Liebe zu Italien, zu seiner zweiten Heimat. Das liegt vor allem an der hübschen Martina. Doch wie früher gilt auch jetzt noch: Mit der Mafia ist nicht zu spaßen.

Carmine Abate ist in Kalabrien geboren, später nach Deutschland ausgewandert und lebt heute im Trentin. Er zählt zu den wichtigsten Autoren Italiens und wurde unter anderem mit dem Premio Campiello ausgezeichnet. Ich hab sein Buch Zwischen zwei Meeren im Urlaub gelesen, und das war absolut perfekt. So ein Ausflug ins sonnige Italien ist ja selbst ein bisschen wie Urlaub, und Carmine Abate hat mit seiner klaren, umstandslosen Sprache die Landschaft Kalabriens vor meinen Augen gezeichnet, die kulinarischen Köstlichkeiten, die hitzköpfigen Menschen, ihre Lebensumstände und Träume. Er erzählt die Geschichte des Fondaco del Fico und der Familie Bellusci nicht chronologisch, im Gegenteil – nach und nach erhalten Ich-Erzähler Florian und ich kleine Schnipsel, aus denen sich die Ereignisse zusammensetzen lassen. Das ist gut gemacht, gut geschrieben, gut zu lesen. Seine Charaktere hat Carmine Abate sehr liebevoll gestaltet, er hat sie mit Spleens und Eigenheiten ausgestattet, lässt sie die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Italien immer wieder am eigenen Leib erleben. Das ist aber nie allzu klischeehaft oder klamaukig, sondern amüsant.

Zwischen zwei Meeren ist ein prall gefülltes Buch voller Lebenslust, voll Freude am Fabulieren, voll von Ehrgeiz und eisernem Willen, südländischer Sturheit und Leidenschaft. Ein Roman, der manchmal ernst bleibt, manchmal sehr viel Spaß macht und dadurch eine ausgewogene Mischung bietet. Die Abenteuer der Familie Bellusci sind auf jeden Fall eine Reise nach Kalabrien wert. Macht euch auf den Weg, ein kleiner Kurzurlaub tut immer gut. Ich wünsche viel Vergnügen!

BannerZwischen zwei Meeren von Carmine Abate ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03410-8, 235 Seiten, 18,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– Das ist die Website von Carmine Abate. Halt nur leider auf Italienisch.
– „Carmine Abate ist der einzige ernstzunehmende aus Kalabrien stammende Autor, der auch in Deutschland oft und gern gelesen und in sämtlichen neueren Kalabrien-Reiseführern als Reiseliteratur empfohlen wird“, heißt es auf silagreca.de, wo ihr ein schönes Porträt über den Autor und seine Heimat lesen könnt.
– Hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

RaveyDer unerkannte Feind
Madame Rebernaks Cousin Freddy hat vor vielen Jahren einem kleinen Mädchen etwas angetan, für das er ins Gefängnis gehen musste. Nun kommt er nach 15 Jahren wieder frei und kehrt in sein Heimatdorf zurück, wo die Behörden versuchen, Madame Rebernak zu überreden, ihn aufzunehmen. Die will davon jedoch nichts wissen. Sie hat zwei fast erwachsene Kinder und tut alles, um ihre Tochter Clémence vor Freddy zu schützen, dem sie eine weitere Straftat zutraut. Mit einem hat sie auf jeden Fall Recht: Clémence ist in Gefahr. Das Problem ist nur: Diese Gefahr geht nicht von Freddy aus.

Yves Ravey ist nicht nur Autor, sondern auch Professor für bildende Kunst. Sehr kunstvoll hat er seine kurze Erzählung Ein Freund des Hauses gestaltet, die überraschend leicht und dennoch beklemmend ist. In klaren, schnörkellosen Worten porträtiert er eine Familie, die lädiert ist – der Vater verstorben, der Cousin der Mutter ein Sexualstraftäter –, aber dennoch zusammenhält. Die Rückkehr des Cousins aus dem Gefängnis droht das labile Gleichgewicht endgültig zu zerstören. Dabei hat die Mutter es schon fast geschafft, ihre Kinder sicher ins Erwachsenenalter zu geleiten. Sie kann nicht zulassen, dass ihnen – vor allem Tochter Clémence – etwas zustößt. Sie spürt die Bedrohung, erkennt aber die Richtung nicht, aus der diese kommt. Als sie es schließlich tut, fackelt sie nicht lange.

Ein Freund des Hauses ist gut geschrieben. Klar erzählt und strukturiert, sehr knapp und karg. Insgesamt war mir das Ganze einfach zu kurz. Gerade einmal 93 Seiten gibt Yves Ravey seiner Erzählung rund um die Gier eines Mannes, der sich einfach nimmt, was er haben will. Das bedingt freilich, dass er nicht genug Raum hat, um die Charaktere mit Lebendigkeit und Farbe auszustatten, sie bleiben ein wenig bleich und ähneln den typischen Abziehbildern von stereotypen besorgten Müttern, unbedarften Töchtern und schmierigen älteren Männern. Das ist freilich schade, denn der Roman hätte mit Sicherheit noch viel mehr Potenzial gehabt, hätte er sich auf 256 Seiten entfalten dürfen. In anderen Worten: Ich war mit Ein Freund des Hauses in einer Stunde fertig. Und hätte gern mehr davon gehabt.

Ob die Idee, die Geschichte aus der Perspektive von Clémences Bruder zu erzählen, so gut war, sei dahingestellt: Er hat einen frischen, freien Blick auf alles – war aber an keinem einzigen Ereignis beteiligt. Etwas unklar ist mir auch, warum Madame Rebernak denkt, Freddy würde ihrer Tochter etwas antun, ist er doch offenbar pädophil – und ihre Tochter so gut wie erwachsen. Wer der wahre Übeltäter ist, ist dem Leser aufgrund des Klappentexts und der Personenkonstellation von Anfang an klar. Aufgrunddessen kann Yves Ravey einzig und allein mit der Schlusspointe überzeugen. Die sitzt. Und knallt.

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Ein Freund des Hauses von Yves Ravey ist erschienen im Antje Kunstmann Verlag (ISBN 978-3-88897-969-9, 96 Seiten, 14,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Es ist eine als Thriller genial verkleidete Gesellschaftsstudie, die durch ihre skizzenhafte und raffiniert genügsame, ja fast schon enthaltsame Schreibweise den Leser so in den Bann zieht und gleichzeitig aufrüttelt, dass die entstehende Angst beim Lesen, den eigenen Vorurteilen nicht entfliehen zu können, lange nachwirkt“, schreibt der vom Buch sehr begeisterte Durchleser.
– „Mit wenigen Worten Spannung schaffen und Stimmungen evozieren: Das ist große Kunst“, heißt es in der Rezension auf tagesspiegel.de.
– „Eigentlich genügt es, den Klappentext zu lesen, um zu wissen, wie dieser Roman ausgeht. Was eigentlich das Schlimmste ist, was man über einen Roman wie diesen sagen kann, denn dieser Roman ist ein Spannungsroman“, urteilt spiegel.de, findet den Roman aber dennoch sehr empfehlenswert.
– Hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

Gross„Ich bin immer neugierig, neugierig auf Menschen, die nicht aus dem Takt kommen, wie machen die das?“
Das lief nicht wie geplant. Denn eigentlich wollte Saskia in Brasilien nur eine geile Zeit haben. Vor allem mit dem schönen Raffael, in den sie sich verliebt hat. Doch der war nur auf ihr Geld aus, um Drogen zu kaufen, und mit dem Kind, das Raffael ihr gemacht hat, hockt Saskia jetzt im trüben Deutschland. Und sie hasst es. Mia ist zwei Jahre alt, und Saskia müht sich ab, kellnert, füttert, wickelt, versucht, sich um das kleine Wesen zu kümmern, und scheitert immer wieder daran. Sie hat keinen Kitaplatz und niemanden, der ihr hilft, die Mutter ist tot, der Vater Alkoholiker. Sie will kein Kind, sie will jung sein, reisen, weg aus Deutschland, trinken, kiffen: „Sie zerrt an meinem Arm, Mama, sagt sie, was für ein Wort, schwer von Verantwortung, schwer von Plackerei, Mama, die für alles Zuständige, Mama gleich Pflicht. (…) Mama?, eine verstörte Frage diesmal, ach, Kind, ich kann es einfach nicht, Mama sein.“ Deshalb haut Saskia erst einmal ab, lässt Mia zurück in der WG voller Medizinstudenten, die sie kaum kennt und von denen sie nicht weiß, ob sie sich um das Kleinkind kümmern. Sie fährt nach Norden, zum Meer, auf eine Insel, sie probt das Alleinsein, das Verlassen. Sie hat keine Ahnung, was sie tun soll. Und sie muss sich der Frage stellen, was wohl für Mia am besten ist: eine Mutter zu haben, die fast am Muttersein erstickt? Oder zurückgelassen zu werden?

Kathrin Gross-Striffler ist eine preisgekrönte deutsche Schriftstellerin, die sich in ihrem jüngsten Roman einer Mutter widmet, die alles, alles will – außer Mutter zu sein. Das ist freilich eine Pattsituation, der die junge, wütende, ungeduldige Protagonistin nicht entkommen kann. Sie hungert nach dem Leben, das für sie überall stattfindet, nur nicht in dem Zimmer mit dem quengelnden Kleinkind, sie will Sonne, Spaß, Alkohol, Freiheit. Stattdessen gibt es Geldknappheit, Einsamkeit, stinkende Windeln, knurrende Mägen und verständnislose Freundinnen. Saskia hasst alles und jeden, sprudelt über vor Zorn, hat keinen Plan und keine Geduld. Man mag es ihr nicht verdenken, sie ist tatsächlich angeschmiert so als alleinerziehende Jungmama ohne Hilfe. Ich kann ihre Gefühlserschütterungen gut nachempfinden. Ich weiß, wie anstrengend kleine Kinder sind, ich habe zwei, wie sie an den Nerven zerren, fordern, brauchen, Verantwortung auferlegen. „Es ist immer die Mutter, die beim Kind bleibt, die das Feuer hütet, nicht wahr.“ Ja. Außer die Mutter geht. Und das ist natürlich das große Tabu – das dieser Roman thematisiert und bricht.

Zum Meer ist wie ein einziger, atemloser Monolog mit langen Sätzen und einem rasanten Erzähltempo. Ich bin direkt drin in Saskias Kopf, und sie schlägt mir ihre Gedanken um die Ohren, ihre Zweifel, ihre Sehnsüchte. In einem langen, stellenweise doch recht anstrengenden Strom an Worten kotzt diese junge Mutter alles aus sich raus: die Angst, die Verzweiflung, aber auch die Liebe. Ich bin interessiert und abgestoßen zugleich, voller Verständnis und voller Abneigung. Mehr als einmal will ich diesem egozentrischen, eingebildeten, unwissenden und weinerlichen Gör einfach nur ins Gesicht schlagen. Kathrin Gross-Striffler hat den Zwiespalt, in dem ihre Figur steckt, sehr detailliert und gut dargestellt. Freilich kommt das nicht ohne Klischees aus, ist doch das Thema selbst schon ein Klischee: dass es einfach scheiße ist als alleinerziehende Mutter. Dieses Buch gibt aber einen lesenswerten Einblick in ein solches beispielhaftes Leben – und eine mögliche Antwort auf die eingangs gestellte Frage.

BannerZum Meer von Kathrin Gross-Striffler ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03291-3, 252 Seiten, 19,95 Euro).

Noch mehr Futter:
- „Eine Happyend-Autorin ist Kathrin Groß-Striffler gewiss nicht“ , heißt es im Buchtipp auf br.de.
– Hier könnt ihr euch den Film dazu anschauen, in dem sich auch die Autorin äußert.
– „Mit einem berauschendem Tempo steigt man ein in eine Geschichte von Überforderung, Weltwut – oder konkreter: Deutschland-Wut – von der Angst davor Mutter zu sein in einer Zeit, in der man selbst noch eine braucht“, schreibt Eileen Eichstädter auf literaturkritik.de.
– Hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

Mouawad„Da begriff ich, dass dieser Mann sein Schicksal vor langer Zeit mit dem der Tiere verbunden hatte, auf eine Art und Weise, die nur er selbst verstand“
Eine Frau wird bestialisch ermordet, vergewaltigt, zum Sterben liegen gelassen mit dem Baby in ihrem Bauch. Ihr Ehemann verliert fast den Verstand vor Kummer. Die Polizei weiß bald, wer der Mörder ist, nimmt ihn aber nicht fest, weil er eine wichtige Figur im illegalen Geschäft rund um die Indianerreservate zwischen Kanada und den USA ist. Also macht der Mann sich auf die Suche nach dem Mörder. Er will ihn nicht töten, er will ihm nur ins Gesicht sehen. Auf dieser Reise muss er dem Grauen wieder und wieder entgegentreten und findet schließlich in seiner eigenen Kindheit die schlimmsten Gräueltaten überhaupt. Beobachtet und begleitet wird er auf seiner Suche von den Tieren, und sie erzählen seine Geschichte. Sie hören ihm zu, sie beschreiben ihn, sie sehen in sein Innerstes: „Endlich erkannte ich sein wahres Ich. Er versteckte sich hinter dem Aussehen eines Menschen, aber in Wahrheit war sein Herz von einem unsichtbaren Netz umsponnen, dessen Seide aus seinem eigenen Fleisch bestand, und die Bestie, die ihn gefangen hielt und sich von seinen Eingeweiden ernährte, war niemand anderes als er selbst.“ Die Hauskatze, der Hund, der Wolf am Straßenrand, die Schlange im Terrarium oder die Spinne in der Bar: Alle nehmen diesen Mann wahr, der eine einzigartige Verbindung zu Tieren hat, seit er mit einigen von ihnen lebendig begraben wurde. Die Tiere beschützen ihn, helfen ihm – und können seine abgrundtiefe Verzweiflung dennoch nicht mildern.

Anima von Wajdi Mouawad ist ein unfassbar brutales Buch. Es ist grausam, animalisch, wild, entfesselt und entsetzlich spannend. Der Autor, der im Alter von acht Jahren aus dem Libanon flüchtete und dort vermutlich Ähnliches erlebt hat wie sein Protagonist, lässt ausschließlich Tiere zu Wort kommen. Ob Goldfisch, Affe oder Waschbär: Sie berichten, was sie sehen und hören, und aus ihren Berichten setzt sich die ganze Geschichte zusammen. Das ist verdammt originell und verdammt gut gemacht. Denn Wajdi Mouawad denkt sich in jedes Tier dermaßen hinein, dass ich ihm jede Regung glaube. Dies ist kein hochgeistiges, verkopftes Buch. Im Gegenteil. Es ist ein Buch aus Fleisch und Knochen, es riecht nach nassem Fell, nach Erde, nach Aas. Der Blick der Tiere auf die Menschen, die genauso wie sie töten, fressen und nach ihren Instinkten handeln, macht auch die Menschen zu Tieren. Besonders in diesem Fall, weil die Menschen im Buch von Gier und Blutrausch getrieben werden. Die Schlange, die ein Kaninchen frisst und dabei die Todesangst der Beute genießt, der Mörder, der einer Frau den Bauch aufschlitzt: All das beschreibt der Autor derart eindrucksvoll, dass mir die Spucke wegbleibt. Die Sichtweise der Tiere ist sehr klar, völlig anders als die menschliche und dabei doch emotional gefärbt. Wajdi Mouawad lässt die Tiere in ihrer ganz eigenen Poesie erzählen: „Menschen verströmen häufig das Grün der Angst oder das Gelb des Kummers, manchmal auch seltenere Farben: das Safrangold des Glücks oder das Türkis der Ekstase. Aus dem müden, erschöpften Rücken des Fremden, der vom trüben Weiß des Hohlwegs verschluckt wurde, sickerte ein tiefes Schwarz, die Farbe der Schiffbrüchigen, der steuerlos auf dem Meer Treibenden, die besondere Farbe derjenigen, die ihre Erinnerungen und ihre Vergangenheit nicht hinter sich zu lassen vermögen.“

Auf der Reise des Protagonisten tun sich Abgründe auf. Darin liegen bergeweise Leichen. Er ist ein gebrochener, zerstörter Mann, der nichts zu verlieren hat, und er erkennt immer mehr, dass der Mensch das grausamste aller Wesen ist, der Feind der Tiere, der Feind von sich selbst. Ich ekle mich. Ich fürchte mich. Ich schäme mich. Ich bin sprachlos angesichts der Gewalt in diesem Buch. Dies ist ein Thriller, wie ich ihn nie zuvor gelesen habe. Klug, ekelerregend, spannend, nervenzerfetzend, elendig gut geschrieben und absolut genial. Ein Roman, der starke Nerven verlangt. Und der den Menschheitshass schürt. „Nicht alle Menschen sind Fallen, nicht alle Menschen sind Gift, und das bedeutet, dass nicht alle Menschen Menschen sind. Manche sind noch nicht innerlich verwest.“

BannerAnima von Wajdi Mouawad ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-26021-3, 448 Seiten, 16,90 Euro).

Noch mehr Futter:
- Zwei Rezensentenstimmen im Perlentaucher.
– „Ein ungewöhnlicher Roman über die Bestialität des Menschen“, heißt es in der Rezension der Frankfurter Rundschau.
– „Die Wucht dieses Buches droht einen zu erschlagen“, schreibt die Tiroler Tageszeitung.
– Hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

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Bücherwurm Mariki

Subjektiv und selektiv. Mariki rezensiert Bücher: Im Bücherwurmloch wird die literarische Kost goutiert, wiedergekäut oder ausgespuckt.

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