Bücherwurmloch

Beauman„Es ist mir schon beinahe peinlich, dass ich noch nie jemanden entführt habe. Als wäre man der Letzte in der Klasse, der noch nie an einem Mädchen rumgefingert hat“
Raf leidet an einer seltsamen Schlafstörung, die dazu führt, dass er einen 25-Stunden-Rhythmus hat. Das bedeutet, dass er nie mit den normalen Menschen synchron ist und keiner geregelten Arbeit nachgehen kann. Er führt jeden Tag den Hund aus, der auf einem Dach die Senderbox eines Piratensenders bewacht, und ist ständig im Londoner Nachtleben unterwegs – gemeinsam mit seinem Freund Isaac, der DJ ist und regelmäßig bewusstseinsverändernde Substanzen ausprobiert. Gerade als Raf die neue Modedroge Glow testen will, lernt er die schöne Cherish kennen. Wenig später trifft er sie durch einen vermeintlichen Zufall wieder – und steckt plötzlich mittendrin im Kampf der burmesischen Einwanderer, zu denen Cherish gehört, gegen den skrupellosen Megakonzern Lacebark. Burmesen werden auf offener Straße von geräuschlosen weißen Lieferwagen entführt, Lacebark baut in geheimen Hallen eine täuschend echte Stadt nach, und Raf erfährt nach und nach, was das eine mit dem anderen zu tun hat – und dass für die Herstellung von Glow Fuchsscheiße essenziell ist. Die ganze Sache könnte fast ein bisschen Spaß machen – wäre Rafs Freund Ted nicht schon tot und er selbst in größter Gefahr.

Glow von Ned Beauman ist ein erstaunlich verrücktes Buch. Und dabei erstaunlich wenig anstrengend. Sondern vielmehr rasant, absurd, amüsant und unterhaltsam. Der englische Autor, der als Journalist arbeitet, hat sich für seinen dritten Roman eine reichlich komplizierte Geschichte ausgedacht, in der alles wild durcheinanderwirbelt: Drogen, Freiheitskampf, Entführungen, Agenten, Burmas Dschungel, jede Menge Füchse und die Hormone der Verliebten. Ich verliere bei abstrusen Geschichten, die zu sehr ausufern, schnell die Geduld. Bei Glow ist das aber überhaupt nicht der Fall. Zwar frage ich mich ungefähr auf jeder dritten Seite, was dem Autor wohl noch Unerwartetes einfällt, aber es gelingt ihm, mich trotz aller Verrücktheiten bei der Stange zu halten. Glow verlangt viel Konzentration und Aufmerksamkeit – dann versteht man es auch.

Dieses Buch macht überhaupt keinen Sinn. Nein, okay, ein bisschen schon. Obwohl – eigentlich doch nicht. Glow ist ebenso originell wie verwirrend, lustig, wild und absolut unvorhersehbar. Das Schöne an dem Roman ist, dass er nicht belehren will, dass die Moral nur ab und zu beim Fenster hereinschaut und dass es mehr um das pure Vergnügen an einer fantasievollen Story geht. Raf ist ein sympathischer, planloser junger Kerl, sehr authentisch und glaubwürdig, obwohl nichts von dem, was ihm zustößt, auch nur annähernd wahrscheinlich erscheint. Auf ihn und auf mich warten in diesem Buch jede Menge Überraschungen, und die sind alles andere als positiv. Machen aber umso mehr Spaß beim Lesen. Glow ist – Entschuldigung – ein kleines Glühwürmchen von einem Buch, das herausleuchtet aus der Masse der Neuerscheinungen. Und deshalb solltet ihr es lesen!

BannerGlow von Ned Beauman ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN 978-3-455-40454-8, 320 Seiten, 22 Euro).

Noch mehr Futter:
- „Manchmal köstlich, mitunter schwer verdaulich, eindeutig berauschend – auch wenn man zeitweise keine Ahnung hat, was man eigentlich konsumiert”, schreibt diepresse.com.
- „And it is worth taking a moment to celebrate Beauman’s great originality and skill – as a maker of phrase, as a master of simile, as a scrupulous selector of words”, heißt es auf theguardian.com.
– Hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

IMG_1261Otto Fritsch, Jahrgang 1955, Leiter des Tourismusverbands Radstadt und großer Musikfan

Siddhartha von Hermann Hesse ist noch immer mein Lieblingsbuch (seit über 40 Jahren!), weil es den Weg zur Selbstfindung eines Menschen wunderbar beschreibt. Hesse zeigt keine Lösung auf, sondern lässt alles offen. Es ist eines der wenigen optimistischen Bücher des 20. Jhdts.

Empfehlen möchte ich es jedem Menschen, der sich ein wenig von den gesellschaftlichen Zwängen lösen möchte – perfekt zum Abtauchen in sich selbst! Tipp für „Multitasker“: Siddharta lesen und im Hintergrund ruhige Musik von Chris Jones hören.

Wenn ich lese, dann ist meine Ledercouch gefragt. Im Hintergrund Musik von David Crosby, van Morrison oder Keith Jarrett, eine Tafel Schokolade in Griffnähe und dann kann mich die ganze Welt einmal gernhaben!

BannerSiddharta von Hermann Hesse ist 1974 erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN 978-3518366820, 128 Seiten, 6,99 Euro).

Und was ist dein Lieblingsfutter? Wer mitmachen möchte, schickt seine Antworten auf die Fragen oben an office_at_mareikefallwickl.at. Ich freu mich!

MenüSeptember

Im Bücherwurmloch gibt’s jeden Monat ein spezielles Menü: Kredenzt wird Altbekanntes, Gutes, Schönes, Schmackhaftes – zum Wiederentdecken, Gustieren und Probieren. Im September kommt auf den Büchertisch:

Als Vorspeise Fisch:
Caterina Bonvicini: Das Gleichgewicht der Haie

Als Hauptspeise Hirsch:
Matthias Steinbeis: Pascolini

Als Nachspeise Banane:
Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes

Mahlzeit, sagt Mariki!

Canal„Die Musik ist meine Tarnkappe. Ich wünschte, ich könnte sie ewig tragen“
„Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen? Und wie oft kann man das eigentlich aushalten? Wie oft kann ich mich häuten, bis nichts mehr von mir übrig ist?“ Das fragt sich Laurits, der als Pianist auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, auf der Flucht vor der Frau, die er schwanger in Italien zurückgelassen hat, und auf der Flucht vor viel älteren Erinnerungen, die ihn quälen. Als Kind entdeckte er die Musik und übte fleißig am Klavier, die Aufnahme ans Konservatorium war sein Traum – doch er scheiterte, musste sich dem Vater fügen, der Arzt war, und Medizin studieren. Jahre später führt er als angesehener Gynäkologe, glücklicher Ehemann und stolzer Vater einer Tochter ein angenehmes Leben, in dem die Musik keinen Platz hat. Doch als er durch Zufall von einer Intrige seines Vaters erfährt, trifft er eine folgenschwere Entscheidung, die ihm noch jahrzehntelang keine Ruhe lassen wird …

Die deutsche Autorin Anne von Canal hat ihren ersten Roman Der Grund fein komponiert. Im Vordergrund dieses vielschichtigen Buchs stehen die Musik, die Leidenschaft für Musik und ein unheilvoller, unergründlicher Schmerz, dessen Ursprung ich anfangs nicht kenne. Protagonist Laurits nimmt mich mit auf eine Kreuzfahrt, er unterhält dort die Gäste und mich mit seiner Klavierkunst, er ist verhärmt, verbittert, rastlos und gelähmt zugleich. Schnell ist klar, dass er nicht immer der war, der er jetzt ist. An sein altes Leben will er sich nicht erinnern – und tut es doch. So wechselt der Roman zwischen der Ich-Perspektive von Laurits, die einem Tagebuch oder Logbuch gleicht, und der auktorialen Erzählung seiner Vergangenheit, die wesentlich melodischer und sprachgewaltiger ist.

Der Grund ist ein Buch, das mich unheimlich neugierig gemacht hat. Ich wollte unbedingt wissen, was Laurits geschehen ist und wie er vom Arzt und Familienvater zum vereinsamten, rücksichtslosen Barpianisten werden konnte. Anne von Canal streut im gesamten Roman immer wieder gekonnt Hinweise aus, beendet ihre Sinfonie aus Worten aber dennoch mit einem überraschenden Tusch. Dann zeigt sich endlich, woher Laurits‘ Schmerz rührt und dass er ganz aus der Tiefe kommt. Dies ist ein trauriges, melancholisches Buch, ein Bericht über Schicksalsschläge und die Unmöglichkeit, weiterzuleben wie davor. Es ist ein Roman über die Schönheit der Musik, die beruhigen, aber letztlich nicht heilen kann. Ich habe Der Grund sehr gern und aufgrund meiner Neugier sehr schnell gelesen, geradezu inhaliert, und mich an keinen Unebenheiten gestoßen, im Gegenteil: Die Sprache ist schlicht, elegant, tiefgründig. Sehr lesenswert!

BannerDer Grund von Anne von Canal ist erschienen im mare Verlag (ISBN 978-3-86648-196-1, 272 Seiten, 20 Euro).

Noch mehr Futter:
- Hier könnt ihr Anne von Canal beim Vorlesen zusehen.
– „Was für ein wundervolles, wundervolles, möchte fast sagen: perfektes Buch“, schreibt Isabel Bogdan in ihrem Blog.
– „Anne von Canal ist ein bewegender, rührender Roman gelungen über unsere Unfähigkeit, mit allzu großer Trauer fertig zu werden“, heißt es in der Besprechung auf ndr.de.
– Hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

Haas„So zufrieden waren die Leute früher auch nicht. Aber sie sind gestorben, bevor sie es bemerkt haben“
Eigentlich ist der Brenner ja selber schuld. Weil er schon gewusst hat, dass das in die Hose geht, wenn er sich im Internet eine Russin anlacht. Aber er ist halt auch nur ein Mann. Und die Nadeshda unglaublich schön. Model Hilfsausdruck. Da kann der Brenner nicht aus, der Kriminalpolizist i. R., und so fährt er nach Nischni Nowgorod, wo er von einem Kind bewusstlos geschlagen wird. Und dann auch noch die Schwester von der Nadeshda. Die soll er suchen. Weil die vielleicht in Wien zwangsverprostituiert wird. Jetzt könnte dem Brenner die Herta, seine neue alte Lebensgefährtin, die er wiedergetroffen hat, das eigentlich ausreden. Aber interessant. Die wandert neuerdings gern durch Marrakesch oder sucht in der Mongolei ihr Krafttier und ist eh angetan davon, dass der Brenner eine Aufgabe hat. Der ist ja auch prädestiniert für den Fall: „Weil nach neunzehn Jahren Polizei erkennst du natürlich nicht jeden Kriminellen auf den ersten Blick, aber es gibt eindeutige Fälle. Wenn die fiese Visage zusammenkommt mit dem speziellen Muskelaufbau, den du nur von den Klimmzügen an einer Zellentür kriegst, dann weißt du als erfahrener Kripomann, dass du nicht den Radwegebeauftragten der Stadt Wien vor dir hast.“ Weswegen der Brenner sich jetzt mit abgehackten Händen und der Fremdenpolizei beschäftigen muss. Das macht ihn saugrantig. Weil: „Wenn du im Internet einen Riesensex ohne Verantwortung gesucht und als Ergebnis eine Riesenverantwortung ohne Sex gekriegt hast, dann bist du vielleicht bei den Kleinigkeiten überempfindlich.“ Aber wie gesagt, selber schuld. Nur: „Zum Glück waren ausweglose Situationen immer schon das, wo der Brenner erst auf Betriebstemperatur gekommen ist.“

Der Wolf Haas ist mir ein bisserl passiert. Ich bin nämlich eigentlich kein Brenner-Fan, weil nur den ersten und den bisher letzten Teil gelesen. Aber Das Wetter vor 15 Jahren – absolut genial. Und ein bisserl Verbundenheit zum Wolf Haas, weil am selben Institut studiert. Und mein Professor mir immer vorgeschwärmt von ihm. Außerdem noch: der Josef Hader. Also der ist ja eigentlich der bessere Brenner als der Brenner selber. Und ich mir – ganz untypisch als Bücherwurm – alle Filme angeschaut. Und mich ein bisserl verliebt. In den Hader halt, obwohl der alt ist, aber mein Humor. Und somit in den Brenner. Indirekt also in den Haas. Und somit in seinen Sprachstil, weil wenn du einen Brenner-Roman liest, kommst du um die eigenwillige Sprache nicht herum. Wo der Haas jetzt schuld ist, dass alle Deutschen denken, die Österreicher reden so. Also Bloßstellung nix dagegen. Dabei ist das ein Schmarrn. Weil ich zum Beispiel könnt das gar nicht.

Aber das Buch. Das solltet ihr lesen. Allerdings nur, wenn ihr den Brenner schon kennt. Wenn nicht, ist das eigentlich noch besser: Dann könnt ihr alle anderen Brenner-Bücher noch vorher lesen. Und euch dann beschäftigen mit dieser höchst amüsanten Geschichte rund um Tätowierungen in fremden Sprachen, einen Streit zwischen Schwestern und einen schamanischen Ochsen. Der Haas, der hat nämlich ein ganz merkwürdiges Talent: Der schreibt komplett haarsträubende Geschichten, und ich glaub sie ihm trotzdem. Und lachen muss ich auch noch dabei. Deswegen passiert jetzt Folgendes: Ich warte auf den nächsten Roman. Weil angefixt. Und ihr lest diesen hier. Pflichtlektüre! Ob ihr es glaubt oder nicht. Gutes Buch quasi Hilfsausdruck.

BannerBrennerova von Wolf Haas ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN 978-3-455-40499-9, 240 Seiten, 20 Euro).

Noch mehr Futter:
- „Der Journalist, der in Brennerova eine Rotlichtzeitung betreibt, war ursprünglich als Hauptfigur konzipiert. Nach und nach ist aber der Tätowierer, der bloß eine Nebenfigur war, immer interessanter geworden. Also musste ich den Journalisten entsorgen“, erklärt Wolf Haas in diesem sehr amüsanten Interview auf welt.de.
– „Aber so ein Haas langweilt nie, auch nicht sich selbst, auf jeder Seite bietet er wie stets Überraschungen und Spannung, sodass man beim Lesen immer gieriger wird“, heißt es in dieser Rezension auf kurier.at, in die auch Videos vom Haas beim Lesen eingebaut sind.
– „Auch die oft abgründigen Doppeldeutigkeiten gehören seit dem ersten Fall zum festen Repertoire. Das Meiste im mittlerweile achten Brenner-Roman ist nicht neu, funktioniert aber noch immer“, zeigt sich auch die sueddeutsche angetan.
– Und hier solltet ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

Wacker14 Alltagsgeschichten aus dem Leben gegriffen
Sie sind ganz normale Leute. Maler, Polizisten, Zugführer, Trailerbewohner. Und ihnen passieren ganz normale Dinge. Sie brauchen eine Operation, sie schlafen mit einer Frau, finden ein Haus, das ihnen gefällt, aber nicht gehört, sie gehen verloren. Sie heißen Kolb, Schopp, Budde oder Brandt. Sie sind sehr deutsch. Ihr Schicksal ist nicht unbedingt ein Schicksal im Sinne von Drama, mehr ein beiläufiges Spazierengehen durch ein unspektakuläres Leben. Sie arbeiten brav, ticken manchmal ein bisschen aus, hauen daneben, fangen sich wieder oder nie mehr. Davon erzählt in 14 Kurzgeschichten der junge deutsche Autor Florian Wacker, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat.

Diese 14 Short Storys sind Skizzen und Momentaufnahmen, beleuchten eine Begegnung, eine Gefühlsregung, eine Freundschaft. Sie sind gut, interessant und amüsant. Aber sie reißen mir nicht den Boden unter den Füßen weg. Sie hinterlassen auch – bis auf einige wenige – bei mir nicht unbedingt einen bleibenden Eindruck. Manche verblüffen mich, andere lassen mich ratlos zurück, weil ich sie ganz einfach nicht verstehe. Schade ist, dass die Geschichten sich kaum mit dem Dahinter beschäftigen und wenig preisgeben. Dass ein Zugführer einfach aussteigt und in einer Kneipe in einem Ort, in dem er noch nie war, mit einer fremden Frau tanzt, ist eine wunderschöne Idee. Dabei bleibt es dann aber auch. Und das muss man wohl mögen. Ich dagegen freunde mich ja gerade erst mit Kurzgeschichten an und hätte gern etwas, an dem ich mich festhalten kann. Aber da gibt es in Albuquerque nichts, alles ist seltsam losgelöst, frei von Erklärungen, frei von roten Fäden. Bei fast jeder Story habe ich das Gefühl, dass Florian Wacker mir etwas verschweigt. Manchmal kann ich mir vorstellen, was das ist, manchmal hab ich nicht die geringste Ahnung. Das ist irgendwie gut, weil es mich nachdenklich stimmt, mich nicht loslässt, und es ist irgendwie schlecht, weil es mich nervt. Trotzdem hab ich Albuquerque gern und schnell gelesen. Es hat mich unterhalten, ist kurzweilig und am Anfang jeder Geschichte von Neuem spannend, weil ich neugierig bin auf das, was kommt. Manchmal wird meine Erwartung erfüllt, manchmal nicht. Deshalb bleibt das Buch am Ende für mich so wie seine Figuren: ganz normal irgendwie.

BannerAlbuquerque von Florian Wacker ist erschienen im Mairisch Verlag (ISBN 978-3-938539-32-3, 160 Seiten, 16,90 Euro).

Noch mehr Futter:
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AvalloneDrama, Baby!

Der Ort: das kleine Provinzstädtchen Biella in den Bergen am Arsch von Italien.

Die handelnden Personen: Marina, 22, umwerfend schön und gesegnet mit einer begnadeten Stimme, die Großes vorhat: Sie will berühmt werden, die Castingshow Cenerentola Rock gewinnen und Karriere machen in Rom, Mailand, Amerika. Andrea, 27, Langzeitstudent und Halbzeitbibliothekar, der seinen Bruder und seine Eltern hasst und nur eins will: eine Alm bewirtschaften, in Einsamkeit leben, Kühe melken, Käse machen.

Die Situation: Marina will einfach nur weg. Andrea will unbedingt bleiben.

Das Problem: Sie lieben sich.

Marina Bellezza von Silvia Avallone ist eine Bombe. Denn es ist ein italienisches Buch voller italienischer Figuren, und die Italiener explodieren oft und schnell. Sie gehen bei Kleinigkeiten in die Luft. Sie schreien viel. Sie beherrschen das Drama im großen Stil. Klischee und Vorurteil? Mag sein, wird aber in diesem Roman bestätigt. Allerdings sind es keine Kleinigkeiten, derentwegen hier gestritten, gebrüllt und geweint wird. Es geht um etwas Großes: um eine Liebe. Um die Art, wie man sein Leben verbringen will. Die Protagonisten Marina und Andrea sind gemeinsam aufgewachsen und haben sich immer schon geliebt. Nach einem schrecklichen Zwischenfall haben sie sich aus den Augen verloren, doch als sie sich Jahre später durch Zufall wiedersehen, ist die Anziehungskraft noch genauso stark. Doch leider verkörpern die beiden zwei Extreme: Marina ist sexy, schön, geil auf den Erfolg und das Rampenlicht, Andrea will eine Alm in den Bergen, Kühe und Kinder. Es ist absolut unmöglich, dass diese Wege sich durch einen Kompromiss kreuzen lassen. Deshalb ist ihre Liebe durchwirkt von Verzweiflung, deshalb schlägt ihre Liebe ständig in Hass um. Sie schreien sich an, schlagen sich, vergehen fast vor Leidenschaft. „Hinsichtlich der Wutausbrüche, der Unreife, der Exzesse glichen Marina und Andrea sich.“ Miteinander geht es genauso wenig wie ohne einander.

Die italienische Autorin Silvia Avallone, die 1984 in Biella geboren ist und für ihren ersten Roman Sommer aus Stahl mehrfach ausgezeichnet wurde, hat in ihrem zweiten Buch ein recht überspitztes Porträt des jungen Italien gezeichnet. Marina steht für jene, die einen Fluchtweg suchen, die neuen digitalen Möglichkeiten und erfolgversprechenden Showformate nutzen wollen, ganz gierig sind auf den schnellen Ruhm, um das marode Land verlassen zu können. Andrea repräsentiert jene, die zurückkehren in den Schoß des Heimatdorfs, ohne Job, orientierungslos nach dem Studium, die keine Jobaussichten haben, aber ihre Wurzeln nicht aufgeben wollen und aus Trotz erst recht dort etwas aufbauen wollen, wo nur noch Ruinen sind. Die Fronten sind verhärtet, die Wogen gehen hoch, das italienische Blut gerät in Wallung. Das ist für jemanden wie mich, der zwar hitzig ist, aber auch verständnisvoll, nicht immer nachzuvollziehen. Andrea und Marina wollen sich gegenseitig zu etwas zwingen, zu dem sie selbst nicht bereit sind. Sie glauben, dass nur ihr jeweiliger Weg zum Glück führt. Ihr ewiges Gezanke ist nicht nur für die beiden anstrengend, sondern auch für mich. Aber mich interessiert das ausweglose Szenario, das die Autorin entworfen hat, und sie schreibt, wenn auch nicht ganz frei von Holprigkeiten, sehr gut. Allerdings hat sie ihre Charaktere in eine Lage gebracht, aus der niemand sie befreien kann – auch Silvia Avallone nicht. Deshalb ist diese Bombe von einem Buch am Ende sehr leise, als die Sprengkraft verpufft und nur die Asche nach dem Brand bleibt. Widmet euch diesem wilden, verstörenden, emotionalen Roman mit innerer Geduld, er ist wirklich lesenswert. Und bestimmt wird auch euch ein bisschen heiß dabei.

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Marina Bellezza von Silvia Avallone ist erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-98018-9, 566 Seiten, 24,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Das Erwachsenwerden der liebeshungrigen jungen Helden, die die Verletzungen aus ihrer Kindheit allzu oft an andere weitergeben, vollzieht sich über Umwege und auf unerwartete Weise“, heißt es in der Rezension auf haz.de.
– „Marina Bellezza ist nicht bloß ein Liebesdrama, das einen mitreißt wie die Strudel des Wildbachs Cervo, sondern auch das Portrait einer Generation ohne Perspektive, die einsam und auf sich gestellt nach Anerkennung und ihrem Platz im Leben sucht“, schreibt deep read.
– Hier kannst du das Buch auf ocelot.de bestellen.

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