Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben

Lish„Wusstest du, dass es einen Ort gibt, wo es besser ist als überall sonst?“
Die Gegend, aus der die Kriegswaise Zou Lei kommt, kennt niemand: Sie ist Uigurin. Ohne Geld und ohne Papiere kommt sie nach monatelanger Reise in die USA, wo sie extrem unterbezahlte Jobs annimmt und in heruntergekommenen Löchern haust. „Sie wollte dort sein, wo jeder so illegal wie sie selbst war und in der Menge verschwand und den Kopf einzog.“ Deshalb geht Zou Lei nach New York, wo sie auf den Kriegsveteranen Brad Skinner trifft. Er ist gerade von seinem dritten Einsatz im Irak zurückgekehrt, und obwohl er körperlich unversehrt ist, ist er ein Zerschossener. Er kann nicht arbeiten, trinkt zu viel Bier, wohnt in einem Kellerzimmer. „Die Army hatte ihn mit Pillen gegen Angst, mit Antipsychotika und Schlafmitteln versorgt. Was auch immer diese Chemikalien mit ihm anstellten, seine Albträume konnten sie nicht verhindern.“ Die beiden kommen zusammen, vielleicht verlieben sie sich ein bisschen, vielleicht wollen sie auch einfach nur nicht allein sein in diesen einsamen New Yorker Nächten. „Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben, für uns beide nicht, sagte sie, denn vielleicht wird etwas Gutes passieren.“ Doch die Hoffnung ist mehr als trügerisch, nichts Gutes passiert, gar nichts.

Vorbereitung auf das nächste Leben von Atticus Lish ist ein niederschmetterndes Buch. Es ist wahnsinnig deprimierend und traurig. Der amerikanische Autor, der bereits die verrücktesten Jobs ausgeübt hat und selbst schon im Gebiet der Uiguren in China war, lebt in New York wie seine Protagonisten. In seinem Debüt erzählt er die Geschichte zweier Menschen, die gestrandet sind in der Anonymität und Gleichgültigkeit einer Metropole, die täglich Tausende solcher Menschen verschlingt. Das Leben ist ebenso gefährlich wie gnadenlos, Zou Lei und Brad müssen stets auf der Hut sein – vor der Polizei, vor Schlägern, vor einander. Zou spricht ein rudimentäres Englisch, Brad dagegen spricht kaum. In der Nacht drängen sie sich aneinander wie zwei Vögelchen, die Angst haben, aus dem Nest zu fallen. Kann das Leben gnädig zu ihnen sein? Ich wünsche es mir. Ich wünsche es mir die ganze Zeit. Aber Atticus Lish nimmt darauf keine Rücksicht.

Das Leben ist hart. Natürlich! Für Zou und Brad ist es besonders hart. Unerträglich sogar. Es bricht mir das Herz, zuzusehen, wie sie sich an das bisschen Gefühle, das zwischen ihnen entsteht, klammern, um wenigstens ein kleines Glück zu erleben. Es bricht mir das Herz noch mehr, dass es ihnen nicht vergönnt ist. Sprachlich ist das nicht immer fein austariert, und vom Sohn des berühmten Lektors Gordon Lish habe ich mir in dieser Hinsicht definitiv mehr erwartet. Langatmig schreibt er, manchmal verquer und in schiefen Bildern, durchaus ergreifend, aber ausufernd. Da muss man als Leser viel Durchhaltevermögen beweisen, und wird am Ende mit einer alles umspannenden Hoffnungslosigkeit allein gelassen. Dieser Roman ist erdrückend, schonungslos, grausam, authentisch – denn jede Zeile könnte tatsächlich so geschehen sein.

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Vorbereitung auf das nächste Leben von Atticus Lish ist erschienen im Arche Verlag (ISBN  978-3-7160-2745-5, 544 Seiten, 24,90 Euro). Auf spiegel.de und welt.de findet ihr weitere Besprechungen.

Frank O. Rudkoffsky: Dezemberfieber

Rudkoffsky.JPG„Manchmal habe ich das Gefühl, dass schon hinter kleinsten Rissen ein Abgrund klafft“
Endlich ist es soweit: Bastian und Nina fliegen in den Urlaub nach Thailand. Darauf freuen sich die beiden, die eine Fernbeziehung führen, seit Monaten. Beinahe hätte es nicht geklappt, denn Bastians Vater ist kurz zuvor gestorben, und einen Streik gab es auch noch. Er hat es aber rechtzeitig geschafft, die Beerdigung abzuwickeln und den Nachlass zu regeln. An Entspannung ist in Thailand trotzdem nicht zu denken: Während Nina vor Tatendrang sprudelt, will Bastian sich eigentlich nur betäuben. Deshalb taumelt er von Bar zu Bar, verschwitzt, verärgert, mit der Bürde der Vergangenheit auf den Schultern – und einer genervten Freundin an der Seite. Was tut ein Mann in einer solchen Situation? Richtig. Er haut ab. Bastian schließt sich einer Gruppe rund um eine geheimnisvolle Frau an, die eine Art Geocaching-Abenteuer inszeniert. Doch egal, mit wem oder wohin Bastian geht: Was einst mit seiner Mutter geschehen ist, verfolgt ihn überallhin.

Frank O. Rudkoffsky hat ein Buch über einen jungen Mann geschrieben, der glaubt, der Tod seines Vaters würde ihm nicht den Boden unter den Füßen wegziehen – und der nicht merkt, dass er längst dabei ist, in den Abgrund zu fallen. Weil er es nicht wahrhaben will. Weil er sich mit Händen und Füßen wehrt – und dabei jeden schlägt, der in seine Nähe kommt. Allen voran natürlich Freundin Nina, die als geradezu nervtötend perfekt beschrieben wird. Da gibt es Spannungen, die schon lange in der Beziehung sitzen, und Spannungen, die von Bastian induziert sind, weil er in einer selbstzerstörerischen Phase steckt. Was genau in Bastians Kindheit geschehen ist, erklärt der Autor anhand von Briefen bzw. Nachrichten in einem Buch, in dem Bastians Eltern miteinander geschrieben haben, als sie wegen der Depression von Bastians Mutter nicht mehr offen miteinander reden konnten. Nach dem Tod des Vaters besitzt nun Bastian dieses Buch. Nur erträgt er es nicht, darin zu lesen.

Ich mag an Dezemberfieber die Sprache. Ich mag einzelne Szenen, wie beispielsweise dass die Zikaden aufschrillen, als Bastian und die fremde Frau sich anschauen. Ich mag den Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit im Spiel der Perspektiven. Was ich an Dezemberfieber nicht mag, ist Bastian. Ganz unerträglich finde ich den egozentrischen Kerl. Wie ihm in der Hitze Thailands alles entgleitet, ist absolut glaubwürdig und einfühlsam beschrieben. Bloß würde ich ihn, während er säuft und sich bemitleidet und sich aufführt wie ein Vollidiot, am liebsten packen und schütteln, auf dass er endlich aufwachen und sich seinem Schmerz stellen möge. Vielleicht muss ich mich als Frau automatisch ein bisschen mit der blassen Nina identifizieren, vielleicht tut sie mir einfach nur leid. Womöglich hab ich auch keine Geduld für Jungspunde, die nicht den Mumm haben, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Das ist natürlich höchst subjektiv. Daran, dass Dezemberfieber ein gutes Buch ist, ändert das nichts. Tobias vom Buchrevier, der mich auf dieses Buch gebracht hat, hat Recht, wenn er schreibt: „Aber können diese Newcomer auch schreiben? Nach den ersten Seiten von Dezemberfieber atmete ich befreit durch. Ja, zumindest Frank Rudkoffsky kann es. Sehr gut sogar.“

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Dezemberfieber von Frank O. Rudkoffsky ist erschienen im Verlag duotincta (ISBN 978-3-946086-02-4, 316 Seiten, 16,95 Euro). Hier findet ihr noch eine Besprechung bei Literaturen.

Dinaw Mengestu: Unsere Namen

Mengestu„Isaac und ich wurden Freunde wie zwei streunende Hunde“
„Was Isaac und ich nie hatten, war ein richtig guter Anfang für unsere Beziehung. Uns entgingen die traditionellen Rituale des Liebeswerbens und die angespannten gemeinsamen Restaurantbesuche, anhand derer die meisten Paare rückblickend die Distanz abmessen, die sie vom ersten Kennenlernen zum Schlafzimmer zurückgelegt haben.“ Den ersten Kuss drückt Isaac Helen auf die Lippen, da ist er kaum zwei Wochen in der amerikanischen Stadt im Mittleren Westen. Sie ist Sozialarbeiterin und soll sich um den jungen Afrikaner kümmern. Seine Akte gibt nichts über ihn preis, und obwohl er uns Helen sich bald täglich sehen, erzählt er ihr nichts von seiner Vergangenheit. Warum ist er aus Uganda geflüchtet? Welche Rolle hat er bei den Aufständen an der Universität von Kampala gespielt? Wer ist dieser Mann? Helen, die sehr zurückgezogen bei ihrer Mutter lebt, geht mit Isaac ins Bett, zieht sogar vorübergehend in seine Wohnung – und kommt ihm doch kein Stück näher. Bis er ihr am Ende die Wahrheit sagt.

Dinaw Mengestu wurde in Addis Abeba geboren und wuchs in den USA auf. Dies ist sein dritter Roman, für die beiden Vorgänger wurde er mit Preisen bedacht. Er schreibt stets über die Schwierigkeiten seines Geburtslandes, über Menschen, die versuchen, Afrika zu verändern, und über Menschen, die aus Afrika fliehen. Auch in Unsere Namen geht es um die Rücksichtslosigkeit einer Diktatur, um Polizeiwillkür und Tod. Zwei Ich-Erzähler hat das Buch: die amerikanische Sozialarbeiterin Helen, die sich in den geflohenen Afrikaner Isaac verknallt, und einen Isaac, der noch in Afrika ist, eine Zeitebene früher – der aber nicht mit dem zuvor genannten Isaac übereinstimmt. Klingt verwirrend? Das ist es auch, und ich finde es eine Zeitlang sehr anstrengend, nicht zu verstehen, wer wer ist und was da vor sich geht. Letztlich ist das Identitätsspiel – als es am Ende aufgelöst wird – gar nicht so kompliziert und schwer zu durchschauen. Doch an den Kapiteln, in denen der Ich-Erzähler ständig einen anderen Mann mit Isaac anspricht, verzweifle ich regelmäßig.

Unsere Namen hat ebenso kraftvolle wie nichtssagende Stellen. Es handelt von dem Zustand der Ratlosigkeit zweier Liebender, die sich voneinander angezogen fühlen, sich aber nicht kennen, und vom Mut eines Afrikaners, der etwas bewegen und verbessern will – auch wenn er dafür sein Leben lassen muss. Beide Ich-Erzähler sind reichlich lethargische Figuren, die nie aus eigenem Antrieb handeln, was dem Roman jeglichen Drive nimmt. Allerdings muss man sagen, dass ohnehin wenig Handlung vorhanden ist: Dies ist ein Buch der Begegnungen und der Möglichkeiten, die es vielleicht hätte geben können. Ich habe vor einigen Jahren bereits Die Melodie der Luft von Dinaw Mengestu gelesen, und das mochte ich so halb – ein bisschen schon, ein bisschen nicht. Mit seinem dritten Buch geht es mir ganz genauso: Während es viele schöne Sätze, kluge Gedanken und gehaltvolle Passagen hat, fadisiere ich mich zwischendurch wegen der Belanglosigkeiten so sehr, dass ich Seiten überspringe. Ich mag euch nicht von diesem Buch abraten, es euch aber auch nicht ans Herz legen. Mengestu und ich finden einfach nicht zueinander – aber vielleicht gelingt es euch ja.

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Unsere Namen von Dinaw Mengestu ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5702-9, 336 Seiten, 23,50 Euro).

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Adam Johnson: Nirvana

Johnson„Mir ist natürlich klar, dass die Menschheit pervers ist“
Ein Pädophiler verdient sein Geld damit, die Computer von Männern zu reparieren, auf deren Festplatten sich Kinderpornos befinden. Er kämpft gegen seine Neigung. Aber die zwei kleinen Nachbarsmädchen sind so süß – und ständig unbeaufsichtigt … Die Frau eines Schriftstellers hat ihre Brüste an den Krebs verloren. Ihr Mann hat soeben den Pulitzer-Preis gewonnen, und sie neidet seinen vielen Verehrerinnen deren unversehrte Oberweite. Eine andere Frau, ebenfalls krank und ans Bett gefesselt, bekommt von ihrem Mann ein besonderes Geschenk: Er programmiert für sie ein Hologramm von Kurt Cobain, mit dem sie sich unterhalten kann. Und in Höhenschönhausen im Gebiet der ehemaligen DDR weigert sich ein früherer Stasi-Gefängnisaufseher, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Er redet sich die Vergangenheit schön, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Adam Johnson wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Meiner Meinung nach zu Recht, denn sein Roman Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, der in Nordkorea spielt, ist grandios. Seine unter dem Titel Nirvana versammelten Short Storys sind dagegen ganz anders: unverfroren, kühn, höchst merkwürdig. Die Menschen, die darin vorkommen, sind hochgradig neurotisch, irgendwie angeschlagen und psychisch kaputt, verloren und auf der Suche. Krankheiten spielen eine große Rolle in diesen Geschichten, ebenso wie Naturkatastrophen und die Verfehlungen aus der Vergangenheit. Nicht alle Storys gefallen mir, sie wechseln sich kurioserweise ab, auf eine herausragend gute Geschichte folgt eine, der ich so gar nichts abgewinnen kann. Gemeinsam ist allen sechs Erzählungen, dass sie sehr kraftvoll und rau sind, intensiv und beklemmend. Adam Johnson schreibt unbekümmert und gradheraus, so wie jemand redet, dem völlig egal ist, was andere über ihn denken. Das mag ich sehr. Zudem überschreitet er in Nirvana Grenzen, macht Unmögliches möglich, thematisiert Pädophilie und Krebserkrankungen, gibt seinen Geschichten viele Ecken und Kanten, geht nicht zimperlich mit mir als Leserin um. Auf das Buch trifft ein Adjektiv zu, das ich für gewöhnlich meide, weil es so inflationär gebraucht wird: Es ist cool. Sehr cool sogar. Es ist ungewöhnlich und gut, es ist aber auch anstrengend und stellenweise langweilig, es ist niveauvoll und unterhaltsam, aber auch verwirrend und ausgefranst. So oder so ist es auf jeden Fall besonders.

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Nirvana von Adam Johnson ist erschienen im Suhrkamp Verlag (ISBN  978-3-518-42500-8, 262 Seiten, 19,95 Euro).

Mai Jia: Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Jia„Was nur allzu wirklich ist, erscheint oft als unglaubwürdig“
„Fragen, die nicht gestellt werden dürfen, stellt man nicht, Aussagen, die nicht gemacht werden dürfen, macht man nicht, was man nicht wissen darf, weiß man nicht. Das war ein ungeschriebenes Gesetz in Einheit 701.“ Für diese Einheit arbeitet Rong Jinzhen – allerdings nicht ganz freiwillig. Er versucht dort, die Codes der Kriegsfeinde zu lösen, in erster Linie natürlich die Codes der Amerikaner. Rong entstammt einer alten chinesischen Dynastie, die einst durch Salzhandel reich geworden ist. Als ungewolltes, uneheliches und körperlich missgestaltetes Kind verbringt er seine ersten Jahre in einem Birnengarten. Sein Ziehvater setzt in seinem Testament durch dass Rong eine Chance bekommt – und an die Universität kann, der er ist ein großes Mathematikgenie. Aus diesem Grund wird die Regierung auf ihn aufmerksam und nimmt ihn mit zur Einheit 701. Und wenn Männer dieser Art etwas verlangen, ist es unmöglich, Nein zu sagen.

Mai Jia ist in China ein Star: Er hat sieben Bestseller geschrieben, die 15 Millionen Mal verkauft sowie allesamt verfilmt wurden. Zudem gilt er als Begründer der chinesischen Spionageliteratur, zu der auch dieser Roman gehört. Westliche Maßstäbe lassen sich hier nicht anlegen, denn Geschichtliches, die Familie und die Politik spielen in diesem Genre ebenso eine Rolle wie Spionageverdacht und Rätsel. Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong ist stark in zwei Hälften geteilt: Den Anfang macht Rongs Familiengeschichte, die in typisch asiatischer Manier zugleich ausufernd und seltsam magisch erzählt wird. Doch sobald das junge Genie von der Spionageeinheit quasi entführt wird, flacht das Buch extrem ab, die Magie verschwindet. Und das führt dazu, dass ich gegen Ende immer mehr das Interesse am Roman verliere. Euch das zu erklären, ohne zu spoilern, ist jedoch ausgenommen schwierig. Deshalb möchte ich nur so viel sagen: Rong gerät plötzlich aus dem Fokus und wird zu einer Schattenfigur, was dem Buch in meinen Augen jeglichen Drive nimmt.

Mai Jia hat in mir die Hoffnung geweckt, sein Protagonist werde Großes erreichen, und spannende Szenen aus der Welt der Kriegsspionage würden folgen. Das ist jedoch nicht der Fall, denn der Autor entsorgt sozusagen seinen Helden – und ohne ihn ist sein Buch dann doch ein wenig leer. Da hilft es auch nicht mehr, dass ein Gegenspieler enttarnt war – vor allem nicht, weil seine Identität ohnehin schon lange klar war. Für mich ist Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong ein Roman mit einem fulminanten Beginn und einem enttäuschenden Ende, weshalb ich ihm mit gemischten Gefühlen gegenüberstehe. Wer aber ein Faible für asiatische Literatur und rätselhafte Storys hat, ist damit sicher gut beraten.

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Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong von Mai Jia ist erschienen in der DVA (ISBN 978-3-421-04671-0, 352 Seiten, 19,99 Euro). Eine Rezension dazu findet ihr beispielsweise auf literaturblog.at.

Marianne Jungmaier: Das Tortenprotokoll

Jungmair„Ich frage mich, ob es gesund ist, zu leben, wo andere sterben“
„Schweigen ist ein Talent in dieser Familie, von Generation zu Generation weitergegeben, es wird hier beherrscht wie nirgendwo sonst. Um dieses Schweigen zu verstehen, brachte ich mir eine Kartografie bei, machte mir Landkarten und Pläne, für Großmutter, Mutter und Vater, um Blicke, Handbewegungen und Körperhaltungen zu deuten.“ Auf diese Kartografie muss die junge Friederike zurückgreifen, als sie aus Berlin ins heimatliche österreichische Dorf zurückkehrt, weil die Großmutter gestorben ist. Obwohl Friederike keine gute Beziehung hatte zu der Frau, die sie als schweigsam und wenig liebevoll in Erinnerung hat, ist sie traurig. Sie findet es schrecklich zuhause: „Nichts ist so trostlos wie ein Winter in diesem Dorf, die schwarzschattigen Umrisse der Bäume geben mir Recht.“ Zu den Eltern und zur Schwester hat sie keinen Bezug, und deren Schweigsamkeit bestätigt sie darin, dass es richtig war fortzugehen. Einzig Tobias ist ihr ein Anker, Tobias, den sie schon geliebt hat, als sie noch zu jung dafür waren und den sie dann ohne ein Wort des Abschieds verlassen hat. Noch trauriger wird Friederike, als sie Briefe findet, versteckt von der Großmutter, die offenbar einen Liebhaber hatte – heimlich. Wer war er? Und warum durfte das niemand wissen?

Die junge österreichische Autorin Marianne Jungmaier, 1985 geboren, hat in ihrem Erstling – dessen Cover ich sehr schön finde – die Melancholie zwischen zwei Buchdeckeln eingefangen. Ihr Roman ist eine Ode an die Traurigkeit, an die Vergänglichkeit, an das ungelebte Leben. Sie hat eine Familie kreiert, die einfach nur existiert – ohne Zusammenhalt. Man liebt sich mit Süßspeisen, Torten und Cremen, nicht mit Worten und Gesten. Protagonistin Friederike kehrt – ein klassisches Romansetting – für ein Begräbnis nachhaus zurück, wo sich nichts verändert hat, und entdeckt das geheime Doppelleben der Großmutter. Das Rätsel ist bald gelöst, die Liebesgeschichte ist simpel und passend und süß. Alles ist schön formuliert und fein austariert, wenn auch vielleicht ein bisschen zu gewollt. Die allzu betonten Wiederholungen waren mir ein wenig zu viel, das Schweigen, die Mehlspeisen, das Trostlose. Vermisst habe ich an diesem Buch irgendeine Art von Entwicklung: Friederike verhält sich exakt wie ihre Familie – und merkt es nicht. Sie lebt ihre Liebe zu Tobias nicht, sie schweigt ihn an, sie schweigt die Eltern an – und hält sich für was Besseres, weil sie flieht. Ein Erkenntnismoment, ein inneres Vorankommen hätte ihr gutgetan, und dem Roman auch, aber einen Konflikthöhepunkt gibt es nicht, auch kein Auflösen der Situation. So bleibt er ein Abbilden, eine Momentaufnahme, ein Stillleben. Aber immerhin ein gut lesbares.

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Das Tortenprotokoll von Marianne Jungmaier ist erschienen im Verlag Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-00996-6, 208 Seiten, 19,90 Euro).

Adam Soboczynski: Fabelhafte Eigenschaften

SoboczynskiDie saubere Ästhetik von Tieren am Strand
„Man musste manche Männer herausfordern, vor allem die zurückhaltenden, die zur Melancholie neigenden, die wenigen, die interessant waren. Und man musste sich bei darauffolgenden Treffen beinahe gegenteilig verhalten, nämlich so, als sei man aufgeregt und überfordert. Zur Kunst der Verführung gehörte es, bei dem Verführten nach der ersten Überrumpelung den Eindruck zu erwecken, er selbst sei der Regisseur einer sich anbahnenden Beziehung und nicht der Spielball fremden Begehrens.“ Genau so macht es Julia bei Hans. Sie lernen sich auf einer Vernissage kennen – sie ist Journalistin, er ist Künstler, er malt ausschließlich Tiere am Strand. Hans ist für Julia der letzte Grund, den sie noch braucht, um ihrem Freund, dem Architekten Sebastian, den Laufpass zu geben. Nach wenigen stinkigen Mails bricht der Kontakt zwischen den beiden ab, Sebastian macht sich erst einmal auf den Weg nach Paris. Und Hans, der feste Beziehungen scheut, weil sie nach der ersten Euphorie zum Scheitern verurteilt sind, erlebt in einer self-fulfilling prophecy genau das.

Adam Soboczynski, der das Feuilleton der ZEIT leitet, hat nach einigen Sachbüchern mit Fabelhafte Eigenschaften seinen ersten Roman geschrieben. Ganz in der Tradition der leichtfüßigen, ruhigen und völlig unaufgeregten Erzählkunst berichtet er darin von einer Menage à trois, wie sie täglich vorkommt im Leben: Eine Frau verlässt einen Mann für einen anderen, der Mann kann sie noch nicht loslassen, und der andere macht sie eigentlich auch nicht glücklich. Ein jeder verfällt doch immer dem, der ihn nicht will. Davon erzählt Adam Soboczynski mit Humor und einer leicht ironischen, fast schon herablassend kühlen Distanz.

Er zeigt beim Schreiben große Zurückhaltung, als hätte er gar nicht vorgehabt, mich mit dieser Geschichte zu unterhalten, als sei sie ihm einfach so untergekommen, zufällig, ohne Anstrengung. Dieses Understatement und der gesetzte, altbackene Schreibstil stehen dem Buch sehr gut. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass die Story an sich nicht viel hergibt, dazu hat sie zu wenig Ecken und Kanten, denn so klassisch, wie sie beginnt, endet sie auch. Dazwischen wartet ein kurzweiliges, gut lesbares, harmloses Lektürevergnügen.

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Fabelhafte Eigenschaften von Adam Soboczynski ist erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-98030-1, 206 Seiten, 18,95 Euro).